Susanne Gramatzki: Das künstliche Geschlecht

Das künstliche Geschlecht. Androiden in Literatur und Film

Rezension von Susanne Gramatzki

Eva Kormann, Anke Gilleir, Angelika Schlimmer (Hg.):

Textmaschinenkörper.

Genderorientierte Lektüren des Androiden.

Amsterdam, New York: Rodopi 2006.

253 Seiten, ISBN 90–420–1778–3, € 55,00

Abstract: Das Motiv des künstlichen Menschen bildet eine ebenso stabile wie vielfach variierte Konstante der abendländischen Literaturgeschichte von Homer bis Houellebecq. Die ihm zugrundeliegende Konstellation Schöpfer – Geschöpf bzw. Subjekt – Objekt wird von einem wirkmächtigen kulturanthropologischen Denkschema überlagert, das seit Platon und Aristoteles das Männliche als geistiges, aktives und formstiftendes, das Weibliche hingegen als passiv-empfangendes, stoffliches Prinzip identifiziert. Genderspezifisch perspektivierte Lektüren von Texten über Automaten und Androiden, wie sie der Band Textmaschinenkörper versammelt, bieten sich daher an, um die (literar-)historische Komplexität sozialer, kultureller, diskursiver und nicht zuletzt technologisch-szientifischer Geschlechterzuschreibungen näher auszuleuchten.

Relevanz der Gender Studies

Der von Eva Kormann, Anke Gilleir und Angelika Schlimmer herausgegebene Band Textmaschinenkörper: Genderorientierte Lektüren des Androiden geht auf eine Tagung des internationalen Netzwerks „FrideL. Frauen in der Literaturwissenschaft“ vom 3. bis 5. Oktober 2003 in Bremen zurück. In ihrer Einführung betonen die Herausgeberinnen, dass sie mit dem nun vorgelegten Tagungsband auch die Relevanz einer genderorientierten Literaturwissenschaft unterstreichen wollen, im Widerspruch zu Thomas E. Schmidt, der sich in seiner in der Wochenzeitung Die Zeit am 9. September 2004 veröffentlichten Zustandsanalyse der deutschen universitären Germanistik über die „hermeneutisch-analytischen, medien- und systemtheoretischen, ‚Gender‘-orientierten, konstruktivistischen und dekonstruktivistischen Zappeleien, welche das Fach in den vergangenen vierzig Jahren vollführt hat“, mokierte. Dass sich die Gender Studies keinesfalls auf die polemische Formel reduzieren lassen, „die gesellschaftliche Gerechtigkeit unter den Geschlechtern“ befördern zu wollen (Thomas E. Schmidt: „Die erschöpften Germanisten“. Die Zeit Nr. 38, 9.9.2004), ließe sich bereits mit einem kurzen Blick in den Band Textmaschinenkörper entkräften. Eine genauere Lektüre der Beiträge zeigt dann, dass sich die Analysen sehr wohl genuin literatur- und filmwissenschaftlichen Forschungsgegenständen verpflichtet fühlen, durch die Genderperspektive aber darüber hinaus noch eine Durchlässigkeit u. a. auf mentalitätsgeschichtliche, kulturwissenschaftliche und medientheoretische Fragestellungen gewinnen, mit denen sich die Germanistik – ebenso wie die anderen Philologien – heute selbstbewusst im Feld der Humanwissenschaften positionieren kann, fernab von den Extremen des Elfenbeinturms und der bloßen Sozialpraxis.

Die Geburt der Androiden aus dem Geiste des Geschlechterstreits

Da die Herausgeberinnen eine Unterscheidung zwischen magisch, künstlerisch und technisch hergestellten künstlichen Menschen aufgrund der historischen Variabilität der zugrundeliegenden Konzepte ablehnen („Rezepturen zur Erzeugung künstlicher Menschen, die heute als Magie erscheinen, galten zu ihrer Zeit doch als anerkannte Technik“, S. 8 f.), erwartet die Leser/-innen eine nicht näher strukturierte bunte Fülle an Androiden (dem griechischen Wortursprung entsprechend ganz allgemein als ‚menschenähnliche‘ Wesen verstanden) aus Literatur und Film: Automaten, Puppen, Maschinenmenschen, Golems, Roboter, Cyborgs etc.

Rudolf Drux, ausgewiesener Experte für das Motiv des künstlichen Menschen in der Literatur, führt in seinem in die Thematik des Bandes einleitenden Beitrag „Männerträume, Frauenkörper, Textmaschinen. Zur Geschichte eines Motivkomplexes“ literarhistorisch bedeutsame Beispiele des Motivs an und gibt Deutungsansätze für die bis ins 20. Jahrhundert hinein relativ stabile Figuration: männliches Schöpfersubjekt – Kunstwesen in Gestalt einer Frau oder eines Dieners. Der Ehrgeiz der männlichen Menschenschöpfer entspringe häufig einem ambivalenten, aus Angst und Begehren gemischten Gefühl gegenüber der weiblichen Sexualität. Mit der Erschaffung eines künstlichen Wesens sei die Möglichkeit gegeben, geheime Wünsche und Bedürfnisse zu objektivieren, die männlichen Vorstellungen von idealer Weiblichkeit buchstäblich Gestalt annehmen zu lassen und zudem den Zeugungs- und Geburtsvorgang zu perfektionieren (oder, je nach Lesart, zu pervertieren).

Die folgenden pointierteren Studien des Bandes sind einzelnen Texten und Filmen gewidmet. Es wird ein zeitlicher Bogen vom Mittelalter bis zur Gegenwart, vom mittelhochdeutschen Roman Flore und Blanscheflur bis zu Lara Croft geschlagen. Die Lektüre eines solchen Sammelbandes bewirkt einen doppelten, in gewisser Weise kontradiktorischen Effekt: Einerseits ist man als Leser/-in erstaunt über die Vielzahl an Texten, die sich mit dem Thema des künstlichen Menschen beschäftigen, andererseits ist zu konstatieren, dass sich die wissenschaftliche Debatte immer wieder auf einige wenige paradigmatische Beispiele konzentriert. Für die Literatur sind dies E. T. A. Hoffmanns Erzählung Der Sandmann, Mary Shelleys Frankenstein or The Modern Prometheus und der Roman L’Ève future von Philippe Auguste Villiers de L’Isle-Adam, für den filmischen Bereich Titel wie Matrix und Blade Runner – und natürlich, als Klassiker, Metropolis. Eine Redundanz der Ergebnisse stellt sich, was den vorliegenden Band betrifft, glücklicherweise dank der Fragestellungen der einzelnen Studien sowie der Zusammenschau der Beiträge nicht ein. Carola Hilmes liest Villiers de L’Isle-Adams Ève future (1886) parallel mit Angela Carters 1977 erschienenem, heute immer noch provozierenden Roman The Passion of New Eve und geht den jeweiligen Geschlechts- und Gesellschaftskonstruktionen nach. Diese Relektüre der Eva der Zukunft vor der Folie eines beinahe hundert Jahre später geschriebenen Romans, der den Gender Trouble auf eine kaum noch zu überbietende Spitze treibt, wird innerhalb des Bandes ergänzt durch den Aufsatz „Künstliche Menschen oder der moderne Prometheus. Der Schrecken der Autonomie“ von Eva Kormann. Scheint sich der Mensch mit der planvollen Schaffung eines künstlichen Wesens endgültig an die Stelle Gottes gesetzt zu haben, so zeigt Kormann anhand der Texte von Hoffmann, Shelley und Villiers de L’Isle-Adam auf, dass sich die absolute schöpferische Autonomie als trügerische und häufig tödliche Illusion erweist. Der unbedingte, die natürlichen Grenzen transgredierende Schöpferwille scheitert am Ende, in der Konstruktion des künstlichen Menschen spiegelt sich antithetisch die Destruktion des scheinbar autonomen Schöpfersubjekts wider.

Ähnliche ‚Synergieeffekte‘ ergeben sich auch bei den Filmanalysen. Neben Elke Brüns‘ Beitrag „Matrix: Erlösung von Körper und Geschlecht?“ beschäftigen sich zwei weitere Aufsätze mit der Filmtrilogie von Larry und Andy Wachowski. Tanja Nusser stellt die Matrix-Filme in den Kontext einer kritischen Überprüfung der wissenschaftlichen und künstlerischen Diskursivierung der biomedizinischen und kybernetischen Reproduktionstechnologien, Frank Degler geht der Frage nach, wie der Tod des Körpers im Film und im Computerspiel medial inszeniert wird. Er konstatiert zu Recht insbesondere in den Computerspielen eine Diffundierung der Grenzen zwischen Leben und Tod und folgert knapp, dass diese „Tendenz zur derealisierenden Inszenierung […] auch das gesamt-kulturelle Verständnis von Leben und Tod nachhaltig beeinflusst“ (S. 197). Dieses Resümee mag richtig sein, ist aber in dieser Form zu schematisch und bedürfte der Absicherung durch weitergehende Studien und entsprechende Belege.

Die Aufsätze des Bandes illustrieren – explizit oder implizit – jene Auffassung, die Carola Hilmes in ihrem Beitrag ausdrücklich formuliert, nämlich dass „sich der Körper nicht mehr als von der Natur Gegebenes, Unveränderliches, sondern als gesellschaftlich und kulturell Konstruiertes“ (S. 94) erweist. Die Unterscheidung zwischen dem biologischen und dem kulturell-sozialen Geschlecht ist zur geläufigen Prämisse der meisten genderorientierten Studien geworden. Darüber hinausweisend lässt sich der Band Textmaschinenkörper als eine Bestätigung für Thomas Laqueurs These lesen, dass das biologische Geschlecht ebenso eine Inszenierung darstellt wie das soziale (vgl. Thomas Laqueur. Making Sex: Body and Gender from the Greeks to Freud. Cambridge (Mass.) 1990). Schließlich, das zeigen die hier versammelten „genderorientierten Lektüren des Androiden“, wird die mögliche Differenzierung von sex und gender, die kategoriale Unterscheidung zwischen einem biologischen und einem sozialen Geschlecht, durch die rasanten Fortschritte in der Reproduktionsmedizin, der Genforschung und der Computertechnologie grundsätzlich in Frage gestellt. Den Herausgeberinnen ist für die überzeugende Konzeption von Tagung und Band zu danken, den Beiträger/-innen, von denen hier nur einige exemplarisch genannt werden konnten, für ihre spannenden und aufschlussreichen Untersuchungen.

URN urn:nbn:de:0114-qn073096

Dr. Susanne Gramatzki

Wuppertal/Bergische Universität/Fachbereich Geistes- und Kulturwissenschaften

E-Mail: gramatz@uni-wuppertal.de

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