Dorothee Dauber: Else Lasker-Schülers Lyrik aus chinesischer Sicht

Else Lasker-Schülers Lyrik aus chinesischer Sicht

Rezension von Dorothee Dauber

Aihong Jiang:

Yi-jing in der Lyrik Else Lasker-Schülers.

Göttingen: Cuvillier 2000.

169 Seiten, ISBN 3–89712–898–5, DM 52,00 / SFr 52,00 / ÖS 364,00

Abstract: Aihong Jiang untersucht die Lyrik Else Lasker-Schülers aus einer neuen Perspektive, indem sie das traditionelle chinesische ästhetische Konzept Yi-jing anwendet und so zu interessanten Interpretationen gelangt. Zuerst stellt Jiang das Konzept als solches sowie seine beiden Komponenten vor, dann zeigt sie auf, daß der „Yi-jing-Effekt“, die „dynamische Lebendigkeit“, in Lasker-Schülers Lyrik ausgesprochen stark ist.

Es sind vor allem Gedichte der mittleren Schaffensperiode Else Lasker-Schülers, aus den Bänden Der siebente Tag (1905), Meine Wunder (1911) und den Zyklen von Widmungsgedichten (1920, Cassirer-Verlag), die Aihong Jiang in ihrer Dissertation untersucht; die „Hebräischen Balladen“ zieht sie nicht in Betracht. Dabei geht sie von dem klassischen chinesischen poetischen und allgemein ästhetischen Konzept Yi-jing aus, auch als Theorie oder Lehre bezeichnet (nicht zu verwechseln mit dem antiken Orakelbuch Yi-jing bzw. Yijing, I Ging o.ä., das mit anderen Schriftzeichen geschrieben wird). Bei diesem Konzept, das auch in anderen Bereichen der Kunst Anwendung findet, besonders in der Malerei, geht es um die Korrespondenz zwischen Subjekt und Objekt, Innen und Außen, Gefühlen des lyrischen Ich und umgebender Natur, im weitesten Sinne zwischen Individuum und Welt. Jiang nennt es auch „die Darstellungsmethode der Verbindung des Virtuellen mit dem Reellen“. In der chinesischen Dichtung wird die Verschmelzung beider angestrebt, um so die innere Welt des Dichters oder der Dichterin äußerlich sichtbar und spürbar zu machen; dennoch läßt sich das Konzept auch in seine beiden Einzelteile aufspalten.

Im ersten Teil der Arbeit stellt Jiang das Konzept des Yi-jing in seinen Grundzügen innerhalb der klassischen Literaturtheorie vor und erörtert die Herkunft der Bezeichnung und ihre Bedeutung in der Literaturkritik. Das Konzept wird auf seine Ursprünge und Vorläufer zurückgeführt und im Vergleich zu anderen chinesischen poetischen und ästhetischen Kategorien diskutiert. Jiang nennt die Wirkungen des Yijing in der Lyrik und die verschiedenen Möglichkeiten, diese Effekte zu erzielen. Zur Illustration führt sie (größtenteils eigene) Übersetzungen berühmter chinesischer Gedichte aus verschiedenen Epochen an.

Im zweiten Teil wird dieses Konzept auf die Lyrik Lasker-Schülers übertragen; Jiang zeichnet auch die Entwicklung von der früheren zur späteren Lyrik nach. Dazu werden die beiden Komponenten Yi und Jing, die Innenwelt und die Außenwelt, zuerst jeweils einzeln auf Lasker-Schülers Lyrik angewendet. Dabei stellt Jiang fest, daß das Yi, die innere Welt, aufgrund der absoluten Ichbezogenheit und der dominierenden Rolle des Gefühls bei Lasker-Schüler stark ausgeprägt ist. Das Jing dagegen, die äußere Welt, ist eigentlich nur auf dem Umweg über das Yi erfahrbar; es ist bruchstückhaft, dunkel und irreal.

Zeit und Raum bilden normalerweise den Rahmen für das Jing und bestimmen, welche Gegenstände aus der Natur bzw. der Umgebung des lyrischen Ich herangezogen werden. In der chinesischen Lyrik werden sie meist am Anfang schon indirekt mitgeteilt, an einer Schlüsselstelle des Gedichts, indem aus der Erwähnung von Sonne, Mond, Regen, Wind oder anderen Naturphänomenen, Bäumen oder Blumen, die Jahreszeit, die Tageszeit, das Wetter und das Klima (und somit die geographische Lage) hervorgehen. Doch bei Lasker-Schüler gibt es kaum Naturerleben. Da sie fast ausschließlich die Innenwelt im Blick hat, setzt sie sich auch über die Grenzen von Zeit und Raum hinweg. Dazu sind ihre Verse locker aneinandergereiht, sie fallen sinngemäß auf den ersten Blick oft auseinander; verbunden sind sie nur durch eine starke innere Spannung. Gerade in dieser „Disparatheit der Bilder“, in der Verknüpfung nicht zusammengehöriger Elemente, sieht Jiang jedoch die Übereinstimmung mit der Praxis des Yi-jing, die „Verbindung des Virtuellen mit dem Reellen“ (S. 93, S. 98).

Bei der Untersuchung der Mittel, durch die Lasker-Schüler den starken Yi-jing-Effekt erzielt, geht Jiang nicht nur auf Aufbau, Struktur und Sprache der Gedichte ein, sondern sie veranschaulicht beispielsweise anhand der Gedichte „Von weit“ („Du denkst an mich – es bleiben alle Sterne stehen“) und „Chaos“ („Die Sterne fliehen schreckensbleich / Vom Himmel meiner Einsamkeit“) die Personifizierung der Natur, die eine Überschreitung der Grenzen zwischen der Außenwelt und der Innenwelt ermöglicht (S. 87). Diesem Zweck dient auch die Synästhesie, die Aufhebung der Unterschiede zwischen den verschiedenen Sinneswahrnehmungen, die Lasker-Schüler oft einsetzt. Bei ihr können Farben Töne von sich geben und an Gerüche erinnern, Klänge strömen ihrerseits Farben aus. Die Naturgesetze werden außer Kraft gesetzt. Auch die immer wieder auftauchenden Bilder, „Gestalten“, werden untersucht, wie der „Weg“ oder „Pfad“, der das lyrische Ich in eine imaginäre Heimat führen soll, das Herz, das bei ihr u. a. für Ehrlichkeit steht, aber auch für Ungeschütztheit, Nacktheit, ferner Gold und Stern; bei letzteren geht Jiang allerdings auf die verschiedenen Bezüge zum Judentum nicht ein.

Der Forschungsstand zu Lasker-Schüler wird resümiert, indem Jiang die verschiedenen Ansätze der Einordnung in oder zwischen unterschiedliche literarische Strömungen nachzeichnet wie Romantik, Expressionismus und Imagismus; orientalische und hebräische Einflüsse und Anklänge an das Alte Testament werden aufgezeigt. Jiang kommt dabei zu dem Ergebnis, daß Lasker-Schülers Lyrik so vielfältig, zeit- und raumübergreifend ist, daß sie nicht eindeutig zugeordnet werden kann.

Im dritten Teil erörtert Jiang zuerst dem Yi-jing verwandte Begriffe aus der westlichen Literaturwissenschaft (hierfür bezieht sich Jiang auf die Ergebnisse einer Studie eines Literaturwissenschaftlers der Gegenwart, Pan, Shixiu; im folgenden auch auf den Literaturwissenschaftler und Ästhetiker Zhu, Guangqian); dazu herangezogen werden Goethe (der Einfluß des Yi auf das Jing wird dem Anwehen „eines befruchtenden göttlichen Odems“ verglichen), Kant (ebenso dem „belebende[n] Prinzip im Gemüt“) und Hegel („ein Inneres, eine Bedeutung […] durch welche die Außenerscheinung begeistert wird“). Berührungen und Wechselwirkungen zwischen chinesischer und westlicher Dichtung werden angesprochen wie die Rezeption chinesischer Lyrik in Europa in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts und die des Imagismus in China, und Ähnlichkeiten und Unterschiede werden angerissen. Die anschließenden sporadischen Äußerungen zur chinesischen Philosophie sind stark vereinfacht, da Jiang allgemein die Errungenschaften und Konventionen der westlichen Chinaforschung außer Acht läßt.

Nur sehr kurz thematisiert wird das Judentum – wie oben bereits angedeutet –, ebenfalls sehr knapp die Biographie und so gut wie gar nicht das Geschlecht. Die Interpretationen sind insofern ausgesprochen ungewöhnlich, als die Gedichte hier fast ohne Ansehen der Person betrachtet werden. Angesichts der exponierten Stellung Lasker-Schülers als Frau und als Jüdin ist dies umso erstaunlicher, da diese Faktoren normalerweise eine besonders enge biographische Deutung herausfordern. Jiangs isolierte Betrachtungsweise ist aber auch für das chinesische Lyrikverständnis ausgesprochen untypisch, wo traditionell Biographien zur Interpretation des Werkes und literarische Zeugnisse zur Rekonstruktion (bzw. Konstruktion) der Biographie herangezogen werden.

So geht Jiang auch auf die Tatsache, daß Lasker-Schülers Schreiben in hohem Maß durch ihr Geschlecht bestimmt war, nicht ein. (Dieser Aspekt ist freilich im Konzept des Yi-jing auch nicht enthalten, schon allein, da der gender-Aspekt wohl kaum in klassischen Poetologien vorkommen dürfte. Wie auch in den Dynastiegeschichtswerken wurden Dichterinnen in Anthologien jedoch gesondert untergebracht – wenn sie überhaupt Aufnahme fanden –, sofern ihnen nicht die ganze Sammlung gewidmet war. Dies trug selbstverständlich zur Herausbildung einer spezifisch weiblichen literarischen Tradition bei.)

Insgesamt ist die Arbeit anregend, und die Interpretationen sind interessant. Aufschlußreich die Ausführungen über das Yi-jing, das Konzept ist im deutschsprachigen Kontext in der Tat bisher wenig rezipiert worden.

URN urn:nbn:de:0114-qn021154

Dr. Dorothee Dauber

Freie Universität Berlin. Ostasiatisches Seminar

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