Heike Kahlert: Pädagogik der sexuellen Differenz

Pädagogik der sexuellen Differenz

Rezension von Heike Kahlert

Andrea Günter (Hg.):

Frauen – Autorität – Pädagogik.

Theorie und reflektierte Praxis.

Königstein: Ulrike Helmer 2006.

241 Seiten, ISBN 978–3–89741–217–0, € 22,00

Abstract: Der von der Freiburger Philosophin und Theologin Andrea Günter herausgegebene Sammelband ist aus einer deutsch-italienischen Tagung zu Kernfragen der Pädagogik hervorgegangen, die im Sommer 2003 an der Evangelischen Akademie Arnoldshain durchgeführt wurde und deren gemeinsames Orientierungsfeld die Einflüsse der politischen Bildungsarbeit der Veroneser Philosophinnengemeinschaft Diotima bilden. Die insgesamt elf Aufsätze von Pädagoginnen, Theologinnen und Politikwissenschaftlerinnen, darunter ein aus dem Italienischen übersetzter Grundlagentext von Anna Maria Piussi, leisten einen wichtigen Beitrag zur „kulturellen Übersetzung“ des italienischen Differenzansatzes in die deutschsprachige politische und vor allem pädagogische Praxis.

Weibliche Freiheit, weibliche Autorität und die politische Praxis des „affidamento“

Das vom Mailänder Frauenbuchladenkollektiv, der Libreria delle donne di Milano, verfasste Buch Wie weibliche Freiheit entsteht. Eine neue politische Praxis (italienisch: 1987, deutsch: 1988 ff.) avancierte in Deutschland zum feministischen Kultbuch: Es wurde insbesondere im Umfeld von Frauenprojekten, zum Teil aber auch im sich sukzessive akademisierenden feministischen Diskurs aufgegriffen. In diesem Buch wurde die von italienischen Feministinnen in den 1980er Jahren entwickelte politische Praxis des „affidamento“, des Sich-Anvertrauens unter Frauen, beschrieben, die anknüpfte an die politischen Praxen der Selbst-Erfahrung und des Selbst-Bewusstseins („autocoscienza“) aus den Anfängen der zweiten Frauenbewegung. Das im „affidamento“ vorgeschlagene Beziehungsmodell der Differenz unter Frauen, die sich wechselseitig aufgrund ihrer unterschiedlichen Erfahrungen und Kompetenzen Autorität verleihen, weibliche Freiheit entstehen lassen und damit in vertragsförmigen Beziehungen sukzessive die weibliche Genealogie (wieder) herstellen, ließ die Wogen im hiesigen feministischen Diskurs höher schlagen.

Im Zentrum der zumeist emotional hoch aufgeladenen Debatten stand vor allem das Konzept der Differenz unter Frauen: Differenz wurde in der Diskussion oftmals mit Ungleichheit gleichgesetzt und schien als solche mit demokratischen Vorstellungen von – politischer und sozialer – Gleichheit und Freiheit unvereinbar. Das ebenfalls im italienischen Differenzansatz enthaltene Konzept der Autorität erregte angesichts der hitzigen Debatten um Gleichheit und/oder Differenz weit weniger Aufmerksamkeit. Insgesamt überwog im deutschsprachigen feministischen Theoriediskurs die Skepsis gegenüber dem Differenzdenken und der mit Autoritarismus assoziierten Autorität. Neuere, seit den 1990er Jahren publizierte Arbeiten „der Italienerinnen“ aus der Libreria delle donne di Milano und der Veroneser Philosophinnengemeinschaft Diotima wurden von feminististischen Theoretikerinnen folglich kaum mehr intensiv diskutiert. In der außerhochschulischen Jugend- und vor allem Erwachsenenbildungsarbeit hingegen finden die Ideen der sexuellen Differenz, der weiblichen Freiheit und der Autorität bis heute regen Widerhall.

Autorität als ein zentrales Konzept der Postmoderne – und des Feminismus

Der hier zu rezensierende Sammelband ist aus einer deutsch-italienischen Tagung zu Kernfragen der Pädagogik hervorgegangen, die im Sommer 2003 an der Evangelischen Akademie Arnoldshain durchgeführt wurde und deren gemeinsames Orientierungsfeld die Einflüsse der politischen Bildungsarbeit „der Italienerinnen“ bildeten. Die Herausgeberin, die Freiburger Philosophin und Theologin Andrea Günter, ist langjährig mit der Vermittlung und „kulturellen Übersetzung“ zentraler Ideen des italienischen Differenzansatzes in den deutschsprachigen Kontext befasst. So ist auch ihr einleitender Beitrag vom Anliegen der Vermittlung gezeichnet: Günter skizziert in groben Zügen die Geschichte des Autoritätskonzepts im westlichen philosophischen und pädagogischen Denken mit Bezug zu den Ideen „der Italienerinnen“. Die Wiederbelebung der Autorität, auch im Feminismus, ist in ihrem Verständnis eine Antwort auf die Kontingenz der Postmoderne: Autorität gibt demnach Bestand, stellt Orientierung immer wieder her bzw. führt diese herbei, wirkt Maßstäbe hervorrufend, vermittelt zwischen Notwendigkeit und Ungewissheit, ist „als das zwischenmenschlich Festigende im ewigen Werden und Fließen“ (S. 12) neu zu entdecken und nicht ohne Freiheit zu haben. Schließlich setzt sie Veränderungspotentiale frei.

Verdienst „der Italienerinnen“ ist es nach Günter, die Qualität der Autorität „zu einem wichtigen Punkt der Auseinandersetzung“ (S. 12) unter Frauen gemacht zu haben:

„Frauenbeziehungen werden zum Austragungsort, an dem Inhalte und Beziehungen auf neue Weisen verbunden werden und in der Folge Veränderung freigesetzt wird. Das besondere Moment weiblicher Freiheit wird in der italienischen Perspektive gerade durch die sich in der Postmoderne abzeichnende neue Wertschätzung der Kontingenz gestärkt. Denn Frausein musste im Horizont des Autoritätsgeschehens nicht als ewig Weibliches postuliert oder erfahrbar gemacht, sondern es konnte als eine Zufälligkeit, die im Leben der einzelnen Frau deutlich wird und aus der ein eigener Sinn erwachsen kann, aufgegriffen werden. […] Damit kann ein Durchgang für die Veränderung der Geschlechterverhältnisse gefunden werden.“ (S. 19, Herv.i.O.)

Autorität als „Praktik der Zivilisierung“

Vorangestellt ist den Beiträgen aus dem deutschen Kontext ein Aufsatz von Anna Maria Piussi, Pädagogikprofessorin an der Universität Verona und Mitbegründerin der Philosophinnengemeinschaft Diotima und der Bewegung der Pädagogik der sexuellen Differenz in Italien ist. Piussi skizziert in ihrem Beitrag eindrucksvoll die zentralen Elemente des italienischen Differenzansatzes und der Bedeutung von Autorität für die politische und pädagogische Praxis: „Außerhalb einer Autoritätsbeziehung kann man weder lehren noch lernen.“ (S. 59) Dafür sei insbesondere die Anerkennung der Autorität der Mutter als „symbolische Eigenschaft“ (S. 50) notwendig: In dieser primären Beziehung kämen Menschen zur Welt und erlernten die Sprache wie das spezifisch menschliche Zusammenleben – als „Praktiken der Zivilisierung, die auf persönlicher Verantwortung und Vertrauen beruhen, auf Ungleichheit, nicht-hierarchisierender Autorität und dem Sinn für wechselseitige Abhängigkeit“ (S. 37).

Wie Autorität für die Pädagogik der sexuellen Differenz genutzt werden und wie der von Günter angesprochene „Durchgang für die Veränderung der Geschlechterverhältnisse gefunden werden“ (S. 19) kann, wird in dem Sammelband in neun weiteren, überwiegend an der Umsetzung orientierten Beiträgen von Pädagoginnen, (evangelischen und katholischen) Theologinnen und Politikwissenschaftlerinnen für unterschiedliche Praxiskontexte ausgeleuchtet: Wiltrud Huml und Monika Jakobs beschäftigen sich in ihren Beiträgen mit kirchlicher Pastoral und Frauenseelsorge bzw. mit religiösen Fragen als Beziehungsfragen, Ulrike Moeller nimmt die geschlechtsspezifisch qualifizierte Koedukation in der Mädchen- und Jungenarbeit in den Blick, Martina Haasis fragt nach dem Sinn von Autorität in pädagogischen Beziehungen, Birge Krondorfer untersucht die Offenheit von Autorität, Andrea Günter reflektiert über Autorität als Ursprung von Handlungsfähigkeit, Linda Steger betrachtet die Erträge von Menteebeziehungen für Mentorinnen näher, und Maria Wolf lotet die Bedeutung von Autorität als Konzept von Entwicklungspolitik näher aus. Schließlich porträtiert Antje Schrupp einige deutsche Pädagoginnen, die das Denken der sexuellen Differenz für den hiesigen Kontext fruchtbar machen.

Ein deutsch-italienischer Dialog als Beitrag zur „kulturellen Übersetzung“

Der Band leistet einen wichtigen Beitrag zur „kulturellen Übersetzung“ des italienischen Differenzansatzes in die deutschsprachige politische und vor allem pädagogische Praxis. Schade ist allerdings, dass sich der mit der Tagung intendierte deutsch-italienische Dialog nur partiell in den einzelnen Beiträgen widerspiegelt, wenngleich ein derartiges Ziel für einen Sammelband hoch anspruchs- und voraussetzungsvoll und eben nicht einfach umsetzbar ist. Der Bezug zum italienischen Differenzdenken stellt sich jedenfalls zum Teil nur mittelbar und eher zwischen als in den Zeilen her, und theologische, pädagogische wie eher politik-orientierte Reflexionen stehen vergleichsweise unvermittelt und unverbunden nebeneinander. Hier deutet sich weiterer deutsch-italienischer Dialogbedarf zwischen Theorie und Praxis an.

URN urn:nbn:de:0114-qn082208

Dr. Heike Kahlert

Universität Rostock, Institut für Soziologie und Demographie

E-Mail: heike.kahlert@uni-rostock.de

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