Sabine Eickenrodt: Dichter und Demiurg der Frauen

Dichter und Demiurg der Frauen

Rezension von Sabine Eickenrodt

Elsbeth Dangel-Pelloquin:

Eigensinnige Geschöpfe.

Jean Pauls poetische Geschlechterwerkstatt.

Freiburg i. Br.: Rombach 1999.

382 Seiten, ISBN 3–7930–9199–6, DM 98,00/ SFr 98,00/ ÖS 715,00

Abstract: Die Literaturwissenschaftlerin Elsbeth Dangel-Pelloquin untersucht Jean Pauls poetische Geschlechter-Werkstatt unter den Aspekten der empfindsamen Liebe im Hesperus, der Ehe im Siebenkäs und der Elternschaft in der Erziehungsschrift Levana. Ihr Interesse gilt den erzählerischen Repräsentationen von Weiblichkeit bei Jean Paul, denen mit dieser Studie erstmals eine Monographie gewidmet wird.

Eigenliebe versus Eigensinn

Als „Simultanliebhaber“, Weibersatiriker und begnadeter Unterhalter der Damenwelt hat Jean Paul bei Biographen und Werkinterpreten seit langem einen festen Platz. Als poetischer Demiurg der Frauen ist er hingegen noch immer nahezu unbekannt. Die vorliegende Monographie Elsbeth Dangel-Pelloquins holt dieses Versäumnis der Forschung nach und erhebt den Anspruch, die „vielfältigen poetischen Verflechtungen der Geschlechter“ (S. 9) bei Jean Paul am Beispiel der frühen Romane Hesperus (1795) und Siebenkäs (1796) bzw. in einem exkursorischen Anhang zur Erziehungsschrift Levana (1806) nachzuzeichnen.

Ihre zentrale Frage, wie Jean Paul seine poetische Geschlechter-Werkstatt ins Werk selbst verlagere, entwickelt sie zunächst im Anschluß an die Äußerung des Protagonisten Viktor im Hesperus, daß die schriftstellerische Eigenliebe nichts anderes wolle als immer nur „Wiederholungen des Ich“ (S. 14). Der poetische Solipsismus Jean Pauls, seine männlichen Ichverdoppelungen sind seit Max Kommerells Gesamtstudie in der Tat zum Topos der Forschung geworden.

Dagegen haben die Repräsentationen von Weiblichkeit durch den männlichen Blick bisher kaum literaturwissenschaftliche Beachtung gefunden. Nicht selten wurden Jean Pauls empfindsame Stilisierungen der Frauengestalten eher interpretatorisch überboten als analysiert. Es ist deshalb unmittelbar einleuchtend, daß Dangel-Pelloquin weniger der Eigenliebe des Autors bzw. Erzählers, sondern vielmehr dem „Eigensinn“ seiner weiblichen Romangestalten nachspüren will. Die Auswahl der beiden Romane, die sie als Diptychon versteht und in ihren verschiedenen Fassungen untersucht, wird thematisch sinnvoll begründet, insofern in ihnen die Liebe, die Ehe (und in der Levana schließlich die Elternschaft) das poetische Zentrum bilden.

Methodische Orientierung

Während diese von der Autorin vorgenommene Beschränkung des Textcorpus nicht nur verständlich, sondern geradezu geboten ist, scheint der programmatische Vorbehalt der Interpretin gegen eine Verpflichtung auf theoretisch strukturierende Referenzsysteme (S. 21) eher einer Not zu folgen. Und diese Not ist durchaus kein singuläres Problem der vorliegenden Studie, sondern hängt aufs engste mit der immer wieder neu zu stellenden Frage zusammen, wie die Materialfülle Jean Pauls zu bändigen und eine interpretatorische Orientierung im Labyrinth seiner Romane überhaupt zu erlangen sei.

Gleichwohl kann die Berufung der Interpretin auf Gerhard Meiers Interview-Äußerung, Theorie sei nicht ‚frontal‘, sondern indirekt zu rezipieren (S. 21), das methodische Problem nicht aus der Welt schaffen. Im Gegenteil, gerade diese indirekte Rezeption unterschiedlichster theoretischer Reflexionsangebote von Judith Butler, Stephen Greenblatt, Jacques Derrida, René Girard, Harold Bloom, Georg Lukács, Walter Benjamin und Jacques Lacan in Fußnoten, Kurzzitaten und Minimalexkursen verhindert tendenziell eine historische Vermittlung mit dem literarischen Text. Dieser läuft vielmehr Gefahr, in eine unvermittelte Analogie mit literaturtheoretischen, philosophischen bzw. psychoanalytischen Positionen des 20. Jahrhunderts zu geraten und gelegentlich als deren „Präfiguration“ (S. 329; Anm. 21) überfordert zu werden. Es ist zudem nicht unproblematisch, daß die zeitgenössische Philosophie und Anthropologie, auf deren Folie die Texte Jean Pauls gelesen und interpretiert werden, nur selten selbst zur Sprache kommen. Eine Diskussion des von Elsbeth Dangel-Pelloquin untersuchten weiblichen „Eigensinns“ im philosophischen, medizinischen und literarischen Umfeld der Zeit hätte für diese poetologisch und romantheoretisch argumentierende Studie entscheidende Differenzierungshilfen an die Hand geben können.

Die schöne Papierseele: Klotilde (Hesperus)

Es spricht hingegen zweifellos für diese Untersuchung, daß die Vielgestaltigkeit des methodischen Fundaments das textimmanente Interpretationsverfahren der Autorin nicht grundsätzlich zu irritieren vermag. Geradezu eigensinnig verfolgt sie mit reserviertem Blick auf Literaturtheorie und Interpretationsgeschichte ein hermeneutisches Grundmodell, das die Widerständigkeit nicht so sehr der literarischen Frauengestalten als der im poetischen Prozeß vom Erzähler immer schon miterrichteten und mitgedachten weiblichen Unverfügbarkeit zu markieren weiß.

Mit ihrer Hesperus-Interpretation gelingt der Interpretin m. E. der im Rahmen dieser Studie wichtigste Forschungsbeitrag: Der Eintritt Klotildes in die Erzählhandlung als Buchstabe, Zitat, Zeugnis und Bildnis wird nicht als Exposition einer schönen Seele gelesen, sondern selbst in einem romaninternen Lektüreprozeß verortet, den die Autorin als Allegorese, als Entzifferung und Auslegung der Sacra Scriptura im vierfachen Schriftsinn deutet (S. 38). Der Versuch, Klotildes Schattenexistenz und permanente Unsichtbarkeit am physiognomisch-hermeneutischen Interpretationsmodell Johann Caspar Lavaters zu messen, resultiert jedoch keineswegs aus einer unkritischen Übertragung von dessen naivem Ausdrucksverständnis auf das poetische Verfahren Jean Pauls.

Dangel-Pelloquin zeigt vielmehr, daß sich die männliche Anstrengung, das weibliche Ich wahrzunehmen, als eine „problematische Interpretation mit all ihren Möglichkeiten fehlgeleiteter Lesarten“ (S. 77) erweise. Gerade auf dem abwesenden Text, den Klotilde namentlich verbürge, errichte der Erzähler selbst ein „exegetisches Gebäude, dessen hoher Eigensinn sich nur partiell der Deutung“ (S. 77) erschließe; und in diesem werde nicht nur eine empfindsame Hagiographie des Weiblichen betrieben, sondern zugleich der „interpretatorische Prozeß an der Entstehung dieser Stilisierung mitreflektiert und dadurch bloßgelegt“ (S. 78).

Jean Pauls Nähe zur Moderne

Jean Pauls poetisches Verfahren wird daher mit Recht eher der Moderne als einer Literatur der Empfindsamkeit zugeordnet, und die Preziosen ihres Forschungsbeitrags sind vor allem dort zu finden, wo die Interpretin diese Modernität auch an der Mikrostruktur der Sprache selbst demonstriert: z. B. an der Strategie einer doppelten Verneinung in Augenblicken des Liebesgeständnisses (S. 79f.), in denen sich die Unaussprechlichkeit der Liebe gleich mitformuliert. Mit Einschränkungen gilt dies auch dort, wo die gewalttätigen Körperbilder von Aderlaß, Blut und Migräne als Kehrseite der asexuellen Sprachtranszendierung im Hesperus verstanden werden.

Leider erweist sich gerade in diesem Kontext der weitgehende Verzicht der Autorin auf eine theoretische Vermittlung ihres Gegenstandes als problematisch auch für eine textimmanente Interpretation: Eine Analyse des metaphorischen Verfahrens bei Jean Paul, d. h. dessen Rückbindung an die rhetorische Tradition oder psychoanalytische Theorie wäre gerade dort zu wünschen, wo die Liebe im Roman von der Autorin einer Sprache verglichen wird, die ständig ihren „Blutzoll“ (S. 121) zu entrichten habe. Diese interessante – und erst in wenigen Studien beiläufig vertretene – These vom ‚sadistischen Verfahren‘ des metaphorischen Erzählens bei Jean Paul wird von der Autorin allerdings im folgenden selbst nicht zu beglaubigen versucht.

Unklar bleibt deshalb, warum ausgerechnet den Tränenergüssen in diesem Roman, dessen ‚Wassersucht‘ sogar seine Zeitgenossen befremdete, ihre substituierende Funktion abgesprochen und der Status einer unmittelbaren, authentischen und natürlichen Ausdruckssprache der Körper nun doch im Sinne Lavaters wieder zuerkannt wird. Diese Wendung ist nicht zuletzt auch deshalb unklar, weil von der Autorin gerade der Protagonistin Klotilde, dieser ‚Leerstelle‘ im Romangefüge, eine wichtige – destruierende – Funktion im intertextuellen Bezug zu Goethes Werther zuerkannt wird. Lottes „sinnliche Bewegtheit“ werde von Jean Paul in „unsinnliche Schrift“ (S. 159), in die heilige Textgestalt Klotildes, übersetzt, um auf diese Weise die Ablösung des (Goethischen) Alten Testaments durch ein (Paulinisches) Neues Testament einzuleiten.

Widerspenstige Gattin: Lenette (Siebenkäs)

Während die stets unsichtbare Klotilde von Dangel-Pelloquin als eine Version weiblichen Eigensinns gelesen wird, die dem Raum männlicher Projektionen verhaftet bleibe, werde vom demiurgischen Erzähler im Siebenkäs seinem weiblichen ‚Material‘ eine eigene Stimme verliehen, eine Sprache also, die sich männlicher Definitionsgewalt nicht nur entziehe, sondern dieser vielmehr als ‚andere‘ widerständig entgegentrete. Das in der Vorrede zum Siebenkäs entworfene Modell (S. 184) eines Geschlechterverhältnisses, das den Autor Jean Paul zum väterlichen Indoktrinateur der Leserin-Tochter Johanne Pauline mache, scheitere bereits an der massiven, ungebildeten Materialität der Ehefrau Lenette.

Auch hier geht es der Autorin um eine Akzentuierung der Modernität des Romans, in dessen ehelichem Rededuell sie eine frühe realistische Unterlaufung (S. 290) des romantischen Liebesideals sieht und in dessen zeitlicher Prozeßordnung sie bereits den Typus des Desillusionsroman im Sinne Lukács‘ (S. 283) erkennen will. Gerade angesichts der souveränen Romankenntnis der Autorin jedoch würde man sich auch hier eine noch ausführlichere Begründung ihrer Lesart wünschen, die etwa die von ihr für den Siebenkäs reklamierte „schwierige Balance einer Anerkennung des Anderen“ und die „Dialogizität einer gegenseitigen Auseinandersetzung“ (S. 291) im philosophisch-ästhetischen Rahmen der Frühromantik, insbesondere der romantischen Ironie diskutiert und verortet hätte.

Die Interpretin findet gleichwohl eine überzeugende Formel für den zentralen Stellenwert der Schrift in beiden Romanen: Als Diptychon werden sie insofern aufgefaßt, als der Erzähler im Hesperus sich schließlich selbst zu einer Romanfigur verwandelt, während im Siebenkäs die zum Schriftsteller entwickelte Romanfigur umgekehrt die Abschaffung der widerspenstigen Gegenrede Lenettes mitbetreibe. In diesem poetischen Vernichtungsprozeß, im „Wegschreiben“ des obstinaten Weiblichen allerdings liege nicht das letzte Wort des Romans. Dessen unaufhaltsame Annihilierung wird vielmehr zugleich als ein Prozeß verstanden, in dem das eigentümliche und eigensinnige Andere erst zur Aufführung gelangt und zugleich auch schon entziffert wird.

URN urn:nbn:de:0114-qn012175

Dr. Sabine Eickenrodt

Freie Universität Berlin

E-Mail: eicken@zedat.fu-berlin.de

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