Angela Ittel: Mädchen schlagen, Jungen auch – nur anders! Bericht über einen Workshop an der Freien Universität Berlin

Mädchen schlagen, Jungen auch – nur anders! Bericht über einen Workshop an der Freien Universität Berlin

Angela Ittel

Am 7.11 und 8.11.2003 fand im Arbeitsbereich Empirische Erziehungswissenschaft der FU Berlin ein Workshop zum Thema „Aggression“ statt, organisiert von Dr. Angela Ittel und Prof. Dr. Hans Merkens.

Der diesjährige Workshop „Aggression“ bot Wissenschaftler/-innen die Möglichkeit, neue Arbeiten zu diesem Thema zu präsentieren und zu diskutieren. Die Veranstaltung wollte jedoch mehr erreichen: Neueste wissenschaftliche Ergebnisse sollten mit Erkenntnissen aus der Praxis konfrontiert und mit den Erfahrungen der therapeutischen und sozialpädagogischen Arbeit verknüpft werden.

Jeden Tag belegen Presseberichte, dass Kriminalität unter Jugendlichen nicht abnimmt, dass sich aggressives Verhalten von jungen Menschen immer weitere Ziele sucht. Lange schon wird beobachtet, dass öffentliche Gewalt und Aggression nicht nur „Männersache“ sind, sondern dass Mädchen – etwa als Mitglieder rechtsradikalen Jugendgruppen – ähnlich aggressiv und brutal agieren können. Es mangelt aber an Lösungen zur Prävention und Intervention. So sollte auf der Tagung thematisiert werden, inwieweit verschiedene Ansätze zur Erklärung der Entwicklung aggressiven Verhaltens beitragen können und wie sich wissenschaftliche Arbeit mit Ansätzen aus der Praxis verbinden lässt. Aus Sicht vieler Kollegen und Kolleginnen wurde damit eine längst überfällige Debatte initiiert.

Die Erklärung der Bedingungsgefüge aggressiven Verhaltens sollte nicht in Forschungserkenntnis enden, sondern darüber hinaus reichen und die Entwicklung von Präventions- und Interventionsprogrammen im Detail informieren und unterstützen. Genauso sollten Wissenschaftler/-innen Themen und Ansätze für ihre weitere Arbeit aus den Problemen der Praxis entnehmen können. Wissenschaft und Praxis zusammenzuführen, erschien deshalb bei diesem Thema besonders wichtig.

Das Repertoire an Theorien zur geschlechtsspezifischen Entwicklung von Aggression hat sich in den letzten Jahrzehnten nur unwesentlich verändert. Es gibt keine Theorie, die umfassend erklärt, wie Aggression entsteht und warum aggressives Verhalten von Jungen und Mädchen heute zunehmend in die Öffentlichkeit tritt. Diese Erkenntnisschwäche mag dadurch bedingt sein, dass wenig übergreifende Forschungsergebnisse zum Thema Aggression vorliegen. Die Forschung kann sich nicht aus einem reichen Instrumentarium geeigneter Sozialisations- und Erklärungsmodelle bedienen. Nach wie vor wird in der Aggressionsforschung den traditionellen Sozialisationsinstanzen wie Familie, Schule und Peers eine große Bedeutung für die Entwicklung von Aggression beigemessen. Eine Modifikation gängiger Theorien ist aber notwendig geworden, da sich die gesellschaftlichen und individuellen Bedingungen des Aufwachsens so verändert haben, dass diese Ansätze zur Erklärung aktueller Phänomene und Problemlagen nur begrenzt geeignet sind. Betrachtet man aktuelle Untersuchungen zur Aggression, so stellt man fest, dass auf die gesellschaftlichen Veränderungen und damit auch auf die individuellen Bedingungen des Aufwachsens nur bedingt eingegangen wird. Der VIII. Workshop Aggression wollte gezielt beginnen, hier Lücken zu schließen und Theorieansätze zur Erklärung aggressiven Verhaltens mit den Bedingungsgefügen des Endo-, Makro- und Mikrosystems integrieren.

Schon die Ankündigung des diesjährigen Workshops verdeutlichte, dass sein Themenschwerpunkt bei geschlechtsspezifischen Ansätzen zur Erklärung aggressiver Verhaltensweisen liegt. Vielfach finden sich in der Forschung Hinweise, dass vor allem frühkindliche Erfahrungen und geschlechtsspezifische Erziehungsansätze spätere Verhaltensmuster und die psychosoziale Anpassung vorhersagen. Dieser Fokus ist nicht nur wissenschaftlich, sondern auch politisch aktuell und bedarf dringender Aufmerksamkeit. Darüber hinaus widmete sich ein eigener Themenschwerpunkt den geschlechtsspezifischen Bedingungen von Aggression. Der Workshop sollte als Plattform dienen, diese fällige Diskussion in der Aggressionsforschung voranzutreiben.

Weitere Themenbereiche, die eine kritische Prüfung und neue wissenschaftliche Impulse verdienen und daher Rahmenpunkte des Workshops darstellten, waren einerseits biopsychosoziale und andererseits kulturvergleichende Ansätze zur Erforschung aggressiven Verhaltens. In Zeiten von Globalisierung und von zunehmend multiethnischen Gesellschaften ist ein tieferes Verständnis der kulturellen Ausprägung und der geschlechtsspezifischen Bedeutung von Aggression zwingend notwendig. Das trifft sowohl die theoretische Forschung als auch die Anwendung in der Praxis.

Der Eröffnungsvortrag, der in die Thematik einleiten sollte, wurde von Prof. Jeannette Schmid gehalten. Frau Schmid ist eine erfahrene Wissenschaftlerin in der sozialpsychologischen Aggressionsforschung und hat vor acht Jahren den nun jährlich stattfindenden Aggressionsworkshop ins Leben gerufen. Die Referentin gab zunächst einen Überblick über die Themenbereiche der aktuellen Aggressionsforschung und präsentierte erstaunliche Ergebnisse: Von 470 Artikeln zum Thema Aggression behandeln nur knapp 4% schwerpunktmäßig die Geschlechtsunterschiede. Diese Bilanz verbessert sich allerdings drastisch, wenn man auch die Arbeiten berücksichtigt, die zumindest qua Implikation geschlechtsspezifische Themen zum Inhalt hatten. So nannten 30% der Quellen den Untersuchungsgegenstand partnerschaftliche und innerfamiliäre Gewalt und 15% der Quellen dating und sexuelle Gewalt als Forschungsgegenstand. Dennoch bleibt der Appell erforderlich, in Veröffentlichungen geschlechtsspezifische Thematiken in den Vordergrund zu stellen. Frau Schmids Vortrag wurde von den nachfolgenden Referent/-innen immer wieder aufgegriffen und zitiert, was nur ein Indiz dafür ist, dass er einen anregenden und umfassenden Einstieg in die darauffolgenden Themenbereiche und Fragestellungen bot.

Neben vielen anderen Themenschwerpunkten wie Intervention, Therapie, Familie und Schule widmete sich am darauffolgenden Tagungstag der Themenkomplex Geschlecht mit drei Beiträgen ganz explizit den geschlechtsspezifischen Ausdrucksformen und dem Umgang mit Aggression. Den vortrefflichen Auftakt gestaltete Prof. Hannelore Weber, die als exponierte Forscherin der Emotionsregulation einen Vortrag zum Thema „Ärger – eine geschlechtsneutrale Emotion?“ hielt. Es galt, die Erwartungen an geschlechtsstereotype Ärgerreaktionen, etwa dass Männer Ärger eher externalisieren, während Frauen Ärger internalisieren, zu prüfen. Frau Weber und ihre Mitarbeiterin Frau Margit Wiedig, beide von der Universität Greifswald, konnten in ihren experimentellen Untersuchungen zeigen, dass sich Männer und Frauen nur wenig in ihren habituellen Ärgerverhalten unterscheiden. Allerdings ergaben sich deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede, wenn es um Ärger innerhalb von engen Beziehungen ging. Dieses Ergebnis weist darauf hin, dass Anlass und Kontext des Ärgers wichtige Moderatoren bei der Emotionsregulation von Männern und Frauen sind. Die Autorinnen konnten durch eine differenzierte Betrachtung von geschlechtsspezifischen Ärgerreaktionen zeigen, dass Frauen eher „brüten“, während Männer eher mit Humor oder einer ausführlichen Kosten-Nutzenanalysen ihren Ärger verarbeiten. Abschließend fasste Frau Weber ärgerbezogene Geschlechtsstereotypen so zusammen: der Mann entspricht zwar der stereotypen Rolle des weniger Emotionalen, nicht aber der Rolle des Aggressiv-Assertiven. Die Frau, die Ärger intensiver erlebt, entspricht hingegen zwar der stereotypen Rolle der Emotionaleren, nicht aber der stereotypen Rolle der Expressiveren und, vor allen Dingen, nicht der Rolle der Submissiveren. Der Vortrag endete mit dem wichtigen Hinweis, dass differenzierte diagnostische Methoden und der Einbezug von situativen Kontextvariablen zwingend notwendig sind, um mit geschlechtsstereotypen Erwartungen der Emotionsregulation aufzuräumen.

Im zweiten Vortrag sprach Prof. Maria von Salisch, Universität Lüneburg, über Ärgerregulation in Mädchen- und Jungen-Freundschaften. Frau von Salisch arbeitet schon seit Jahren überkindliche Emotionsregulation und Peerprozesse. So bot sie auch auf dieser Tagung den Tagungsteilnehmer/-innen einen einsichtigen Blick in die Welt der jugendlichen Mädchen- und Jungenfreundschaften. Sie berichtete aus ihrer Studie, in der 85 Jugendliche zwischen 14–19 Jahren nach Freundschaftsqualitäten und Ärgerregulationsstrategien befragt wurden. Drei Freundschaftstypen wurden als Kontext der Emotionsregulation differenziert; enge Freunde, eifersüchtige Freunde und antagonistische Freunde. Die Ergebnisse zeigen, dass Mädchen in engen Freundschaften mit Humor und Ablenkung auf Ärger reagieren, während ärgerliche Jungen weniger Ablenkung suchen und sich weniger sportlich betätigen. In Freundschaften, die von gegenseitiger Eifersucht geprägt sind, reagieren Jungen vor allem mit körperlicher Abwehr und Selbstbeschuldigung, während Mädchen in schon fast klassischer Weise mit internalisierenden Strategien, wie die Unfähigkeit zu essen, auf ihren Ärger reagieren. Interessanter Weise sind in antagonistischen Freundschaften hingegen Mädchen eher dazu bereit, körperliche Maßnahmen anzuwenden, um ihrem Ärger Luft zu machen, während Jungen eher dazu tendieren, ihren antagonistischen Freund zu ignorieren. Frau von Salischs Vortrag machte – wie schon der Vortrag ihrer Vorgängerinnen – auf den dringenden Bedarf aufmerksam, kontextbezogene Relevanzen der Ärgerregulation zu untersuchen und sich nicht auf geschlechtsstereotype Rollenbilder der Emotionsregulation zu verlassen.

Zum Abschluss des Themenkomplexes Geschlecht und Aggression bot Frau Dr. Lorrie Sippola, Universität Saskatchewan, einen engagierten Beitrag zur geschlechtsspezifischen Ausprägungen aggressiver und sozial dominierender Verhaltensweisen von Mädchen. Sie legte dar, dass relationale Aggression, ursprünglich definiert als weibliche Form der Aggression, durch Verhaltensweisen wie lügen, ignorieren, schneiden und sogenannte ‚kleinere’ Gemeinheiten charakterisiert ist. Diese Böswilligkeiten sollen andere verletzen und werden – so verraten uns nicht nur die Ergebnisse der Forschung – von vielen Mädchen benutzt, um Popularität und hohen sozialen Status in ihrer Peergruppe zu erlangen. Sozial dominante Mädchen zeichnen sich wiederum durch Verhaltensstrategien aus, die denen der relationalen Aggression sehr ähnlich sind. Frau Sippola hatte es sich zur Aufgabe gemacht, über die Untersuchung der Prävalenzen und Formen relational aggressiver Strategien hinauszugehen und genauer zu untersuchen, wie sich relational aggressive Verhaltensweisen junger Mädchen von Verhaltensweisen, die zur sozialen Dominanz führen, unterscheiden. Ihre Ergebnisse zeigten altersspezifische Strategien sozial dominanter Mädchen und genderspezifische Präferenzen. Sozial dominante Mädchen, die sich relational aggressiv verhalten, sind bei Mädchen unbeliebter als sozial dominante Mädchen, die einfach nur „nett“ sind. Jungen hingegen sehen keinen Unterschied zwischen diesen Mädchentypen. Für sie ist es einzig wichtig, dass das Mädchen sozial dominant ist.

Die Beiträge zu Geschlecht und Aggression hatten zwar unterschiedliche Themen, Altersgruppen und Verhaltensweisen als Forschungsgegenstand führten jedoch zu dem allgemeinen Ergebnis, dass wir um geschlechtsstereotype Auffassungen von Aggression und Ärger zu verwerfen, kontextspezifischen Bedingungsfaktoren und intraindividuellen Differenzen weitaus mehr Beachtung schenken müssen.

Dieses Fazit wurde auch durch anderen Beiträge der Tagung bestätigt. Wohl den Aufruf im Call for papers aufgreifend, hatten sich erfreulich viele Referent/-innen in ihren Beiträgen mit dem Thema Geschlechtsspezifizität von Aggression befasst. Immer wieder wurden kontextspezifische (z.B. Kultur) und interpersonale Faktoren (z.B. Klassenklima) thematisiert, in denen Mädchen und Jungen, Frauen und Männer unterschiedliche Ausprägungen von Aggression zeigen. Viele der aufgeworfenen Fragen wurden beantwortet, viele Themen diskutiert und viele Anregungen für weitere Forschung gegeben. Aus den Reaktionen der Teilnehmer/-innen und dem generellen feedback an das Team der Organisatoren und Organisatorinnen wird deutlich, dass wir eine äußerst angenehme, produktive, vielfältige und anregende Tagung mit vielen hochqualifizierten Beiträgen und angeregter Diskussion interessierter Teilnehmer/-innen erleben durften. Auch an dieser Stelle möchte ich nochmals allen Beteiligten dafür ganz herzlich danken.

Geschlechtsspezifische Ausprägung von Aggression bleibt ein wichtiges, brisantes und hochaktuelles Thema; viele Fragen blieben offen, Fragen, die mir persönlich nun unter den Nägeln brennen, es sind Fragen nach den unterschiedlichen Ausprägungen aggressiver Verhaltensweisen nicht zwischen, sondern innerhalb der Geschlechtergruppen. Daher wird mein Beitrag zum nächsten Workshop Aggression, den dankenswerterweise Dr. Ute Gabriel von der Universität Bern am Institut für Sozial- und Rechtspsychologie (http://www.psy.unibe.ch/soz/) am 5. und 6. 11. 2004 ausrichten wird, von der Suche nach Antworten zu diesem Thema motiviert werden.

Für nähere Informationen siehe auch www.workshop-aggression.de.

URN urn:nbn:de:0114-qn043217

Dr. Angela Ittel

Berlin

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