Friederike Schneider: Verhandeln, Verwandeln, Verwirren

Verhandeln, Verwandeln, Verwirren

Rezension von Friederike Schneider

Graduiertenkolleg Identität und Differenz (Hg.):

Ethnizität und Geschlecht.

(Post-)Koloniale Verhandlungen in Geschichte, Kunst und Medien.

Köln: Böhlau 2005.

377 Seiten, ISBN 3–412–27005–9, € 42,90

Abstract: Das Graduiertenkolleg „Identität und Differenz“ der Universität Trier präsentiert mit dem vorliegenden Band die Ergebnisse einer Tagung von 2004. Trotz der Heterogenität der zahlreichen angesprochenen Themen wird die Kohärenz dieses umfangreichen Sammelbandes durch die gleichbleibend hohe Qualität der Beiträge gewährleistet.

Die komplexen wechselseitigen Bedingungen der Konstruktionen von Geschlechtsidentität und ethnischer Zugehörigkeit, die sich im hegemonialen westlichen Diskurs kaum überwinden lassen, stehen im Mittelpunkt dieses Sammelbandes, der die Beiträge der Tagung „Verhandeln, Verwandeln, Verwirren. Interdependenzen von Ethnizität und Geschlecht“ vom November 2004 in Trier versammelt. In insgesamt 19 Beiträgen, aufgeteilt auf vier unterschiedliche Forschungsfelder, wird der Zeitraum von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart abgedeckt. Ein weites Spektrum an Disziplinen ist vertreten: von Geschichte, Ethnologie und Kunstgeschichte bis hin zu Japanologie und Literatur- und Medienwissenschaft.

Kolonialisierung und männliche Mythen

Im ersten Forschungsfeld „Kolonialisierungsprozesse und ihre Geschichte(n)“ beschreibt zunächst Maike Christadler die Übertragung des christlich konnotierten Bildmotivs „Mutter und Kind“ auf indigene amerikanische Frauen bzw. Familien und die ambivalenten Bedeutungszuschreibungen, die diese Bilder von Seiten der Kolonialherren erfuhren. Es folgt ein Beitrag von Michael Weidert zur „Genealogie missionarischer Macht“; der Autor setzt sich mit den internen Machtverhältnissen der katholischen Mission in Deutsch-Ostafrika auseinander. In ihrem außerordentlich interessanten Artikel über die „rassengemischte Frau“ im New Orleans des 19. Jahrhunderts zeigt Nina Möllers die Möglichkeiten und Grenzen des Widerstandes gegen die rassistische Gesellschaftsordnung der Südstaaten in jener Zeit auf. Die „koloniale Postkarte“ mit orientalischen Frauen ist das Thema der kompetenten und kritischen Analyse von Silke Förschler, während sich George Gutu im letzten Beitrag dieses Forschungsfeldes mit Selbstaussagen von Autoren und Autorinnen aus der Bukowina befasst.

Das zweite Forschungsfeld „Von ‚weißen‘ und ‚anderen‘ Männern“ beginnt mit einer sachkundigen Untersuchung der um 1900 populären und viel beachteten frauenfeindlichen Thesen des Ethnologen Heinrich Schurtz, verfasst von Claudia Bruns. Weitere Beiträge in dieser Sektion enthalten Analysen von Gewaltdarstellungen, Rassismus und Männlichkeitskonzepten in der deutschen Kriegspropaganda von 1914 bis 1940 und von unterschiedlichen Darstellungen von Männlichkeitsrollen in dem amerikanischen Film-Epos „Giant“ von 1956. Kerstin Schankweiler befasst sich mit der erfolgreichen Integration des afrikanischen Künstlers Georges Adeagbo in den westlichen Kunstmarkt; dieses seltene Phänomen führt die Autorin darauf zurück, dass europäischer Muster auf die afrikanische Künstlerbiografie übertragen werden.

Die Macht der Worte und die Macht der Bilder

Die Aufsätze zum folgenden Forschungsfeld mit dem Titel „Kulturelle Identität(en) zwischen Text und Performanz“ enthalten zum größten Teil detaillierte Literaturanalysen: wir finden hier die Erörterung eines Prosagedichtes von Paul Celan, den Vergleich zweier literarischer Essays, die den den Umgang mit Fremdheit zum Thema haben, die Analyse autobiografischer Werke einer koreanischen Schriftstellerin und die gut durchdachte Neuinterpretation des bekannten Romans „Paravion“ des marokkanisch-niederländischen Schriftstellers Hafid Bouazza.

Der Beitrag von Michiko Mae „Äußere Fremde – Innere Fremde“ stellt eine scharfsinnige und einfühlsame Analyse zur kulturellen Identität von Koreanerinnen in Japan dar.

Die vierte Sektion des Bandes mit dem Titel “ (Neu-) Verhandlungen von Alterität“ enthält Untersuchungen von veränderten oder veränderbaren Konzeptionen von Geschlecht und Ethnizität. Am Anfang steht ein Beitrag zu den Modernisierungstendenzen im japanischen No-Theater im 20. Jahrhundert, die einzelnen Frauen den Zugang zu dieser Männerdomäne ermöglicht haben. Der anschließende Aufsatz von Iris Edenheiser „The Savage Laughs Back“ mit seinen Beispielen des humorvollen und ironischen Umgangs der indigenen Bevölkerung des Amazonastieflandes mit den „Anderen“, also den Weißen, wird nicht nur Ethnologen zum Lachen – und zum Nachdenken – bringen. Es folgen eine Untersuchung von Videoclips weißer Interpreten beim Musiksender MTV, die den inhärenten Eurozentrismus dieser Videos und die nach wie vor bestehenden Stereotypierungen entlarvt, und eine Analyse der Darstellung von Indianern in den USA und in Deutschland im Zusammenhang mit der „Political Correctness“-Bewegung. Anhand des ausdrucksstarken Videos „Hot Water“ der Künstlerin Alejandra Riera über eine sozial benachteiligte Frauengruppe in Nordfrankreich zeigt Angelika Bartl im letzten Beitrag, dass die dokumentarische Repräsentation, trotz der berechtigen Skepsis von Seiten der feministischen Filmtheorie, feministische Anliegen erfolgreich zum Ausdruck bringen kann.

Anregende Wissenschaftlichkeit

Ethnizität und Geschlecht ist ein ausgewogenes Werk mit gut recherchierten und wissenschaftlich fundierten Beiträgen und besticht durch seine ansprechende Aufmachung und sorgfältige Redaktion; die Herausgeber/-innen haben sich offensichtlich große Mühe gegeben, den umfangreichen Band sinnvoll zu strukturieren, so dass es sehr leicht fällt, sich zu orientieren und die Beiträge in ihren jeweiligen wissenschaftlichen und thematischen Zusammenhang einzuordnen.

Mit seinen zahlreichen eindrucksvollen Fallbeispielen demonstriert der Band die Allgegenwärtigkeit von Geschlechterdichotomien und Ausgrenzungen des Fremden in historischen und gegenwärtigen Kontexten und ermöglicht es, die „Genese und Funktionsweise von Hierarchien und Machtstrukturen zu verstehen“ (S. 1). Es werden Bereiche angesprochen, die bisher in der Literatur zu Gender Studies und Postkolonialismus vernachlässigt wurden; Problemzusammenhänge werden aufgezeigt und wissenschaftliche Erkenntnisse intelligent und anschaulich vermittelt.

Die multidisziplinäre Ausrichtung und gute Lesbarkeit der Beiträge machen den Band für ein relativ breites Publikum interessant; allerdings sollten bei der Leserschaft zumindest Grundkenntnisse in Genderfragen vorhanden sein.

Fazit

Ein sehr empfehlenswertes Werk.

URN urn:nbn:de:0114-qn073268

Dr. Friederike Schneider

E-Mail: schneider-friederike@web.de

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