Marianne Brentzel: Italiens Geschichte der Judenverfolgung – neu geschrieben

Italiens Geschichte der Judenverfolgung – neu geschrieben .

Rezension von Marianne Brentzel

Gudrun Jäger, Liana Novelli-Glaab (Hg.):

… denn in Italien haben sich die Dinge anders abgespielt.

Judentum und Antisemitismus im modernen Italien.

Berlin: Trafo 2007.

290 Seiten, ISBN 978–3–89626–628–6, € 27,80

Abstract: War auch Italien ein Land des Antisemitismus und der Judenverfolgung? Der in der Forschung liebgewordene Unterschied zwischen den beiden faschistischen Systemen im Europa des 20. Jahrhunderts wird in der vorliegenden Aufsatzsammlung mit präzisen Forschungsergebnissen hinweggefegt. Es geht den Autor/-innen nicht um Gleichsetzung von Nationalsozialismus und Faschismus. Doch das von Renzo De Felice entworfene, verharmlosende Bild eines den Juden freundlich und solidarisch gesonnenen Volkes und einer lax agierenden Bürokratie ist bei näherer Prüfung unhaltbar geworden. Die Forscher/-innen haben dabei nicht nur die Jahre der Judengesetzgebung in Italien ab 1938 im Blick, sondern gehen den Befunden vom Mittelalter mit der unseligen Tradition des katholischen Antijudaismus bis in das heutige Italien nach, verfeinern ihr Urteil insbesondere mit Blick auf die Lage der Jüdinnen und stellen einige bedeutende Repräsentantinnen sowie die weibliche Erfahrungsliteratur aus den Lagern vor.

Von der antijüdischen Tradition …

Francesca Fabbri unternimmt in ihrem Beitrag die Aufgabe, die Kunst des Mittelalters und der Neuzeit auf antisemitische Spuren hin zu durchleuchten. Zwar bestätigt sie den Befund, dass sich in Italien, im Vergleich zu den judenfeindlichen Ikonographien im übrigen Europa, eine weniger starke Neigung zu karikaturhaften Darstellungen der Juden feststellen lässt, doch gibt es auch diese, insbesondere wenn es um die bildliche Darstellung des infamsten Vorwurf gegen Juden geht: den Ritualmord an christlichen Kindern. Eine kunsthistorische Untersuchung der italienischen Malerei unter dem Aspekt des Antisemitismus steht noch aus. Fabbri hat mit dem Aufsatz einen Anfang gewagt. Ähnliches leistet Anna Rossi-Doria, die den besonderen Status von Juden und Frauen am Ende des 19. Jahrhunderts untersucht. Sie kommt zu dem Schluss, dass Frauen und Juden in der westlichen Kultur in einer langen gemeinsamen Tradition der Ausgrenzung unterschiedlicher Art stehen und über Jahrhunderte als Fremde im eigenen Haus behandelt wurden. Verlangte man von den Juden die völlige Absorption der jüdischen Eigenart, um Bürger gleichen Rechts zu werden, so sollte den Frauen der Status von Individuen und folglich auch von Staatsbürgerinnen verweigert werden, „weil sie ausschließlich Gattungswesen […] sind und sein müssen“ (S. 57). Als im 19. Jahrhundert die gesetzlichen Regeln der Gleichberechtigung Fuß fassten, wurde gleichzeitig die aggressive Diskriminierung schärfer. Der „Andere“ wird als bedrohlich dargestellt, „nicht, weil er es wirklich wäre, sondern weil er potenziell zu einem Gleichen werden könnte“ (S.60). So wird ein gegensätzlicher Anspruch deutlich, der die Juden dazu verpflichten will, mit ihrer traditionellen Eigenart zu brechen, während die Frauen im Gegensatz dazu „auf ihre spezifisch weibliche Tradition festgelegt bleiben sollten“ (S. 62).

Liana Novelli-Glaab veranschaulicht in ihrem Aufsatz diese gesellschaftliche Anforderung am Beispiel von bedeutenden Jüdinnen wie Anna Kuliscioff, den Schwestern Lombroso und Margherita Sarfatti. Neben der traditionell besonderen Rolle der Frau im Judentum gab es eine spezifisch italienische, da die jüdischen Frauen in Familie und Beruf großes Ansehen genossen, meist hoch gebildet waren und auch als Erzieherinnen christlicher Töchter wirkten. 1861, zur Zeit der italienischen Einigung, waren die Mehrheit der Männer und über 80 Prozent der Frauen Italiens Analphabeten, während nur knapp sechs Prozent der Juden und Jüdinnen nicht alphabetisiert waren. Im Risorgimento (der Einigungsbewegung) hatten die Juden tatkräftig zur Befreiung des Landes beigetragen und waren nun bestrebt, am politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Leben gleichberechtigt teilzunehmen. 1899 wurde die laizistische Unione Femminile Nazionale mit dem Ziel gegründet, Frauen kulturell zu fördern und zu einer selbständigen Existenz zu befähigen. Hier wirkte auch Anna Kuliscioff, 1854 als Tochter eines jüdischen Kaufmanns geboren. Sie musste Russland verlassen, ging nach Italien, studierte Medizin, bekam ein (nicht eheliches) Kind, tat sich mit Filipo Turati in Mailand zusammen und gab mit ihm die Critica sociale heraus, eine Ideenwerkstatt der sozialistischen Bewegung. Novelli-Glaab zeigt am Beispiel Kuliscioffs, dass selbst sie in der Frage des Frauenwahlrechts Turati nicht überzeugen konnte und dieser trotz der überlegenen Stärke seiner Partnerin die Ansicht vertrat, die Frauen besäßen zur Stimmabgabe nicht die entsprechende politische Reife. Gespeist wurden diese Ansichten von dem jüdischen Rechtsmediziner Cesare Lambroso, der die biologische Unterlegenheit der Frau postulierte, was ihn aber nicht hinderte, seine beiden hochbegabten Töchter, Gina und Paola, umfassend auszubilden. Ganz anders lebte Margherita Sarfatti, die auch im Salon der Anna Kuliscioff in Mailand anzutreffen war. Sie hatte sich schon früh den Sozialisten angeschlossen, wirkte als Kunstkritikerin und Journalistin, u. a. beim Avanti, wo sie deren aufrührerischen Chefredakteur Mussolini kennen lernte. Die beiden verliebten sich und wurden später, als sich beide unter dem Eindruck des Weltkriegs vom Sozialismus abwandten, ein glamouröses Paar, ohne je ihre Ehen in Frage zu stellen. Margherita Sarfatti unterstützte Mussolini maßgeblich bei der Ausarbeitung eines faschistischen Programms. Trotzdem musste sie als Jüdin 1938 das Land verlassen. Novelli-Glaab macht klar, dass die von ihr genannten Jüdinnen voll in die italienische Gesellschaft integriert waren und das Judentum keine Rolle in ihrer Lebensplanung spielte, bis sie durch die judenfeindlichen Gesetze 1938 brutal zu einer anderen Sicht gezwungen wurden.

… zur aktiven Verfolgung der Juden in Italien

Insbesondere mit der italienischen Besonderheit der faschistischen Juden befasst sich Michele Sarfatti. Er stellt dar, dass die Partito Nazionale Fascista (PNF) die einzige faschistische Partei war, bei der es eine nennenswerte Anzahl von Juden gab. Dies war nicht nur der Tatsache geschuldet, dass der Parteiausweis als „Brotkarte“ galt, sondern war Ausdruck von politischer Überzeugung. Nachdem Italien antisemitisch geworden war, gaben einige faschistische Juden ihr Judentum auf, die Mehrheit zog sich enttäuscht zurück. Über die Vorgehensweise gegenüber den italienischen Juden nach 1938 berichtet Fabio Levi. Sehr bald, so betont er, zeigten die im Herbst 1938 verabschiedeten Gesetze Breitenwirkung, „weil sie auf einmal alle Maßnahmen beinhalteten, die anderweitig und selbst in Deutschland graduell und in einem größeren Zeitrahmen eingeführt wurden“ (S. 161). Auf dieser Basis war es den Deutschen dann 1943 ein Leichtes, die Deportationen zu organisieren. Dass Papst Pius XII. seine Stimme nicht zur Verteidigung der Juden erhob, ist bekannt.

Wie sehr aber in der faschistischen Republik von Saló die italienischen Milizionäre den Deutschen in die Hände arbeiteten, zeigt der Aufsatz von Sara Berger. Sie schildert eindrücklich die für Juden verheerende Zusammenarbeit in ihren unterschiedlichen Phasen und bilanziert: „Das faschistische Regime hatte sich bis zum September 1943 in seiner Haltung gegenüber den Juden den Wünschen des Achsenpartners Deutschland widersetzt. […] Die neu eingesetzte republikanisch-faschistische Regierung, die durch die deutsche Besatzung Norditaliens einen Teil ihrer Selbständigkeit eingebüßt hatte, versagte der jüdischen Bevölkerung diesen Schutz nicht nur, sondern stellte sich in Kollaboration mit dem Nationalsozialismus gegen sie.“ (S. 197)

… bis zur Rolle der Juden im Nachkriegsitalien

Anknüpfend an diese negative Erfahrung zeigt Guri Schwarz auf, wie schwer es für die Zurückkehrenden und wieder gleichberechtigten Juden im Nachkriegsitalien war, Fuß zu fassen und erneut eine bürgerliche Existenz aufzubauen. Der Verzicht auf die Aufarbeitung der eigenen, italienischen Beteiligung an den Verbrechen des Holocaust führte zu einer ignoranten Haltung gegenüber den zurückkehrenden Juden. „Man stellte sich den Fragen vor allem unter dem Aspekt der möglichst hohen Selbstentschuldung.“ (S. 217) Hier knüpft der Aufsatz von Gudrun Jäger über „Frühe Holocaustzeugnisse italienischer Jüdinnen“ an. Jäger zeigt, wie wenig Interesse an den ersten Zeugnissen der Überlebenden vorhanden war, wie selbst der bedeutende Text Primo Levis Se questo è un oumo? (dt. Ist das ein Mensch?) 1947 ohne nennenswerte Resonanz blieb und erst in den frühen sechziger Jahren seinen auch internationalen Siegeszug antrat. Am Beispiel von Il fumo di Birkenau (dt. Der Rauch über Birkenau) von Liana Millu macht Gudrun Jäger eindrücklich klar, dass in der italienischen Öffentlichkeit eine deportierte Frau und mehr noch eine Widerstandskämpferin ein geringes Ansehen besaß und es knapp 50 Jahre brauchte, um auch das Buch von Millu angemessen zu würdigen.

Die Aufsatzsammlung Judentum und Antisemitismus im modernen Italien leistet einen wichtigen Beitrag zur Holocaust- und Emanzipationsgeschichte der Juden Italiens, insbesondere ihres weiblichen Teils, und bedeutet für die weitere historische Forschung eine hervorragende Anregung.

URN urn:nbn:de:0114-qn083054

Marianne Brentzel

Dortmund, Homepage: http://www.mariannebrentzel.de

E-Mail: marianne@brentzel.de

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