Silvy Chakkalakal: Das Monster ‚Frau‘ in der medizinischen Forschung um 1900

Das Monster ‚Frau‘ in der medizinischen Forschung um 1900

Rezension von Silvy Chakkalakal

Katja Sabisch:

Das Weib als Versuchsperson.

Medizinische Menschenexperimente im 19. Jahrhundert am Beispiel der Syphilisforschung.

Bielefeld: transcript-Verlag 2007.

245 Seiten, ISBN 978–3–89942–836–0, € 25,80

Abstract: Katja Sabisch zeichnet in ihrer Dissertation die Verwicklungen von Menschenexperiment und Geschlechterdifferenzierung in der Syphilisforschung um 1900 nach. Vor dem Hintergrund des practical turns in der Wissenschaftsforschung beschäftigt sie sich mit dem Phänomen der epistemischen Dingwerdung der (weiblichen) Versuchsperson: Durch Praktiken des Experimentierens und Explorierens sowie des Exemplifizierens wird das ‚Untersuchungsobjekt‘, die infizierte und infizierende Frau, erst hervorgebracht. Auf der Grundlage detaillierter Quellenarbeit erweitert Katja Sabisch bekannte techniksoziologische und wissenschaftshistorische Perspektiven um den Nachweis der Bedeutung von Differenzerzeugung im Kontext der Medizingeschichte.

Die Frau als technisches und epistemisches Ding

Katja Sabisch zieht für ihre techniksoziologische Analyse der ‚Frau als Versuchsperson‘ die Syphilisforschung um 1900 heran, da „die Geschichte der experimentellen Venerologie des 19. Jahrhunderts untrennbar mit dem Versuch am Menschen verbunden“ sei (S. 11). Sie verortet ihre wissenschaftshistorische Arbeit innerhalb des practical turns und stellt in Anlehnung an Ludwig Fleck die „Geheimnisse[] und Gepflogenheiten wissenschaftlicher Praktiken“ (S. 13) in den Mittelpunkt. Allerdings kritisiert sie zugleich an den Fallstudien des practical turns die allzu starke „Fokussierung auf eine Geschichte der Dinge“ (S. 14), worüber der Mensch vergessen worden sei. Sabisch sieht im Gegensatz dazu auf dem Feld der Menschenversuche beides miteinander verbunden: Sie zeigt, wie im venerologischen Diskurs ‚die Frau‘ als ‚technisches‘ und ‚epistemisches Ding‘ hervorgebracht wird. Die venerisch infizierte Frau, die ‚man‘ als weibliche Prostituierte identifiziert und fortan festschreibt, wird erst durch ein spezifisches Ensemble experimenteller und explorativer Verfahren als wissenschaftliche Tatsache konstituiert.

Politisierung des venerologischen Feldes

Die Autorin setzt sich mit dem Latourschen Kreislauf wissenschaftlicher Tatsachen auseinander und erweitert diesen, bezogen auf ihre Analyse, um die „Rekrutierung und Disziplinierung der Versuchsperson“ (S. 34) durch die Polizei und um die „Explorierung der Versuchsperson“ (S. 223 f.) durch die Psychologie. Hier wird bereits deutlich, dass gerade diese konzeptuelle Erweiterung Sabischs zum einen den Menschen und zum anderen die diskursive Wirksamkeit der Erzeugung von sozialer und geschlechtlicher Differenz zurück in die wissenschaftshistorische Analyse bringt. Die Studie basiert zunächst auf der soziologisch orientierten Actor-Network-Theory, die das Feld der Syphilisforschung mitsamt ihren Versuchspersonen und -apparaturen, Laboren, Wissenschaftlern, mit der Öffentlichkeit und den Wissensprodukten als ein sowohl Natur als auch Soziales umfassendes Netzwerk begreift. Darüber hinausgehend ergänzt Sabisch diesen methodischen Ansatz in Kapitel 3 („Das öffentliche Experiment“) durch eine Foucaultsche Diskursanalyse der „Syphilisaffäre“ des Venerologen Albert Neisser um 1900, der einigen seiner Patientinnen zu Versuchszwecken unwissentlich ein Syphilisserum injiziert hatte. Diese Analyse ist insofern gewinnbringend, als dadurch das Feld der Venerologie politisiert wird und die Autorin zeigen kann, wie Wissenschaft und Öffentlichkeit sich wechselseitig Eigenschaften und Handlungspotentiale zuschreiben. Die Integration der Diskursanalyse kann man gerade nicht als Zurückfallen in einfache sozialkonstruktivistische Analyseverfahren bezeichnen, da Sabisch deutlich macht, dass das Feld der Venerologie durch die wechselseitige Bedingtheit von symbolischen und identitären Zuschreibungen und materiellen Erzeugungen (wie z. B. dem Syphilisimpfstoff) strukturiert ist.

Corpora vilia: Geschichten über ‚wertlose Körper‘

Die Versuchsperson wird durch drei Fixierungen im Experiment installiert: einer juristischen seitens der Polizei, die Prostitution strafbar macht und die Frauen einsperrt; einer technischen durch den Experimentator und schließlich einer bereits angedeuteten politischen Fixierung, die im öffentlichen Diskurs durch die Differenzierung von wertlosen oder wertvollen Körpern zwischen Prostituierten und Nicht-Prostituierten unterscheidet. Sabisch beschreibt in Kapitel 2 die technische Festsetzung: Die Prostituierte wird zum „Bereits Erkannte[n] technisch-fixierte[n] Ding des Experiments“ (S. 62, Hervorhebung im Original). An ihr macht sich das Ergebnis des Versuchs sichtbar: „Wird einer Versuchsperson ein Serum injiziert, so ist die Zu Erkennende Flüssigkeit fortan systemisch im Technischen enthalten. Versuchsperson und Serum, technisches und epistemisches Ding können nicht länger isoliert voneinander betrachtet werden. Angesichts dieser Fusion ist der Experimentator auf die kommunikative Intervention seiner Versuchsperson angewiesen -- Albert Neisser wird seine Versuchspersonen noch Jahre nach der Injektion des Serums fragen, wie sie sich fühlen“ (S. 64, Hervorhebung im Original). Kapitel 3 zeigt die politische Fixierung der Versuchsperson: diese wird zu einem politischen Ding (S. 110–113) in Form einer diskursiven Leerstelle in der venerologischen Debatte, das je nach politisch-strategischen Interessen für eine andere Argumentation eingesetzt wird.

Wissenschaftsforschung und Gender

Nach diesem gelungenen Einstieg vermutet man im folgenden Kapitel 4 das Kernstück der Studie: Hier soll nun anhand der venerologischen Lehrbücher und Fallstudien des 18. und 19. Jahrhunderts „das Weib als venerologische Tatsache“ analysiert werden. An dieser Stelle konkretisiert Sabisch ihr Vorhaben, Medizingeschichte durch einen praxeologischen Blick ‚anders‘ zu schreiben. Ebenso formuliert sie den Anspruch, die Erkenntnisse der historischen Geschlechterforschung mit der Analyse des venerologischen Feldes um 1900 auszuweiten: „Die Lehre von den Geschlechtskrankheiten strickt an ihrem eigenen Weib und überflügelt die traditionelle Frauenforschung der Anthropologie, Medizin und Philosophie gleich in mehrfacher Hinsicht“. (S. 119) Mit Hilfe des eindrucksvollen Quellenmaterials erfüllt sie diesen Anspruch teilweise, allerdings lassen sich an dieser Stelle einige Lücken finden. Das mag damit zu tun haben, dass sich Sabisch in diesem Teil der Analyse, in dem sie immer wieder auf Gender als Differenzkategorie stößt, zu wenig mit bereits vorhandener Forschung zur historischen Naturwissenschaftskritik aus den Gender Studies auseinandergesetzt hat. Studien aus dem angloamerikanischen Kontext haben schon früh gezeigt, das Race- und Gender-Differenzen naturwissenschaftliche Methoden und Erkenntnisse mitkonstituieren (vgl. z.B. Londa Schiebinger: Nature’s Body: Gender in the Making of Modern Science. Boston 1993 oder Ludmilla Jordanova: Sexual Visions: Images of Gender in Science and Medicine Between the Eighteenth and Twentieth Centuries. Madison 1989.) Gerade die Widerständigkeit der weiblichen Untersuchungspersonen gegen Einschreibepraxen wird zwar immer wieder angesprochen, aber hätte doch zum Beispiel mit Donna Haraway, die ja ebenfalls zum Kanon der Techniksoziologie gehört, theoretisiert werden können. Ebenso mutet es, spätestens als Sabisch gegen Ende des Kapitels 4 „die Frau als Monster“ theoretisiert, seltsam an, dass keine Auseinandersetzung mit Haraways A Cyborg Manifesto (In: Simians, Cyborgs and Women: The Reinvention of Nature. New York 1991, S.149–181) oder Monströse Versprechen: Coyote-Geschichten zu Feminismus und Technowissenschaft (Hamburg [u.a.] 1995) stattfindet.

Fazit: ‚Geschlecht‘ als Relation im Netzwerk der gesellschaftlichen und technisch-experimentellen Interaktionen

Sabischs techniksoziologische Herangehensweise zeigt, wie der Frauenkörper zu einem Wissensobjekt umgestaltet und zur wissenschaftlich medizinischen Beschreibung ausgearbeitet wurde. Der Vorgang stützte sich auf die Konstruktion einer moralischen und biologischen Andersartigkeit der weiblichen Prostituierten. Obwohl Gender gegen Ende des Buches oftmals eher als Ergebnis der experimentellen Versuchssituation erscheint denn als Wissen produzierender und generierender Prozess, arbeitet die Autorin im Großen und Ganzen anhand ihrer einzelnen Analyseschritte heraus, wie die Frau zum Ding und wie die Differenzkategorie ‚Geschlecht‘ zu biopolitischen Relationen im Netzwerk des Experiments werden. Am Ende hätte Sabisch vielleicht etwas klarer machen können, dass durch diese Wissens- und Bedeutungsgenerierung der Syphilisforschung eine bestimmte Art von Geschlecht neu und anders hervorgebracht wurde: die prostituierte Weiblichkeit. Diese wurde einerseits sozial scharf abgegrenzt zu der bürgerlichen Frau, andererseits beeinflusste sie das Konzept der bourgeoisen Weiblichkeit. Nichtsdestotrotz verbindet diese Arbeit ‚Science und Technology‘-Ansätze auf eine innovative Art und Weise mit diskursanalytischer und biopolitischer Methodologie. Beachtenswert ist diese Studie deshalb, weil sie herausarbeitet, wie Geschlechterverhältnis und Geschlechterwissen in Wissenschaft und Gesellschaft als soziale Formationen ineinander greifen. Diese Verwicklungen von Wissenschaft und Gender (sowie weiteren sozialen Differenzkategorien: Alter, Race, Schicht etc.) haben nicht nur Auswirkungen auf die Praxen der Wissenschaft, sondern auch gesellschaftliche Konsequenzen, was die Wahrnehmung, Disziplinierung und Diskriminierung von Frauen angeht.

URN urn:nbn:de:0114-qn093109

Silvy Chakkalakal

Humboldt-Universität zu Berlin, Promotionsstipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung

E-Mail: silvy.chakkalakal@googlemail.com

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