Ute Weinmann: Frauenforschung in der Behindertenpädagogik

Frauenforschung in der Behindertenpädagogik

Rezension von Ute Weinmann

Ulrike Schildmann, Bettina Bretländer (Hg.):

Frauenforschung in der Behindertenpädagogik. Systematik – Vergleich – Geschichte – Bibliographie.

Ein Arbeitsbuch.

Münster, Hamburg, London: LIT 2000.

160 Seiten, ISBN 3–8258–4975–9, DM 34,80

Abstract: Mit dem von der Dortmunder Professorin Ulrike Schildmann und der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Bettina Bretländer herausgegebenen Band „Frauenforschung in der Behindertenpädagogik“ wird bewußt ein als Arbeitsbuch (S. 7) konzipiertes Werk vorgelegt nicht nur für Studentinnen und Studenten, sondern auch für alle anderen an diesen Fragen Interessierten. Dieser in der Einleitung formulierten Intention folgend, werden fachdiskursive und auf unterschiedlichen Bearbeitungsniveaus angesiedelte Beiträge präsentiert, die Leserinnen und Leser dazu einladen sollen, „sich intensiver mit den vielfältigen Fragestellungen des Zusammenhangs von Behinderung und Geschlecht auseinander zu setzen“ (S. 7).

Das Arbeitsbuch gliedert sich in vier Teile: einen in die historische Entwicklung, Theoriebildung, Methode und Praxis der sonderpädagogischen Frauenforschung einführenden (S. 9 ff.), einen international vergleichenden (S. 41 ff.), einen speziellen über die Geschlechterproblematik in der Heil- und Sonderpädagogik (S. 61 ff.) und schließlich einen beachtlichen bibliographischen Teil mit insgesamt 16 Themengebieten (S. 73–156).

Zu Beginn in Teil I rekonstruiert Ulrike Schildmann systematisch und grundlegend sowohl ein Stück der Entwicklungsgeschichte der Frauenforschung in der Behindertenpädagogik als auch Zugänge feministischer Theoriebildung im behinderten-pädagogischen Kontext. Es sind die Ansätze von Wissenschaftlerinnen, die vor etwa zwanzig Jahren damit begannen, Frauenforschung und feministische Theoriebildung auch innerhalb der Behindertenpädagogik zu entwickeln und deren patriarchatskritischer Impetus explizit im Zusammenhang mit der neuen Frauenbewegung stand. Schildmann skizziert drei Phasen der Entwicklung: die „Initiativphase“ (S. 9 f.) etwa ab Ende der 70er Jahre bis zur Phase der „Ausdifferenzierung und Etablierung“ (S. 11 f.) ab Ende der 80er Jahre bis zur Mitte der 90er Jahre, den Beginn der dritten Phase (S. 15 f.), in der eine wissenschaftliche Vertiefung des Fachgebietes zu konstatieren sei. Bereits in der Initiativphase wurden erste wissenschaftliche Monographien zur gesellschaftlichen Situation (körper-)behinderter Frauen vorgelegt (Schildmann 1983; Ewinkel u. a. 1985). Diese theoretischen (und meist sozioökonomisch abgeleiteten) oder empirischen oder autobiographischen Arbeiten sind konstitutiv für ein sozialwissenschaftliches Forschungsfeld – so bereits Moser (1999) –, „das bis heute den größten Anteil der Geschlechterforschung innerhalb der Sonderpädagogik einnimmt“. Thematisch ergänzt wurde diese Initiativphase durch Forschungsansätze zur Sozialisation von Mädchen im Zusammenhang mit Behinderung und Sonderpädagogik (Prengel 1984; Schildmann 1985). Es folgten erste wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit der professionellen Rolle von Frauen in der Sonderpädagogik (Rohr 1984, 1984a) und Forschungsarbeiten zur sozialen Lage behinderter Kinder (Jonas 1988). In dem mit dem Titel „Phase der Ausdifferenzierung und Etablierung“ überschriebenen Unterpunkt 1.2. (S. 11 ff.) werden einschlägige Forschungsarbeiten aus den Jahren 1988 bis 1996/97 in knapper und prägnanter Weise präsentiert. Fokussiert sind die inzwischen ausdifferenzierten und erweiterten Forschungsinhalte dieser Phase vorwiegend auf die Bereiche Produktions-/Reproduktionsarbeit (z. B. Friske 1995), Reproduktionstechnologien und eugenische Fragen (z. B. Köbsell/-Waldschmidt 1983), Erwerbsarbeit und berufliche Rehabilitation (Braun/Niehaus 1988; Niehaus 1993; Degener 1994). Schildmann kommt zu dem Ergebnis (S. 12), daß in dieser Phase auch „einzelne brisante frauenpolitische Themen aufgegriffen und mit dem Faktum Behinderung in Verbindung gebracht wurden, so vor allem das Thema Sexueller Mißbrauch an behinderten Frauen“ [etwa Voss/Hallstein 1993; Senn (Hg.) 1993; Zemp/Pircher 1996]. In ihren Ausführungen macht Ulrike Schildmann insbesondere auch auf Forschungsdefizite aufmerksam, die sich auf Fragen zur Sozialisation behinderter Mädchen, Identitätsfindungsprozesse behinderter Frauen und ausstehende berufssoziologische Analysen über das Verhältnis von Geschlecht und behindertenpädagogischem Beruf als Frauenberuf beziehen (S. 13). Auch die weiteren Ausführungen über methodische Ausdifferenzierungen innerhalb der sonderpädagogischen Frauenforschung (S. 14) sowie über landes- und behindertenpolitische Entwicklungen sind zur einführenden Orientierung gut geeignet.

In der weiteren Darstellung erfahren wir, durch welche Forschungsansätze die dritte Phase eine wissenschaftliche Vertiefung erfährt. Exemplarisch steht für diese Phase etwa der theoriegeleitete Forschungsansatz von Vera Moser (1997), die empirische Studie von Ursula Kulmer über Erfolgskonstruktionen – Strategie-Interviews mit körperbehinderten Frauen (2000) oder das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte interdisziplinäre Forschungsprojekt „Normalismus“, an dem die Autorin mit einem Teilprojekt beteiligt ist.

Das zweite Kapitel des ersten Teils (S. 16 ff.) mit der Überschrift „Theoretische Ansätze des Fachgebietes“ und dem Unterpunkt „Exemplarische Forschungs-Skizzen“ (S. 19 ff. und S. 27 ff.) ist ebenfalls sehr gut geeignet, den interessierten Leserinnen und Lesern sowohl einen umfassenden soziologischen und behindertenpädagogischen Einblick in die strukturell bedingten Problemlagen geistig behinderter Frauen als auch in komplexe und schwierige familiäre Sozialisationskontexte behinderter Mädchen zu vermitteln.

Im zweiten Teil des Arbeitsbuches (S. 41) unternimmt Ulrike Schildmann den Versuch, „an einem internationalen Vergleichsland, den Vereinigten Staaten von Amerika […], zu untersuchen, wie das Fachgebiet der Frauenforschung in der Behindertenpädagogik dort strukturiert ist, wo die Schwerpunkte liegen, und ob es Vergleichsansätze mit den Inhalten des Fachgebietes in Deutschland gibt. Zum anderen wird die Geschlechterperspektive im Rahmen des Fachgebietes der International Vergleichenden Behindertenpädagogik dargestellt.“ Bei diesem Vergleich mit der US-amerikanischen Frauenforschung in der Behindertenpädagogik kommt sie zu dem Schluß, daß die inhaltliche Grundlage dieses Fachgebietes in den USA vergleichbar mit der deutschen sei, denn im Zentrum der deutschen behindertenpädagogischen Frauenforschung stünden ebenfalls soziologische Studien über die Lebensbedingungen behinderter Frauen (S. 45 f.).

Ireneus Lakowski, Franz-Jakob-Gerth und Ulrike Schildmann zeichnen schließlich im dritten Teil die z. T. unbekannte Geschichte von Frauen und Mädchen in der Heil- und Sonderpädagogik nach (S. 61 ff.). Einmal mehr vermittelt diese sorgfältige und durchaus beachtliche Recherche die insgesamt desolate Forschungslage innerhalb der verschiedenen Fachrichtungen der Heil- und Sonderpädagogik: Blinden- und Taubblindenpädagogik, Geistigbehindertenpädagogik und Körperbehindertenpädagogik. So verwundert es nicht, wenn die Autorinnen und Autoren resümierend feststellen, in allen Teilgebieten der besonderen Pädagogiken hätten die wesentlichen Forschungskomponenten andiskutiert werden können, d. h. die quantifizierbaren Geschlechterverteilungen bezüglich heil- und sonderpädagogisch erfaßter und geförderter Mädchen und Jungen, „die Geschlechterverhältnisse und -hierarchien zwischen denen, die die Heil- und Sonderpädagogik begründeten, institutionalisierten und in Praxis und Theorie ausformten, schließlich die Verbindung zwischen beiden zentralen Gruppen, den Zöglingen und Betreuten auf der eine Seite und den Pädagoginnen auf der anderen Seite“ (S. 70).

Abgerundet wird dieses sehr informative Arbeitsbuch durch den von Bettina Bretländer erstellten vierten Teil (S. 73–157), der als Spezialbibliographie des Forschungsfeldes „Frauenforschung in der Behindertenpädagogik“ bezeichnet werden kann. Dieser Teil besticht durch die umfassende quantitative Auswahl und Recherche bibliographischer Materialien ebenso wie durch die Systematik breiter Themenspektren. In seiner klaren Gliederung vermittelt gerade dieser Teil insbesondere für Studierende, aber auch für alle anderen Interessierten der eigenen und anderer Professionen einen schnellen, umfassenden und fachlich fundierten Überblick über allgemeine und spezielle Fragen der Frauenforschung in der Behindertenpädagogik.

Insgesamt werden sich die zentralen Lehr- und Forschungsgebiete der Behindertenpädagogik – aber auch die Institutionen und Netzwerke der Behindertenpolitik und Frauenforschung – auf dieses wichtige, aufschlußreiche und anregende Arbeitsbuch beziehen müssen.

URN urn:nbn:de:0114-qn021175

Dr. Ute Weinmann

Universität Dortmund

E-Mail: weinmann@nvl1.fb13.uni-dortmund.de

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