Elke Brüns: Das erzählte Geschlecht

Das erzählte Geschlecht

Rezension von Elke Brüns

Sigrid Nieberle, Elisabeth Strowick (Hg.):

Narration und Geschlecht.

Texte – Medien – Episteme.

Köln, Weimar, Wien: Böhlau 2006.

428 Seiten, ISBN 978–3–412–35605–7, € 44,90.

Abstract: In den Beiträgen des Bandes wird der Zusammenhang von narrativen Strukturen und Geschlechterkonstitutionen untersucht. Eine solche Verbindung erweist sich als umso notwendiger als die Erzählforschung zurzeit einen höchst produktiven Forschungsbereich darstellt. Der Band ist in drei Abteilungen gegliedert: Die erste – ‚Theoretische Schnittstellen‘ – ist methodologisch konzipiert, in der zweiten – ‚Medien und Narration‘ – wird der Konnex von Bildlichkeit, Narration und gender entfaltet, während die dritte – ‚Narration und Wissensformierung‘ – epistemischen Fragestellungen gewidmet ist.

Strange bedfellows?

Die Existenz einer Schnittstelle zwischen Narratologie und feministischer Forschung, dies macht der Beitrag von Vera und Ansgar Nünning deutlich, ist nicht evident – im Gegenteil. Die unterschiedlichen Erkenntnisinteressen (und damit naturgemäß die methodischen Verfahren) der an gender-Konstruktionen orientierten feministischen Forschung und der die vorgeblich ‚neutralen‘ Erzählstrukturen analysierenden Erzählforschung standen zunächst in einem fast konfligierenden Verhältnis, das erst in den letzten Jahren durch die Weiterentwicklungen innerhalb beider Forschungsbereiche gelöst wurde. Als grundlegend erwies sich hier die Einsicht in die eben auch geschlechtscodierte Semantisierung literarischer Formen, die – im Anschluss an Fredric Jamesons Theorem einer als ‚sedimentierter‘ Inhalt verstanden ideology of form – als gegenderte Ideologie analysiert werden können. Wie diese Semantisierung wirksam wird, zeigen die differenzierten Lektüren in den einzelnen Beiträgen auf.

Erika Greber widmet sich am Beispiel der Neujahrstortur von Tschechow der Du-Erzählung, einem Sonderfall literarischen Erzählens, bleibt doch die Frage, welcher Erzähler – oder eben Erzählerin – spricht, latent. Kann das Geschlecht hier erst anhand des Konzepts der Textinterferenz – das den Erzähler nicht essentialistisch, sondern funktional zur adressierten Person bestimmt – freigelegt werden, so zeigt Sigrid Nieberles Beitrag zu Heimito von Doderers Die erleuchteten Fenster oder die Menschwerdung des Amtsrates Julius Zihal,dass die titelgebende Menschwerdung sich nicht geschlechtsneutral, sondern als Mannwerdung vollzieht. Dies verdankt sich einem Erzählprozess, der mittels metaleptischer Kommentierung erzeugt, was er beschreibt. Die prozessuale Erzeugung von gender-Konstruktionen betont auch Nadyne Stritzke in ihrem Entwurf einer gender-orientierten Narratologie, den sie im Anschluss an Butler und Fluck als ‚narrative Performativität‘ zu konzeptionalisieren vorschlägt. Elisabeth Strowick weist die „Poetik der Unreinheit“ nach, die Stifters Granit und Aus dem Bairischen Walde sowie den Briefwechsel mit seiner Frau Amalia präge. Die ‚Heillosigkeit‘ eines als generationelle Ansteckung figurierten Erzählens führe dabei zu einer Destabilisierung der Geschlechterrollen wie der Gattungskonventionen. Birgit Wagner sieht in ihrem Beitrag zu Assia Djebars Die Frauen von Algier insbesondere die Kategorie der Stimme als Möglichkeit, ästhetische und ethische Fragen engzuführen, geht es doch im postkolonialen Kontext um die Frage, wer für wen die Stimme erheben darf. Wolfgang Müller-Funkstellt im Anschluss an Ricœur die Unterscheidung von Identität und Ipseität in das Zentrum seiner Argumentation. Notwendig sei diese Differenz, da sie das Spannungsfeld von Wandel und Beständigkeit identitärer Konstruktionen betont und zugleich das Bedürfnis erklärt, das eigene Leben zu narrativieren.

Die zweite Abteilung nimmt Medien/Medialität, gender und Narration in den Blick. Von besonderem Interesse sind die Resignifizierungen, Brüche und Umschriften, die mit Medienwechseln einhergehen. So verfolgt Annette Runte die ‚trügerischen Geschlechteridyllen‘ bei Hofmannsthal, Doderer, Böcklin und de Chirico, die sich auf dem Hintergrund der Neutralisierung der Geschlechterdifferenz um 1900 in den Ausgestaltungen des Zentauren-Mythos als Teil eines De- und Remythologisierungsprozesses zeigen. Claudia Liebrand kann nachweisen, wie durch die Adaptation des Films Random House zum radio play das als woman’s genre verstandene Melodram durch die Installation einer weiblichen Erzählstimme umgeschrieben wird. Die durch den Medienwechsel erfolgte Modifizierung der Genre-Konventionen macht einmal mehr deutlich, dass doing gender and doing genre untrennbar verbunden sind. Eine Destabilisierung der gender- und damit Genre-Konventionen vollzieht sich, wie Marion Picker beispielhaft anhand des Film Noir Der amerikanische Soldat zeigt, auch in den Filmen Rainer Werner Fassbinders, dessen Œuvre durch die Engführung von nationalen, geschlechtlichen, aber auch sozialen Identitätskonstruktionen gekennzeichnet ist. Dass etablierte gender-Konstruktionen nicht nur von einem dem Autorenfilm verpflichteten Regisseur unterlaufen und erweitert werden können, zeigt Gaby Allraths und Marion Gymnichs Analyse ausgewählter Fernsehserien der 1990er Jahre. Dies ist umso bemerkenswerter, weil gerade diese Formate durch ihr Rezeptionssetting in hohem Maße dazu beitragen, gender-Konventionen natürlich, weil alltäglich erscheinen zu lassen. Ob Zuckerstückchen oder mise en abyme: Kandis von Thomas Meinecke schließt die erste Abteilung jedenfalls sehr vergnüglich ab.

Dass auch epistemische Objekte nicht jenseits der Geschlechterordnung erscheinen, wird in der dritten Abteilung deutlich gemacht. Eingeleitet wird sie durch einen programmatischen Beitrag von Mieke Bal – einer Übersetzung aus Doubles Exposures –, der die Erzeugung von Wissensbeständen als narratives Verfahren im Konzept der Ausstellung (exposition) analysiert. Stephan Jaeger zeigt, dass sich die Historiographie trotz des Anstoßes durch Hayden White erst langsam dem Konnex von gender, Narration und Geschichtsdeutung zu nähern beginnt. Joyelyn Holland geht mit Johann Wilhelm Ritters Forschungen zum Magnetismus und zur Elektrizität einem Fallbeispiel nach. Ritter deutet seine Studien mittels anthropomorpher Narrative, die dem Forschungsfeld eine Geschlechtercodierung einschreiben. Stefan Willer zeigt in einem historischen Durchgang, wie das von Karl Mannheim als räumlich gedachte Konzept der Generation über den Aspekt der Generativität als der ‚Fähigkeit, seinesgleichen hervorzubringen,‘ zu einem Narrativ der Verzeitlichung avancierte. Von besonderer Brisanz ist dabei die biopolitische Dimension, da die Engführung des räumlichen und zeitlichen Konzepts im Zuge rassepolitischer Homogenisierung vom narrating gender in engendering sex umschlägt. Petra Lange-Berndt geht der materialen Basis der Kunstproduktion Annette Messagers nach. Der Künstlerin gelinge es, das in den Naturwissenschaften als natürlich gegebene Zweigeschlechtermodell zu dekonstruieren. Anhand der Krankengeschichten der feministischen Theortikerinnen Eve Kosofsky Sedgwick, Jackie Stacey und Zillah Eisenstein analysiert Franziska Gygax die Bedeutung theoretischer Reflexionen für das autobiographische Erzählen. Für die an Brustkrebs Erkrankten gewinnen die Theoreme feministischer Forschung eine existentielle Dimension, da sie es in Auseinandersetzung mit kulturellen, sozialen und vor allem gender-Konstruktionen ermöglichen, andere als die vorgegebenen Erzählschlüsse zu imaginieren.

Fazit

Der Band löst das Anliegen der Herausgeberinnen, „das vielfältige Verhältnis zwischen narrativen Strukturen, medialen Bedingungen und Wissensformen unter gender-Aspekten zu perspektivieren“ (S. 17), eindrucksvoll ein. Die hier aus Platzgründen nur kursorisch wiedergegebenen Befunde machen deutlich, dass die gender-orientierte Narratologie bisherige Forschungsergebnisse der Erzählforschung signifikant modifizieren oder auch – so zu einzelnen Autorinnen und Autoren – revidieren kann. Damit erweist sie sich als unverzichtbares Instrumentarium für Gender bzw. Queer Studies wie für die Erzählforschung.

URN urn:nbn:de:0114-qn081028

PD Dr. Elke Brüns

Universität Greifswald, Institut für Deutsche Philologie

E-Mail: elke.bruens@uni-greifswald.de

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