Ulla Bock: 25 Jahre … in 25 Minuten

25 Jahre … in 25 Minuten

Ulla Bock

Vor 25 Jahren wurden die ersten Einrichtungen zur Förderung des weiblichen wissenschaftlichen Nachwuchses und von Frauen- und Geschlechterforschung an bundesdeutschen Universitäten gegründet. Sie verfolgen nach wie vor dasselbe Ziele, unterscheiden sich aber sowohl hinsichtlich ihrer Organisationsstruktur und institutionellen Einbettung in die jeweiligen Hochschulen als auch bezüglich ihrer konkreten Aufgaben und programmatischen Profilierung.

Im Sommer 2006 hat sich der Dachverband „Konferenz der Einrichtungen für Frauen- und Geschlechterstudien im deutschsprachigen Raum“ gegründet. Auf der Homepage des Verbands ist ein Überblick über Einrichtungen und Institutionen, die im Bereich der deutschsprachigen Gender Studies arbeiten, zu finden.

Die Freie Universität Berlin war eine der ersten Universitäten, die 1981 eine solche Fördereinrichtung schuf: die Zentraleinrichtung zur Förderung von Frauen- und Geschlechterforschung. Sie konnte am 3. November 2006 ihr 25jähriges Bestehen feiern. Aus diesem Anlass hielt Prof. Dr. Jutta Limbach, die ehemalige Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts und heutige Präsidentin des Goethe-Instituts einen Festvortrag Sie war Mitglied des ersten Beirats der Zentraleinrichtung, der sich 1983 konstituierte. Das Thema ihres Vortrags lautete: Leistungsbilanz und Zukunft der Frauenforschung. (Eine Veröffentlichung des Vortrags ist geplant.) Verbunden mit der Festveranstaltung wurde ein Symposion zum Thema „Geschlecht – Gerechtigkeit – Wissenschaft“ durchgeführt.

Der nachfolgende Text ist eine leicht veränderte Fassung des Vortrags 25 Jahre … in 25 Minuten von Dr. Ulla Bock. Der Vortragsstil wurde beibehalten.

Sehr geehrte, liebe Frau Limbach,
sehr geehrter Herr Vize-Präsident,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
liebe Studierende,
meine Damen und Herren,

ich begrüße Sie herzlich zu unserer Veranstaltung zum 25jährigen Bestehen der Zentraleinrichtung zur Förderung von Frauen- und Geschlechterforschung an der Freien Universität Berlin. Geschlecht – Gerechtigkeit – Wissenschaft ist die Überschrift für die heutige Festveranstaltung und das morgige Symposion. Mit diesen drei Stichworten sind die thematischen Bereiche umschrieben, die unsere Einrichtung begründen und unsere Arbeit in den vergangenen 25 Jahren strukturiert haben. Und sie werden uns sicher auch noch in der Zukunft beschäftigen. Ich werde Ihnen nun etwas von unserer Einrichtung erzählen, so dass Sie sich ein Bild von ihr machen können.

25 Jahre … in 25 Minuten. Wo fängt man da bloß an? Diese Frage habe ich mir bei der Vorbereitung auf diesen Abend öfters gestellt. Soll ich exakt mit unserem Gründungsdatum beginnen? Schon dabei habe ich die Schwierigkeit, gar nicht so genau sagen zu können, was unser Gründungsdatum ist. Soll ich Ihnen erzählen, welchen Auftrag wir hatten und wie wir ihn umgesetzt haben? Jahr für Jahr? Das dürfte reichlich langweilig werden. Nun – bei der Überschrift 25 Jahre … in 25 Minuten werden Sie vermutlich eine solche Chronologie erwarten. Zu Recht. Aber die Darstellung eines linearen Entwicklungsverlaufs kann ich ihnen nicht bieten. Denn da, wo Menschen agieren und politische Bewegungen Entscheidungen beschleunigen oder auch verhindern, verläuft nichts linear. Es sind allenfalls Trends und Entwicklungsphasen, die sinnvoll zu umreißen sind. Und diese vollziehen sich mal intensiver, mal langsamer, auch schon mal sprunghaft – und nicht selten gibt es auch Stagnation oder gar Rückschritte.

Hinzu kommt, dass mir beim Stöbern in den alten Dokumenten klar geworden ist, wie wichtig die Vorphase war, die zur Gründung unserer Einrichtung geführt hat. Und so habe ich mich entschlossen, Ihnen im ersten Teil meines Beitrags etwas über diesen Vorlauf zu erzählen. In einem zweiten Teil werde ich dann auf zwei unserer Arbeitsschwerpunkte zu sprechen kommen. Und zwar werde ich die herausheben, die in die Zukunft weisen. Was wir sonst noch alles initiiert, unterstützt und gefördert und welche Infrastruktur wir aufgebaut haben, können Sie in Ruhe in unserem Faltblatt nachlesen, das wir für den heutigen Anlass erstellt haben. Ich bitte Sie also, mir jetzt gedanklich noch einen kleinen Schritt weiter zurück zu folgen, in die Zeit vor 1981.

Ein Blick zurück …

Viele von Ihnen wissen aus eigener Erfahrung, was damals – in den 1960er/70er Jahren – los war, hier im Westteil von Berlin. In nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen – in den öffentlichen ebenso wie in den privaten – brodelte es vor Unzufriedenheit und Veränderungswillen. Es wurde diskutiert, provoziert und agitiert – und das nahezu Tag und Nacht. Es war eine aufregende Zeit, eine Zeit des Umbruchs und des Aufbruchs. Doch niemand wusste so recht, wohin es denn eigentlich gehen sollte. Wir wussten nur: So konnte es nicht bleiben, und so sollte es auch nicht bleiben.

Die Emanzipationsbewegungen der Frauen waren eine Herausforderung, auch für die Hochschulen. Sie waren Teil der sozialen Bewegungen jener Zeit, und sie haben den Boden bereitet, in dem die Wurzeln auch unserer Einrichtung verankert sind. Es ging um Gleichberechtigung, um Selbstbestimmung und darum, das persönliche Erleben von Diskriminierung und Unterdrückung in einem gesellschaftlichen Zusammenhang zu sehen.

An den Hochschulen waren es die Studentinnen, die gemeinsam mit ihren Dozentinnen die kritischen Fragen formulierten: die so genannten Frauenfragen. Und schließlich forderten sie, dass diese Frauenfragen auch in der Lehre und Forschung Eingang finden sollten. Diese Anfangsphase der politischen Frauenbewegung hatte eine enorme Schubkraft. Ihre besondere Stärke lag in der Verbindung von individueller und gesellschaftlicher Emanzipation, von Theorie und Praxis. Die enge Verbindung von emanzipatorischer Theorie und Praxis war denn auch der eigentlich brisante Kern der Emanzipationsbewegungen.

Die immense Theoriearbeit der folgenden Jahre, die Akademisierung der Frauenfrage bzw. der Frauenbewegung hat eine Frauen- und Geschlechterforschung hervorgebracht, die inzwischen weit ausgefächert ist und jeweils fachspezifische Konturen angenommen hat. Die ersten Seminare an der Freien Universität Berlin fanden Anfang der 70er Jahre in der Soziologie und Politologie statt. Und lange Zeit blieben diese Fächer die Referenzdisziplinen für die Frauenforschung. In diesem Kontext stand auch eines der ersten Seminare – damals kurz Frauenseminare genannt –, das im Sommersemester 1975 am Otto-Suhr-Institut, durchgeführt wurde: Es war das Seminar der Politologin Ingrid Schmidt-Harzbach zum Thema Marxismus – Feminismus. Sie sehen hier die Ankündigung des Seminars. Solche Ankündigungen von Lehrveranstaltungen wurden damals noch selber gezeichnet, vermutlich mit einigem Aufwand und auch mit Spaß. Die anfänglichen Bilder und Zeichnungen waren zwar nicht besonders professionell, aber sie hatten Charme, einen Charme, den man übrigens auch unserem ersten Logo nicht absprechen kann.

Signet Anfang der 1980er
Signet Anfang der 1980er

Diese „Frau im Ei“ hat Anfang der 80er Jahre eine junge Grafikerin für uns gezeichnet. Sie betreibt heute ein gut gehendes Graphik-Büro in Berlin. Das Ei wurde wenige Jahre später durch einen Apfel ersetzt. Der rote Apfel dient seit 1985 als Logo der Einrichtung.

„Feminismus versus Marxismus“, die „Frauenfrage im Kapitalismus“, die „geschlechtsspezifische Sozialisation“, die „Mütterfrage“ oder das „Frauenbild in Geschichte und Literatur“ …. so und ähnlich lauteten die Themen der Frauenseminare. Und weil solche Lehrveranstaltungen angeboten wurden, konnten auch entsprechende Magister- und Diplomarbeiten geschrieben werden. Deren Zahl nahm anfangs kontinuierlich zu. Wir haben diese Qualifikationsarbeiten recherchiert und systematisiert und 1990 zum ersten Mal dokumentiert. Es waren an die 1.850 Arbeiten, die in den ersten 10 Jahren geschrieben wurden.

Signet ab 1985
Signet ab 1985

Ein Thema war für Entwicklung von Frauenforschung besonders wichtig: das Thema Frauen und Wissenschaft. Denn das Wirken von Frauen in den Wissenschaften musste überhaupt erst einmal sichtbar gemacht werden. Des Weiteren ging es darum, einen wissenschaftstheoretischen Begriff davon zu bekommen, was Frauenforschung überhaupt ist bzw. sein kann. Für die erste Berliner Sommeruniversität für Frauen, die bereits 1976 von einer Dozentinnengruppe organisiert worden war, stand dieses Thema im Mittelpunkt.

Planungsphase

Ende der 70er Jahre kam (wie so häufig) der letzte Impuls zum Handeln von außen, von Seiten der Politik. Das Abgeordnetenhaus von Berlin beauftragte 1978 den politischen Senat, die Möglichkeit für die „Einrichtung eines wissenschaftlichen Forschungs- und Studienschwerpunktes über Frauenfragen an einer Berliner Hochschule“ zu prüfen. Dieser Prüfauftrag wurde an die Freie Universität weitergereicht, so dass das Kuratorium dieser Hochschule den damaligen Universitätspräsidenten, Prof. Dr. Eberhard Lämmert, bat, eine Planungsgruppe einzurichten.

Es ging der Gründung der Zentraleinrichtung also nicht nur eine Dekade von Protest und von kritischer Auseinandersetzung von Frauen mit ihrer Hochschule voraus, sondern auch eine zweijährige wissenschaftspolitische Planungsphase. Für den Gang durch die Institutionen war ein langer Atem nötig. Und die Planerinnen unserer Einrichtung – Kerstin Dörhöfer und Gisela Steppke – hatten den langen Atem. Sie organisierten am Ende der Planungsphase – 1980 – eine Internationale Konferenz. Im Mittelpunkt dieser Konferenz stand die Frage, welche Ziele mit der Institutionalisierung der Frauenfrage angestrebt werden sollten. An dieser Konferenz nahmen auch der damalige Präsident der Freien Universität Berlin, Herr Lämmert, und der damals amtierende Senator für Wissenschaft und Forschung, Peter Glotz, teil.

Man sieht Herrn Lämmert (im Bild dritter von rechts), wie er noch recht skeptisch nach vorn schaut. Diese Skepsis ist längst verschwunden. Er schrieb uns, dass er heute bei uns wäre, müsste er nicht zu einer Tagung, für die er mitverantwortlich ist. Er sieht heute, in der Einladung zum 25jährigen Bestehen unserer Einrichtung „eine frohe Bestätigung dafür, dass diese Zentraleinrichtung, zu deren Gründung ich zu meiner Zeit als Präsident der FU beitragen durfte, […] ihre Selbständigkeit erhalten und vielfach erfolgreich genutzt hat. Allein dafür, was Einrichtungen wie diese zur Veränderung unseres Bildes von der Geschichte beigetragen haben, machte sie damals dringlich und setzt ihr auch für die Zukunft noch wichtige Aufgaben.“

Die Planerinnen hatten Erfolg. Auf der Grundlage ihres Berichts beschloss der Akademische Senat der Freien Universität Berlin (1980) dass an dieser Hochschule zukünftig der weibliche wissenschaftliche Nachwuchs sowie eine „frauenspezifische Forschung“ (wie es derzeit noch hieß) „bevorzugt“ zu fördern seien und – dass es eine Zentraleinrichtung geben solle. Die Tagespresse aus dem gesamten Bundesgebiet berichtete über diesen Frauenförderbeschluss. So etwas hatte es noch an keiner Universität gegeben. Der Grund für diese Aufregung – auch für Spott und Hohn – war aber weniger die proklamierte Förderabsicht als vielmehr der angestrebte Proporz, der ebenfalls Teil des Beschlusses war.

„Der Akademische Senat fordert die Fachbereiche/ Zentralinstitute auf, bei allen ihren Aufgaben, vor allem bei Stellenbesetzungen und der Mittelverteilung Wissenschaftlerinnen besonders zu fördern, um zukünftig nach Möglichkeit (mindestens) die Hälfte der jährlich freiwerdenden bzw. neu hinzukommenden Stellen mit Wissenschaftlerinnen zu besetzten.“ (1980)

Es hieß, dass „zukünftig nach Möglichkeit (mindestens) die Hälfte der jährlich freiwerdenden bzw. neu hinzukommenden Stellen mit Wissenschaftlerinnen zu besetzen“ seien. Das war denn doch zuviel. Der Ruf der Freien Universität Berlin schien ernsthaft gefährdet. Und aus den Zeitungsartikeln war echte Besorgnis herauszulesen. Es war die Befürchtung, diese Universität könne sich in ein „Operettenhaus“ verwandeln, wo „auf Glatzen Locken“ gewickelt werden. Doch die Aufregung, den dieser Proporzbeschluss verursachte, war völlig unnötig, denn es handelte sich lediglich um eine Empfehlung, die bis heute nicht realisiert wurde. Realisiert wurde damals allerdings die Zentraleinrichtung. Und so ein Gründungsakt war leichter zu akzeptieren. Denn damit konnten Forderungen noch einmal überdacht, auf jeden Fall erst einmal gebändigt und kanalisiert werden. Die aufmüpfigen Frauen waren wieder mit sich selber beschäftigt, bzw. mit dem Aufbau einer Einrichtung.

Dieser Aufbau war wahrlich keine leichte Übung, denn es gab bis dahin noch keine Vorbilder. Die Zentraleinrichtung wurde dann selber zum Vorbild für vergleichbare Einrichtungen an anderen Hochschulen. Die Freie Universität Berlin übernahm damit – wenn zunächst auch ungewollt – die Vorreiterposition in Sachen Frauenförderung. Diese Position konnte sie bis heute erfolgreich verteidigen.

Nun war die Freie Universität Berlin also um eine Institution reicher. Deren Auftrag war es, allen Mitgliedern dieser Hochschule, den Fachbereichen und Zentralinstituten zu helfen, der Selbstverpflichtung nachzukommen. Aber keineswegs alle wollten sich helfen lassen. In regelmäßigen Abständen hörten wir Frage wie: „Was machen die da eigentlich?“ „Brauchen wir die überhaupt?“ „Was ist eigentlich Frauenforschung? Frauenforschung habe ich doch zuhause“. Heute sind solche und ähnliche Reden natürlich gänzlich verstummt …

Aber nicht nur am Anfang, auch später noch wurde immer mal wieder die Existenz der Zentraleinrichtung grundsätzlich in Frage gestellt. Noch Mitte der 1990er Jahre. Ein Kollege aus dem Fachbereich Wirtschaftswissenschaften meinte: „Warum brauchen wir denn so eine Zentraleinrichtung, wir haben in unserem Fachbereich doch eine Professorin.

Die Aufbauzeit der Einrichtung hat besonders viel Energie gekostet, nicht nur deshalb weil der Gegenwind so scharf blies, sondern auch weil zugleich Erwartungen an uns herangetragen wurden, die übermäßig waren. Das damalige Team (Ulla Bock, Elisabeth Böhmer, Johanna Kootz) war buchstäblich für alles zuständig, was mit „F“ anfing. Das gestaltete den Arbeitsalltag äußerst diffus und erinnerte an die vielarmige Superfrau, die die Planerinnen als Coverbild für ihre Publikationen gewählt hatten.

Diese Zuständigkeit für alles und nichts teilte sich die Zentraleinrichtung dann später mit den Frauenbeauftragten, die Ende der 1980er/Anfang der 1990er dazu kamen. In der Zusammenarbeit mit den Kolleginnen konnte eine konstruktive Arbeits- und Kompetenzteilung realisiert werden. Dadurch gewann die Freie Universität Berlin nicht nur zusätzliche Kapazitäten für die Frauenförderpolitik, sondern auch die Zentraleinrichtung die Möglichkeit, sich auf ausgewählte Arbeitsschwerpunkte konzentrieren zu können. Damit begann eine Zeit der Profilierung der Zentraleinrichtung, die vom heutigen Team (Ulla Bock, Dorothea Lüdke, Anita Runge) forciert und getragen wird. Zwei von diesen Arbeitsschwerpunkten, die das Profil bestimmen und auch die Grundlage für die Zukunftspläne sind, werde ich Ihnen vorstellen.

1. Publikationsprojekte und Diskussionsforen

Dem Auftrag – Förderung von Nachwuchswissenschaftlerinnen und das Voranbringen von theoretischen Debatten in der Frauen- und Geschlechterforschung – wird die Zentraleinrichtung vor allem mit ihren Publikationsprojekten und Diskussionsforen gerecht. Gleich zu Anfang ihrer Existenz mischte sie sich mit drei Symposien in die damals aktuellen Debatten ein. Eine wichtige, lange und ausgiebig diskutierte Frage war die nach den „richtigen“ wissenschaftlichen Methoden der Erkenntnisgewinnung. Entsprechend lautete der Titel unseres ersten Symposions – 1983 – schlicht „Methoden in der Frauenforschung“. Auslöser für diese Kontroverse waren die so genannten „Methodischen Postulate“ zur Frauenforschung, die die Sozialwissenschaftlerin Maria Mies bereits 1978 im „Dienste der Frauenbewegung“ – wie es damals hieß – formuliert hatte.

Symposion 1983
Symposion „Methoden in der Frauenforschung“

Das zweite Symposion, 1984 durchgeführt, galt den „Theorien weiblicher Subjektivität“. Und das dritte, das noch im selben Jahr stattfand, war der „Frauenpolitik an der Hochschule“ gewidmet. Dieses dritte Symposion diente vor allem der politischen Selbstverständigung. Es war ein Kreisen um den Widerspruch von Anpassung und Widerstand, von Anerkennung und Veränderung. Heute wissen wir (und damit verweise ich auf eine aktuelle Studie der Soziologin Sabine Hark), dass „Dissidenz und Partizipation“ unauflöslich miteinander verknüpft sind; dass Akzeptanz der herrschenden Spielregeln die paradoxe Voraussetzung dafür ist, Veränderungen zu erzielen. Und ich meine, dass die Zentraleinrichtung bis heute als eine Form der Materialisierung dieses vermeintlichen Widerspruchs angesehen werden kann.

Symposion 1984
Symposion „Frauenpolitik als Hochschulpolitik“

Die Themen der von uns organisierten Diskussionsforen in den folgenden Jahren wurden dann weitgehend von den wissenschaftlichen Arbeiten bestimmt, die im Rahmen der Edition „Ergebnisse der Frauenforschung an der Freien Universität Berlin“ veröffentlicht wurden. Diese Edition wurde von einer Gruppe von Hochschullehrerinnen im Winter 1983 gegründet. Es war eine Idee der Universitätsprofessorin Anke Bennholdt-Thomsen. Sie war es, die, gemeinsam mit Frau Limbach, diese Idee dem damaligen Präsidenten nahe brachten und er, so steht es wörtlich im Protokoll, „begrüßte grundsätzlich das von den Damen vorgetragene Projekt“. Zwei Jahre später, 1985, erschienen die ersten vier Bände im Beltz Verlag und wurden auf einem Symposion vorgestellt. Bis heute konnten im Rahmen dieser Edition 70 Forschungsarbeiten publizieren werden. Heute erscheint die Edition beim Wallstein-Verlag. Sie sehen hier das Cover eines Bandes, der im 25sten Jahr der Zentraleinrichtung erschienen ist. Der Erfolg dieser Edition ist ein Beispiel dafür, dass Frauen- und Geschlechterforschung inzwischen ein gut eingeführtes und für viele Verlage auch ein interessantes (sprich lukratives) Gebiet geworden ist.

Querelles-Net Startseite
Querelles-Net Startseite

Die Reihen, die in der Zentraleinrichtung betreut werden, gehören zu den angesehensten Publikationen dieses Forschungsbereichs. Dazu gehört auch das Jahrbuch für Frauen- und Geschlechterforschung mit dem programmatischen Namen Querelles, das seit 1996 erscheint und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert wird. Im Sommer 2000 kam Querelles-Net hinzu. Diese Online-Rezensionszeitschrift für Frauen- und Geschlechterforschung, die dreimal im Jahr von uns ins Netz gestellt wird, ist inzwischen weit über Deutschland hinaus bekannt und bislang das einzige Projekt dieser Art in Deutschland. Diese drei Publikationsprojekte: die Edition, das Jahrbuch und die Rezensionszeitschrift Online sind Bausteine für ein Zukunftsprojekt, das bereits in konkreter Planung ist. Wir werden ein Fachportal Frauen- und Geschlechterforschung aufbauen. Mit diesem Fachportal werden wir nicht nur wesentliche Aktivitäten der Zentraleinrichtung systematisch miteinander verbinden, sondern auch – gestützt durch unsere Kooperationsbeziehungen – erweitern können.

2. Frauen- und Geschlechterforschung in der Lehre

Unser zweiter Arbeitsschwerpunkt umfasst die Aktivitäten in der Lehre. Im Wintersemester 2003/04 starteten wir mit der Pilotphase des „Weiterbildenden postgradualen Zusatzstudiengangs Gender-Kompetenz“. Mit diesem Studiengang wollen wir die Veränderungen in der Politik der Chancengleichheit aktiv mitgestalten und bieten den Studierenden ein Professionalisierungsangebot, mit dem sie Wissen und Handlungskompetenz in Fragen der Chancengleichheit erwerben können. Nach Beendigung der Pilotphase und der Evaluierung des Studiengangs in diesem Jahr (2006) wurde vom Akademischen Senat der Freien Universität Berlin beschlossen, zum Wintersemester 2007/08 mit einem entsprechenden weiterbildenden Masterstudiengang neu zu starten.

Das Für und Wider eines solchen Studienganges muss immer wieder gründlich diskutiert werden. Das ist selbstverständlich. Entsprechende Diskussionsforen haben wir organisiert. Es waren drei Tagungen: Auf der ersten Tagung ging es noch grundsätzlich um das Verhältnis von Geschlechtertheorie und Gleichstellungspraxis. Auf der zweiten Tagung wurde das derzeit favorisierte Konzept des Managing Diversity diskutiert. Und die Frage, wohin uns diese „Modernisierung der Geschlechter- und Gleichstellungspolitik“ führen wird, motivierte uns zur 3. Tagung, der wir den Titel gaben: „Gender und Diversity. Alptraum oder Traumpaar?“ Neben diesem Studiengang hat die Zentraleinrichtung eine weitere neue Aufgabe übernommen: nämlich die Gestaltung und Organisation der Module für den Kompetenzbereich Gender & Diversity. Es handelt sich um Modulangebote für den Studienbereich der Allgemeinen Berufsvorbereitung in den Bachelorstudiengängen.

Ich komme zum Schluss. Es war mir ein Anliegen, deutlich zu machen, dass sich unsere Institution aus einer engen Bindung an die Frauenbewegung heraus entwickelt hat und dass wir uns den Zielen dieser Bewegung nach wie vor verpflichtet fühlen, dass aber – mit den vielfältigen gesellschaftlichen Neuerungen und den damit verbundenen Veränderungen in der Hochschullandschaft – permanent Anforderungen an uns herangetragen werden, die eine Veränderung des Aufgabenspektrums erzwingen.

Die Zentraleinrichtung ist heute eine „eherne“ (so der Vizepräsident, Prof. Dr. Werner Väth) Institution der Freien Universität Berlin. Ihre zukünftige Arbeit wird weitgehend mitbestimmt durch den Exzellenzwettbewerb und die Studienreform. Und so werden wir unsere Infrastruktur, unser wissenschaftliches und organisatorisches Erfahrungswissen sowie die Praxiskontakte weiterhin für die Unterstützung von Forschungsprojekten und der Lehre im Bereich Frauen- und Geschlechterforschung zur Verfügung stellen. Gleichzeitig betrachten wir es als unsere originäre Aufgabe, weiterhin intensiv an der Anerkennung von Frauen- und Geschlechterforschung im Kanon der wissenschaftlichen Disziplinen mitzuwirken. Und zudem gehört es zu unserer Identität, die Entwicklung in Forschung und Lehre sowie deren institutionellen Rahmenbedingungen immer auch kritisch zu reflektieren.

Anmerkung der Redaktion: Den Redetext begleiten Bilder, die während der Rede gezeigt wurden; wir haben sie neben der Einbettung in diesen Text auch in einer Galerie zusammengestellt.

URN urn:nbn:de:0114-qn081222

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