Ilse Müllner: Und sie sprechen doch

Und sie sprechen doch

Rezension von Ilse Müllner

Sigrun Welke-Holtmann:

Die Kommunikation zwischen Frau und Mann.

Dialogstrukturen in Erzähltexten der Hebräischen Bibel.

Münster: LIT 2004.

316 Seiten, ISBN 3–8258–7198–3, € 19,90

Abstract: Sigrun Welke-Holtmann untersucht in ihrer Marburger Dissertation die Gespräche zwischen Frauen und Männern in biblischen Erzähltexten. Mit einer dem Gegenstand angemessenen Kombination aus sprachwissenschaftlichen Analyseinstrumentarien kann die Autorin zeigen, dass die Dialoge zur Konstruktion von Geschlecht beitragen, indem sie Frauen und Männern unterschiedliche Gesprächsstrategien zuschreiben.

Entgegen dem Vorurteil, ‚damals‘ seien Frauen zum Schweigen verdammt gewesen, zeigt die Autorin anhand der Untersuchung literarischer Gespräche zwischen Frauen und Männern auf, wie die Kommunikation von Frauen in Texten der Hebräischen Bibel konstruiert wurde. Immer im Wissen darum, dass es sich nicht um reale, sondern um literarische Gespräche, nicht um wirkliches Frauenleben, sondern um dessen literarische Konstruktion handelt (vgl. S. 243), arbeitet Welke-Holtmann an den narrativen Texten der Hebräischen Bibel. Sie tut das vor allem mit literatur- und sprachwissenschaftlichen Methoden.

Gegenstand und Methode

Der Forschungsgegenstand dieser Marburger Dissertation ist denkbar breit angelegt. Welke-Holtmann nimmt weder eine literarische noch eine literarhistorische Einschränkung vor, sondern untersucht sämtliche Erzähltexte der Hebräischen Bibel. Im Umgang mit einer solchen Textmenge kommt ihr eine ausgearbeitete Methodik entgegen, die es ihr ermöglicht, über die Einzeltextanalyse hinaus vergleichende Aussagen zu treffen

Diese Methodik entwickelt Welke-Holtmann in einem ersten sehr ausführlichen Teil ihrer Arbeit. Zunächst stellt sie grundlegende Überlegungen zum Begriff der Kommunikation an, um sich in einem weiteren Schritt zentralen Analyseinstrumentarien der sprachwissenschaftlichen Forschung des 20. Jahrhunderts zuzuwenden. Sie stellt die Entwicklung der Sprechakttheorie von Austin über Searle und ihre Rezeption in den Bibelwissenschaften durch Andreas Wagner vor, die Gesprächsanalyse nach Henne und Rehbock, schließlich die Soziolinguistik mit ihren Kategorien. Dabei hätte allerdings die Kategorie Geschlecht eine tiefergehende Behandlung verdient. Die in der ausführlichen methodischen Grundlegung vorgestellten Kategorien bilden den analytischen Rahmen der Untersuchung, der selbstverständlich durch weitere exegetische Instrumentarien ergänzt und verfeinert wird.

Nach einer Begründung der Textauswahl wendet sich Welke-Holtmann den biblischen Texten zu. Die weitere Ordnung der Untersuchung folgt der Gesprächsanalyse, die folgende Dialogstrukturen kennt: einseitig verbale Kommunikation, Minimaldialoge, erweiterte Dialoge und komplexe Dialoge. Damit gibt das Thema die Struktur der Arbeit vor, die einzelnen Textbereiche wie der Pentateuch, das deuteronomistische Geschichtswerk (Josua bis 2 Könige) oder auch kleinere Schriften wie das Rutbuch werden immer wieder unter den einzelnen Kategorien behandelt. Auch innerhalb der Hauptkapitel bestimmen strukturelle Überlegungen die Gliederung.

In der Makrostruktur der Untersuchung bildet das Ester-Buch die einzige Ausnahme. Nur die Gespräche in diesem Buch werden gesondert behandelt. Zwar finden sich auch im Esterbuch vor allem kurze Dialoge und Minimaldialoge. Die Kommunikation zwischen Ester und ihrem Ehemann, dem König, ist aber formelhaft angelegt und wird deshalb unter diesem Gesichtspunkt untersucht.

Sprechakte und Gesprächsthemen

In der Analyse der Texte spielen sehr unterschiedliche Faktoren eine Rolle. Strukturale Momente wie der Aufbau der Rede und die Typen von Gesprächen werden berücksichtigt. Die strukturalistische Schule zeigt sich auch in der besonderen Beachtung von Redeeinleitung und Gesprächseröffnung und in der Taxonomie der Sprechakte nach Searle. Unter anderem deshalb, weil direktive Sprechakte eine große Rolle spielen, bezieht die Autorin nicht nur den unmittelbaren Kotext erzählter Rede, sondern auch die erzählte Handlung mit ein. So kann sie erkennen, dass in der einseitigen Kommunikation, wenn Männer Frauen ansprechen, gehäuft Direktiva auftreten und dass „in den meisten Fällen die Frauen den Befehlen, Aufforderungen und Bitten nachkommen.“ (S. 85) Dass Ex 1 (die Erzählung von der Verweigerung des vom Pharao befohlenen Kindmords durch hebräische Hebammen) eine Widerstandsgeschichte ist, wird so auch auf der strukturellen Ebene deutlich; diese Geschichte bildet hier die Ausnahme.

Neben den Fragen nach der Textstruktur berücksichtigt Welke-Holtmann auch die Gesprächsthemen und wertet diese geschlechtsdifferenzierend aus. Im Kontext der Minimaldialoge (auf die initiale Sprechhandlung folgt eine verbale Reaktion) wird deutlich, dass sowohl Frauen als auch Männer das Handeln von Männern zum Thema machen. In der Frage nach den Themenbereichen differenziert die Autorin m. E. etwas holzschnittartig zwischen privaten und öffentlich-politischen Themen. Sie beobachtet eine starke Überschneidung der beiden Sphären sowohl im Bereich der Erzelternerzählungen der Genesis (vgl S. 146) als auch in Bezug auf das Esterbuch, wo sie in Esters Redebeiträgen eine Verquickung privater und öffentlicher Interessen feststellt, die sich allerdings im Verlauf der Gespräche hin zu einer Dominanz der politischen Themen verschiebt. Gerade die nicht nur im Bereich erzählter Rede zu beobachtende „Überschneidung“ zweier heute als getrennt wahrgenommener Sphären sollte zu einer größeren Vorsicht mit den Kategorien ‚privat‘ versus ‚öffentlich‘ führen.

Weitere soziale Kategorien sind vor allem an jenem Bereich festzumachen, der unter dem Stichwort der Höflichkeit verhandelt wird. Hier sind es die direkten Anreden und die Selbstbezeichnungen, die neben der Qualität der Beziehung etwas über die soziale Stellung bzw. über die im Kontext von höflicher Gesprächsführung fiktiv eingenommene soziale Position aussagen. Hierbei fällt auf, dass mit der Zunahme der Komplexität des Dialogs die demütigen Selbstbezeichnungen eine größere Rolle spielen. Sechs der zehn untersuchten komplexen Dialoge enthalten solche „Unterwürfigkeitsformeln“ („deine Magd“ o. ä., S. 198 f). Dass der im Kontext der Rede fiktiv eingenommene und der reale Status der Frauengestalten nicht übereinstimmen müssen und dass solche Selbstbezeichnungen auch unter stragetischem Gesichtspunkt zu beleuchten sind, muss betont werden. Über die „Unterwürfigkeitsformeln“ werden die Geschlechter aber deutlich asymmetrisch konstruiert: Frauen benutzen solche Formeln selbst dann, wenn sie sich in der machtvolleren Position befinden (z. B. 2 Kön 6,26–31). Männer aber benutzen die Bezeichnung „dein Knecht“ ausschließlich anderen Männern gegenüber entweder bei Vorliegen eines realen gesellschaftlichen Ungleichgewichts oder um besonders höflich zu sein (vgl. S. 201).

Zusammenhänge

Solche Einzelergebnisse sind aussagekräftig, wollen aber in größere Zusammenhänge eingeordnet werden. Das tut Welke-Holtmann zunächst literarisch und literaturhistorisch, indem sie die Untersuchungsergebnisse auf verschiedene Textzusammenhänge wie das deuteronomistische und das chronistische Geschichtswerk bezieht. Die Sonderrolle der Genesis, die in den Erzelternerzählungen (Kap 12–36) und der Josefserzählung (Kap 37–50) einen außergewöhnlich hohen Anteil an sprachlich und nichtsprachlich handelnden Frauen aufweist, wird zwar gesehen, aber m. E. nicht durchgängig im Blick behalten, etwa wenn die Autorin von einer sukzessiven Verdrängung der Ehefrau als erster Kommunikationspartnerin des Mannes spricht (vgl. S. 233). Hier wird eine Linie gezogen, wo vielleicht besser von einem Bruch zwischen unterschiedlichen Textbereichen mit ihren unterschiedlichen Konstruktionen gesprochen würde. Literargeschichtlich nicht unbedeutend ist die Erkenntnis, dass die Reformulierung von bereits in den Samuel- und Königsbüchern erzählten Ereignissen durch die Chronikbücher dazu führt, dass das verbale Handeln von Frauen reduziert wird.

Eine zweite Zusammenschau erfolgt entlang von bereits in der Untersuchung angelegten Analysekategorien wie den Dialogstrukturen oder den sozialen Konstruktionen entlang von Anreden und Selbstbezeichnungen. In dieser Zusammenschau können Aussagen getroffen werden, die für die gesamte Hebräische Bibel gelten. Der Befund bleibt ambivalent und zeugt gerade darin von der Ernsthaftigkeit der Untersuchung: „Frauen schaffen in ihrem verbalen Handeln, welches eindeutig geschlechtsspezifisch geprägt ist, Welt. Es ist die Welt der Väter und Söhne. Ihnen wird dabei eine besondere weibliche Eloquenz zugeschrieben, die auf der einen Seite handlungsträchtig, auf der anderen Seite durch gesellschaftliche Reglementierungen begrenzt ist. ‚Geschickt‘ handeln sie für Männer durch Männer auf indirekt direktive Weise.“ (S. 275)

URN urn:nbn:de:0114-qn072197

Prof. Dr. Ilse Müllner

Universität Kassel / FB 01 / Institut für Katholische Theologie

E-Mail: http://ilsemuellner.at/

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