Martin Spetsmann-Kunkel: Die mediale Konstruktion von Zugehörigkeit

Die mediale Konstruktion von Zugehörigkeit

Rezension von Martin Spetsmann-Kunkel

Ulla Wischermann, Tanja Thomas (Hg.):

Medien – Diversität – Ungleichheit.

Zur medialen Konstruktion sozialer Differenz.

Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften 2008.

284 Seiten, ISBN 978–3–531–15385–8, € 29,90

Abstract: In dem Sammelband Medien – Diversität – Ungleichheit. Zur medialen Konstruktion sozialer Differenz, herausgegeben von Ulla Wischermann und Tanja Thomas, werden die Darstellung und Reproduktion sozialer Ungleichheit oder Zugehörigkeit durch Medien thematisiert. Die dreizehn Beiträge des Bandes gewähren Einblicke in laufende und abgeschlossene Forschungsarbeiten, die theoretisch und empirisch fundiert am Beispiel einzelner Medieninhalte Prozesse der medialen Konstruktion sozialer Differenz analysieren. Der theoretische Hintergrund erstreckt sich von den Postcolonial Studies über die Critical Whiteness Studies bis hin zu den Queer Studies. Die Beiträge veranschaulichen die ungebrochene Vormachtstellung des weißen, männlichen, heteronormativen und homophoben Blicks in der gegenwärtigen Gesellschaft. Der Band leistet damit einen wichtigen Beitrag bei der Analyse medialer Strategien sozialer Ausgrenzung.

Medien, Integration und Differenz

Medien leisten einen bedeutsamen Beitrag bei der Integration oder Segregation von Personengruppen in eine Gesellschaft. Was und wie über bestimmte Gruppen und Themen berichtet wird, ist hierbei ausschlaggebend. Je nachdem, ob und in welcher Form die Medien beispielsweise Themen von Minderheiten, Fragen der Integration von Migrant/-innen oder negative Darstellungen der oder des ‚Fremden‘ aufgreifen, können sie gesellschaftliche Integrationsprozesse fördern oder desintegrative Tendenzen verstärken. Es ist hinlänglich bewiesen, dass eine negative mediale Präsentation einer Außenseitergruppe oder Minderheit, die über lange Zeit aufrechterhalten wird, dabei sowohl das Selbstbild der entsprechenden Personengruppe prägt als auch die Vorurteilsbildung der etablierten bzw. Mehrheits-Gesellschaft beeinflusst. Damit sind die Medien an der Konstruktion und Reproduktion sozialer Ungleichheit und Zugehörigkeit maßgeblich beteiligt, da sie stereotypisierende oder stigmatisierende Bilder aufgreifen, verbreiten und somit reproduzieren und durch ihre Art der Darstellung bestimmter Gruppen eine Gestaltung von Differenzmarkierungen betreiben.

Der vorliegende Sammelband greift diesen Sachverhalt auf und thematisiert aus den unterschiedlichsten Perspektiven und anhand verschiedener Medienangebote, wie soziale Differenz in den Medien konstruiert wird. Hervorgegangen ist der Sammelband aus der Konferenz „Achsen der Differenz – Soziale Ungleichheit und Medien“ der Arbeitsgruppe Medien, Öffentlichkeit und Geschlecht der Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) und der Sektion Frauen- und Geschlechterforschung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS), die 2005 in Frankfurt am Main stattfand. Der Tagungsband gewährt Einblicke in laufende und abgeschlossene Forschungsarbeiten, die theoretisch und empirisch fundiert am Beispiel einzelner Medieninhalte Prozesse der medialen Konstruktion sozialer Differenz analysieren.

Ungleichheit und Differenz wird dabei „plural dimensioniert“ (S. 8) betrachtet, wie es Wischermann und Thomas in den einleitenden Bemerkungen notieren. Dies bedeutet, dass neben den ‚klassischen‘ Differenzmarkierungen Klasse, Ethnie, Nation und Geschlecht auch beispielsweise die sexuelle Orientierung zum Gegenstand der Betrachtung wird. Der theoretische Hintergrund der Beiträge erstreckt sich von den Postcolonial Studies über die Critical Whiteness Studies bis hin zu den Queer Studies.

Die Beiträge im Überblick

Unter der Überschrift „Diversität zwischen Anerkennung und Abwertung“ sind vier Aufsätze gesammelt: Irmela Schneider untersucht die inkludierenden und exkludierenden Effekte der Informationsverbreitungsmedien, speziell des Rundfunks, und diskutiert die Integrationskraft der als für alle zugänglich konzipierten Medien. Hanna Hackers Beitrag betrachtet visuelle Repräsentationen von Minderheiten in den medialen Diskursen der Entwicklungs- und Minderheitenpolitik im Bereich Digital Divide und globaler Netzzugang am Beispiel von Bildmaterialien in Broschüren, Zeitschriften und Internetseiten. Dabei kann sie – am Beispiel weiblicher Akteure der Peripherie des globalen Südens – eine Reproduktion symbolischer Markierungen von Ungleichheit und Differenz beobachten. Jan Pinseler referiert seine Untersuchung von Fahndungssendungen wie Aktenzeichen XY … ungelöst. Hierbei steht die Frage im Vordergrund, wie Vorstellungen von Wirklichkeit durch die Authentisierungsstrategien in der filmischen Darstellung beeinflusst werden. Das Verbrechen, welches in die ‚heile Welt‘ eindringt und die bürgerliche Idylle (zer)stört, wird entweder ethnisiert oder psychologisiert – im Sinne einer psychischen Abweichung. Die Normalisierung der Opfer und gleichzeitige Ausschließung der Täter durch die Darstellung einer verbindlichen Moral reproduziert Normalitätsvorstellungen und rassistisch oder homophob begründete Ausschließungstaktiken. Im letzten Beitrag dieses ersten Teils beschreibt Paula-Irene Villa eindrucksvoll die Inszenierung der plastischen Chirurgie im Fernsehen am Beispiel des TV-Formats The Swan – endlich schön. Sie belegt, wie der einstige feministische Anspruch der Selbst-Ermächtigung des weiblichen Körpers durch Frauen für eine De-Naturalisierung und gegen eine sexistische, repressive Normierung des weiblichen Körpers verloren gegangen ist und einer normalisierenden Selbst-Beherrschung gewichen ist, die sich in diesem Fernsehformat widerspiegelt. Denn in „The Swan geht es um die Angleichung von einzigartigen Körpern durch das chirurgisch-technologische Löschen von Spuren individueller Biographien am je einzigartigen Körper zugunsten der Angleichung an einen imaginierten Idealkörper“ (S. 93).

Im zweiten Teil des Tagungsbandes wird die „Ethnisierung zwischen Inklusion und Exklusion“ behandelt. Caterina G. Fox analysiert das Verhältnis von Weißen und Schwarzen in ausgesuchten Folgen der Krimiserie Der Alte. Hintergrund ihrer Überlegungen ist, dass die dominante Perspektive in den Medien die der Weißen ist und dass starre rassialisierte Wahrnehmungen existieren: „Weiße Menschen sehen die Welt, zumindest mit hoher Wahrscheinlichkeit, ‚weißlich‘„ (S. 110). In der erfolgreichen Fernsehserie Der Alte bleibt bei allen wohlmeinenden Bemühen um ‚Farbenblindheit‘ das von Whiteness beeinflusste Weltbild vorherrschend und damit die privilegierte Vormachtstellung der Weißen erhalten. Der Beitrag von Stanislawa Paulus untersucht die Reproduktion von Differenz in der Darstellung von Muslimen am Beispiel der Fernsehdokumentation Fremde Nachbarn. Muslime zwischen Integration und Isolation. Hierbei lässt sich eine vereinfachende Darstellung von Muslim/-innen als homogene Gruppe beobachten, in deren Vordergrund u. a. die patriarchale Gewaltherrschaft und ein ethnisiertes Bild von Männlichkeit und Weiblichkeit mit der tradierten Vorstellung des unzivilisierten, orientalischen Mannes als hypersexualisiertes Wesen stehen. Bärbel Röben schließlich beschreibt strukturelle Gründe für die geringen Teilhabechancen von Journalist/-innen mit Migrationshintergrund im journalistischen Produktionsprozess in Frankfurt am Main.

Im dritten Teil geht es um „Identitätspolitiken dies- und jenseits etablierter Kategorisierungen“. Zunächst liefert Skadi Loist einen historischen Abriss über das Schwul-Lesbische-Filmfestival San Francisco International LGBT Film Festival. Danach diskutiert Florian Henning am Beispiel des türkisch-niederländischen Online-Forums Hababam den Beitrag des Internets in der Diskussion über die Integration von Migrant/-innen in die niederländische Gesellschaft. Er verdeutlicht die Orientierungsfunktion und das integrative Potential des Forums für Jugendliche mit multiethnischem Hintergrund und illustriert die Diskussionen seitens der Jugendlichen über die Aushandlung und Zuschreibung von Zugehörigkeiten im virtuellen, transnationalen Raum. Steffi Hobuß schließlich belegt die Stabilisierung weißer Normen und der Herrschaftskategorie Whiteness durch exemplarisch gewählte Darstellungen in der Werbung.

Der letzte und vierte Teil des Sammelbandes ist mit „Zur diskursiven Rückkehr des Sozialen“ überschrieben. Tanja Thomas untersucht zunächst die Selbstthematisierung und -disziplinierung männlicher Körper sowie die Aufforderung zur Normalisierung und Reproduktion heteronormativer Stereotype am Beispiel der Reality-TV-Sendung Das Model und der Freak. Fabian Virchow veranschaulicht am Beispiel der Bild-Berichterstattung über den Arbeitslosen Henrico Frank („Deutschlands bekanntester Arbeitsloser“) Formen der Personalisierung und Psychologisierung sozialer Problemlagen in den Medien. Elisabeth Klaus und Jutta Röser analysieren schließlich im letzten Beitrag des Tagungsbandes kritisch die Debatte über das ‚Unterschichtenfernsehen‘ und belegen an den Kampfbegriffen ‚Unterschicht‘ bzw. ‚Unterschichtenfernsehen‘, wie etablierte Kräfte versuchen, das Populäre auf elitäre und exkludierende Weise zu kritisieren.

Resümee

Es ist das Verdienst dieses Potpourris an intelligenten und kritischen Beiträgen, die ungebrochene Vormachtstellung des weißen, männlichen, heteronormativen und homophoben Blicks in der gegenwärtigen (Medien-)Gesellschaft aufzuzeigen. Der Band leistet damit einen wichtigen Beitrag bei der Analyse von medialen Strategien sozialer Ausgrenzung. Eine Empfehlung kann ausgesprochen werden nicht nur für Vertreter/-innen der Gender Studies, Soziologie und Medienwissenschaft, sondern auch für interessierte, selbstkritische Journalist/-innen und andere Schaffende der Medienproduktion, die das Anliegen verfolgen, mediale Differenzmarkierungen zu hinterfragen oder gar aufzuheben.

URN urn:nbn:de:0114-qn093310

Dr. Martin Spetsmann-Kunkel

FernUniversität Hagen, Lehrgebiet Interkulturelle Erziehungswissenschaft

E-Mail: martin.spetsmann-kunkel@fernuni-hagen.de

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