Ana Belén García Timón: Bräute Christi im Alltag

Bräute Christi im Alltag

Rezension von Ana Belén García Timón

Christina Lutter:

Geschlecht & Wissen, Norm & Praxis, Lesen & Schreiben.

Monastische Reformgemeinschaften im 12. Jahrhundert.

Wien: R. Oldenbourg 2005.

338 Seiten, ISBN 3–486–57823–5, € 49,80

Abstract: Ausgehend von der Frage, ob die in den letzten Jahrzehnten im Bereich der Gender Studies konzipierte soziokulturelle und analytische Kategorie „Geschlecht“ für einen mittelalterlichen Kontext relevant ist, untersucht die Autorin eine Reihe von Texten, die zur Zeit der Benediktiner Reform in verschiedenen monastischen Gemeinschaften zusammengestellt worden sind.

Traditionell wurde angenommen, dass Frauen im mittelalterlichen Europa von „Bildung“ und „Wissenschaft“ weitgehend ausgeschlossen waren. Dies sei mit der „weiblichen Schwäche“ begründet worden und habe Konsequenzen für die Organisation moderner (westlicher) Wissenschaft gehabt (vgl. S. 6). Christina Lutter nimmt diesen Topos zum Ausgangpunkt für eine Dekonstruktion von Normen, Ordnungen und Prozessen in bestimmten historischen Zeiträumen. Geschlecht und Wissen werden dabei als Kategorien aufgefasst, die gesellschaftlich konstruiert werden. Ihr Ziel ist es herauszufinden, ob diese Instrumente für die Anwendung in einer historischen Fragestellung tauglich sind. Die monastische Reformbewegung des 12. Jahrhunderts steht im Mittelpunkt der Untersuchung. Darüber hinaus werden „monastische Gemeinschaften als konkrete Orte der Praxis des Lesens und Schreibens“ (S. 9) genauer analysiert. Die Autorin bedient sich dieses Szenariums, um Fragen nach der Temporalität, Entstehung und gesellschaftlichen Bedeutung von „Geschlechts-“ und „Wissens-"Konzepten zu beantworten.

Aufbau

Der Text ist in vier Teile gegliedert und enthält zusätzliche Anhänge. Der erste Teil, „Geschlechterordnungen – Wissensordnungen“, enthält eine Einleitung in die Thematik, Konzepterklärung sowie die Vorgaben der Autorin. In diesem ersten Kapitel wird auch der ersten Beispieltext präsentiert, Hortos deliciarium. Eine kurze Analyse dieses Codex dient als Kompaktmodell für die Vorgehensweise bei der Fallstudie: der Untersuchung der Admonter Quellen. Zum besseren Verständnis wird die Fragestellung durch eine Darstellung der monastischen Reformen im 12. Jahrhundert kontextualisiert.

Der zweite Teil, „Das Benediktinerkloster Admont – Eine Fallstudie“, der dritte Teil, „Rollenmodelle und Identifikationsmuster“, und der vierte Teil, „Geistige und Soziale Netze“, bilden das Zentrum des Bandes. Zu würdigen, da sie sehr illustrativ für das Verständnis sind, sind die vier Anhänge mit den Schlüsseltexten aus Beständen des Admonter Frauenkonvents.

Das Admonter Kloster, ein Doppelkloster

Das Admonter Kloster wurde in den siebziger Jahren des 11. Jahrhunderts als Männerkloster gegründet. Im Rahmen der Benediktinerreform des 12. Jahrhunderts eröffnete Wolfolds von Lohkirchen ein dazugehöriges Frauenkloster. Dieses Modell des Doppelklosters als ideales Muster für ein Kloster der Reformation fand Interessenten sowohl im Westen als auch im Osten. Daraus entstanden zahlreiche Kontakte und ein Austausch, vor allem von Gebetbüchern, zwischen den Klöstern. Das Admonter Kloster ist deswegen ein exzellentes Beispiel für die Beobachtung von Beziehungen zwischen Frauenkloster und Männerkloster, zwischen Bewohner/-innen und Externen bzw. zwischen Texten, Leser/-innnen und Schreiber/innen.

Die Autorin bedient sich der Codices, welche in dem Admonter Konvent produziert und gelagert werden, für ihre Analyse von Geschlecht- und Wissensordnung am Beispiel eines Klosters der monastischen Reform des 12. Jahrhunderts. In jedem Kapitel greift sie auf die selben Quellen für die Beschreibung der verschiedenen Aspekte des Lebens im Kloster zurück. Der Bericht über den Brand des Kloster von Irimbert von Admont, Vita magistrae, die Briefe von Gerhoh von Reichersberg sowie die „Nonnenbriefe“, die Admonter Wundergeschichten und das Matutinale sind die Hauptquellen dieser Arbeit. In Verlauf der Untersuchung werden auch andere Quellen aus weiteren Klöstern herangezogen, welche die Autorin mit den Admonter Quellen vergleicht.

Codex als Zeuge des Klosterlebens

„Vermitteln der Bericht Irimberts über die vorbildliche Lebensweise der Admonter Nonnen und die Briefe Gerhohs von Reichenberg an sie einen Eindruck davon, wie spirituelle Seelsorger über die ideale vita monastica der Sanktimonialen dachten, so erzählen die Vita magistra, die Admonter Wundergeschichten und das Matutinale des Frauenkonvents, wie auch das Nonnberger Gebetbuch von den spirituellen Vorstellungswelten der Frauen selbst“ (S. 178).

Irimbert beschreibt die Gebete, Kleidungen, Essen usw. der Nonnen im Konvent. Es fällt besonders auf, welches Bildungsniveau die Nonnen hatten, sie kannten die Bibel ebenso gut wie die Mönche. Auch spielten die Nonnen eine sehr wichtige Rolle für die Erhaltung der Gebete und Gesänge, sie wurden als Spezialistinnen der „Memoriam“ betrachtet, und in dieser Position übernahmen sie die Aufgabe des Abschreibens von Büchern, dieses galt als „typische Frauenarbeit“ (S. 210).

Den Kontakt zwischen Männern und Frauen war sehr gering. Die Frauen wohnten in einer strikten Klausur, die Mönche hingegen nicht. Gründe hierfür sollten die „Weibliche Schwäche“ sowie die Wahrung der Jungfräulichkeit sein. Trotz dieser geschlechtsspezifischen Behandlung wurden Männer wie Frauen als „Bräute Christi“ behandeln. Als „Bräute Christi“ sollten sie sich mit den Lastern auseinandersetzen. Der Kampf gegen den Teufel und die Bewahrung der Tugend waren Aufgaben des Alltags. Maria wurde als Beispiel genommen für den Kampf gegen den Teufel, sie war genauso Vorbild für Frauen wie für Männer. Keine von den Aufgaben wurden geschlechtspezifisch festgelegt.

Die Vita magistrae ist die früheste der im Band behandelten Quellen, die von einer Frau verfasst wurde, die Identität der Frau blieb aber unbekannt. In der Vita handelte es sich um das Leben von Gertrud von Nivelles und die Bekehrung der Prostituierten Thäis. Das Werk ist eine außergewöhnliche Beschreibung der Nonnenausbildung sowie des rituellen und spirituellen Tagesverlaufs im Admonter Kloster. Lutter hebt hervor, dass bei der Beschreibung nicht nach Geschlechtern differenziert wird.

Die Briefe von Gerhoh von Reichenberg und die Admonter „Nonnenbriefe“ dienen als Grundlage für die Analyse der Außenbeziehungen der Nonnen. Man kann die Briefe unterteilen: zum einen der Briefwechsel zwischen den Frauen und den Mönche innerhalb des Konventes und zum anderen die Briefe mit dem „Außen“. In dem Kloster waren die Themen, die behandelt wurden, vor allem spirituelle Fragen. Im Fall des Kontakts mit dem „Außen“ sind ökonomische und materielle Inhalte bedeutsam. Man sollte die soziale Herkunft der Nonnen nicht vergessen, die zum Teil aus sehr wichtigen Familien stammten. Gleichzeitig entwickelten die Frauen durch die Briefe eine pastorale Mission außerhalb des Konvents.

Ist Glauben geschlechtspezifisch?

Die Admonter Quellen deuten auf keine Differenzierung nach Geschlecht im Hinblick auf den Glauben und die Arbeit in den monastischen Reformgemeinschaften im 12. Jahrhundert an. Christina Lutter folgert daraus, dass die Reformbewegung eine egalitäre Haltung zwischen Frauen und Männer und dadurch die aktive Partizipation der Frauen am religiösen und sozialen Leben erlaubte (vgl. S. 218).

Mit ihrer Studie ist es Christina Lutter gelungen, kultur- und geschlechtergeschichtliche Fragestellungen in der mediävistische Forschung anzuwenden. Lutter plädiert in ihrer Untersuchung dafür, ihre Fragestellung auf „vergleichende und disziplinenübergreifende Forschungsvorhaben an weiteren Beständen“ (S. 220) auszuweiten. Dem ist zuzustimmen.

URN urn:nbn:de:0114-qn073316

Ana Belén García Timón

Leipzig/Universität Leipzig/Geschichte

E-Mail: garcia@uni-leipzig.de

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