Katrin Huxel: Ein differenzierter Blick auf Jugendliche mit Migrationshintergrund

Ein differenzierter Blick auf Jugendliche mit Migrationshintergrund

Rezension von Katrin Huxel

Christine Riegel, Thomas Geisen (Hg.):

Jugend, Zugehörigkeit und Migration.

Subjektpositionierung im Kontext von Jugendkultur, Ethnizitäts- und Geschlechterkonstruktionen.

Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften 2007.

349 Seiten, ISBN 978–3–531–15251–6, € 39,90

Abstract: In ihrem Sammelband nehmen Christine Riegel und Thomas Geisen „Zugehörigkeit“ im Kontext von Jugend und Migration in den Blick. Die Beiträge richten sich dagegen, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund auf ihre ethnisch-kulturelle Zugehörigkeit reduziert werden, und fokussieren daher nicht ausschließlich auf ethnisch-kulturelle oder gar nationale Differenz, sondern rücken in intersektioneller Perspektive Positionierungen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in verschiedenen Kontexten und unter Berücksichtigung diverser Differenzen in den Blick. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf dem Zusammenwirken von Geschlecht und Ethnizität.

Zugehörigkeit und Migration jenseits von Kulturdifferenzhypothesen

Geisen und Riegel verstehen Zugehörigkeit als flexible und durchaus veränderliche Größe, als Produkt von Aushandlungen und Zuweisungsprozessen. Sie weisen in der Einleitung des Sammelbandes auf zwei Dimensionen von Zugehörigkeit hin, auf die „subjektiv-biografische Komponente“ und die „objektive Komponente im Sinne einer sozial-strukturellen Positionierung des Individuums im gesellschaftlichen Raum“ (S. 8). Die wachsende Bedeutung biographischer und anderer qualitativer, etwa narrativer Methoden in der Migrationsforschung spiegelt sich auch in den Beiträgen des Bandes wider. So kann die untersuchte Gruppe selbst zu Wort kommen, und ihre Selbstverortungen werden zum Gegenstand sozialwissenschaftlicher Forschung. Dies garantiert die Beachtung der subjektiv-biographischen Komponente von Zugehörigkeit. In den meisten Beiträgen gelingt die Kontextualisierung der Binnensichten der Subjekte in gesellschaftliche Strukturen, so dass auch die objektive Komponente berücksichtigt wird. Sowohl die Selbstverortungen und –positionierungen junger Menschen mit Migrationshintergrund als auch Zuweisungen von Positionen und gesellschaftliche Ein- und Ausgrenzungsprozesse sind damit Thema des Sammelbandes. Nicht die Annahme statischer und konflikthaft aufeinander treffender Kulturen steht dabei hinter den Beiträgen, sie stehen vielmehr in der Tradition von cultural studies und poststrukturalistischer Theorie, insofern sich immer wieder Konzepte wie Hybridität und Mehrfachzugehörigkeit in den Texten finden lassen.

Verortungen in sozialen und kulturellen Räumen

Die Beiträge des Bandes sind zwei thematischen Schwerpunkten untergeordnet: Die Texte des ersten Teils befassen sich mit Verortungen in sozialen und kulturellen Räumen. Thomas Geisen macht hier den Anfang mit einem Überblick über sozialwissenschaftliche Forschung zum Thema Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund. Er fragt nach Brüchen und Kontinuitäten in der wissenschaftlichen Konstruktion dieser Gruppe und kommt zu dem Schluss, dass die Essentialisierung von Kultur einer „breiteren sozialwissenschaftlichen Orientierung“ gewichen sei (S. 55). Auch Paul Mecheril und Bernhard Rigelsky widmen sich der Untersuchung von Konstruktionsprozessen. Sie erkennen in der Unterscheidung ‚Ausländer‘ und ‚Nicht-Ausländer‘ eine Leitdifferenz der deutschen Gesellschaft und behandeln deren Auswirkung auf die Pädagogik.

Den beiden diskurskritisch orientierten Texten folgen Darstellungen der Ergebnisse qualitativer, überwiegend mit narrativen Methoden arbeitender Studien, die in international vergleichender Perspektive oder auf nationaler oder auch regionaler Ebene Selbstpositionierungen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund untersuchen. In nahezu allen Texten stehen die Selbstpräsentationen der jungen Menschen im Vordergrund, es wird jedoch immer auch die gesellschaftliche Seite in den Blick genommen. So vergleicht Irina Schmitt die Selbstpositionierungen junger Menschen mit und ohne Migrationshintergrund in Kanada und Deutschland und fragt danach, wie sich der unterschiedliche gesellschaftliche Umgang mit Zuwanderung auf diese auswirkt. Erika Schulze weist auf das „Spannungsfeld von gelebter Realität einerseits und mehrheitsgesellschaftlichen Mythen andererseits“ hin (S. 98), in dem sich Jugendliche mit Migrationshintergrund aufhalten, die sich der Forderung eindeutiger Verortungen entziehen und in ihren Selbstpräsentationen auf multiple Zugehörigkeiten zugreifen.

Im virtuellen Raum ist der Beitrag von Urmila Goel verortet. Sie interviewte Nutzer/-innen eines Internet-Portals, das sich an Inder richtet und damit einen ethnisch definierten Raum im Internet darstellt. Sie fokussiert dabei weniger auf Selbstpositionierungen der Nutzer/-innen, sondern fragt nach Prozessen der Zuweisung der Position des ‚Anderen‘. Im untersuchten ‚Indernet‘ entdeckt sie einen Ort, an dem Mehrfachzugehörigkeit die „natio-ethno-kulturelle Norm“ darstellt, der aber „kein Gegenentwurf zur Mehrheitsgesellschaft“ ist (S. 179).

Aushandlungsprozesse um Ethnizität und Geschlecht

Unter dieser Überschrift steht der zweite Teil des Bandes. Damit tragen die Herausgebenden der Tatsache Rechnung, dass Zuschreibungen ethnischer Differenz häufig unter geschlechtlichen Vorzeichen getroffen werden. Umgekehrt wird auch Geschlecht unter ethnisierten Blickwinkeln betrachtet. So werden männliche Jugendliche mit Migrationshintergrund im gesellschaftlichen Diskurs anders thematisiert – nämlich vor allem als Täter und Problemfälle – als weibliche, die in erster Linie als Opfer ihrer patriarchalen Angehörigen auftauchen. Gerade männliche Jugendliche mit Migrationshintergrund sind jenseits problemzentrierter Darstellungen von der sozialwissenschaftlichen Forschung lange wenig beachtet worden. Dem vorliegenden Sammelband kommt das Verdienst zu, in seinen Beiträgen sowohlmännliche als auch weibliche Jugendliche zum Inhalt zu haben.

In den Aufsätzen von Asiye Kaya, Susanne Gerner und Christine Riegel stehen Migrantinnen im Mittelpunkt. Alle drei betrachten familiale und generationenübergreifende Beziehungen. So geht Kaya anhand eines Fallbeispiels auf Mutter-Tochter-Beziehungen im Migrationskontext ein und zeigt, dass diese Beziehung einen third space, also einen Ort der Vermischung von Kulturen schaffen kann. Auch Christine Riegel untersucht die Situation einer jungen Frau im Kontext ihrer Familie. Sie betont die Gefahr, dass junge Migrantinnen auf einen Opferstatus reduziert werden, und fragt dagegen nach deren Handlungsperspektiven und Möglichkeitsräumen. Dabei weist sie darauf hin, dass schwierige Familienverhältnisse nicht nur unter den Vorzeichen ethnisch-kultureller Differenz betrachtet werden können, sondern dass sie „zur Realität in Deutschland und anderen mitteleuropäischen Ländern“ gehören (S. 247).

Die folgenden drei Beiträge rücken junge Männer in den Blick. Sie richten sich gegen das gängige Bild des jugendlichen ausländischen und besonders türkischen Machos und plädieren für eine differenziertere Sicht auf junge Männer mit Migrationshintergrund. Paul Scheibelhofer analysiert die Positionierungen junger Türken in Wien und bedient sich dazu des Vokabulars aus der Männer- und Migrationsforschung. Er referiert Kritik am Konzept R.W. Connells und regt an, die Herstellung von Männlichkeit als Prozess zu betrachten und so mit Identitätskonzepten aus der Migrationsforschung zusammenzubringen. Susanne Spindler eröffnet eine neue Perspektive auf junge männliche Straftäter mit Migrationshintergrund, indem sie die Jugendlichen nicht auf ihre Herkunftskultur reduziert, sondern „aktuelle Lebensbedingungen“ wie Klassenlage, Bildungszugänge oder das Leben in benachteiligten Stadtteilen mit einbezieht (S. 289). Martina Weber fragt schließlich anhand von Beispielen aus zwei Studien nach den Wechselwirkungen von Selbst- und Fremdethnisierungen. Auch sie weist darauf hin, dass die Untersuchung der Situation junger Männer mit Migrationshintergrund nicht nur unter ethnisierender Perspektive geschehen darf. Stattdessen müssen „klassenspezifische Handlungsmuster“ (S. 318) in die Analyse integriert werden.

Geisen und Riegel versammeln in ihrem Band Beiträge zu aktuellen Untersuchungen aus dem Bereich der Migrationsforschung. Die Einnahme einer intersektionellen Perspektive trägt dazu bei, einen differenzierten Blick auf eine Gruppe zu werfen, die im Alltagsdiskurs homogenisiert und stereotyp dargestellt wird.

URN urn:nbn:de:0114-qn091143

Katrin Huxel

WWU Münster, Fachbereich Erziehungs- und Sozialwissenschaften

E-Mail: katrin.huxel@uni-muenster.de

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