Christa Oppenheimer: Iranische Frauen zwischen Sittlichkeit und Sinnlichkeit

Iranische Frauen zwischen Sittlichkeit und Sinnlichkeit

Rezension von Christa Oppenheimer

Maryam Taherifard:

Sittlichkeit und Sinnlichkeit.

Weibliche Sexualität im Iran.

Königstein im Taunus: Ulrike Helmer Verlag 2007.

380 Seiten, ISBN 978–3–89741–245–3, € 39,90

Abstract: Die Verfasserin hat mit ihrer empirischen Studie thematisches Neuland betreten. Forschungsfrage ist die Entwicklung weiblicher Sexualität sowie der Umgang mit dem eigenen Körper in drei Frauengenerationen im Iran. Die Autorin gewährt tiefe Einblicke in individuelle Leben und in den gesellschaftlichen Kontext der Frauen und liefert eine umfassende Analyse. Das Ergebnis zeichnet sich bereits im Titel des Werkes ab: Weibliche Sexualität scheint sich im Iran zwischen Sittlichkeit und Sinnlichkeit zu bewegen.

Anliegen des vorliegenden Bandes ist die Erforschung des Sexuallebens iranischer Frauen unter Einbeziehung ihrer islamischen Religion, des gesellschaftlichen sowie des engeren sozialen Kontextes. Die Sexualität sowie die Geschlechtlichkeit der Menschen und die Normierung dieser Themen und Praxen unterliegen in den jeweiligen historischen Epochen gesellschaftlichen und religiösen Instanzen. Vorschriften und Idealvorstellungen für den Umgang mit Sexualität wirken über Pädagogik und Erziehung, vor allem innerhalb der Familien. In westlichen Ländern verwiesen vor allem die Sexualwissenschaften und die Psychoanalyse auf eine notwendige Aufklärung und auf die Bedeutung der Sexualität für die Entwicklung von Identität. Im Iran, dessen politischer Anspruch der islamischen Religion verpflichtet ist und wo die gesellschaftlichen Normen von traditionellen und religiösen Geboten geprägt bleiben, sind nach Taherifard insbesondere die Frauen der „Gegenwart immensen Veränderungsprozessen unterworfen […] Dabei wurzeln die heutigen Traditionen zum Teil in vorislamischer Zeit“ (S. 23).

Die Autorin betont ihren Respekt vor der islamischen Religion, möchte sich jedoch gleichwohl mit den Aussagen und Schriften der Geistlichkeit bezüglich ihrer Forschungsfrage auseinandersetzen, was durchaus im Sinne Mohammeds sei, der festhielt, „daß man sich der neuen Zeit anpassen solle“ (S. 18).

Seitdem der Iran als islamische Republik sowie seine Gesetzgebung der Sharia unterworfen sind, ist landesweit eine strikte Geschlechtertrennung durchgesetzt. Sozialisation und das Leben der Frauen konnten nur bedingt Gegenstand internationaler Forschung werden, was sich u. a. in einem Defizit an Fachliteratur ausdrückt. Das Bild der iranischen Frau bleibt verhüllt. Doch trotz der Versuche, Frauen aus dem öffentlichen Leben fern zu halten, errangen iranische Frauen ihren gesellschaftlichen Platz – sogar in Schlüsselpositionen, wie Taherifard betont – und werden „von vielen Beobachtern als wichtiger Motor für politische Reformbewegungen gesehen“ (S. 24). Unter dem Schahregime 1972 betrug der Anteil weiblicher Studierenden 30%, dagegen im Jahr 2003 ca. 60% (S. 24).

Das Leben iranischer Frauen, die heute in einer Gesellschaft einen Platz einnehmen, der weit von der ehemaligen, traditionellen Rolle der älteren Generationen entfernt ist, fordert zum inneren Widerspruch heraus, es erschwert jungen Frauen die Entwicklung der eigenen Identität durch den Gegensatz zur jahrhundertealten Betrachtungsweise der weiblichen Rolle. Diesen Konflikt zwischen Tradition und Moderne zeichnet die Autorin detailliert anhand ihrer (insgesamt 47) Interviews mit drei Generationen – jeweils Großmutter, Mutter und Tochter – verschiedener Familien nach. Die Aussagen der Befragten werden außerdem schichtspezifisch analysiert, um den „Einfluß der Bildung, Religion, Gesellschaft auf die Entwicklung der weiblichen Sexualität im Iran herauszuarbeiten“ (S.27).

Aufgrund der geringen Anzahl wissenschaftlicher iranischer Literatur zum Thema Menstruation und Sexualität iranischer Frauen zieht die Autorin westliche Fachliteratur hinzu; sie bietet ihr eine Folie, auf der sie ihre Fragestellung bearbeiten kann. Ihre qualitative erziehungswissenschaftliche Forschung ist der ethnographischen Feldforschung und Kulturanalyse verbunden. Mit ihrer Studie verfolgt die Verfasserin das Ziel, aufklärend auf reale Möglichkeiten einer gelungenen weiblichen Sozialisation im Iran zu verweisen, das heißt, auf Chancen für eine sexuelle Aufklärung hinzuarbeiten.

Taherifard stellt mit dem Thema der weiblichen Sexualität im Iran unter dem besonderen Aspekt des Erlebens von Menarche und Menstruation ein doppeltes Tabu ins Zentrum der Untersuchung. Wurde weibliche Sexualität im Alltag häufig mit religiösen Vorschriften und Regeln belegt und für Frauen zu einem Thema der Scham gemacht, so wurde die Menstruation weltweit als eine „unreine“ Angelegenheit definiert und Frauen in dieser Zeit eher abgesondert und vielfach mit Berührungsverboten versehen. Die Verfasserin vermerkt ihre Überraschung darüber, mit welcher Offenheit – trotz des Tabu-Themas – ihre Interviewpartnerinnen über das Thema sprachen und „Einblicke in ihr Leben, ihr Erleben der Menstruation, Sexualität und sexuellen Aufklärung sowie ihren Alltag im Iran „ gewährten. Diese biographisch orientierten Erkenntnisse komplettiert Taherifard durch Aussagen von zehn Expert/-innen, die sie als Sozialisationsagent/-innen bezeichnet – u. a. Ärzte, Schulleiter, Lehrer, Wissenschaftler und Politiker.

Sehr eindringlich und differenziert entsteht durch die Portraits der Befragten, durch die Fallanalysen sowie die ergänzenden Aussagen der Expert/-innen ein Bild weiblicher Lebensbedingungen im Iran, das mögliche Vorurteile revidieren kann.

Nicht nur für diejenigen, die sich wissenschaftlich mit dem Thema auseinandersetzen, ist das Buch empfehlenswert, es bietet darüber hinaus allen Leser/-innen außer den konkreten Ergebnissen der Studie auch eine frauenspezifische Auseinandersetzung mit der Geschichte der so genannten sexuellen Revolution in Europa und im Iran.

URN urn:nbn:de:0114-qn092222

Dr. Christa Oppenheimer

Hochschule Darmstadt, Fachbereich: Gesellschaftswissenschaften und Soziale Arbeit

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