Kathrin Hönig: Antike triebtheoretisch und chiasmatisch

Antike triebtheoretisch und chiasmatisch .

Rezension von Kathrin Hönig

Alice Pechriggl:

Chiasmen.

Antike Philosophie von Platon zu Sappho – von Sappho zu uns.

Bielefeld: transcript 2006.

188 Seiten, ISBN 978–3–89942–536–9, € 20,80

Abstract: Der disziplinenübergreifende Zugriff auf die Antike unter Einbezug der Psychoanalyse bewegt sich abseits der traditionellen philosophischen und philologischen Pfade. Der chiasmatische Ansatz ist freilich nicht unproblematisch. Er führt zu originellen Thesen, erschwert jedoch eine stringente Argumentation.

Es sei auch Aufgabe der Philosophie, das philosophische Potential nichtphilosophischer Texte zu heben. So formulierte es einmal Michael Theunissen und warnte damit vor einer dogmatischen Selbstbeschränkung der (professionell) Philosophierenden. Insofern ist Alice Pechriggls Befürchtung, ihre These, der frühgriechischen Lieddichterin Sappho gebühre eigentlich ein Platz im Kanon der vorsokratischen Denker, könne „monströs“ (S. 15) erscheinen, unbegründet – jedenfalls, sofern man kein dogmatisches Philosophieverständnis zugrunde legt. Im Gegenteil, die These ist zu begrüßen und sie verdient es, ausgearbeitet zu werden.

Sappho als Dichterphilosophin

Leider muss das Buch, welches Sappho systematisch als Dichterphilosophin rekonstruiert, noch geschrieben werden. In Chiasmen. Antike Philosophie von Platon zu Sappho – von Sappho zu uns ist diesbezüglich höchstens ein Anfang gemacht. Das liegt nicht nur daran, dass sich von den acht Kapiteln nur eines der These widmet, sondern auch, dass dieses Kapitel den Nachweis im Grunde schuldig bleibt. Von den rund 200 erhaltenen Fragmenten Sapphos (ein einziges Lied ist vollständig überliefert) greift Pechriggl nur gerade einmal sechs auf. Bei einem davon ist zudem Sapphos Autorschaft unsicher (was Pechriggl allerdings nicht thematisiert). Sodann geht es der Autorin in diesem Kapitel nicht nur darum, die Philosopheme in Sapphos Dichtung zu heben. Sie möchte darüber hinaus rezeptionsgeschichtliche oder zumindest ideengeschichtliche Verbindungen zu Platon knüpfen. Mit anderen Worten: sie möchte Sappho als eine „Vorläuferin Platons“ (S. 83) erschließen. So spannend und sicherlich auch lohnenswert die Thesen Pechriggls sind, so sind sie doch für den ihnen eingeräumten Platz zu ehrgeizig. Das Kapitel liefert bestenfalls einen Vergleich ausgewählter Textstellen aus der Perspektive der Begriffstrias Eros, Anteros, Thanatos, also Liebe, Gegenliebe, Tod bzw. Sterblichkeit. Dass Eros und Thanatos Thema sowohl bei Sappho als auch bei Platon sind, ist unbestritten; dass sie eine existentielle Dimension haben, ebenso. Trotzdem befriedigt Pechriggls Gegenüberstellung nicht ganz. Sappho als historische Figur bleibt blass. Und die Erschließung der Philosopheme ihrer Gedichte verdiente eine gründlichere, möglicherweise zunächst stärker immanent verfahrende Behandlung.

Triebtheorie und politisches Imaginäres

Pechriggl bezeichnet das Sappho-Platon-Kapitel als „Kernstück“ (S. 7) ihres Buches. Dieses umfasst zwei Teile: Teil I trägt den Titel „Chaos – Psyche-Soma – Kosmos“ und lässt sich am besten durch die von der Autorin selbst vorgeschlagene Formulierung „triebtheoretische Aspekte der griechischen Philosophie“ (S. 17) charakterisieren. Unter anderem geht es in diesem Teil um Lust und Freundschaft bei Aristoteles, um den Genos-Begriff und die (aristotelische) Zeugungslehre, um Platons schillernden Chora-Begriff mit Blick auf das Weibliche oder um die schwierige Beziehung zwischen Seele und Leib sowie ihr Verhältnis zur Geschlechterdifferenz. Teil II trägt den Titel „Polis“ und widmet sich dem „politischen Imaginären, insbesondere […] den politischen Implikationen des politischen Körperimaginären“ (S. 18). Thema in diesem Teil sind etwa das Phänomen und die Wirkungen des Gerüchts bzw. der Propaganda in der Polis oder die Formierung des politischen Raumes, welche auch damals schon über einen Ausschluss (den der Frauen sowie weiterer sozialer Gruppen) verlief. Das Ganze steht unter dem Siegel des Chiasma bzw. eines chiasmatischen Ansatzes.

Chiasmatischer Ansatz

Das Chiasma, abgeleitet vom griechischen Buchstaben Chi, der von der Form her dem lateinischen „X“ entspricht, „bezeichnet eine Figur der überkreuzten Verknüpfung von zuerst vertikal entgegen gesetzten und horizontal korrespondierenden oder identifizierten Begriffspaaren. Dabei werden vier Extreme zweier Hälften in einer geometrisch oder semantisch möglichen aber formallogisch problematischen Konstellation miteinander in Beziehung gesetzt“ (S. 9). Als Beispiel zweier formallogisch nicht korrespondierender Begriffspaare nennt Pechriggl das Paar Selbst-Anderes sowie das Paar Eigenes-Fremdes. Im Chiasma werden alle vier Begriffe in Beziehung zueinander gesetzt, sodass etwa Selbst und Fremdes oder Eigenes und Anderes ein neues Paar bilden können. „Es geht also um ein Begriffsmobile, dessen Mischungen und Verknüpfungen je nach Modus, Zusammenhang und Art der Begriffspaare variieren können.“ (S. 10) Gemäß Pechriggl ist das Chiasma der „methodologisch beste Schlüssel“ (Umschlagtext) zur Bearbeitung der gewählten antiken Autor/-innen. Es bleibt freilich unklar, ob das Chiasma „nur“ ein Analyseinstrument ist, oder ob Pechriggls eigenes Vorgehen, ihre eigene Argumentation als chiasmatisch zu verstehen sind. Hier liegt meines Erachtens das größte Problem des an sich lobenswerten Unternehmens.

„Queere“ Sicht auf die Antike

Lobenswert ist, dass mit Chiasmen. Antike Philosophie von Platon zu Sappho – von Sappho zu uns ein im deutschsprachigen Raum seltener Zugriff auf die griechische Antike geboten wird. Pechriggl stellt sich erklärtermaßen in die Tradition der sogenannten Pariser Schule der historischen Anthropologie. Diese Schule erforscht die Antike disziplinenübergreifend (oft) unter Einbeziehung der Psychoanalyse. Der Pariser Schule verdanken wir z. B. Nicole Loraux’ frühe Analyse der athenischen Auffassung über Staatsbürgerschaft und Geschlechterdifferenz. Ein Buch, das Geschlechterforschung „avant la lettre“ betrieb, erschien es doch 1981, als an Europas Universitäten von einer ‚Kategorie‘ Geschlecht noch nicht die Rede sein konnte - und sein durfte. (Vgl. Nicole Loraux: Les enfants d’Athéna. Idées athéniennes sur la citoynneté et la division des sexes. Paris: Editions de la découverte 1981)

Problematisch erscheint mir bei Pechriggl die erwähnte Unklarheit bezüglich des Chiasmas bzw. des chiasmatischen Vorgehens. Sollte das Chiasma Analyseinstrument sein, dann wären mehr metatheoretische Hinweise im Text hilfreich gewesen. Es ist zum Teil schwierig, in den verschiedenen, für sich abgeschlossenen Kapiteln einen roten Faden zu erkennen oder zu verstehen, um welche Punkte eines chiasmatischen Begriffsmobiles es jeweils geht, welche Begriffspaare oder welche Ebenen welchen anderen gegenübergestellt werden. Sollte Pechriggls Text hingegen selbst chiasmatisch sein, so resultiert daraus eine sprunghafte Gedankenführung – man mag sie auch „assoziativ“ nennen wollen – und eine meines Erachtens unsaubere Begrifflichkeit. Doch eines ist Pechriggl jedenfalls nicht abzusprechen: Originalität und der Mut, eine „queere“ Sicht auf die Antike zu bieten.

URN urn:nbn:de:0114-qn083150

Dr. Kathrin Hönig

Universität St. Gallen

E-Mail: kathrin.hoenig@unibas.ch

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