Heike Kahlert: Aufklärung des Europäischen Forschungsraums durch Geschlechterwissen?

Aufklärung des Europäischen Forschungsraums durch Geschlechterwissen?

Rezension von Heike Kahlert

Karin Zimmermann, Sigrid Metz-Göckel:

„Vision und Mission“.

Die Integration von Gender in den Mainstream europäischer Forschung.

Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften 2007.

137 Seiten, ISBN 978–3–531–14954–7, € 19,90

Abstract: Zentrales Verdienst der vorliegenden empirischen Studie ist es, anschaulich das Netzwerk von Wissenschaftlerinnen, Politikerinnen sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der nationalen und insbesondere der europäischen Forschungsverwaltung zu beschreiben, das ermöglichte, Gender Mainstreaming im Sechsten Forschungsrahmenprogramm der EU zu implementieren. Außerdem wird die Verknüpfung aus formellen und informellen Politikstrukturen und Genderexpertise beschrieben.

Ein zukunftsweisender Schritt: Die Umsetzung von Gender Mainstreaming im Sechsten Forschungsrahmenprogramm

Forschung und Forschungspolitik sind im Europäischen Forschungsraum längst keine rein nationale Angelegenheit mehr, ebenso wenig wie die Politik der Chancengleichheit. Spätestens seit Inkrafttreten des Amsterdamer Vertrags zum 1. Mai 1999 ist Gender Mainstreaming in allen EU-Mitgliedstaaten auch in der Forschungspolitik verbindlich geworden. „Wissenschaftliche Erkenntnisse zur praktischen Umsetzung von Gender Mainstreaming in den privaten und öffentlichen Wissenschafts- und Forschungseinrichtungen der Mitgliedstaaten stehen [jedoch, d. V.] weitgehend aus.“ (S. 107; Herv. i. O.) In der hier zu besprechenden Studie gehen die Dortmunder Hochschulforscherinnen Karin Zimmermann und Sigrid Metz-Göckel unter Mitarbeit von Britta Gehrmann, Jutta Massner, Christina Möller und Sabine Schäfer empirisch der Frage nach, wie es kam, dass Gender im Mainstream der europäischen Forschungspolitik Berücksichtigung fand, genauer im Sechsten Forschungsrahmenprogramm (2002 bis 2006), das als erstes nach Abschluss des Amsterdamer Vertrags die Gelegenheit bot, Gender Mainstreaming in der EU-Forschungspolitik tatsächlich umzusetzen. Dafür begeben sich die Forscherinnen auf die europäische politische Bühne und nehmen das vernetzte Machtfeld von Wissenschaft und Politik in den Blick, in dem die europäische Forschungs- und Geschlechterpolitik verknüpft wird und der „zukunftsweisende Schritt“ (S. 7) der Umsetzung von Gender Mainstreaming getan wurde. Das Projekt, dessen Ergebnisse nunmehr veröffentlicht vorliegen, wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) von 2003 bis 2005 im inzwischen abgeschlossenen Schwerpunktprogramm „Organisation, Profession und Geschlecht“ finanziell gefördert.

Beobachtung der Vergeschlechtlichung der europäischen Forschungspolitik

Ziel der Studie ist, „den Prozess der ‚Transformation‘ der politischen Selbstverpflichtung zum Gender Mainstreaming in politisches, administratives und wissenschaftliches Handeln zu rekonstruieren“ (S. 10), und zwar am Beispiel eines Politikfeldes, in dem die Akteurinnen und Akteure und Institutionen bis dato „geschlechtsblind“ agierten, anders als etwa in der Sozial- und Arbeitsmarktpolitik, wo Gleichstellungspolitik längst Einzug gehalten hatte. Im Mittelpunkt der Studie steht also die „Beobachtung der Vergeschlechtlichung“ (S. 10) der europäischen Forschungspolitik. Als theoretischer Rahmen dieser empirischen Beobachtung dient das Feld- und Habituskonzept Pierre Bourdieus. Qualitative Interviews mit 15 Expertinnen und einem Experten (Wissenschaftlerinnen, Politikerinnen, Mitarbeiterinnen und ein Mitarbeiter der nationalen und insbesondere europäischen Forschungsverwaltung) sowie Analysen von EU-Dokumenten bilden die Datengrundlage. Das Interviewverfahren und die zentralen Fragenkomplexe der Interviews bleiben leider ebenso im Dunkeln wie die Auswertungsmethodik.

Aus dem Bourdieu’schen Feldkonzept, den Dokumentenanalysen und den Interviews entwickeln die Autorinnen ein institutionelles Mehrebenensystem der europäischen Politik: den „europäische[n] Machtraum forschungspolitischer Steuerung“ (S. 35), hinsichtlich Gender Mainstreaming bestehend aus einem inneren Aktionsfeld und dem äußeren politischen Feld. Dieses Mehrebenensystem erschließt sich jedoch in der Knappheit der Darstellung nicht unmittelbar aus der Verknüpfung von theoretischen Konzepten, der Betrachtung des institutionellen Rahmens der EU und den empirischen Daten. Trotz der graphischen Darstellung des Machtraums scheinen sich die (Argumentations-)Fäden der Studie immer wieder zu verlieren, vielleicht sogar in Widerspiegelung der Dynamiken auf der transnationalen europäischen Ebene.

Getragen wird dieser Machtraum in den Augen der Autorinnen wesentlich von der „Netzwerkarchitektin“ (S. 58), namentlich der Europäischen Kommission, der sie eine „technokratische Bearbeitung des Problems der Unterrepräsentanz von Frauen in Wissenschaft und Forschung“ (S. 59) attestieren: Zwar werte diese die Partizipation von Frauen normativ politisch auf, doch stehe auf der anderen Seite die forschungsökonomische Instrumentalisierung in der Konkurrenz um die Human-Ressourcen, die die EU im europäischen Forschungsraum für internationale Konkurrenzfähigkeit auch im Licht von Gender Mainstreaming mobilisieren wolle. Der normative Zeigefinger ist in dieser Hypothese schwerlich zu überhören: Nicht der politische Wille zu (mehr) Gerechtigkeit ist demnach also der Motor für die Umsetzung von Gender Mainstreaming, sondern handfeste ökonomische Interessen befördern die Geschlechtergleichstellung unter Bedingungen globalen Wettbewerbs.

Die Realisierung von Gender Mainstreaming als soziale Praxis

Im Anschluss an Bourdieu verstehen die Autorinnen die faktische forschungspolitische Umsetzung von Gender Mainstreaming als soziale Praxis, die auf einem Zusammentreffen von Ereignissen basiert, die externe politische Vorgaben, innerorganisatorische Faktoren und Veränderungen der beteiligten Personen in Politik und Verwaltung selbst beinhalten. Bestimmte Konstellationen – z. B. eine Wissenschaftlerinnenkonferenz, erweiterte rechtliche Rahmenbedingungen, die Neuverhandlung des Forschungsrahmenprogramms und die zeitgleiche Publikation des Aufmerksamkeit erregenden Aufsatzes von Christine Wennerås und Agnes Wold von 1997 (Vetternwirtschaft und Sexismus im Gutachterwesen*) - hätten ein „Gelegenheitsfenster“ (S. 62) geöffnet, das diese Personen zu Agentinnen bzw. Agenten für die Implementation von Gender Mainstreaming gemacht habe. Zu einer „Gelegenheitsstruktur“ (S. 87) wurde dieses Gelegenheitsfenster aber erst durch die Vernetzung dieser Personen (vorwiegend weiblichen Geschlechts) mit auf der EU-Ebene engagierten Wissenschaftlerinnen mit Genderexpertise, die teils formell, teils informell in der wissenschaftlichen Politikberatung der europäischen Institutionen tätig waren bzw. sind und dabei nach den Regeln des politischen Felds zu spielen lernen (müssen). Die Verwirklichung der Gleichstellung erscheint so als Zusammenspiel von Macht, Markt und Wissen. Dieses Netzwerk aus formellen und informellen Politikstrukturen in Verbindung mit Genderexpertisen und mit der Gunst der Stunde aufzuzeigen, ist ein wesentliches Verdienst der vorliegenden Studie.

Doch was beinhaltet(e) die Umsetzung von Gender Mainstreaming praktisch für die Forschungspolitik? Die Zielperspektive des 40%-Anteils von Frauen in allen Beratungs-, Evaluations-, Programm- und Begutachtungsausschüssen der Forschungsrahmenprogramme und die Angabe von Begründungen in allen Anträgen auf Forschungsförderung, warum Forschungsthemen die Geschlechterdimension berücksichtigen oder auch nicht berücksichtigen - kurz: die Umsetzung eines Gender Action Plans. Dieses Instrument hat sich inzwischen als Auflage jeglicher Forschungsförderung als weitgehend wirkungslos erwiesen und wurde mit dem Siebten Forschungsrahmenprogramm wieder zurückgenommen. So bleibt das vielleicht wichtigste Ergebnis dieses Versuchs, Gender Mainstreaming zu implementieren, dass die hierfür notwendige Genderexpertise als wissenschaftliches Reflexionswissen für die Politikberatung aufgewertet wird. Das ‚Gelegenheitsfenster‘, das die Förderung von Genderexpertise auf die Agenda europäischer Forschungspolitik setzt, hat sich allerdings bisher im Zusammenspiel von Macht und Wissen nicht geöffnet.

*zuerst veröffentlicht unter dem Titel „Nepotismus and sexism in peer-review“ in: Nature 387, Mai 1997, S. 341-343. In deutscher Fassung veröffentlicht in: Krais, Beate (Hg.): Wissenschaftskultur und Geschlechterordnung. Über die verborgenen Mechanismen männlicher Dominanz in der akademischen Welt. Frankfurt am Main: Campus 2000, S. 107-120.

URN urn:nbn:de:0114-qn092165

Dr. Heike Kahlert

Maria-Goeppert-Mayer-Gastprofessorin für internationale Frauen- und Genderforschung am Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterstudien (ZIF) Hildesheim

E-Mail: heike.kahlert@uni-rostock.de

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