Gertrud M. Backes: Das „junge gesellschaftliche und wissenschaftliche Interesse am Alter“

Das „junge gesellschaftliche und wissenschaftliche Interesse am Alter“. oder: Gerontologie als „junge“ Wissenschaft mit Geschichte

Rezension von Gertrud M. Backes

Hans-Werner Wahl, Vera Heyl (Hg.):

Gerontologie – Einführung und Geschichte.

Grundriss Gerontologie Band 1.

Stuttgart: Kohlhammer 2004.

247 Seiten, ISBN 3–17–017582–3, € 17,00

Abstract: Band 1 der Kohlhammer Urban-Taschenbücher-Reihe „Grundriss Gerontologie“ bezieht sich auf die Einführung und Beschreibung der Geschichte der Alternswissenschaft (Gerontologie). Der Einstieg wird gewählt über einen Abriss der heutigen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Bedeutung der Gerontologie (Kap. 1). Es folgt eine bislang eher ungewöhnliche Darstellung des Faches anhand von Definitionen, Disziplinen und wesentlichen Aussagen und Ergebnissen (Kap. 2). Anschließend wird der Bogen der Darstellung von der Antike bis zur Gegenwart gespannt (Kap. 3). Dem folgt die Herausarbeitung der Bedeutung von Theorien für die Alternsforschung sowie die eingängige Strukturierung der großen Vielfalt von hier gebräuchlichen Theorien und Methoden (Kap. 4). Schließlich geht es um die Beschreibung und kritische Rezeption grundlagen- und anwendungsorientierter Befunde der Alternswissenschaft (Kap. 5 und 6): Und zum Schluss wird die Diskussion um das „Quo vadis“ der Gerontologie aufgeworfen (Kap. 7).

„Alter, Altern und alte Menschen“ als Gegenstandbereich von Gerontologie

Im einführenden Kapitel wird die „hilfreiche Trias für die Gerontologie“, „Alter, Altern und alte Menschen“ vorgestellt. Die (in der Regel bezüglich des Alters divergierende) Fremd- und Selbstsicht werden kontrastiert und die Gruppe der „Alten“ im demografischen Kontext umrissen. Mit „Zwischenbilanz“ und „Überblick über die weiteren Kapitel“ sowie „Zusammenfassung und Kontrollfragen“ werden der Leserin und dem Leser sehr gute Hilfen für die Reise durch diese als Einführungs- und Überblickswerk gedachte und angelegte Monographie gegeben. Dabei wird die von der sprachlichen und formalen Vermittlungsform her ausgezeichnete Anlage der Monographie bereits deutlich. Gleichzeitig scheinen thematische Schwerpunkte und bewusst gewählte blinde Flecken im weiten Feld der Gerontologie auf. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage: Geht es um ….

Primär verhaltens- und sozialwissenschaftliche Gerontologie oder die Gerontologie?

In zwölf „Essentials“ der Gerontologie verdeutlichen der Autor und die Autorin die Reichweite und Perspektiven der von ihnen dargestellten Gerontologie: (1) „Altern als dynamischer Prozess zwischen Verlust und Gewinn“, (2) „Altern als biologisch und medizinisch bestimmter Prozess“, (3) „Altern als lebenslanger und biografisch verankerter Prozess“, (4) „Altern als sozial bestimmter Prozess“, (5) „Altern als Produkt von Person (P) und räumlicher Umwelt“ (U), (6) Altern als ökonomisch bestimmter Prozess, (7) „Altern als geschlechtsspezifischer Prozess“, (8) „Altern als differentieller Prozess“, (9) „Altern als multidimensionaler Prozess“, (10) „Altern als multidimensionaler Prozess“, (11) „Altern zwischen Objektivität (O) und Subjektivität (S)“, (12) „Altern als plastischer Prozess mit Grenzen“.

Hier wird bereits deutlich, was sich auch in den anderen Teilen des Einführungs- und Überblickswerkes zeigt: Es wird eine vor allem verhaltens- und in Teilen sozialwissenschaftliche Gerontologie vorgestellt, die ihren Fokus primär auf der individuellen, der Verhaltens- und Handlungsebene des alternden Menschen hat und Soziales als (räumliche, ökonomische,…) Umwelt mit einbezieht. Dabei geht es durchaus auch um international diskutierte Ansätze und Ergebnisse, vor allem aus dem anglo-amerikanischen Bereich. Interdisziplinarität und Internationalität der Gerontologie werden deutlich. Hinsichtlich des gewählten Ausschnittes der miteinander am Thema Alter und Altern arbeitenden Disziplinen innerhalb der Gerontologie bleiben jedoch eindeutig weniger berücksichtigte und in die Darstellung kaum einbezogene Felder und Beiträge.

Kaum thematisiert werden vor allem Fragen und Ergebnisse der Sozialstrukturanalyse bezogen auf Alter und Altern, der gesellschaftlichen Struktur und Dynamik im Zusammenwirken mit der Entwicklung des Alter(n)s. „Soziales“ und „Sozialstruktur“ werden nicht hinreichend unterschieden. Der Verweis auf „Altern als geschlechtsspezifischer Prozess“ zeigt eine besondere Sensibilität hinsichtlich dieser Dimension der Sozialstruktur – der sozialen Ungleichheits- und Machtverhältnisse – an, die den Prozess des Alterns und die Lebensqualität, die soziale Lage im Alter entscheidend mit beeinflussen. Allerdings wird dieser Dimension im Verlauf der verschiedenen Kapitel eine ausschließlich deskriptiv-statistische Komponente gewährt; analytische Weiterführungen bleiben aus. Andere vergleichbar relevante Dimensionen, wie sozio-ökonomische Lage oder Ethnie/Nationalität, werden eher vernachlässigt. Dies gilt vor allem hinsichtlich einer systematischen Analyse und einer Berücksichtigung entsprechender Forschungsergebnisse. So verweisen der Autor und die Autorin konsequenterweise auch darauf, dass sie aus dem soziologischen Feld der Alternswissenschaft stammende oder dort gründende Theorien wie vor allem aber empirische Studien (wie etwa den Alterssurvey) weniger systematisch und vollständig rezipieren als aus dem psychologischen Feld (bis hin zur ökologischen Gerontologie) stammende.

Problematisch ist eine solche Vorgehensweise nicht unbedingt per se. Sie wird es vor dem Hintergrund des Anspruchs, in „Gerontologie“ generell einzuführen und hierfür einen Fahrplan an die Hand zu geben. Um im Bild zu bleiben: Der hier vorliegende Fahrplan bezieht sich auf eine recht große Region, die er auch sehr gut ausweist und erschließen hilft. Er hat jedoch einen Titel, der die Fahrplanlesenden zunächst einmal glauben lassen könnte, es handele sich um das gesamte Land, was mittels dieses Plans zu erkunden sei. Und das ist schlicht und ergreifend nicht der Fall. So könnte denn die nicht ganz zutreffende Vorstellung genährt werden, „den Plan von der Gerontologie in der Tasche zu haben“.

In dem ausgesprochen gewinnbringend zu lesenden, sehr breit angelegten Kapitel zur „Geschichte des Alters und der Alternsforschung“ wird diese spezifische Ausrichtung innerhalb der Disziplin allerdings erneut deutlich. Dies gilt in der Folge dann auch für „Forschungslogik, Theorien und Methoden in der Gerontologie“: Dabei fällt hier besonders ins Auge, dass qualitative Methoden der Alter(n)sforschung so gut wie nicht thematisiert werden. Wenn man bedenkt, dass ihr innerhalb der hier primär vorgestellten Felder der Gerontologie auch weniger Relevanz zukommt als innerhalb anderer Felder der Gerontologie, etwa der auf Alter und Altern hin ausgerichteten Biographieforschung und der soziologischen Lebenslauf- und Alter(n)sforschung, ist die hier präsentierte Auswahl an Methoden der Forschung nachvollziehbar. Allerdings muss hier – geht es um einen Überblick über Methoden der Forschung in der Gerontologie – ergänzend gelesen werden.

Das anschließende Kapitel zu „Befunde[n] der Gerontologie: eine Auswahl“ ist ebenso wie das nächste zu „Gerontologie und Anwendung: Von der Intervention zur Prävention“ – wie im übrigen alle anderen Kapitel auch, vorausgesetzt man konzediert die „Auswahl“ – überaus gewinnbringend zu lesen. Der Autor und die Autorin beeindrucken durch ihre sehr profunde und vielseitige Sachkenntnis ebenso wie durch ihren gut lesbaren und die Lesenden direkt ansprechenden Stil. Die Zusammenfassungen und Kontrollfragen am Ende aller Kapitel sind exzellente Beispiele einer guten Lehrbuchtradition.

Neben der Darstellung und Diskussion von Theorien, Methoden und Forschungsergebnissen wie Praxismethoden (s. Intervention und Prävention) aus der Gerontologie diskutieren der Autor und die Autorin auch die Frage der weiteren Entwicklung der Gerontologie („Quo vadis, Gerontologie?“). Sie werfen dabei die interessante Fragen einer Gerontologisierung beteiligter und weiterer Wissenschaften auf und kontrastieren dieses Szenario mit dem einer weiteren Etablierung und Ausdehnung der Gerontologie als eigenständiger Wissenschaft auch im Sinne einer eigenständigen akademischen wie praktischen Disziplin. Dies setzt voraus, dass die immer wieder genannten drei Kernmerkmale diese neuen Wissenschaftstypus, nämlich das der Multidisziplinarität, der Interdisziplinarität und des Anwendungsbezugs, weiterhin und u.U. noch stärker als bislang praktiziert und inhaltlich wie wissenschaftspolitisch, hinsichtlich der Theorien, der Forschungsmethoden wie der Interventionsansätze, sehr ernst genommen werden.

Mit dem vorliegenden ersten Band der Reihe „Grundriss Gerontologie“ des Kohlhammer Verlags ist „in lehrbuchartiger Weise eine Art Kurzreiseführer für das schnell wachsende und sich ständig weiter differenzierende Gebiet der Alternsforschung“ (S. 9) gelungen. Grundlegende Fragestellungen, Theorien, Methoden und Befunde der aktuellen Gerontologie werden in ihren geschichtlichen Hintergrund eingebettet und sind so besser nachvollziehbar. Gleichzeitig wird der Frage der Möglichkeiten heutigen und künftigen Gestaltens und Beeinflussens des Alterns nachgegangen. Es gilt jeweils nicht der Anspruch auf Vollständigkeit, dazu ist die Disziplin Gerontologie bereits zu breit und vielschichtig entwickelt. Der Band wäre ohne jede Einschränkung zu empfehlen, würde der allgemein gehaltene Titel „Gerontologie – Einführung und Geschichte“ nicht – wenn auch unbeabsichtigt – einen nicht eingelösten und auch gar nicht einlösbaren (s.o.) Eindruck vermitteln. Dem Leser bzw. der Leserin sollte der Band als Einführung und Überblick zu einem breiten Feld der Gerontologie, nicht der Gerontologie, vorgestellt werden und im Gedächtnis bleiben.

URN urn:nbn:de:0114-qn062045

Prof. Dr. Gertrud M. Backes

Universität Kassel, Institut für Soziologie und Sozialpädagogik der Lebensalter, Lehrstuhl für Soziale Gerontologie

E-Mail: backes@uni-kassel.de

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