Eileen Lachmann: Die Gesichter der Prostitution im Hanseraum des 12. bis 16. Jahrhunderts

Die Gesichter der Prostitution im Hanseraum des 12. bis 16. Jahrhunderts

Rezension von Eileen Lachmann

Dagmar M. H. Hemmie:

Ungeordnete Unzucht.

Prostitution im Hanseraum (12.–16. Jahrhundert). Lübeck – Bergen – Helsingør.

Köln: Böhlau-Verlag 2007.

476 Seiten, ISBN 978–3412061067, € 49,90

Abstract: Am Beispiel der Städte Lübeck, Helsingør und Bergen wird fachlich fundiert und sehr umfassend die Prostitution im Hanseraum des 12. bis 16. Jahrhunderts untersucht. Die Autorin Dagmar Hemmie befasst sich in 20 Kapiteln mit unterschiedlichen relevanten Aspekten der Prostitution, so etwa mit den rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in den Städten, dem sozialen Milieu und der gesellschaftlichen Position der Frauen, der gesundheitlichen Fürsorge und Kontrolle sowie dem Schicksal unehelicher Kinder. Ausführlich beschäftigt sie sich mit den Gründen für den Einstieg in die Prostitution. Lebenswege einzelner Frauen werden - soweit möglich - nachgezeichnet. Zahlreiche in den Text eingearbeitete beziehungsweise im Anhang verfügbare Fälle, Quellen und Stadtpläne sowie ein unkomplizierter Schreibstil verleihen dem Buch eine große Authentizität, Lebendigkeit und Plastizität. (Geschichts-)Interessierten ist dieses Werk durchweg zu empfehlen.

Die Prostitutionsforschung behandelte bisher vor allem süddeutsche Städte wie Konstanz, Nürnberg oder Augsburg. Dagmar Hemmie möchte nun mit ihrem Werk Ungeordnete Unzucht zur Schließung der Lücke beitragen und legt eine Studie zum nordeuropäischen Raum vor, wobei sie sich auf die drei Seehandelsstädte Lübeck, Helsingør (Dänemark) und Bergen (Norwegen) konzentriert. Die Autorin erschließt das dürftige Quellenmaterial und zieht beispielsweise Gesetze, Verordnungen oder Frauenhausordnungen zur Recherche heran. Weiter dienen der Autorin Stadtbücher und überlieferte Urkunden, Briefe, Testamente, Chroniken und Verwaltungsschriftstücke als Informationsquellen.

„Der heutige Ausdruck ‚Prostitution‘ leitet sich her aus dem lateinischen Verb prostituere, was soviel heißt wie ‚sich öffentlich preisgeben oder entehren“ (S. 23). Dagmar Hemmie zeigt in weiteren Ausführungen, dass diese Definition nicht allein im Raum steht . Vielmehr kommt sie zu dem Schluss, dass „keine konsensfähige Definition vorherrscht“ (S. 29), und nähert sich entsprechend dem Phänomen ‚Prostitution‘ auf breiter Basis. Sie bezieht nicht nur die Vollzeitprostitution in ihre Studie mit ein, sondern thematisiert auch Konkubinat (im Norden auch Frillenverhältnis genannt) sowie saisonale und Gelegenheitsprostitution.

Die Lebenswege von Flækkesild, Maggæ, der dicken Trin und vielen anderen

Wie Frauen den Einstieg in die Prostitution fanden, wird in Kapitel vier und fünf äußerst eindrucksvoll geschildert. Erschreckend, wenn auch fast zu erwarten, ist die Erkenntnis, dass vielen alleinstehenden Frauen insbesondere aus unter(st)en Schichten kaum ein anderer Weg blieb, als ihren Körper zum Erhalt der eigenen Existenz zu verkaufen. Vom Dienstleistungs- und Schankgewerbe war der Einstieg schnell gegeben; die meisten Berufe blieben diesen Frauen aufgrund der Abschottung der Zünfte verwehrt. Oftmals stößt die Leserin/der Leser auf interessante Details. Zum Beispiel wird das Leben als Transvestit als eine der wenigen Alternativen zum Dirnendasein beschrieben: Frauen verkleideten sich als Mann, um der Prostitution zu entgehen (vgl. S. 97).

Ungeordnete Unzucht enthält aufschlussreiche Informationen, die helfen, das Umfeld und die Faktoren, die sich auf die Lebenssituation der Prostituierten auswirkten, zu erfassen. Die Autorin beleuchtet die Stätten, an denen die Frauen sich prostituierten, das zumeist geringe Einkommen der alleinlebenden Frauen und das soziale Milieu, in dem sie sich bewegten. Darüber hinaus enthält Ungeordnete Unzucht interessante Informationen, die den Leserinnen und Lesern immer wieder einen Blick über den Tellerrand hinaus ermöglichen. Man erfährt beispielsweise mehr über Praktiken der Schwangerschaftsverhütung und der Abtreibung und über das – leidvolle – Schicksal der unehelichen Kinder; Aussetzung kam nicht selten vor. Es werden gesundheitliche Kontrollen, Regulierungsversuche sowie Strafmaßnahmen gegen aufgegriffene Prostituierte vorgestellt und außerdem die Folgen der Verbreitung der Syphilis erörtert.

Einigen Frauen gelang der Ausstieg aus der Prostitution. Als mögliche Wege stellt Dagmar Hemmie die Heirat, den ‚Aufstieg‘ zur Kupplerin oder Leiterin eines Bordells oder die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft dar (vgl. S. 213–218.). Abschließend untersucht die Verfasserin anhand des Selbst- und Fremdbildes der Prostituierten deren gesellschaftliche Position. Sie kommt zu dem Schluss, dass sie eher als ‚deviant insiders‘ der Gesellschaft zu betrachten sind als als verfemte Außenseiterinnen.

Gesamteindruck

Ungeordnete Unzucht enthält im Anhang eine große Anzahl abgedruckter Originalquellen (beispielsweise Wettejahrbücher aus dem Archiv der Hansestadt Lübeck sowie Luxus- und Kleiderordnungen aus Lübeck), auf die Dagmar Hemmie in den Fußnoten hinweist und die hier nach Belieben vertieft werden können. Positiv hervorzuheben ist an dieser Stelle, dass die fremdsprachigen Quellen in den Fußnoten der Abhandlung übersetzt sind; im Anhang fehlen jedoch leider die entsprechenden Übersetzungen. Zur besonderen Anschaulichkeit des Buches tragen neben den Originalquellen auch die in Teilen enthaltenen Stadtpläne von Lübeck, Helsingør und Bergen sowie die Karte ‚Bryggen‘ bei. Die Leserinnen und Leser können so angeführte Lokalitäten selbst nachvollziehen. Zusätzlich wurde dem Werk ein Personenindex beigefügt. Dieser bietet kundigen Leser/-innenn eine gute Möglichkeit, gezielt nach Personen zu suchen. Dem Unkundigen wird vielleicht ein Sachregister fehlen. Einzelne Stichworte können nicht nachgeschlagen werden.

Dagmar Hemmie gelingt es, die Leser/-innen in eine längst vergangene Zeit zurückzuversetzen und ihnen die Sorgen und Nöte der Prostituierten in der Zeit des 12. bis 16. Jahrhunderts anschaulich darzustellen. Keine Stelle des Werkes wirkt ermüdend oder langatmig. Der Wechsel zwischen den Jahrhunderten lässt sich mühelos nachvollziehen. Vielfach lässt die Autorin das Leben der damaligen Menschen für sich sprechen, was zu einer anhaltenden Authentizität und nicht zuletzt auch Spannung beiträgt. Die Kapitel des Buches folgen einem stringenten Aufbau, können aber auch einzeln – je nach Interesse – zur Recherche herangezogen werden.

Dagmar Hemmie liefert mit ihrem Buch Ungeordnete Unzucht einen vielseitigen und sehr zu empfehlenden Beitrag zur Erforschung der Prostitution in Nordeuropa.

URN urn:nbn:de:0114-qn092179

Eileen Lachmann

Universität Hannover, Juristischer Fachbereich, Lehrstuhl Zivilrecht und Rechtsgeschichte

E-Mail: eileen.lachmann@gmx.de

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