Carola Schirmer: Geschlecht und Technik: eine gesellschaftliche Praxis im Blick feministischer Erkenntnistheorie

Geschlecht und Technik: eine gesellschaftliche Praxis im Blick feministischer Erkenntnistheorie

Rezension von Carola Schirmer

Martina Ritter:

Bits und Bytes vom Apfel der Erkenntnis.

Frauen -Technik – Männer.

Münster: Westfälisches Dampfboot 1999.

254 Seiten, ISBN 3–89691–210–0 , DM 39,80 / ÖS 291 / SFR 37,00

Abstract: Die Rezension stellt ein vielschichtiges Buch mit sehr unterschiedlichen Beiträgen zum Thema Geschlecht und Technik vor. Das breitgefächerte Spektrum der Aufsätze bietet einen guten Überblick über sehr verschiedene Forschungsansätze. Mehrere Autorinnen analysieren Geschlecht und Technik erkenntnistheoretisch-historisch, z.B. anhand der Begriffsentwicklung in verschiedenen naturwissenschaftlichen Disziplinen wie der Mathematik, Physik, Genetik und der Künstlichen Intelligenz. Eine Reihe andere Beiträge erforscht die Seite subjektiver Erfahrungen von Frauen in technisch geprägten Arbeitsfeldern mittels empirischer Studien.

Die Bits und Bytes vom Apfel der Erkenntnis wurden 1999 von Martina Ritter herausgegeben. Das Buch stellt mit 15 sehr unterschiedlichen Beiträgen zum Thema Technik und Geschlecht einen Querschnitt der Diskussion dar. Obwohl nicht mehr ganz neu, sind sie von großer Aktualität, nicht zuletzt angesichts der gegenwärtigen Situation, in der sich diverse Initiativen bemühen, Mädchen und Frauen für naturwissenschaftliche Berufe zu gewinnen und Erklärungsansätze für den dauerhaft geringen Anteil von Frauen in technischen Arbeitsbereichen zu finden. Das Buch bietet hierzu erkenntnistheoretische Analysen zu Geschlecht und Naturwissenschaft wie auch empirische Studien, die den subjektiven Hintergrund z. B. der Berufswahl von Mädchen ausleuchten. Mit dem breiten Spektrum, das dieses Buch abdeckt, wirkt es tatsächlich wie kleine „Bits und Bytes vom Apfel“ und kann damit gut als Überblick und als Einstieg in unterschiedliche Themengebiete dienen.

Der erste Schwerpunkt des Buches liegt auf der wissenschaftstheoretisch-historischen Darstellung des Spannungsfeldes „Frauen – Technik – Männer“. Geschlechtsspezifische Zuschreibungen, die sowohl zur Konstruktion von Geschlechtern in konkreter gesellschaftlicher Praxis als auch gleichzeitig zu vergeschlechtlichter Forschungs- und Arbeitspraxis führen, werden im Hinblick auf verschiedene wissenschaftliche Disziplinen beleuchtet. Im zweiten Teil des Buches werden technische Arbeitsfelder und die Positionierung von Frauen in der geschlechtlich strukturierten Praxis beschrieben. Zum Abschluss der Aufsatzsammlung informieren zwei Beiträge über die Nutzung des Internet in der frauenpolitischen Vernetzung. Angesichts der schnellen Weiterentwicklung der Internet-Nutzung spiegelt die Darstellung heute allerdings nur noch die frühen Anfänge der Internetnutzung in autonomen Frauenzusammenhängen etwa Mitte der 90er Jahre wider.

Mehrere Beiträge „lesen“ die Entwicklung der Wissenschaften seit dem 17. Jahrhundert entlang eines gemeinsamen Topos: Im Mittelpunkt stehen die sich als Schöpfungsprozess verstehende wissenschaftliche Arbeit und Technikentwicklung, die in der Dichotomie Technik/Geist/Männlichkeit vs. Körper/Natur/Frau nach vergeschlechtlichten Konstruktionen strukturiert sind. Diese Konstruktionsvorgänge in der Entwicklung unterschiedlicher Wissenschaften, die erheblich zur Kreation des autonomen männlichen Subjektes der bürgerlichen Gesellschaft beisteuern, werden von den Autorinnen gut herausgearbeitet.

Wie die Naturwissenschaften sich vergeschlechtlichen: „Geburten aus dem Geist“

Regina Becker-Schmidt bringt die Kritik an Identitäts- und Subsumtionslogik in den Diskurs über die Natur- und Technikwissenschaften ein. Am Beispiel der Mathematik beschreibt sie die Identitätslogik: Die Mathematik sieht es als ihre Aufgabe, Widerspruchsfreiheiten, Regeln und Identitäten zu finden. Das Augenmerk der Autorin liegt auf der Diskrepanz zwischen dieser postulierten Widerspruchsfreiheit der Mathematik und ihrer widerspruchsvollen Realität. So ist die Mathematik des 20. Jahrhunderts geprägt von Hilberts Absicht, die unumstößlichen logischen Fundamente der Mathematik Stück für Stück neu zu legen, woran viele Mathematiker mitarbeiteten, und das Scheitern dieses Programms mit dem Unvollständigkeitsbeweis Kurt Gödels in den 30er Jahren. Gödel gelangte genau zum Gegenteil des von Hilbert Beabsichtigten, denn durch seine Arbeit wurde die inhärente Widersprüchlichkeit der Mathematik bewiesen.

Auch in der Genetik zeigt Becker-Schmidt die Identitätslogik auf, die die Wissenschaft von den Genen als vergeschlechtlichte Differenz strukturiert: Genetiker bezeichnen mit den Begriffen Matrix und Patrize die Anlage und die Prägung von außen – die „Mutter“ wird dabei zur genetischen Anlage während die prägende Umwelt mit dem Vater assoziiert ist: „Der Vater repräsentiert das kulturelle Programm“, so der von Becker-Schmidt zitierte Genetiker A. Danchin, bei dem die gesellschaftliche Reproduktion/Vererbung in den Begriffen von Vater und Sohn gefasst wird. Becker-Schmidt nennt diese Vorstellungswelt die Junggesellenmaschine: die Wissenschaften arbeiten am Projekt der Abschaffung des von ihnen konstruierten Prinzips Frau/Natur, indem der als männlich aufgefasste Geist sich selbst gebiert und zum Schöpfer wird.

Spannend ist Maria Osietzkis Beitrag über die Thermodynamik: Sie zeigt, wie die Konstruktion von Männlichkeitsbildern auch die Entwicklung der physikalischen Gesetze von Kraft und Energie durchzieht. Nachdem Wissenschaftler im 19. Jahrhundert feststellten, dass mechanische Kraft im Arbeitsprozess verschwand und Wärme verloren ging, wurden „Kraft“ und „Wärme“ durch das Konzept „Energie“ verbunden und der Energieerhaltungssatz formuliert, der besagt, dass diese Energie nicht schwindet, sondern sich lediglich verwandelt. Problematisch, aber nicht wahrgenommen, blieb dabei, dass die natürlichen, aber nichtregenerativen Ressourcen unhinterfragt als vorhanden vorausgesetzt wurden – sie aber bei Prozessen der Energiefreisetzung und -nutzung tatsächlich verbraucht werden. Analog zur selbstverständlich vorausgesetzten Reproduktion männlicher Kraft durch weibliche Arbeit und die weibliche Natur werde die Unerschöpflichkeit natürlicher Ressourcen nicht in Frage gestellt – und dies führt zu ökologischen Problemen. Neuere Tendenzen versuchen, mittels Einführung der Informationstechnologie zu intelligenter Selbststeuerung von Systemen zu gelangen, so dass Kreislaufprozesse Verbrauchsprozesse ersetzen.

Hier lässt sich die Auseinandersetzung mit den sogenannten „intelligenten“ Maschinen und den industriellen Produkten gut mit der Lektüre von Heike Stachs Beitrag fortsetzen. Die Informatikerin beschreibt die historische Bedeutungsentwicklung des Begriffes „Intelligenz“ während der letzten zweitausend Jahre. Konnotiert mit Geist und Kultur und damit dem Körper und der Natur entgegengesetzt, repräsentiere die Intelligenz/der Geist das Prinzip ihrer selbstreferentiellen Geburt aus dem Geist. Die Faszination des Forschungsprojektes „Künstliche Intelligenz“ sei auch in diesem „Schöpfungsmythos“ zu sehen.

Barbara Schelkle betrachtet das Fachgebiet Künstliche Intelligenz mit Blick auf die Informatik als Wissenschaft von Menschen und Maschinen. In der Künstlichen Intelligenz, die an der Nachahmung des Menschen durch Maschinen arbeite, aber auch die Überrundung menschlicher Intelligenz durch die Computer anstrebe, stelle sich immer wieder die Frage, was Mensch und Maschine unterscheide: Geist, Intelligenz, Gefühl, Vernunft oder Verantwortlichkeit? Während der sogenannte Turing-Test die „Intelligenz“ eines Computers noch daran misst, ob der/die menschliche Nutzer/-in die Gesprächsbeiträge der Maschine mit denen eines Menschen verwechselt (Test bestanden!), entwerfen neuere Ansätze Bilder von der Verschmelzung menschlicher und maschineller Fähigkeiten oder aber fordern dazu auf, maschinelle Intelligenz vom Menschen her, nämlich als ebenfalls dem Menschen eignend und von Menschen entworfen zu betrachten und damit die „Konstruktion des Menschen als Nicht-Maschine“ zu überwinden.

Ein weiterer herausragender wissenschaftstheoretischer Beitrag ist Elvira Scheichs Essay über „technologische Objektivität“. Sie untersucht den Begriff der Objektivität im historischen Bedeutungswandel. Die Naturwissenschaften stießen in ihrem eigenen Fortschritt an die Grenzen der postulierten Objektivität ihrer Experimente (z. B. Heisenberg für die Physik). Die Autorin legt dar, wie die Wissenschaften darauf mit der „technologischen Objektivität“ antworteten, die nicht mehr davon ausgehe, wirklichkeitsgetreue Abbildungen der Natur schaffen zu können. Stattdessen würden durch Experimente und insbesondere mit Hilfe von Computereinsatz abstrakte Bilder erzeugt, wobei durchaus eingeräumt werde, dass das Experiment sein Objekt verändert. Problematisch sieht Scheich daran, dass diese „technische Repräsentation“ zugleich die Beziehung der Repräsentation aus der Wahrnehmung verdrängt. Somit universalisiere die technologische Objektivität „Asymmetrien“, wo es um Natur, Wahrheit und Wirklichkeit geht, anstatt als Objektivität nach Donna Haraway im Sinne eines „situierten Wissens“ die Reflektion über Interessen und Standpunkte mit einzuschließen.

Geschlechter im Wandel? – Frauen und Männer in technisierten Lebenswelten

„Das Gesetz des Vaters“ findet Martina Ritter in ihrer Studie über adoleszente Mädchen (Alter 16–20), die sich viel mit Computern beschäftigen. Fünf Mädchen wurden von der Autorin 1989/90 sowie erneut sieben Jahre später interviewt. Bei allen spielte der Vater und die Vaterbeziehung für die Beschäftigung mit dem Computer eine wichtige Rolle. Mit der zweiten Befragung wurde versucht, herauszufinden, wie sich die Begeisterung für den Computer im weiteren Leben, besonders bei der Berufswahl, ausgewirkt hatte. Die Identifikation des Computers/der Technik mit dem Vater und die Ablehnung/Verachtung der Mütter auch wegen deren Technikferne führte bei allen Mädchen mehr oder weniger stark zu Konflikten mit der Entwicklung ihrer weiblichen Identität. Die Autorin sieht es für die Entwicklung eines positiven Selbstbildes aller Mädchen als zentral an, ob es ihnen gelungen ist, die von ihnen als männlich identifizierte Seite später in die Identitätsentwicklung zu integrieren.

Subjektive Technikkonzepte von Frauen und Männern wurden 1991/92 auch in einer empirischen Studie von Christel Walter untersucht. Unter Fachhochschulstudent/-innen unterschiedlicher Fachrichtungen wurden Fragen zur Bewertung von Technik gestellt und in Zusammenhang mit der Studienfachwahl der Befragten gebracht. Die Autorin kommt zu dem Ergebnis, dass Frauen Technik tendenziell stärker als Männer in gesellschaftliche Praxis eingebettet sehen und an ihr die instrumentelle Rationalität deutlicher wahr nehmen. Die befragten Frauen beurteilten die Steuerbarkeit technischer Neuerungen ebenfalls zurückhaltender als die Männer.

In mehreren Artikeln (von Brigitte Aulenbacher, Bettina Schmitt, Margot Poppenhusen und Regina Buhr) werden technologische Entwicklungen als eine Bedingung der Gestaltung weiblicher Erwerbsarbeit untersucht. Als androzentrische Modernisierung industrieller Produktion werden Zusammenhänge zwischen Technik und Geschlecht in der Untersuchung industrieller Rationalisierungsprozesse analysiert. Die Rationalisierung findet häufig vermittelt über technische Neuerungen statt – doch aufgrund der geschlechtsspezifischen Strukturierung von Technik lässt sich hierin auch ein Element sehen, das zum Ausschluss von Frauen aus dem Erwerbsleben bzw. aus höher bewerteten Tätigkeiten beiträgt. Interessant ist die sozialhistorische Studie über die Entwicklung der heutigen Computertastatur, deren Standardisierung keineswegs arbeitsökonomischen oder ergonomischen Kriterien folgte, sondern sich über vorwiegend von männlichen Stenographen bestrittene Schnellschreibwettbewerbe durchsetzte.

Eine weitere empirische Untersuchung legt anschaulich dar, dass Frauen in sogenannten Männerberufen nach wie vor die große Ausnahme darstellen, und beschreibt, wie die Spannung zwischen weiblichem Geschlecht und Berufstätigkeit von Frauen gerade durch Diskriminierungen von Seiten der männlichen Kollegen immer wieder in den Vordergrund tritt.

Wem gehört der Apfelbaum?

Im Nebeneinander der unterschiedlichen empirischen Beiträge und theoretischen Analysen illustriert das vorliegenden Buch sehr gut, welch enorm großes Gebiet das Themenspektrum „Geschlecht, Wissenschaft, Technik“ für die interdisziplinäre Forschungsarbeit darstellt. Die kleinen Häppchen vom Apfel der Erkenntnis machen Lust auf mehr – und wecken den Wunsch nach Veränderungen des Geschlechterverhältnisses im Arbeitsfeld Technik sowie die Hoffnung auf neue Wissenschaftstheorien und neue Wissenschaftspraxis.

URN urn:nbn:de:0114-qn022048

Carola Schirmer

Informatik, HU Berlin

E-Mail: schirmer@informatik.hu-berlin.de

Die Nutzungs- und Urheberrechte an diesem Text liegen bei der Autorin bzw. dem Autor bzw. den Autor/-innen. Dieser Text steht nicht unter einer Creative-Commons-Lizenz und kann ohne Einwilligung der Rechteinhaber/-innen nicht weitergegeben oder verändert werden.





querelles-net wird herausgegeben an der Freien Universität Berlin. ISSN 1862-054X