Agnieszka Vojta: Modische Moderne

Modische Moderne

Rezension von Agnieszka Vojta

Julia Bertschik:

Mode und Moderne.

Kleidung als Spiegel des Zeitgeistes in der deutschsprachigen Literatur (1770–1945).

Köln, Weimar, Wien: Böhlau 2005.

412 Seiten, ISBN 3–412–11405–7, € 69,90

Abstract: In ihrer opulenten Arbeit untersucht Julia Bertschik die Mode als modernes Phänomen oder besser: als Phänomen der Moderne. Für sie ist Mode nicht nur ein vestimentäres Zeichensystem, sondern eine Spiegelung sozialer und politischer Umschwünge. Somit fungiert Kleidung gleichzeitig als individueller Ausdruck des eigenen Geschmacks und als gesellschaftlicher Code. Die Kleidermode „als Indikator kulturellen Wandels“ wird von Bertschik im Hinblick auf vier Epochen untersucht: Goethezeit, Jahrhundertwende, Weimarer Republik und Nationalsozialismus.

Kleider ‚schreiben‘ Literaturgeschichte

In ihrer Einleitung gibt Bertschik einen Überblick über den Stand der Kleidungsforschung in unterschiedlichen Gebieten: Soziologie, Designgeschichte, Gender Studies, Kultur- und Literaturwissenschaften. Sie zieht Texte von Baudelaire, Gutzkow, Simmel, Benjamin, Baudrillard, Barthes, Habermas und vielen anderen heran.

Sie zeigt die Bedeutung und die Funktion der Kleidung und einzelner Kleidungsstücke auf: Blauer Frack und gelbe Weste von Goethes Werther, Matrosenkittel der Effi Briest, das Knabenkostüm der Else Laske-Schüler oder die Nylonstrümpfe der Büroangestellten. Bertschik zeichnet die historische Entwicklung der Kleidermode nach – dabei markieren „Phasen radikaler Kleidungsveränderung, die zugleich Wandel wie Restitution der jeweiligen Geschlechterbilder signalisieren“, (S. 7) für sie „Schwellenpunkte“ sozialgeschichtlicher und ästhetischer Modernisierung. Der Anfang der Untersuchung wird am Ende des 18. Jahrhunderts angesetzt – „im Umfeld der Französischen Revolution mit ihrer Auflösung der ständischer Kleiderordnungen“. Ab dem Zeitpunkt wird Mode definiert als „ständeübergreifendes, vielfältiges symbolisches System lebensweltlicher Sinngebung“ (S. 8)

‚Textil und Text‘

Besonders interessant scheint mir der Versuch, den journalistischen Modediskurs nachzuzeichnen. Anhand von unterschiedlichen Journalen und Modezeitschriften skizziert Bartschik die poetologischen Verfahren der Vertextung der Mode und die intermedialen Phänomene in der historischen Gestaltung der Text-Bild-Relationen in Modejournalen – von körperphysiognomischen Deutungen über neusachliche Ästhetik bis zur nationalsozialistischen Indoktrination. Dabei geht sie über die Affinitäten der beiden Zeichensysteme weit hinaus und skizziert die poetologischen und fotografischen Strategien, die das nonverbale, visuelle Phänomen der Mode verschriftlichen.

In ihrem ersten Kapitel, der Goethezeit gewidmet, beschäftigt sich die Autorin mit der aufklärerischen Modekritik und der bürgerlich-aufklärerischen Ablehnung des höfischen Kleiderluxus, der oft in Selbstversklavung mündet. Die Anprangerung der Putz- und Gefallsucht betraf beide Geschlechter. Beide Geschlechter sollten vor dem Sittenverfall bewahrt bleiben, besonders angeprangert wurde die befürchtete Effemination der geschminkten Männer (vgl. S. 32 ff.).

In der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts fand ein Paradigmenwechsel statt: die Schlagworte waren nun Einfachheit, Reinlichkeit und vor allem Natürlichkeit (vgl. S. 34 f.). Mit expansiven Diätetik- und Hygienevorstellungen wurde nun ungesundem Korsett, Haarpuder und mangelhafter Toilette der Kampf angesagt, eine Natürlichkeit der weiblichen Gestalt wurde gefordert. Die ‚natürliche‘ weibliche Schönheit wurde als Konsequenz von Häuslichkeit und Familienglück betrachtet. Zu diesem Zeitpunkt wurden Mode und Schminke erstmals als ‚weibliche‘ Themen behandelt, sie fungierten als ein Instrument der Etablierung der Geschlechterdifferenz. Bertschik verfolgt diese Entwicklung der Mode entlang der bekannten Dichotomien: Künstlichkeit vs. Natürlichkeit und Bürgertum vs. Adel.

Der damalige Modediskurs wird an zwei Bespielen veranschaulicht: Das Journal des Luxus und der Moden (ab 1786) informierte das vorwiegend weibliche Publikum über die neuen Modeströmungen aus der ganzen Welt. Die Zeitschrift war eine Mischung aus Wissensvermittlung und moralischen Verhaltensvorschriften. Als zweite Beispiel wählt Bertschik Artikel und Romane von Caroline de la Motte Fouqué. Fouqué interessierte sich für „die äußere Physiognomie des Augenblicks“ (S. 49), sie interpretierte die sich wandelnde Mode als kulturellen Reflexionstopos. In ihren detaillierten Modebeschreibungen erscheint die weibliche Schönheit als kulturell wandelbar, die ‚Natürlichkeit‘ wird als konstruiert entlarvt.

Auch für die Kleidermode der Jahrhundertwende weist Bertschik eine Entwicklung entlang von Dichotomien nach: Diesmal bilden die Aspekte Kostümierung vs. Entblößung, Fin de Siècle vs. Reformkleid die Pole des Spektrums.

Das Reformkleid wurde, im Gegensatz zum Korsett, „der Uniform der Prostitution“, zum Symbol der natürlichen Körperbejahung, die die weibliche Gebärfähigkeit nicht hindert. Das Reformprogramm umfasste auch Sport, Freikörperkultur, Naturheilkunde. Die Reformkleidung verband sich mit ethisch-emanzipatorischen Überlegungen: Kritisiert wurde die untergeordnete Stellung der Frau, die durch die zeitgenössische Mode symbolisiert wurde. Das S-förmige Korsett als Kleidungsstück, das die weiblichen Geschlechtsmerkmale besonders hervorheben sollte, wurde abgelehnt. „Ins Visier der Kritik geriet hier insbesondere die stark dekolletierte Abendkleidmode der Jahrhundertwende“ (S. 94). Mode wurde als Werbemittel im Kampf um den Ehemann bzw. als Symbol seiner wirtschaftlichen Prosperität diskutiert (vgl. S. 94 f.). Die Bekleidungsreformer plädierten für die Vereinfachung und Individualisierung der Mode.

Bertschik setzt sich mit einer Reihe von theoretischen Positionen auseinander, die in dieser Diskussion Bedeutung gewannen: u. a. von Paul Schultze-Naumburg, Oscar A. H. Schmitz und Eduard Fuchs. Besonders gründlich analysiert sie zwei Werke: „Das Eigenkleid der Frau“ (1903) von Anna Muthesius und als Gegenposition die Schriften von Adolf Loos, nach dessen Auffassung „der moderne Mensch sein Kleid als Maske braucht, denn so ungeheuer stark ist sein Individualität, dass sie sich nicht mehr in Kleidungsstücken ausdrücken lasst“. Den theoretischen Diskurs ergänzt Bertschik mit zwei literarischen Beispielen: Im Roman von Frieda von Bülow Die stilisierte Frau wird die Stilisierung einer Frau zu einer lebenden Männerphantasie, zur „lilienreinen Frau“ (S. 101), thematisiert. Peter Altenberg, der beste ‚Damenschneider‘ der literarischen Moderne (vgl. S. 102), ‚erdichtete‘ in seiner Jugendstilprosa Toiletten, für ihn bildete das Kleid die „letzte Epidermis, feinste künstlerische Haut“ (S.103). Alltagsrituale und -gegenstände werden in seinen Aphorismen und Skizzen mystisch überhöht, ritualisiert und fetischisiert, Frauen werden zur femme fragile oder Wassernixe stilisiert.

Einen Exkurs macht Bertschik in die Welt des Sports: Aus der zunehmenden Bedeutung des Sports für Frauen resultierte die Erfindung von Sportbekleidung für Damen. Das Tragen von Hosen für Radfahrerinnen führte zu Irritationen der Geschlechterrollen, wie der Radsport insgesamt den Frauen emanzipatorische Freiräume eröffnete (vgl. 112 ff.).

Den Gegenpol zu den Bekleidungsreformern bildete der Dandy. „In der deutschsprachigen Jahrhundertwendeliteratur dokumentiert er sich besonders in der Form des snobistischen Aufsteigers und Hochstaplers […] aber auch als vestimentär ästhetisierte Männerfigur zwischen Krawattenkult und Pierrot-Stilisierung“ (S. 129). An vielen literarischen Beispielen – Richard Beer-Hofmann, Arthur Schnitzler, Frank Wedekind, Stefan George, Thomas Mann – skizziert Bertschik den melancholisch-antriebslosen Künstler, den zur Kunst gewordenen Menschen und seine vestimentären Verwandlungsprozesse.

Im nächsten Kapitel widmet sich Bertschik den neuen Frauentypen der Weimarer Republik: dem Gretchen, dem Girl und der Garçonne, sowie dem Modediskurs in den Illustrierten und Zeitungen. Die Mode dieser Zeit wird als Allegorie urbaner Moderne und der Berufstätigkeit der „kunstseidenen Mädchen“ und der „Automobil-Amazonen“ verstanden (vgl. S. 181 ff.). Die zunehmende Vielfalt der Zeitschriften (Uhu, Die Dame, Die Frau, Die Elegante Welt) und das neue Medium Fotografie bereicherten den Modediskurs, Modefotografie entstand, Modeberichterstatterinnen wuden Korrespondentinnen in Paris, Modeberichte wurden zu Kunstessays (Helen Hessel-Grund), Schriftstellerinnen schrieben über Mode (Vicky Baum). Für die Publizistik der Weimarer Republik, inklusive der Modejournale, stand dabei der modisch radikal veränderte Typ der zumeist als Angestellte tätigen, urbanen Neuen Frau im Zentrum (vgl. S. 193). Als Ergänzung zu journalistischen Publikationen (von Kracauer, Döblin, Franz Hessel, Ola Alsen) analysiert Bertschik den Büroroman (von Irmgard Keun, Gabriele Tergit, Rudolf Braune). Sie entwickelt den Begriff ‚Konfektionsroman‘ für eine spezielle Form des Angestelltenromans – in dieser Gattung findet eine Auseinandersetzung mit den in der Modebranche entstehenden neuen Möglichkeiten und Problemen statt (vgl. S. 217). Ein eigenes Kapitel widmet Bertschik der Schriftstellerin und Journalistin Vicky Baum.

In ihrem letzten Kapitel hinterfragt Bertschik die These von der Rückverwandlung des weiblichen Modetypus „vom Bubikopf zum Gretchenzopf“ in der NS-Zeit. „Mit der bislang ignorierten Modepublizistik kann so eine äußerst ambivalente Form des Journalismus zur Zeit des Dritten Reiches vorgestellt werden, an welcher sich der Zusammenhang von Mode und Moderne besonders deutlich demonstrieren lässt“ (S. 282). Bertschik zeigt die Ambivalenz der NS-Modepropaganda, „die ideologische Ausnutzung der Zeichenfunktion der Kleidung als einschließendes oder liquidatorisch ausgrenzendes Kennzeichen“ (S. 282) und die widersprüchliche Einheit einer nationalsozialistischen Mode-Moderne (S. 309). Der (Anti-)Modediskurs wurde in NS-Frauenbüchern geführt, in welchen die Frage „Wie kleide ich mich deutsch, geschmackvoll und zweckmäßig?“ erörtert wurde. Ein weiteres Propagandaorgan war das exklusive 1941 gegründete Luxusmagazin Die Mode. Monatliche Auslese besten Modeschaffens. „Es sollte einerseits den Schein der ‚heilen Welt‘ aufrechterhalten und gleichzeitig im Textteil modepolitische Leitartikel zur Ideologisierung der deutschen Hochmode transportieren“ (S. 324).

Resümee

Julia Bertschiks fulminantes Werk ist nicht nur eine Geschichte der Mode im Spiegel der Literatur, wie im Titel angekündigt, sondern auch eine Kulturgeschichte, eine Geschichte der Gesellschaft, vor allem der Frauen, die sich in der Mode spiegelt. Bertschiks Werk ist ein literarisches Nachschlagewerk, eine Einladung zur weiteren Lektüre, da trotz der Materialfülle manche Themen nur gestreift werden konnten. Als Wegweiser kann die über 50 Seiten umfassende Bibliografie dienen.

URN urn:nbn:de:0114-qn071281

Agnieszka Vojta

Konstanz

E-Mail: Agavojta@aol.com

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