Waltraud Dumont du Voitel: Ein „Who is Who“ in Fragen von Gender und ländlicher Entwicklung in Afrika

Ein „Who is Who“ in Fragen von Gender und ländlicher Entwicklung in Afrika

Rezension von Waltraud Dumont du Voitel

Rita Schäfer:

Gender und ländliche Entwicklung in Afrika.

Eine kommentierte Bibliographie.

2. aktual. u. erweit. Auflage. Münster: LIT 2003.

448 Seiten, ISBN 3–8258–5053–6, € 30,00

Abstract: Das Buch ist eine kommentierte Bibliographie, die vor kurzem in der 2. Auflage erschienen ist. In dieser erheblich erweiterten Neuauflage mit über eintausendfünfhundert Titeln und Kommentaren informiert die Ethnologin Rita Schäfer über neue wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Entwicklungszusammenarbeit. Sie stellt auf breiter Basis afrikanische, europäische und amerikanische Publikationen – darunter ethnologische, soziologische, agrarwissenschaftliche und entwicklungspolitische Fachzeitschriften, relevante Monographien und Sammelbände – vor und vermittelt kompetent und sorgfältig den Diskussionsstand zum Thema Gender und ländliche Entwicklung in Afrika. Besonderes Augenmerk legt die Bibliographie auf Beiträge afrikanischer Wissenschaftlerinnen, deren Kompetenzen und Erkenntnisse sehr selten in Bibliographien Eingang finden. Indem sie veröffentlichte und unveröffentlichte Beiträge zu diesem Thema dokumentiert, bringt sie jeden, der sich mit diesen Fragen beschäftigt, auf den neuesten Stand der Geschlechterforschung zur ländlichen Entwicklung in Afrika. Die Dokumentation umfasst Literatur aus den 1920er und den 1930er Jahren; der Schwerpunkt liegt jedoch auf den Veröffentlichungen aus den 1980er und 1990er Jahren; darüber hinaus bezieht die Bibliographie auch jene Studien mit ein, die bis Ende März 2003 veröffentlicht worden sind.

Eine Fundgrube für alle jene, die sich mit Gender in Afrika beschäftigen

Nicht nur die Veröffentlichung von Tsakani Ngomane (S. 54) aus dem Jahre 1998 mit dem Titel: „Gender issues: Not a power struggle“ (in: SPORE, 78), sondern auch die Arbeit von El Hadji Fallou Guèye (S. 32) aus dem Jahre 2000, die sich unter dem Titel: „Women and family poultry production in rural Africa“ (in: Development in Practice, vol. 10, no.1) mit der von Frauen gepflegten Geflügelhaltung im ländlichen Afrika befasst, sind Beispiele der vielen Themen, die in dieser Dokumentation vorgestellt werden. Die Autorin will mit der Aufnahme solcher Beiträge in die Bibliographie veranschaulichen, dass lukrative Projekte – wie das in dem oben erwähnten Artikel zur Diskussion stehende „Geflügelprojekt“ – von den Männern übernommen werden könnten. Fände ein solcher „Wandel“ statt, ginge den Frauen eine eigene bedeutende Einnahmequelle verloren. Die meisten Gesellschaften des ländlichen Afrikas ordnen nämlich die Geflügelhaltung und die daraus resultieren Erträge den Frauen zu. Dies sind nur zwei von weiteren zweihundertunddrei Arbeiten, die Rita Schäfer allein in ihrem Kapitel „Überblicksliteratur“ zusammengetragen hat. Sie zeigt mit dieser Bibliographie auf, dass dem Thema Gender und ländliche Entwicklung bereits einige Aufmerksamkeit geschenkt worden ist. Ein kontinentübergreifender, alphabetisch und regional geordneter Überblick über Studien zu allen afrikanischen Staaten – begonnen mit Westafrika, Nordafrika, Ostafrika und Zentralafrika, gefolgt von Literatur zum südlichen Afrika und zu Südafrika – strukturiert diese außergewöhnliche Bibliographie und erleichtert die Handhabung.

Frauen als Produzentinnen stärken

In ihrem kurzen Eingangsteil (S. vii – xii) geht die Autorin auf Landrechte, Marktzugang, Agrarberatung und die Mitwirkung von Frauen in ländlichen Entscheidungsgremien in unterschiedlichen Regionen Afrikas ein. Themen wie die Auswirkungen der kolonialen Eingriffe in ländliche Anbausysteme und die nachkoloniale Agrarpolitik, die Auswirkungen von Wanderarbeit und von Entwicklungsprojekten auf ländliche Gesellschaften und deren Ökonomien werden von ihr aufgegriffen. Auch die Herausforderungen, die die Verbreitung von HIV/AIDS für die betroffenen Gesellschaften darstellt, lässt die Autorin nicht außer Acht.

Sie gibt ausdrücklich zu bedenken, dass in Afrika über 90 % der Grundnahrungsmittel und 30 – 40 % der Marktprodukte von Frauen angebaut werden. Dennoch werde deren Arbeit überhaupt nicht anerkannt. Geschlechterhierarchien stehen in ländlichen Entwicklungsprozessen im Mittelpunkt. Strukturanpassungen gestalten sich zu Ungunsten der Frauen, und ein Umbruch familiärer Sicherungssysteme zu Lasten der Frauen findet statt. Weiterhin haben überwiegend Männer Zugang zu Ressourcen und Ämtern, Frauen scheinen automatisch auch in modernen Systemen ausgeschlossen zu sein, d. h. ihnen sind die Möglichkeiten, die sich durch wirtschaftliche Erneuerungen bieten, von vorneherein nur schwer zugänglich.

Die in der Bibliographie dokumentierten Forschungsergebnisse stützen den Verdacht, dass sich seit der Veröffentlichung der ersten Arbeiten aus den 1920er Jahren bis heute nicht viel zum Besseren für die Frauen in ländlichen Gebieten Afrikas verändert hat. Immer noch bestimmen die Auswirkungen von Missionierung, Kolonialisierung und Modernisierungskonzepten das Leben der Frauen auf vielfältige Art und Weise. Nur wenige Maßnahmen der Kolonialisten hatten den Frauen seinerzeit neue Machtquellen erschlossen oder zumindest männliche eingeschränkt (Einführung neuer Rechtsysteme, die männliche Aggressionen gegen Frauen einschränkten, Verbot des Sklavenstatus von Frauen und von Todesstrafen für weibliche Rebellion, Schaffung von Möglichkeiten der Scheidung und von Zivilehen nach europäischem Recht). Auch die Einführung moderner Technologien und neuer Marksysteme in der Folge erleichterte offensichtlich nicht wesentlich die Lage der Frauen in Afrika. Die Vertreter der frühen Modernisierungstheorien nahmen an, dass sich mit der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung des Landes das Leben der Frauen wie von selbst verbessern würde. Dass dem nicht so ist, dafür liefern die in der Bibliographie aufgeführten Studien viele Beispiele.

Es spiegelt sich auch darin wider, dass fundierte Forschungsarbeiten zu matrilinear organisierten Gesellschaften, die in Teilen Westafrikas zum Beispiel noch nicht abgeschafft worden sind, nach wie vor weitgehend fehlen. In matrilinearen Gesellschaftssystemen erfolgt die Abstammung- und Erbfolge unilinear in mütterlicher Linie. Matrilineare Sozialstrukturen lassen Frauen autonome Handlungsräume erschließen, weil ihnen bestimmte Rechte, wie Zugang zu Land und zu Erbschaften, gewöhnlich von vorneherein eingeräumt werden. Sie gewähren der Frau die Freiheit, beispielsweise als Händlerin autonom zu agieren, wie dies in einigen matrilinear organisierten Gesellschaften Westafrikas der Fall ist. Dort ermöglicht die Matrilinearität den Frauen – in Verbindung mit dem weiblichen Hackbau und Kontrolle über die Überschüsse und den Markt –, wirtschaftlich unabhängiger zu sein. Wegen der weitgehend fehlenden Forschung bleibt das Wissen über diese Gesellschaften unbefriedigend.

Mit Gender und ländliche Entwicklung in Afrika ist Rita Schäfer eine ausgezeichnete Bibliographie gelungen, mit der sie den Stand der Forschung zu den verschiedenartigsten Fragen der Geschlechterforschung zu den ländlichen Gebieten Afrikas aufzeigt. Mit ihr macht sie nicht nur unbekannte und unveröffentlichte Arbeiten einem breiten Fachpublikum bekannt, sondern leistet einen unverzichtbaren Beitrag zur Genderforschung im allgemeinen.

URN urn:nbn:de:0114-qn053083

Dr. Waltraud Dumont du Voitel

Heidelberg, Deutsche Stiftung Frauen- und Geschlechterforschung, Ethnologie

E-Mail: info@stiftung-frauenforschung.de

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