Gertrud Pfister: Frauen am Himmel

Frauen am Himmel

Rezension von Gertrud Pfister

Evelyn Zegenhagen:

„Schneidige deutsche Mädel“.

Fliegerinnen zwischen 1918 und 1945.

Göttingen: Wallstein-Verlag 2007.

504 Seiten, ISBN 978–3–8353–0179–5, € 42,00

Abstract: Evelyn Zegenhagen hat ohne Zweifel das am besten recherchierte Buch über die Geschichte des Frauenfliegens und über die Rolle der Pilotinnen in der Geschichte der Luftfahrt zwischen 1918 und 1945 vorgelegt. Mit einem unglaublichen Forschungsaufwand hat sie viele Lücken in der vorliegenden Forschung zu diesem Thema geschlossen und erstmalig Biographien von Segelfliegerinnen und deren Chancen und Probleme aufgearbeitet. Damit gewährt sie Einblicke in einen Bereich der Luftfahrtgeschichte, der neue Perspektiven, nicht nur im Hinblick auf die Beteiligung von Frauen, eröffnet. Umfangreiche Quellenstudien ermöglichten es zudem, die Lebensläufe bisher weitgehend unbekannter Fliegerinnen zu rekonstruieren und bereits bekannte und gut dokumentierte Biographien um neue Facetten zu ergänzen. Zegenhagen hat den Anspruch, die Fliegerei der Frauen im zeitgenössischen Kontext zu betrachten und neben den individuellen Chancen auch die strukturellen Bedingungen zu berücksichtigen, ohne Frage eingelöst.

In der sehr umfangreichen Einleitung setzt sich die Autorin kritisch, vielleicht zu langatmig, mit der vorhandenen, teilweise auch populärwissenschaftlichen Literatur zu fliegenden Frauen auseinander. Bereits auf der ersten Seite und dann wieder am Schluss des Buches bei der Präsentation ihrer Ergebnisse betont die Autorin die Relevanz ihres Themas. Sie wirft der (Frauen-)Geschichtswissenschaft vor, dieser Relevanz nicht Rechnung getragen zu haben. Die ‚Unsichtbarkeit‘ der Pilotinnen sei mit der generellen Verdrängung der Frauen aus der Geschichte gleichzusetzen und zu erklären. Hier muss allerdings gefragt werden, wie groß die Bedeutung und der Einfluss der etwa 100 Pilotinnen war, die meist – zugegeben gezwungenermaßen – das Fliegen nur als Hobby betrieben. Dies gilt auch für die Segelfliegerinnen, die eine kleine Minderheit unter den segelfliegenden Männern waren. An vielen Stellen des Buches bezeichnet die Verfasserin selbst die Sportfliegerinnen als kleine Gruppe von Frauen. Ich würde anders als die Autorin argumentieren und darauf hinweisen, dass gerade die geringe Zahl und damit die relativ geringe Bedeutung der Pilotinnen erklärungsbedürftig sind. Das Buch liefert zahlreiche Belege, von den finanziellen Bedingungen bis zu Diskriminierungen, die die Marginalisierung der Frauen im Flugwesen beleuchten.

Das erste Kapitel gibt einen informativen Überblick über die „Geschichte des Frauen-Sportfliegens“ in den USA, in Großbritannien und der UdSSR, wobei der Begriff ‚Sportfliegen‘ angesichts der militärischen Einsätze der Pilotinnen missverständlich ist. Der Anspruch, die Situation der Fliegerinnen in diesen Ländern zu einem interkulturellen Vergleich zu nutzen, wird aber nur teilweise eingelöst. In den 1920er Jahren war die Situation der Pilotinnen weltweit relativ ähnlich. Unterschiede zeigten sich in der Art der militärischen Einbindung von Frauen im Zweiten Weltkrieg und der Politisierung des Flugwesens in der Zeit des Nationalsozialismus.

Eine wichtige Rolle bei der Rekonstruktion des Frauenfliegens wird der – immer prekären – ökonomischen Situation der Pilotinnen zugeschrieben. Sie wird im ersten Kapitel ausführlich dargestellt und auch später als Maßstab für die Bedeutung der Fliegerinnen herangezogen. Dabei muss, vielleicht deutlicher als in diesem Buch geschehen, zwischen der ‚kommerziellen Luftfahrt‘ und der ‚Sportfliegerei‘ unterschieden werden. Frauen wurden nicht als Pilotinnen von Verkehrsflugzeugen zugelassen, sie hatten allerdings als ‚Sportfliegerinnen‘, abhängig von ihrer ökonomischen Situation, durchaus kommerzielle Interessen, wenn sie beispielsweise an Flugwettbewerben teilnahmen oder Werbeflüge unternahmen.

Das Frauenbild und die ‚Emanzipation‘

Waren die Pilotinnen emanzipiert und das Fliegen eine Demonstration des Feminismus? Veränderten erfolgreiche Pilotinnen das traditionelle Frauenbild, das Frauen Schwäche, Inkompetenz – besonders im Bereich der Technik – und Ängstlichkeit zuschrieb? Im Kapitel über das Selbstverständnis der Fliegerinnen und ihr Image im Kontext des herrschenden Frauenbildes wirft Zegenhagen den Autor/-innen der vorliegenden Literatur vor, unkritisch auf die Emanzipationskarte gesetzt und das Fliegen als Demonstration einer feministischen Gesinnung interpretiert zu haben. Dies ist allerdings keineswegs durchgehend der Fall. So wird in vielen Biographien, u.a. über Jean Batten oder auch Sophie Eliott-Lynn (später Lady Heath), häufig und detailliert auf die ambivalenten Einstellungen der Pilotinnen zur Frauenfrage hingewiesen. Auch Zegenhagen macht mit exzellenten Zitaten deutlich, dass das Verhältnis der Pilotinnen zur ‚Frauenemanzipation‘ ambivalent war und dass sie, soweit sie sich darüber äußerten, feministische Einstellungen und Bestrebungen häufig sogar ganz explizit ablehnten. Häufig ist, wie u.a. bei Antonia Strassmann, ein Widerspruch zwischen ihren Aussagen und ihrem Handeln festzustellen. Strassmann war eine exzentrische Schauspielerin mit zahlreichen Liebhabern, vielfältigen sportlichen Interessen und später eine erfolgreiche Geschäftsfrau in den USA. Sie war verheiratet, aber nur einen einzigen Tag. Ihre Aussage, zitiert auf S. 198, dass ein Leben ohne Kinder letzten Endes doch arm sei, kann vor diesem Hintergrund nicht ernst genommen werden. Zegenhagen ist zuzustimmen, dass die Sportfliegerinnen mit ihrem vorgeblichen oder tatsächlichen Wertekonservatismus ihren Ausbruch aus der traditionellen Frauenrolle überdecken wollten. Welche Botschaften die Pilotinnen ausstrahlten und wie diese durch die Umwelt gedeutet wurden, ist ein zentrales Thema dieses Buches. Besonders deutlich wird dies etwa in den Texten von und über Elli Beinhorn, die mit dem Image des tapferen, aber doch schutzbedürftigen Mädchens den Geschmack der Zeit traf und sich deshalb auch gut vermarkten konnte.

Zegenhagen beschränkte ihr Interesse und ihrer Recherchen nicht auf die Pilotinnen, sondern bezog auch den Kontext, d.h. das Flugwesen generell, den Flugzeugbau, die Förderung der Luftfahrt und ihre Einbettung in politische und militärische Interessen in ihre Forschungen mit ein. Hier ist besonders die kenntnisreiche Darstellung der Entwicklung des Flugwesens im Nationalsozialismus hervorzuheben.

Gut gelungen ist die Beschreibung der (fehlenden) politischen Einstellungen und Aktivitäten der Pilotinnen; diese verstanden sich keineswegs – schon gar nicht politisch – als Einheit. Der Verfasserin gelingt es, ein wenig Licht in das Dunkel des militärischen Einsatzes von Frauen im Zweiten Weltkrieg zu bringen. Sie kann eindeutig nachweisen, dass die deutschen Pilotinnen eine wesentlich geringere Rolle im Krieg spielten als ihre Schwestern im feindlichen Lager. Doch bleibt hier noch eine Forschungslücke.

Das Kapitel über den Frauensport enthält leider in vieler Hinsicht pauschale, ungenaue und missverständliche Angaben und Interpretationen. Zudem ist die äußerst knappe Darstellung für die Argumentationslinie des Buches nicht notwendig. Frauen konnten sich vor dem Ersten Weltkrieg keineswegs, wie von Zegenhagen behauptet, ohne Diskriminierung am Turnen und Sport beteiligen. Sie hatten beispielsweise in den Turn- und Sportvereinen, soweit diese überhaupt Frauen aufnahmen, in der Regel keine Rechte (aber Pflichten). Und der Versuch, zwei „Richtungen“ in der Einstellung zum Frauensport zu identifizieren, muss scheitern, weil die Haltungen zu Sport treibenden Frauen (auch die der Sportlerinnen selbst) sehr häufig ambivalent waren.

Einer der Höhepunkte des Buches ist das Kapitel über das Segelfliegen. Hier betritt die Verfasserin völliges Neuland, und es gelingt ihr, die wechselvolle Geschichte dieses Sports und seiner Anhängerinnen zu rekonstruieren, eine Geschichte, die Ausgrenzungen, Aufschwünge, Abstürze und, am Ende des Krieges, sogar Aufwertungen enthält.

Das Buch endet mit der Darstellung der Ergebnisse und mit weiterführenden Fragestellungen. Ein besonderes „Highlight“ des Buches ist der Anhang, vor allem die Kurzbiographien zahlreicher Fliegerinnen, die zu weiteren Nachforschungen anregen. Auch am Schluss jedes Kapitels stehen drei oder vier kurze Biographien. So findet sich im ersten Kapitel die Kurzbiographie von Lady Sophie Heath, allerdings ohne Hinweis auf Quellen. 2004 erschien die erste umfassende Biographie dieser exzentrischen Pilotin, verfasst von Lindie Naughton, die aber von Zegenhagen, möglicherweise wegen des Erscheinungsdatums, nicht herangezogen wurde. Unklar ist die Auswahl der Frauen, die mit einer Biographie geehrt werden (vielleicht habe ich auch etwas überlesen) und der Zusammenhang zwischen den Themen in den einzelnen Kapiteln und den angefügten Biographien. Eine Verbindung zwischen dem Inhalt des Kapitels und den Lebensläufen wird jedenfalls nicht explizit hergestellt. Trotzdem sind die Lebensläufe informativ und spannend.

Gesamteindruck

Nicht ganz geglückt ist die Struktur des Buches. Die Wahl einer chronologischen Vorgehensweise in den einzelnen Kapiteln macht zwar Sinn, reißt aber zuweilen Zusammenhänge, wie Frauenbild, ökonomische Situation und politische Hintergründe in der Weimarer Republik, auseinander. Auch führt die Absicht, dieselben Fragen und Themen in den verschiedenen Zeitperioden darzustellen, zu Wiederholungen, weil sich in manchen zentralen Aspekten, beispielsweise dem Frauenbild, in diesem Zeitraum nicht so sehr viel geändert hat. Das Sportgirl, beschrieben als nationalsozialistische Errungenschaft, gab es beispielsweise schon in den 1920er Jahren, und der Druck auf Frauen, die aus der Rolle fielen, entstand auch nicht erst in der NS-Zeit. Neu war im „Dritten Reich“ die politische Um- und Durchsetzung der Männerdominanz, aber auch diese Politik wird von einigen wenigen Frauen konterkariert. Dies wird von Zegenhagen auch deutlich hervorgehoben.

Die umfangreichen Recherchen der Verfasserin – sie forschte in in- und ausländischen Archiven, führte Interviews und arbeitete Nachlässe auf – und die dadurch möglichen neuen Perspektiven zeichnen dieses Buch aus. Die einfühlsamen Biographien und ihre Einbettung in die Kultur und Politik der 1920er und 30er Jahre, die Aufdeckung von ökonomischen Hintergründen und militärischen Entwicklungen und nicht zuletzt die Berücksichtigung der Zusammenhänge zwischen diesen Bereichen machen die Stärken des Buches aus. Das Buch ist eindeutig zu empfehlen. Es ist nicht nur für Experten und Expertinnen der Luftfahrtgeschichte lesenswert, sondern auch für alle, die sich mit Frauen- und Geschlechterforschung und/oder mit der Geschichte der Weimarer Republik und des „Dritten Reiches“ befassen.

URN urn:nbn:de:0114-qn092231

Prof. Dr. Gertrud Pfister

Universität Kopenhagen, Sportsoziologie

E-Mail: GPfister@ifi.ku.dk

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