Annette Kliewer: Ein Kanon ganz für uns allein?

Ein Kanon ganz für uns allein?

Rezension von Annette Kliewer

Marlen Bildwell-Steiner, Karin S. Wozonig (Hg.):

A Canon of Our Own?

Kanonkritik und Kanonbildung in den Gender Studies.

Innsbruck: StudienVerlag 2006.

278 Seiten, ISBN 978–3–7065–4340–8, € 24,00

Abstract: Die Gender-Studies haben sich immer wieder damit hervorgetan, dass sie den traditionellen Kanon im Wissenschaftsbetrieb kritisierten. Nun veranstaltete das Referat Genderforschung der Universität Wien vom 28. bis 29. 11. 2005 eine internationale Tagung, bei der nach Existenz, Entwicklung und Sinn eines Kanons für die Frauen- und Geschlechterforschung selbst gefragt wurde. Mit dieser wissenschaftspolitischen Tagung wurde das Thema einer Ringvorlesung „Ein Kanon ganz für uns allein?“ (Sommersemester 2005) auf Fragen des internationalen Wissenschaftstransfers ausgedehnt. Auch in den Gender Studies gibt es Kanonisierungen, die Wissenschaftlerinnen ausschließen, vor allem aus nichtwestlichen Zusammenhängen, seien es postkoloniale oder postsozialistische Staaten. Eingeladen waren deshalb Referentinnen aus 15 verschiedenen Ländern.

Disziplinierter Raum, Zwischen-Raum, Verhandelter Raum

Ausgangspunkt der Tagung ist ein kanonisierter Text der Gender-Studies: Virginia Woolfs A room of One´s own aus dem Jahr 1929. Woolfs Essay zeigt, wie Frauen aus den kanonwürdigen Werken ausgegrenzt wurden und welche utopischen Möglichkeiten es gäbe, „wenn wir ungefähr ein weiteres Jahrhundert leben … und jede von uns … ein eigenes Zimmer hat; wenn wir die Freiheit gewohnt sind und den Mut haben, genau das zu schreiben, was wir denken.“ Woolf spricht hier von einem „Wir“ der Frauen, doch heute, fast ein Jahrhundert nach ihrer Prophezeiung, scheint es eine neue Form der Aussonderung zu geben, die Frauen eben nicht mehr als Einheit sieht. Bestimmtes Wissen wird als relevant gesehen und wer Judith Butler nicht zitieren kann, hat in den westlichen Gender Studies sowieso das Thema verfehlt.

Diese Situation greifen die Organisatorinnen der internationalen Tagung auf, indem sie Frauen aus den unterschiedlichsten regionalen, nationalen und sozialen Zusammenhängen eingeladen haben. Das Buch ist in drei „Denkachsen“ gegliedert. Im ersten Teil kommen unter dem Stichwort „Disziplinierter Raum“ vier Fächer zu Wort, die eine lange Tradition der Kanonbildung aufweisen: An den Fächern Theologie, Medizin (der Medizinhistoriker Hans-Uwe Lammel ist der einzige männliche Beiträger der Tagung), Naturwissenschaften und Literaturwissenschaft werden beispielhaft Momente der Gender-Kanonkritik gezeigt. Eingeleitet wird dieser Teil durch einen Beitrag Aleida Assmanns zu der Verschränkung von „Archiv“ (als grundsätzlich verfügbarer Wissensspeicher) und „Kanon“ als immer neu verhandelter Auswahl von relevantem Wissen. Ein zweiter Einleitungstext von Marlen Bidwell-Steiner betont die Notwendigkeit von verbindlichen Kanones als Ausgangsbasis für eine Kanonrevision.

Im zweiten Teil werden „Im Zwischenraum“ Übergangsprozesse von etablierten zu sich neu formierenden Kanones diskutiert. Ausgehend von Theorien wie den „Queer Theories“ (S. Hochreiter) oder den „Postkolonialen Theorien“ (A. Babka) wird das Problem der Verortung von Wissen in unterschiedlichen Kontexten und damit das der „Übersetzbarkeit“ (im konkreten und übertragenen Sinn) von Theorien diskutiert. T. Barchunova, E. Barát, M. Blagojevic und R. M. Popa beziehen sich jeweils auf ihre Wissenschaftslandschaft in Russland, Ungarn, Serbien und Rumänien. Es ist ein besonderes Verdienst der Tagung (die nicht zufällig in Österreich stattgefunden hat), dass so viele Teilnehmerinnen aus der „Semi-peripherie“ (Blagojevic) Mittelosteuropas eingeladen werden konnten. Nicht ganz einsichtig ist in diesem Kontext der Beitrag von Karin Harrasser über die (Nicht-)Kanonisierung des Cyberfeminismus.

Im dritten Teil schließlich finden sich unter dem Titel „Verhandelter Raum“ Fragen der Kanonbildung in den sich institutionalisierenden Gender Studies. Seit sie sich im wissenschaftlichen Betrieb etabliert haben, sehen auch sie sich mit der Notwendigkeit konfrontiert, eine gemeinsame Wissensbasis festzulegen, die in Forschung und Lehre Verbindlichkeit hat. Dieser Vorgang darf – so jedenfalls das Selbstverständnis der Forscherinnen – aber nie den Prozesscharakter verlieren. Deshalb wird etwa von Veronika Wöhrer die Forderung aufgestellt, dass es für eine Fortentwicklung der Gender-Forschung notwendig sei, auch die Beiträge am akademischen oder geographischen „Rand“ zur Kenntnis zu nehmen. Neben der Öffnung hin zu nicht-westlichen Forscherinnen – so die Herausgeberinnen – bezog die Tagung deswegen auch Beiträgerinnen ein, die nicht im institutionalisierten, akademischen Kontext der Gender Studies arbeiten, sondern aus politischen Zusammenhängen der Frauenbewegung kommen. Christina Lutter behauptet denn auch in ihrem Vorwort, die wichtigste „Botschaft“ der Tagung sei das „Bekenntnis zur Sensibilität für Kontexte“. Die Teilnehmerinnen zeigen, unter welch unterschiedlichen Bedingungen Wissenschaft und Forschung stattfindet und sehen damit das Ausgangspostulat der Gender Studies bestätigt, die die Standortgebundenheit des forschenden Subjekts in die Wissenschaftskritik einbezieht.

Eine Öffnung des Kanons findet sich auch in der Auswahl der Beiträge dieses Bandes: Eine thematische Heterogenität ergibt sich schon aus der unterschiedlichen Herkunft der Beiträgerinnen. Das ist bereichernd, hat aber auch eine gewisse Beliebigkeit. Aber so ist das nun einmal, wenn man den Kanon öffnet!

URN urn:nbn:de:0114-qn083179

Dr. habil. Annette Kliewer

Landau, Universität Koblenz-Landau, Institut Germanistik

E-Mail: annette.kliewer@wanadoo.fr

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