Andrea Zimmermann: Erste Etappe neuer Weggefährtinnen

Erste Etappe neuer Weggefährtinnen

Rezension von Andrea Zimmermann

Florian Uhl, Artur R. Boelderl (Hg.):

Das Geschlecht der Religion.

Berlin: Parerga 2005.

323 Seiten, ISBN 3–937262–29–6, € 29,80

Abstract: Sowohl für die Theologie als auch für die Geschlechterforschung ist es ein vielversprechendes Vorhaben, die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Religion und Geschlecht zu stellen. In dem vorliegenden Sammelband werden sowohl Chancen als auch Risiken einer interdisziplinären Diskussion deutlich. Während manche Weggemeinschaften Synergien entwickeln und der Forschung einen neuen Horizont eröffnen, bleibt bei anderen ohne Klärung der Ausgangspunkte und Diskussion der Instrumentarien so manches auf der Strecke.

Das Verhältnis zwischen den Kategorien Geschlecht und Religion auszuloten, ist ein Vorhaben, das sich sowohl der Frage nach der disziplinären Perspektive als auch der Herausforderung durch die unüberschaubare Größe der beiden Begriffe stellen muss.

Aus theologischer Sicht ist das Erscheinen des Sammelbandes Das Geschlecht der Religion, der auf eine gleichnamige, international besetzte Tagung der Österreichischen Gesellschaft für Religionsphilosophie im Juni 2004 an der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz zurückgeht, sehr begrüßenswert, sieht sich die Theologie doch derzeit der Gefahr ausgesetzt, den Anschluss an eine interdisziplinäre Diskussion zu verpassen. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Judith Butlers Buch Gender Trouble, in dem die Natürlichkeit der binären Geschlechtermatrix zur Disposition gestellt wurde, fand bisher kaum Aufnahme in die theologische Forschung.

Ebenso ist es für die Geschlechterforschung notwendig und vielversprechend, sich der Frage nach religiösem Erleben in Hinsicht auf Geschlecht im wissenschaftlich-philosophischen Kontext zu stellen, da sich sowohl Entstehungs- als auch Bewahrungsprozesse von Geschlechterverhältnissen erst vor dem Hintergrund von Religion und deren Einflüssen auf Kultur angemessen beschreiben lassen. Eine interdisziplinäre Herangehensweise liegt somit nahe, um mit einer Vielfalt von Fragestellungen und Ansätzen der Größe des Themas Rechnung zu tragen. 14 zum großen Teil äußerst überzeugende Beiträge von Philosophinnen, Theologinnen, Soziologinnen, Religions- und Kulturwissenschaftlerinnen stellen in vier Kapiteln die Frage nach dem Verhältnis zwischen Religion und Geschlecht. Die dabei auftretende Differenz der Ansätze ist jedoch nicht nur Potential für einen spannenden interdisziplinären Polylog, sondern zeigt sich auch als Risiko. Aufgrund einer mangelnden gemeinsamen Basis droht die Vielfalt in Beliebigkeit, Unklarheit oder schlimmstenfalls in Missverständnissen stecken zu bleiben.

Mit einem schlüssigen und in sich konsistenten Aufbau des Sammelbandes und einer vorangestellten Reflexion dieser Situation ließe sich dieser Gefahr wirkungsvoll entgegentreten. In dem vorliegenden Falle jedoch sind bedauerlicherweise weder die Kriterien der Zuordnung transparent noch leistet die Einleitung neben der Verortung der Autorinnen und einer kurzen und präzisen Übersicht über die einzelnen Beiträge eine Konkretisierung der gemeinsamen Fragestellung. Die Einteilung in vier Kapitel wird nicht erläutert, die Überlegungen, die zu einer solchen Anordnung der Beiträge geführt haben, erschließen sich zum Teil erst im Verlauf der Lektüre.

Als ein die Aufsätze verbindender „Effekt“ wird lediglich „eine Extrapolation des weiblichen Geschlechts in Abhebung vom traditionell dominierenden Geschlecht“ benannt. (S. 7) Dass es dabei nicht um eine Umkehrung der hierarchischen Verhältnisse gehen kann, sondern um die „Dekonstruktion ihres Zustandekommens in sowohl systematischer als auch historischer Hinsicht“ (S. 8), bringt ein für fast alle Autorinnen vorausgesetztes poststrukturalistisches Selbstverständnis zum Ausdruck. Die Frage, inwiefern die Autorinnen innerhalb dieses gemeinsamen Bezugsrahmens einen inter- oder transdisziplinären Ansatz wählen, wird jedoch nicht beantwortet.

Von einsamen Unternehmungen und gelungenen Weggemeinschaften

Eine Diskussion der Begriffe ‚Religion‘ und ‚Geschlecht‘ bleibt bis zum letzten Beitrag des Sammelbandes „Hat Religiosität ein Geschlecht?“ von Saskia Wendel aus. Wendel leistet auf philosophischem Weg in einem ersten Schritt die Differenzierung von Religion und Religiosität, um in einem zweiten Schritt ihre Auffassung von Geschlechterdifferenz zu erläutern und beide Begrifflichkeiten schließlich in Beziehung zueinander zu setzen. Diese Überlegungen wären als grundlegende Perspektivierung zu Beginn des Sammelbandes angezeigt und könnten sogar als gemeinsame Basis der Beiträge gelesen werden.

Die Eröffnung des Sammelbandes durch den Aufsatz „Das Geschlecht des Kreuzes“ von Christina von Braun hingegen lässt eine interdisziplinäre Diskussion unmöglich erscheinen. Um die geschlechtliche Aufladung, die das Kreuz im Laufe seiner Wirkungsgeschichte erfahren hat, nachzuzeichnen, bedient sich von Braun unterschiedlichster Quellen, Ansätze und Methoden. So spannend dieser Versuch sein könnte, er scheitert an einer nicht-reflektierten Vermischung disziplinär geprägter Begriffe (vgl. ‚symbolisch‘ und ‚real‘, S. 28 ff.), kann eine Verkürzung der (Kirchen-) Geschichte nicht vermeiden und erschwert so den Dialog v. a. zwischen Kulturwissenschaft und Theologie.

Grace M. Jantzen hingegen stellt im zweiten Beitrag die als religionsphilosophisch gekennzeichnete Frage nach dem Verhältnis von (Geschlechter-)Differenz und Gewalt, wählt das Alte Testament als Ausgangspunkt und vermag exemplarisch die Eintragung einer Hierarchie in die (nicht an sich problematisierte) Geschlechterdifferenz im 5. Jh. v. Chr. nachzuzeichnen, die Zeit der Abfassung der Schöpfungsberichte.

Auch Elisabeth Gössmann, die Grande Dame der feministischen Theologie, die mit ihrem Beitrag den ersten Hauptteil, die „Historisch-Systematischen Erkundungen“ vervollständigt, stellt nicht die Geschlechterdifferenz in Frage, sondern die mit ihr einhergehenden Polarisierungen. Anhand einer exemplarischen Bibellektüre, die immer wieder durch kulturgeschichtliches Wissen erläutert wird, kann Gössmann Bestrebungen nach Entpolarisierung der Geschlechter durch die Kirchengeschichte hindurch aufzeigen. Deutlich wird anhand dieses Beitrags, wie stark Kulturgeschichte und Theologie verbunden und in der Wissenschaft aufeinander verwiesen sind.

Der mit „Alternative Traditionen“ betitelte zweite Hauptteil, der sich aus einem Aufsatz aus der Perspektive des Judentums und einem aus Sicht des Sivaismus von Kashmir zusammensetzt, steht leider unverbunden neben den restlichen Beiträgen. Die Anregungen, die Eveline Goodman-Thau hier mit ihrer provokanten These gibt, im Judentum habe die Frau die Rolle des Messias übernommen, bleiben im Gesamtzusammenhang ebenso unreflektiert wie der spannende Einblick in den nicht-dualistischen Ansatz des Sivaismus von Kashmir von Bettina Bäumer.

Das dritte Hauptkapitel enthält vier „Religionsphilosophische Exempla“. In einem ersten Teil machen zwei Lektüren unter der Überschrift „Die Regel: Androzentrismus“ bewusst, wie mächtig der Einfluss von Philosophie und Theologie, die durch die Geschichte hindurch bis heute eng miteinander verwoben sind, auf unsere Vorstellungen von Geschlecht wirkt. Während Genia Schönbaumsfeld anhand einer Lektüre von Kierkegaards Schrift Krankheit zum Tode die Verbindung von Religiosität mit männlichen und weiblichen Aspekten des Selbst erläutert und dabei ein für Kierkegaard überraschendes Konzept von Geschlecht aufzuweisen vermag, widmet sich Susanne Lettow dem Versuch einer feministischen Heidegger-Lektüre. Wenig überraschend ist ihr Ergebnis, Heidegger bleibe trotz seiner Kritik am christlichen Androzentrismus einem Subjektmodell verpflichtet, das durch radikale Unterwerfung exklusiv männlich konzipiert sei.

Zwei weitere Beiträge sind unter der Überschrift „Die Herausforderung: Feministische Kritik und Selbstkritik“ zusammengefasst. Gertrude Postl begibt sich in ihrem Beitrag zur Feministischen Selbstkritik auf die Spuren von Mary Daly und erklärt deren verschwindenden Einfluss auf die gegenwärtige Debatte mit einem „Auseinanderklaffen zwischen Dalys Kompromisslosigkeit in Fragen der Religion und ihrer (nicht explizit ausgewiesenen) Kompromissbereitschaft hinsichtlich Sprache und Philosophie.“ (S. 186). Amy Hollywood sieht parallele Gefahren für Religion und Feminismus hinsichtlich unantastbarer Autorisierungsverfahren und unterdrückende Homogenisierungstendenzen. Einen Ausweg sieht sie im Vorschlag von Judith Butler, sich über Renaturalisierungstechniken eines erworbenen Habitus bewusst zu werden.

Im vierten und letzten Hauptteil „Liebe, Unterwerfung, Opfer, Tod: Geschlechtlichkeit = Weiblichkeit = Religiosität?“ wird das Bild von Frauen als Opfer und Opfernde untersucht. Versammelt sind dabei psychoanalytische, soziologische und kirchengeschichtliche Perspektiven. Hier gelingt das Ineinandergreifen der verschiedenen Disziplinen. Nachdem Ulrike Kadi für ihre Abhandlung einen psychoanalytischen Ansatz gewählt hat, um auf diesem Hintergrund kirchen- und philosophiegeschichtlichen Entwicklungen zum Thema „Über weibliche Unterwerfung“ auf die Spur zu kommen, kann Regina Ammicht-Quinn die exemplarische Betrachtung der Herz-Jesu-Frömmigkeit zum Anlass nehmen, die geschlechtsspezifische ‚Arbeitsteilung‘ der Kirche in Frage zu stellen und eine mutige Vision zu entwerfen: „Eine Religion, ein Christentum ohne gebrochenes Herz hätte nicht ein Geschlecht und nicht kein Geschlecht. Es wäre, wie sein Herz, vieldeutig und vielgeschlechtlich.“ (S. 242) Gerburg Treusch-Dieter verfolgt als Soziologin eine ähnliche Trennlinie zwischen den Geschlechtern anhand des Gemäldes Die Anbetung des Lamm Gottes der Brüder Hubert und Jan van Eyck (1432). Entlang der Trennung von Blut und Wasser, Geist und Körper zeigt sie ein geschlechtsspezifisches religiöses ‚Wundenmanagement‘ als ‚Genderstrategie‘ auf. Renata Salecl formuliert ihre Analyse der religiös motivierten Verbrechen zweier Mütter an ihren Kindern im Anschluss an Michel Foucault. Sie untersucht die juristische Kategorie der ‚Zurechnungsfähigkeit‘ und stellt dabei sowohl eine hohe kulturelle Variabilität als auch eine Abhängigkeit von Geschlechtskonzepten fest.

Neuer Horizont oder auf der Strecke geblieben?

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass diesen Sammelband die hohe Qualität fast aller Beiträge auszeichnet, jedoch eine bessere redaktionelle Bearbeitung sehr wünschenswert gewesen wäre. Ohne Begriffsklärung und eindeutigere Verortung der einzelnen Aufsätze wird eine interdisziplinäre und interreligiöse Diskussion zum Verhältnis zwischen Religion und Geschlecht unnötig erschwert. Das selbstverständliche Voraussetzen des christlichen Kontextes und die unhinterfragte Annahme der binären Geschlechtermatrix bleiben durch die Herausgeber unreflektiert, obwohl eine aktive Positionierung unter Klärung der eigenen Prämissen, wie sie von einigen Beiträge explizit oder implizit geleistet wird, für eine wissenschaftliche Diskussion notwendig wäre, die zur weiteren Auseinandersetzung anregen will. Empfohlen sei dieser Sammelband trotzdem allen, die sich für das Verhältnis von Gender Studies und Theologie interessieren, da die Vielfalt der Ansätze auf jeden Fall Anlass für intensive Diskussionen bietet. Bei einigen Beiträgen ist ein theologisches Grundwissen notwendig, um die Thesen einer kritischen Reflexion unterziehen zu können. Dies macht den Band beispielsweise für ein interdisziplinär angelegtes Seminar sehr interessant – Lust zum Weiterdenken macht er allemal.

URN urn:nbn:de:0114-qn072285

Andrea Zimmermann

Mainz/Düsseldorf

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