Sabine Kittel: Ereignis – Erinnerung – Erzählung. Über die Analyse von Interviews mit Überlebenden der Konzentrationslager

Ereignis – Erinnerung – Erzählung. Über die Analyse von Interviews mit Überlebenden der Konzentrationslager

Rezension von Sabine Kittel

Ulrike Jureit:

Erinnerungsmuster.

Zur Methodik lebensgeschichtlicher Interviews mit Überlebenden der Konzentrations- und Vernichtungslager.

Hamburg: Ergebnisse-Verlag 1999.

427 Seiten, ISBN 3–87916–046–5,  

Abstract: Ulrike Jureits Buch Erinnerungsmuster: Zur Methodik lebensgeschichtlicher Interviews mit Überlebenden der Konzentrations- und Vernichtungslager stellt die Ansätze verschiedener Fachdisziplinen für die Arbeit mit Oral History vor. Sie macht sich die Methoden der Geschichtswissenschaft, Psychologie, Soziologie, Kultur- und Literaturwissenschaft zu nutze, um einen Zugang zu den Erzählungen von ehemaligen Konzentrationslagerhäftlingen zu erhalten. Anhand von Beispielen stellt sie verschiedene Lebensgeschichten von Überlebenden und deren individuellen Umgang mit der Geschichte sorgfältig und in ihrer ganzen Komplexität vor. Der Ansatz der Interdisziplinarität wird bei der Analyse und Interpretation der Erinnerungen dabei konsequent verfolgt.

Mit der Publikation ihrer Dissertation hat Ulrike Jureit ein Werk vorgelegt, das sich grundlegend mit den unterschiedlichen Ansätzen zur Analyse lebensgeschichtlicher Interviews mit ehemaligen Häftlingen der Konzentrations- und Vernichtungslager befaßt. 427 Seiten umfaßt ihr Buch, das sich in zwei Teile aufteilt: Die Darstellung unterschiedlicher methodischer Ansätze der wissenschaftlichen Analyse von lebensgeschichtlichen Interviews findet im ersten Teil statt; im zweiten interpretiert sie sechs lebensgeschichtliche Interviews mit Überlebenden – drei Männer und drei Frauen – mit den zuvor präsentierten Methoden. Eine ausführliche Bibliographie am Ende des Buches gibt einen Überblick über die aktuelle Literatur zum Thema.

Ulrike Jureit hat seit vielen Jahren Interviews mit ehemaligen Häftlingen des Konzentrationslagers Neuengamme durchgeführt. Auf ihre Erfahrung mit diesen Interviews stützt sie sich in ihrer Untersuchung. „Indem wir uns an vergangene Ereignisse erinnern, aktualisieren wir sie“, schreibt sie in der Einleitung. „Was aber geschieht genau, wenn ein Mensch sein Leben Revue passieren läßt? Was können Historiker mit dem anfangen, was Zeitgenossen heute erinnern?“ (S. 10) Jureit sucht mit ihrer Arbeit einen Weg, die Erinnerungen von Überlebenden für die Geschichtswissenschaft nutzbar zu machen. Den Prozeß vom Ereignis zur Erinnerung und dann zur Erzählung nachvollziehbar zu machen und darüber hinaus noch historische Erkenntnisse zu gewinnen, ist das Ziel des Buches.

Methodische Ansätze

Oral History ist bei Historikern nach wie vor umstritten, gerade weil sie keine zuverlässigen empirischen Daten, sondern lediglich eine subjektive Dimension zu historischen, objektiven, Ereignissen liefert. In ihrer Untersuchung stellt Jureit die wesentlichen methodischen Ansätze der Auswertung von mündlich erzählter Geschichte vor und diskutiert sie vor dem Hintergrund unterschiedlicher Fachdisziplinen. Kapitelweise präsentiert sie die verschiedenen Interpretationsansätze zu Oral History: Für die Geschichtswissenschaft zieht sie beispielsweise die Alltagsgeschichte, vor allem aber die Erfahrungsgeschichte als mögliche Perspektive heran, um die subjektive Dimension der Bedeutung des Vergangenen aufzuwerten und nachvollziehbar zu machen. Der Prozeß des Erinnerns stelle eine „Erfahrungssynthese“, also eine Verbindung zwischen Vergangenem und Gegenwärtigen dar. Die Auseinandersetzung mit der subjektiven Bedeutung des Vergangenen im Sinne der Erfahrungsgeschichte, so Jureit, könnte menschliche Erfahrungen ins Zentrum der Forschung rücken und damit Erkenntnisse erhalten, die nur in mündlicher Form übermittelt werden. (S. 27)

Jureit stellt eine Reihe von Kriterien auf, um Interviews für die historische Forschung quellenkritisch zuverlässig verwenden zu können. Wie wir sehen können, stehen die Rahmenbedingungen der Interviewsituation und der anschließenden Auswertung im Mittelpunkt des Interesses: Das Original der Interviews und nicht nur die Transkription muß als Quelle der Interpretation herangezogen werden; der Entstehungsrahmen des Interviews und die Intentionen der Interviewten mit dem Gespräch müssen berücksichtigt werden, denn sie sind folgenreich für die Form der Darstellung; wurde das Erzählte selbst erlebt oder wird im Interview erzählt, was über Dritte erfahren wurde? Es muß für Außenstehende möglich sein, das Interview zur Überprüfung der Aussagen einzusehen; die Interpretierenden sind zur Überprüfung des Wahrheitsgehaltes des Interviews und zur Verifizierung des Erzählten aufgefordert; der Prozeß der individuellen Sinnkonstruktion der Geschichte der Interviewten aus der heutigen Perspektive sollte herausgearbeitet werden. (S. 31 ff.)

Der Schwerpunkt Gedächtnis und Erinnerungskultur ist in den letzten Jahren immer mehr und disziplinübergreifend diskutiert worden. Ihm geht Jureit unter den methodischen Blickwinkeln der Psychoanalyse kritisch nach. Begriffe wie ‚Verdrängung‘ oder ‚Übertragung‘ werden auf die Verwendbarkeit für die Analyse der Interviews mit Überlebenden überprüft. Die Erzählungen von ehemaligen Häftlingen beziehen sich auf traumatische Ereignisse, dennoch stellen die Begegnung mit den Interviewten keine therapeutische Beziehung her. Das Erkenntnisinteresse der historischen Forschung sei ein anderes, resümiert sie. Nichtsdestotrotz sieht Jureit in der Psychoanalyse die Möglichkeit, sowohl wichtige Einblicke in das Verhältnis von Wissenschaftlerin bzw. Wissenschaftler und Interviewten zu bekommen als auch Erklärungsansätze für die Erzählstrukturen des Interviews zu finden.

Die methodischen Ansätze in der Soziologie, in der Kulturwissenschaft und Literaturwissenschaft überprüft sie ebenso gründlich, so daß sich für alle von ihr untersuchten wissenschaftlichen Disziplinen eine fundierte Aussage bezüglich des Forschungsstandes für die Oral History Forschung – in Deutschland – treffen läßt. Die Interpretation lebensgeschichtlicher Interviews sollte sich auf die Individualität der einzelnen Erzählweisen einlassen; dies läßt sich, ihrer Ansicht nach, disziplinübergreifend am besten durchführen. Allerdings solle diese Interdisziplinarität nicht in einer Verschmelzung der Ansätze, sondern vielmehr in der für das individuelle Interview adäquaten Anwendung einer Methode umgesetzt werden. Auf diese Weise entwickelt Jureit ein Instrumentarium, die Interviews mit Zeitzeugen und Zeitzeuginnen für die Geschichtswissenschaft zu nutzen. Warum sich Ulrike Jureit allerdings nicht international orientiert und zumindest in Ansätzen die Oral History und Holocaust Forschung der USA, die ihr nicht unbekannt sein wird, einbezieht, ist für mich nicht nachvollziehbar. Die aktuelleren Diskussionen in den USA hätten sicherlich einiges an Unterstützung und Anregung für ihr Anliegen, Oral History für die Geschichtswissenschaft anwendbar zu machen, bringen können.

Wegbeschreibungen

Der zweite Hauptteil des Buches präsentiert sechs Biographien von Überlebenden der Konzentrationslager, die sie Wegbeschreibungen nennt. Hierbei soll, wie Jureit voranstellt, vor allem der lebensgeschichtliche Charakter der Interviews und der individuelle Erinnerungsprozeß herausgearbeitet werden. Der Begriff „Wegbeschreibung“, wie sie die Vorgehensweise nennt, „hat gegenüber den bisher gebräuchlichen Bezeichnungen den Vorteil, daß er sowohl passive als auch aktive Momente einzubeziehen vermag.“ (S. 131) Mit der Präsentation der individuellen Lebensgeschichten der Überlebenden soll den gängigen Bildern entgegengewirkt werden, in denen die Verfolgten entweder als passive Opfer der Nationalsozialisten oder als Heldinnen und Helden gesehen würden. Anhand der Lebensrückblicke, die die Vielfalt der Verfolgungserfahrungen und die Differenziertheit des Umganges mit den Erfahrungen heute aufzeigen, soll ein solches polares Raster aufgelöst werden.

Nach so viel Theorie freut sich die Leserin dann auch auf die praktische Anwendung der Methoden. Die im ersten Teil des Buches aufgestellten Kriterien für die Arbeit mit lebensgeschichtlichen Interviews werden in diesem zweiten Teil umzusetzen versucht. Selbst in der Präsentation der Personen verfolgt Jureit durchgängig das Ziel, methodische Herangehensweisen und Interpretationen zu beleuchten, zu erklären und damit den Erkenntnisprozeß ihrer Arbeit deutlich zu machen. Ihre Analysen sind daher durchwoben von quellenkritischen Anmerkungen, die sich auf Schwächen des menschlichen Gedächtnisses, Überlagerungen verschiedener Zeitabschnitte, auf äußere Einflüsse der Erinnerungsarbeit beziehen. Jedes Kapitel ist in drei Abschnitte eingeteilt: Die behutsame Darstellung der Lebensgeschichte bildet den ersten Teil. Der zweite befaßt sich mit den individuellen Umgangsweisen der Befragten mit ihrer Geschichte, die Jureit mit einer von ihr ausgewählten Methodik interpretiert; der dritte Teil diskutiert im Anschluß daran, ob sich die verwendete Methode als konstruktiv für die durchgeführte Analyse erwiesen hatte.

Jureit bleibt in ihrer Untersuchung dicht an den Personen, die sie uns vorstellt. In diesem zweiten Teil diskutiert sie konsequent verschiedene Aspekte ihres Erkenntnisinteresses an den konkreten Fällen. So untersucht sie beispielsweise geschlechtsspezifische Verfolgungserfahrungen nicht innerhalb eines gesonderten Kapitels, sondern geht dieser Frage anhand der Erzählung einer Überlebenden, Ewa Wiegand, nach, die über den Zusammenhalt ihrer Häftlingsgruppe im Lager berichtet. „Ist die Kleingruppenbildung von weiblichen Häftlingen die weibliche Variante der Häftlingssolidarität,“ fragt sie provozierend, „während Männer ihrer Sozialisation entsprechend den politisch-öffentlichen Teil repräsentieren?“ (S. 254), um dann als Ergebnis dieser Diskussion zu dem Schluß zu kommen, daß sich in diesen Bildern auch sehr viele Klischees reproduzieren. Die Erzählungen der Überlebenden seien von individuellen und kollektiven Mustern weiblicher und männlicher Rollenzuweisungen beeinflußt, die die Verfolgungsrealität in der Erzählung im nachhinein verändern. Ähnliche Fragen der Geschlechterforschung greift sie innerhalb ihrer Arbeit mehrmals auf.

Die von ihr ausgewählten und vorgestellten Biographien spiegeln eine sehr heterogene Gruppe von Einzelschicksalen wider, bei denen die Interviewerin unterschiedliche Aspekte in den Lebenswegen beleuchten konnte. Insgesamt schien es mir, daß Jureit eine weitaus kritischere Distanz zu den Berichten der männlichen Zeitzeugen als zu denen der weiblichen Überlebenden entwickelt hatte, was sich auch des öfteren in der Ungeduld oder im Unverständnis ihrer Kommentierung in der Erzählung niederschlug.

Erinnerungsmuster

Ulrike Jureit hat den Schritt unternommen, Oral History auch für die Geschichtswissenschaft nutzbar zu machen. Die vorgestellten Interviews wurden von ihr nachvollziehbar der Quellenkritik unterzogen, und sie bekamen damit wissenschaftliche Zuverlässigkeit zugesprochen, die an manchen Stellen auch begründet relativiert wurde. Jureit hat mit ihrer Arbeit auch für die Oral History ein passierbares „Nadelöhr“(S. 29) der quellenkritischen Betrachtung des historischen Erkenntnisprozesses vorgelegt. Die Art und Weise, wie sie dies in ihren Beispielen durchsetzt, kommt aber leider zuweilen ein wenig sperrig daher. So habe ich mich manches Mal gefragt, wo nun der Schwerpunkt meines Interesses beim Lesen der „Wegbeschreibungen“ liegen soll, bei den Biographien und Beschreibungen der Überlebenden oder bei den methodischen Zugangsweisen und Interpretationsmodellen. Ich konnte mich außerdem des Eindrucks nicht erwehren, daß die methodische Einschätzung und der Versuch der quellenkritischen, objektiven Betrachtung eine gewisse Ferne zum Schicksal und den Verhaltensweisen der Interviewten nach sich zieht, die Personen zu sehr objektiviert werden. So kommentiert Jureit beispielsweise die (verständliche und leider auch vergebliche) Flucht Karl Himmels vor seiner Zwangssterilisation im Jahre 1937 mit dem fast ungerührten Satz: „Damit begegnet er auch dieser Konfliktsituation mit einem Verhaltensmuster, durch das er sich bereits in den Streitigkeiten im Elternhaus zu entziehen versucht hatte.“ (S. 203) Hätte Karl Himmel denn – so, wie es dieser analytische Kommentar nahelegt –, überhaupt eine Wahl gehabt? Sein sehr verständliches Verhalten wird meiner Meinung nach in Jureits psychologischer Deutung ganz und gar entpolitisiert.

Zu fragen wäre daher grundsätzlich, ob es denn sinnvoll ist, Interviews mit Überlebenden der Konzentrationslager nur wie eine andere Quelle zu betrachten. Ist es nicht gerade das Besondere der Oral History, daß wir über die Erzählungen von Überlebenden einen ganz anderen Zugang zu den Ereignissen bekommen, der uns sonst verschlossen bleiben würde? „Lebensgeschichtliche Erinnerungsinterviews ermöglichen […] keinen unmittelbaren Zugang zur sozialen Wirklichkeit“, schreibt Ulrike Jureit am Ende ihres Buches (S. 376) Das ist schon richtig, jede Erzählung von Ereignissen wird im Augenblick des Sprechens verformt. Es sollte allerdings meiner Meinung nach nicht vergessen werden, daß Überlebende der Konzentrationslager in ihren Erzählungen über etwas sprechen, das sich für uns bis heute jeder Logik entzieht. Für die Interviewsituation werden ihre traumatischen Erinnerungen zu einer stringenten und nachvollziehbaren Geschichte mit Höhepunkten geformt – um uns, den Zuhörenden, ihre Geschichte erzählen zu können, die uns sonst nicht begreifbar wäre. Wir sollten versuchen, uns in diesen Geschichten zurechtzufinden, in dieser inneren Logik etwas zu erkennen. Denn was sonst ist Geschichte?

„Was können Historiker mit dem anfangen, was Zeitgenossen heute erinnern“, fragt Jureit zu Beginn ihres Buches. Nach der Lektüre des zweiten Teils von Erinnerungsmuster könnte man auch fragen, was sind Historikerinnen und Historiker bereit, von den Überlebenden zu hören? Sind wir bereit, andere Töne, Zwischentöne wahrzunehmen und in ihrer Unbegreifbarkeit stehen zu lassen? Diese Frage zu beantworten, war allerdings nicht die Aufgabenstellung, die sich Ulrike Jureit mit ihrem Buch vorgenommen hatte. Sie hat mit Erinnerungsmuster ein grundlegendes Werk vorgelegt, auf das sich sicherlich viele Forscherinnen und Forscher, die mit Interviews von Überlebenden der Konzentrationslager arbeiten, stützen werden und können.

URN urn:nbn:de:0114-qn021232

Sabine Kittel

Berlin

E-Mail: kittel@w4w.de

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