Svenja Matusall: Gender im Mainstream der Wissenschaft?

Gender im Mainstream der Wissenschaft?

Rezension von Svenja Matusall

Carmen Leicht-Scholten (Hg.):

„Gender and Science“.

Perspektiven in den Natur- und Ingenieurswissenschaften.

Bielefeld: transcript Verlag 2007.

188 Seiten, ISBN 978–3–89942–674–8, € 21,80

Abstract: Das Thema ‚Wissenschaft und Geschlecht‘ wird derzeit viel diskutiert. Der vorliegende Sammelband stellt hierzu Forschungsvorhaben, Frauenförderungsprojekte sowie Konzepte aus Qualitätsmanagement und Universitätsverwaltung vor, um einen facettenreichen Einblick in dieses wachende Forschungs- und Politikgebiet zu geben.

Was sind „Gender-Aspekte“ in den Ingenieurs- und Naturwissenschaften? Wie können sie in Forschung und Lehre verankert werden? Wie kann ein Dialog darüber an einer technischen Hochschule angeregt werden? Diesen Fragen wurde an der RWTH Aachen im Sommersemester 2006 eine Ringvorlesung gewidmet, deren Beiträge nun schriftlich vorliegen.

Wie sieht es also aus, wenn Ansätze der Gender Studies auf naturwissenschaftlich-technische Forschung und Lehre angewendet werden?

In ihrem einleitenden Beitrag fragen Carmen Leicht-Scholten und Henrike Wolf: „Wie viel Gender ist im Mainstream der Wissenschaften?“ Ausgehend von der These, dass Chancengleichheit in der Forschung nicht nur Gerechtigkeit fördern soll, sondern auch ein bestimmender Faktor für wissenschaftliches Leistungsniveau und Effizienz ist, untersuchen sie, wie Professor/-innen der RWTH sich zu der Tatsache verhalten, dass Frauen kaum Spitzenpositionen besetzen. Die Ergebnisse sind für sich genommen interessant und regen zum Weiterdenken an, es wäre allerdings wünschenswert gewesen, wenn die Autorinnen diese etwas mehr reflektiert und interpretiert hätten. Gleiches gilt für die geringe Beteiligung an der Erhebung. Bei einer Rücklaufquote von 15% wirkt die statistische Aufbereitung des Materials zudem eher lächerlich (was ist eine große Mehrheit bei einer Stichprobe von 7?).

Renate Klees-Möller und Bärbel Rompeltien berichten aus dem Frauenförderungsprojekt MEDUSE der Universität Duisburg-Essen. Hier wird Frauenförderung als Umsetzung von Gender Mainstreaming verstanden. Sie ist fest im Hochschulmanagement eingebunden und versteht sich als wissenschaftliche Dienstleistung z. B. durch Mentoring, Karriereförderung für verschiedene Zielgruppen oder ein Internetportal. Die Autorinnen bewerten die Kombination von Frauenförderung und Gender Mainstreaming durchweg positiv und sehen sich auf dem richtigen Weg, „gender“ als Querschnittsaufgabe zu verankern. Im Gegensatz zu diesen als erfolgreich eingeschätzten Erfahrungen bewertet Corinna Onnen-Isemann die Versuche an der Universität Regensburg, Gender Studies als ein eigenes Fach zu etablieren, deutlich verhaltener. In ihrem Beitrag werden strukturelle Hindernisse deutlich, insbesondere in der Politik der Stellenverankerung: Nach einer Anfangsphase mit einer interdisziplinären Professur für Gender Studies ist diese inzwischen an eine Public Health Professur angegliedert, und die Autorin befürchtet, dass dies das Aus für die interdisziplinäre Ausrichtung des Studienangebots bedeutet.

Nina Bessing und Helga Lukoschat stellen das Projekt „Discover Gender“ der Fraunhofer Gesellschaft vor. Die Integration der Kategorie „Gender“ in Forschung und Entwicklung hatte das Ziel, die Innovationsfähigkeit zu erhöhen. Optimierungsansätze waren zum einen, durch die Berücksichtigung der „Gender“-Perspektive die Zielgruppen für neue Produktentwicklungen besser zu definieren, und zum anderen, durch heterogene Entwicklungsteams ein innovativeres Potenzial freizusetzen.

Fachkultur und gesellschaftliche Akzeptanz

Aus dem Rahmen der betriebswirtschaftlichen Perspektive dieser Beiträge fallen die Ausführungen von Mineke Bosch, die wissenschaftliche Karrieren von Frauen in den letzten vier Jahrhunderten nachzeichnet und zu dem Schluss kommt, dass Frauen nicht „schon immer“ aus Naturwissenschaft und Technik ausgegrenzt waren. So war es beispielsweise im 17. und 18. Jahrhundert für gebildete Frauen deutlich einfacher, sich naturwissenschaftlich zu betätigen als in klassischen akademischen Disziplinen. Die ersten Studentinnen im 19. Jahrhundert studierten deutlich häufiger Medizin oder Naturwissenschaften als Recht oder Geisteswissenschaften. Auch heute könne nicht global von einer geringeren Anzahl an weiblichen Studierenden in Naturwissenschaft und Technik gesprochen werden: So sei die Frauenquote in diesen Fächern in der Türkei beispielsweise deutlich höher als in den Niederlanden. An diese Erkenntnis schließt Britta Schinzels Beitrag über die Geschlechtergerechtigkeit in der Informatik an. Ihre These: Je sichtbarer in einer Gesellschaft symbolische Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind (z.B. Kleidung, klare Arbeitsteilung in der Familie), desto leichter ist es, diese Unterschiede aus Ausbildung und Beruf herauszuhalten. (Kurzum: Wenn klar ist, wer zuhause der Chef ist, kann frau auch Ingenieurswesen studieren, ohne ihre Weiblichkeit aufgeben zu müssen.) Ein weiterer spannender Aspekt an Schinzels Beitrag ist, dass Fachkulturen beleuchtet werden und dabei festgestellt wird, dass Frauen eher Informatik studieren, wenn ein klarer Anwendungsbezug versprochen wird. Auch die Texte von Christine Wächter und Monika Bessenroft-Weberpals beschäftigen sich mit dem Thema ‚Fachkultur‘ und bestätigen diese Beobachtung. Die Autorinnen argumentieren jeweils, dass die männlich dominierte Fachkultur in Ingenieurswissenschaft, Technik und Naturwissenschaften durchbrochen werden muss, wenn der Anteil weiblicher Studierender erhöht werden soll. Beide unterstreichen, dass auch Männer von veränderten Lehr- und Lernbedingungen profitieren könnten. Wächter hebt zusätzlich hervor, dass gerade in Ingenieurswissenschaften eine gendersensible Sprache, die Frauen sichtbar macht, notwendig ist. Susanne Ihsen weitet Gender Mainstreaming zeitgemäß zum „Diversity Mainstreaming“ aus und betont, dass die geheimen Codes von Fachkulturen zu Ausgrenzungsmechanismen führen und daher durch gezielte Interventionen durchbrochen werden müssen, wenn Frauen integriert werden sollen. Allan Fisher und Jane Margolis schildern ihre Erfahrungen damit, das Studienfach Informatik für Frauen attraktiver zu machen. Sie betonen, dass solche Bestrebungen immer den lokalen Verhältnissen angepasst werden müssen.

Nach einer etwas äußerst knappen Darstellung der Geschichte von ‚Frauen und Medizin‘ diskutieren Claudia Hornberg und Michaela Weishoff-Houben die Bedeutung der Kategorie „Gender“ in der Gesundheitsforschung und stellen fest, das Gesundheitssystem müsse seine „Gender-Blindheit“ überwinden und geschlechtsspezifische Angebote schaffen, um die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern in der Gesundheitsversorgung zu mindern.

Fazit

Die Beiträge zeigen, dass es kein leichtes Unterfangen ist, Gender Studies in Naturwissenschaft und Technik zu etablieren, da selbst bei einer gewissen Sensibilität für Fragen der Geschlechtergerechtigkeit doch zumeist die Bereitschaft fehlt, selbst etwas zu verändern. Die Praxisbeispiele zeigen, wie es aussehen kann, Gender Mainstreaming an Hochschulen umzusetzen. Das „Spannungsfeld“ zwischen Gender Mainstreaming und Gender Studies wird dabei zwar jeweils kurz angerissen, aber nicht weiter diskutiert. So bleiben wir im Unklaren darüber, worin die Autorinnen die Spannungen sehen und wie sie sich selbst dazu verorten. Dafür zeigen diese Beispiele mehrheitlich, dass mit der Kategorie „Gender“ Frauenpolitik an Bedeutung verliert und „Gender“ zu einem betriebswirtschaftlichen Faktor von Effizienz und Innovation wird. Es fehlt eine Reflektion dessen, was erreicht werden soll und was Geschlechtergerechtigkeit eigentlich ist. Die Beiträge, die sich mit Fachkulturen in Natur- und Ingenieurswissenschaften befassen, zeigen deutlicher, warum diese Disziplinen männlich dominiert sind und warum es schwer ist, diesen Zustand fachintern zu verändern, denn schließlich spielt eine Vielzahl gesellschaftlicher, kultureller und sozialer Faktoren eine Rolle – aber auch hier haben Frauen- und Geschlechterforschung mehr zu bieten. Es wäre sicher hilfreich gewesen, wissenschaftsethnographische Studien, wie sie Feministinnen insbesondere im anglo-amerikanischen Sprachraum vornehmen, zu berücksichtigen. Gerade in Kenntnis dieser Forschungen weckt der Titel Erwartungen an mehr als eine Engführung von Gender Studies auf Management und Karriereförderung, wie sie für die meisten Beiträge kennzeichnend ist.

Zudem wäre ein gründlicheres Lektorat dem Lesefluss sicher entgegengekommen.

URN urn:nbn:de:0114-qn091216

Svenja Matusall

ETH Zürich, Zentrum Geschichte des Wissens, Homepage: http://www.wiss.ethz.ch/pfw/personen_matusall.html

E-Mail: matusall@wiss.gess.ethz.ch

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