Sabine Bangert: Gute Nerven und eine gewisse Chaosfähigkeit

Gute Nerven und eine gewisse Chaosfähigkeit

Rezension von Sabine Bangert

Uta Zybell:

An der Zeit.

Zur Gleichzeitigkeit von Berufsausbildung und Kindererziehung aus Sicht junger Mütter.

Münster: LIT 2003.

288 Seiten, ISBN 3–8258–7172–X, € 29,90

Laima Nader; Gwendolyn Paul; Angela Paul-Kohlhoff:

An der Zeit.

Zur Gleichzeitigkeit von Selbständigkeit und Begleitung aus Sicht der Betriebe, der Berufsschule und der Bildungsträger.

Münster: LIT 2003.

296 Seiten, ISBN 3–8258–7183–5, € 29,90

Abstract: Die Hessische Landesregierung hat mit „JAMBA“ (Junge allein erziehende Mütter in der Berufsausbildung) ein Modell entwickelt und erprobt, um allein erziehenden jungen Müttern ohne Berufsausbildung eine Lehre im dualen System zu ermöglichen. An dem Modellversuch haben hundert junge Frauen an zehn Standorten in Hessen teilgenommen. Ziel des Projekts war es, den Personenkreis der jungen allein erziehenden Mütter zu ermutigen und zu unterstützen, eine betriebliche Ausbildung zu absolvieren. Gleichzeitig sollten Betriebe darin bestärkt werden, allein erziehende Frauen auszubilden. Prof. Dr. Angela Paul-Kohlhoff und Dr. Uta Zybell u. a. haben dieses Modellprojekt über vier Jahre wissenschaftlich begleitet. Das zweibändige Werk präsentiert die Ergebnisse des Modellprojektes und die Konsequenzen für die praktische Politik. Es zeigt Wege auf, Benachteiligungen junger Mütter nicht nur zu beseitigen, sondern aus den Erfahrungen mit der Ausbildung junger Mütter generelle Reformoptionen für die berufliche Ausbildung in Deutschland zu begründen. Flexibilisierung und Individualisierung ohne Abstriche an der Qualität der beruflichen Ausbildung stehen damit – nicht nur für die in den vorliegenden Veröffentlichungen untersuchten Zielgruppe „junge allein erziehende Mütter“ – auf der Tagesordnung der Reformagenda.

Alles oder nichts

Rund 30 % aller Arbeitsverhältnisse in Deutschland sind Teilzeitverhältnisse. Aber – bis auf wenige Ausnahmen – gilt in der Ausbildung immer noch: alles oder nichts. Entweder die Auszubildenden sind den ganzen Tag an fünf Tagen der Woche im Betrieb oder sie bleiben ohne Ausbildung. Daraus resultiert: allein schon die Tatsache, Mutter zu sein, verhindert es in der Regel, eine Ausbildung im Dualen System zu absolvieren.

Der Bund-Länder-Ausschuss „Berufliche Bildung“ hat daher im März 2001 in einem Eckpunktepapier („Beschluss zur modifizierten Vollzeitausbildung“) die Möglichkeit einer „modifizierten Vollzeitausbildung“ beschlossen. Mit diesem Beschluss wurde die Grundlage geschaffen, jungen ausbildungswilligen Menschen in einer besonderen persönlichen Situation eine Ausbildung im dualen System in modifizierter Form zu ermöglichen, d. h. eine Verkürzung oder Verlängerung der Ausbildungszeit ist grundsätzlich möglich.

Ausbildung in Teilzeit soll darauf abzielen, die tägliche oder wöchentliche Ausbildungszeit so zu reduzieren, dass Erziehung und Betreuung von Kindern möglich sind und zugleich den Vorgaben des Bundesbildungsgesetzes (BBIG) nach einer Vollzeitausbildung entsprochen werden kann. Eine Berufsausbildung in Teilzeit ist also mit geltendem Recht vereinbar. Somit liegt also ein grundsätzlicher Lösungsentwurf für die in dem zweibändigen Werk angesprochene Problematik vor.

Allerdings lassen die Ausführungen in diesem Papier keinen Zweifel daran aufkommen, dass hier von einem „Ausnahmetatbestand“ die Rede ist.

Allein Erziehende: Prekäre Lebenslagen und Abhängigkeitsverhältnisse

Allein Erziehende – und hier besonders junge Mütter – sind in Deutschland jedoch kein „Ausnahmetatbestand“, d. h. rein zahlenmäßig stellen sie auch keine Randgruppe dar (Demografische Forschung Max-Planck-Institut 2005). Was allerdings Realität ist, ist die Tatsache, dass allein Erziehende „doppelt benachteiligt“ sind – durch ihre Rolle als Frau und die damit verbundenen Rollenzuweisungen und durch ihre aktuelle Lebenslage als allein erziehende Mutter – sowohl auf dem Ausbildungsmarkt als auch auf dem Arbeitsmarkt. „Nach den Schätzungen des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung befinden sich in der Gruppe junger Menschen, die ohne Ausbildung bleiben […] ein hoher Anteil junger Frauen, die in häusliche Arbeit münden, früh heiraten und früh Kinder bekommen.“ (Bd., 1 S. 27).

Diejenigen, die Kinder betreuen müssen, können eine Vollzeitausbildung zeitlich nicht bewältigen. Allein Erziehenden darf jedoch der Zugang zur Berufsausbildung nicht aufgrund ihrer persönlichen Lebenssituation versperrt bleiben, denn „hauptsächlich das Fehlen einer eigenständigen Existenzsicherung über die Erwerbsarbeit, die besonders für junge allein erziehende Frauen aufgrund ihrer geringen Qualifikationen, der infrastrukturellen Mängel bezüglich ausreichender Kinderbetreuung sowie der geschlechtsspezifischen Segregation des Arbeitsmarktes erschwert wird, führt in prekäre Lebenslagen mit Abhängigkeitsverhältnissen.“ (Bd. 2, S. 31). Allein Erziehende sind also besonderen ökonomischen Risiken ausgesetzt. Der erste Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung von 2000 hat – in Übereinstimmung mit zahlreichen Studien der Armutsforschung – herausgearbeitet, dass allein Erziehende überproportional von Armut betroffen sind. Daher muss gerade für diese Gruppe mit Hilfe von unkonventionellen Konzepten u. a. die Möglichkeit einer Berufsausbildung eröffnet werden.

„Hauptsache eine Ausbildung, zur Not alles, bevor man zu Hause sitzt“*

Das vorliegende Werk beinhaltet eine beeindruckend detaillierte und umfassende Analyse der Zielgruppe benachteiligter junger Menschen im Allgemeinen und junger Frauen im Besonderen. Es beschreibt die Hürden, denen sich (junge) allein erziehende Mütter beim Zugang zu beruflichen Bildungswegen gegenüber sehen. Und es stellt dar, was auf den verschiedenen Ebenen getan werden kann, um allein Erziehenden berufliche Qualifizierungswege zu öffnen.

In diesem Zusammenhang wird aber auch deutlich, dass trotz intensiver Erforschung und Analyse der Problemlagen sowie des Aufzeigens von Lösungsmöglichkeiten – einschließlich deren erfolgreicher Erprobung im Rahmen von Modellprojekten in der Praxis – bis zum heutigen Tag nicht die Voraussetzungen für ein zuverlässiges und ausreichendes Angebot an Teilzeitausbildungen für bestimmte Zielgruppen – hier allein erziehende junge Mütter – geschaffen wurden. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass sozialpädagogisch betreute Ausbildungen zumeist in der Benachteiligtenförderung erprobt sind. Generelles Problem ist demnach das enorme Zurückfahren in diesem Bereich, weil diese Ausbildungen extrem kostenintensiv sind. Daher werden die modellhaft erprobten Ausbildungen meist nicht in eine reguläre Ausbildung übernommen. Einer der Gründe für die höheren Kosten ist die sozialpädagogische Betreuung, die aber, so stellen die Autorinnen fest, gerade für diese Zielgruppe unverzichtbar ist: „Sie [die sozialpädagogische Betreuung] kann als integraler Bestandteil in diesem Ausbildungskontext angesehen werden, da ihre Leistung von der Konzeption des Vorhabens bis in die Konfliktvermittlung zwischen den Beteiligten und in die Übernahme von Ausbildungsinhalten reicht.“ (Bd. 2, S. 243)

Die Autorinnen stellen in diesem Zusammenhang aber auch fest, dass die Konzepte zur Ausbildungsbegleitung von den am Modellversuch beteiligten Bildungsträgern sehr unterschiedlich ausgearbeitet waren und in einigen Fällen als nicht ausreichend wahrgenommen wurden. „Das in der Benachteiligtenförderung bewährte Instrument der Förderplanung […] könnte hier Abhilfe schaffen und die Kontinuität der Ausbildungsbegleitung steigern sowie die Transparenz des pädagogischen Handelns steigern. Damit lässt sich auch die Qualität des Ausbildungsprozesses verbessern.“ (Bd. 2,S. 244).

„Ich denk mir mal, Arbeitgeber können eigentlich daran nur gewinnen“*

Das Duale System und das Berufsbildungsgesetz lassen eine Flexibilisierung der Ausbildung nur eingeschränkt zu. Letztendlich geht es jedoch nur um eine Reduzierung der wöchentlichen Ausbildungszeit von ca. acht Stunden. Am flexibelsten zeigten sich hier Kleinstbetriebe, die dann auch in dem Modellprojekt am stärksten vertreten waren.

Was allerdings bedenklich stimmt, ist die Tatsache, dass die Betriebe zum Großteil betonten, dass sie sich ohne finanzielle Subventionierung nicht an dem Modellprojekt beteiligt hätten – ohne diese Förderung wäre also die Integration der jungen Mütter in berufliche Ausbildung nicht möglich gewesen.

Die Erfahrungen mit der Zielgruppe werden von den Betrieben positiv bewertet. Die jungen Mütter wurden als hochmotiviert und leistungsbereit wahrgenommen, daraus resultierend hat der Großteil der Frauen die Ausbildung auch erfolgreich beendet.

Daraus stellt sich die Frage, ob es nicht möglich ist, diese positiven Erfahrungen der Betriebe in den Vordergrund zu stellen, um weitere Ausbildungsbetriebe für die Gruppe junger Mütter zu gewinnen. Dass dies ein möglicher Ansatzpunkt sein könnte, wird dadurch deutlich, dass die Mehrheit der beteiligten Betriebe es nach ihren Erfahrungen als sinnvoll betrachtet, jungen Müttern die Chance auf eine geregelte Ausbildung zu geben, um die Bedingungen für eine Integration ins Erwerbsleben zu verbessern. Sog. „Mitnahmeeffekte“ einer finanziellen Subventionierung könnten dadurch vermieden bzw. reduziert werden.

Stärkere Differenzierung des Dualen Systems notwendig

Die Berufsbildungsforschung hat für die Gestaltung geeigneter Ausbildungskonzepte u. a. für die Zielgruppe „junge Mütter“ bereits Konzepte vorgelegt, so z. B. modularisierte Ausbildungsformen, mit denen schrittweise ein Ausbildungsabschluss erworben werden kann (INBAS 1999 – Neue Wege zum Berufsabschluss). Inzwischen gibt es auch diverse Länderprogramme, die sich der besonderen Situation junger Mütter (und Väter) in der Ausbildung widmen, ebenso eine Vielzahl von Modellversuchen zur Umsetzung einer modifizierten Vollzeitausbildung für diese Zielgruppe.

Grundsätzlich gilt es die Rahmenbedingungen so umzugestalten, dass tatsächlich alle Frauen mit Kindern am Ausbildungs- und Arbeitsmarktsystem chancengleich partizipieren können. Zeitmodifizierte Ausbildungskonzepte, praktikable Ausbildungszeitregelungen, eine verlässliche Kinderbetreuung und kontinuierliche Unstützung sind notwendige Bedingungen für die Integration junger allein erziehender Frauen in die berufliche Bildung. Flexibilisierung und Individualisierung ohne Abstriche an der Qualität der beruflichen Ausbildung, d. h. eine stärkere Differenzierung des Dualen Systems sollten jetzt endlich angepackt werden. Dabei sollte das Nebeneinander von Vollzeit- und Teilzeitmodellen entsprechend der unterschiedlichen Lebenslagen der Jugendlichen ermöglicht werden. Für die Bemessung der Ausbildungszeit ist die (klare) Formulierung rationaler Kriterien dringend erforderlich.

Die vorliegende Veröffentlichung legt (einmal mehr) den „wissenschaftlichen“ Beweis vor, dass Projekte wie JAMBA „Junge allein erziehende Mütter in Berufsausbildungen“ wegweisende und praxistaugliche Modelle zur Integration junger Mütter in Ausbildung und Arbeit sind. Die Ergebnisse belegen dies, sie sind überwiegend positiv – sowohl von Seiten der Auszubildenden als auch von Seiten der Betriebe.

Trotz aller Erfolge des Modellprojektes haben die Autorinnen aber auch kritische Positionen formuliert, denen in der Veröffentlichung ebenfalls Raum gegeben wird – u. a. die Auseinandersetzung mit den Abbrecherinnen (Bd. 1, S. 240 ff.), die es – und das wird eben nicht verschwiegen – auch gibt. „An ihnen konnten wir immer wieder zeigen, wie wenig ein männlich geprägtes Ausbildungssystem zum Teil in der Lage ist, besondere Lebenslagen im Ausbildungsprozess genügend zu berücksichtigen“. Wobei hier fairer Weise angemerkt werden sollte, dass dies gleichermaßen für alle Menschen gilt, die jegliche Art von Betreuungsleistung für andere Menschen erbringen – also nicht nur für junge Mütter. Auch hier ist also immer wieder die Frage zu stellen, was der Anspruch auf Individualisierung im institutionellen Gefüge der Berufsausbildung bedeutet. „An diesem Punkt sind wir mit unseren theoretischen und empirischen Überlegungen noch keineswegs am Ende.“ (Bd. 2, S. 279). Wir dürfen also auf weitere Veröffentlichungen zum Thema gespannt sein.

URN urn:nbn:de:0114-qn071037

Sabine Bangert

Wiss. Mitarbeiterin für berufliche Bildung, Arbeitsmarkt- und Frauenpolitik, Berlin, Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus

E-Mail: sabine.bangert@gruene-fraktion-berlin.de

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