Sabine Kittel: Jewish Survivors. Drei Publikationen über das Überleben

Jewish Survivors. Drei Publikationen über das Überleben

Rezension von  Sabine Kittel

William B. Helmreich:

Against all odds: Holocaust survivors and the successful lives they made in America.

New Brunswick, New Jersey: Transaction Publishers 1996.

348 Seiten, ISBN: 1–56000–865–2, $24.95

Henry Greenspan:

On listening to Holocaust survivors: recounting and life history.

Westport, Connecticut: Praeger 1998.

199 Seiten, ISBN: 0–275–95718–7, DM 52,10/ $24.95

Alina Bacall-Zwirn, Jared Stark (Eds):

No common place: the Holocaust testimony of Alina Bacall-Zwirn.

University of Nebraska Press 1999.

124 Seiten, ISBN: 0–8032–1296–8, DM 62,64/ $ 30.00

Abstract: Drei Bücher aus den USA werden vorgestellt, die sich mit den Erinnerungen und Erzählungen jüdischer Überlebender und dem Leben nach dem Überleben befassen. Alle drei Autoren haben Interviews mit Überlebenden durchgeführt. Jede der Publikationen trägt der Individualität der Erfahrungen der Überlebenden und der Unbeschreibbarkeit ihrer Erlebnisse heute Rechnung. Die Autoren gehen mit unterschiedlichem Blickwinkel an die erzählten Erinnerungen heran: William Helmreich ist Soziologe, Henry Greenspan ist Psychologe und Theater-Schriftsteller, der in der Soziologie lehrt, Jared Stark kommt von der Literaturwissenschaft.

„This is true, and this, what you are not told, is also true. What is not in the book is also true“

Die Amerikanisierung des Holocaust ist inzwischen zum Schlagwort geworden. 1978 wurde von Überlebenden das Fortunoff Video Archive in der Yale-Universität gegründet. 1980 beschloß der US-Congress den Bau eines US Holocaust Museums für Washington D.C. 1981 fand das erste internationale Treffen jüdischer Überlebender der nationalsozialistischen Konzentrationslager statt, bei dem mehr als 10 000 Überlebende teilnahmen. Diese erste Zusammenkunft in Jerusalem wurde zwei Jahre später in Washington D.C., in den folgenden Jahren in Philadelphia, New York City und Miami wiederholt.

Im Frühjahr 1993 wurde das Holocaust Memorial Museum feierlich eröffnet, weitere Holocaust-Dokumentationszentren bestehen in vielen Städten der USA. Aus den Einnahmen von Steven Spielbergs Kinofilm „Schindlers Liste“ wurde die Shoah-Foundation gegründet, deren Ziel es ist, alle Überlebenden zu interviewen, ihre Lebensgeschichten auf Video zu bringen und damit der Nachwelt zu erhalten. In der neusten Debatte in den USA wird nach der Amerikanisierung nun bereits die „Holocaust Industrie“ (Norman Finkelstein) angeprangert.

Dennoch: Trotz aller Kritik am Shoah-Business muß von deutscher Seite mit einigem Neid auf die Tradition der Holocaust Studies und ihre Forschungsprojekte in den USA geblickt werden. Auch die Akzeptanz und der Umgang mit Oral History als wissenschaftlicher Methode sind für Deutschland wünschenswert.

„Give the survivors a little dignity in their old age. They have suffered so much, they deserve at least that“

Diesen Auftrag von Elie Wiesel (S. 5) verfolgt William B. Helmreich in seinem Buch „Against all Odds“, das 1992 erschien. Folgt man ihm in der Einleitung zur 2. Auflage von 1996, so nahm er im Februar 1995 beim letzten großen Treffen von Holocaust-Überlebenden in Miami Beach teil, was diesem Buch zusätzliche Bedeutung verleiht. Daß seither bereits weitere große, ‚letzte‘ Treffen stattgefunden haben, zuletzt im Januar diesen Jahres in Washington D.C., sollte vielleicht ergänzt werden – es werden diese gatherings gerade in den letzten Jahren immer wieder als letzte betrachtet, und so verknüpft sich mit ihnen immer stärker der Auftrag, die Erinnerungen der Überlebenden für die nachfolgenden Generationen zu sichern und ihre Geschichten nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

„Würde geben“, wie Wiesel gefordert hat, Respekt zeigen und anzuerkennen, was die Überlebenden in den Jahren nach der Befreiung bis heute geleistet haben, das ist das Anliegen des Buches von Helmreich. Um es vorweg zu sagen, ich bin mit großem Interesse an seine Arbeit herangegangen, denn er hat sich mit etwas beschäftigt, dem bislang wenig Aufmerksamkeit in den Holocaust Studies gewidmet wurde: Das Leben nach dem Überleben. Bereits im Vorwort macht Helmreich darauf aufmerksam, daß sein Werk eine erste umfassende Studie sei, und fordert andere Forschende explizit zu nachfolgenden Untersuchungen auf.

Wie der Titel des Buches bereits ankündigt, fokussiert Helmreich in seiner Publikation das „erfolgreiche Leben“ der Überlebenden in den USA. Hierbei hat er mit soziologisch abgesicherten Kriterien eine repräsentative Gruppe von Überlebenden befragt und ihre Erzählungen analysiert, einzelne Auszüge davon werden in der Arbeit zitiert. Seine Untersuchung stützt sich auf Interviews, die mit 170 Überlebenden durchgeführt worden sind, der größte Teil wurde von ihm selbst befragt. Darüber hinaus hat er extensive Archivrecherche bei verschiedenen Organisationen und Verbänden in den USA betrieben. Er definiert die Gruppe der Überlebenden, die er untersucht, über das Kriterium des „größten Leidens“ und faßt den Begriff „survivor“ folgendermaßen: „In an attempt to focus on those whose suffering was greatest, the definition has been limited to those who were uprooted by the war and who lived in occupied countries, or in Shanghai or Siberia, during the war years. The definition includes those in the camps and ghettos, those who hid, and those who passed as Gentiles during the war“(S. 17).

In verschiedenen Kapiteln geht er den bedeutenden Fragen nach, die das Leben der Immigranten in den USA fortan begleitete: Beginning of a new life, The struggle to rebuilt, Making a living in America, All for the children, Social world of the survivor, Reaching out, Living with memories, Overcoming tragedy. In diesen Kapiteln untersucht er u.a. die ersten Schritte, der Integration in die Arbeitswelt, die Problematik der Einwanderer innerhalb der US-amerikanischen jüdischen Gemeinden, das Verhältnis zu Israel und die Beziehungen der Überlebenden zu ihren Kindern und darüber hinaus die Beziehung der Kinder zur Geschichte ihrer Eltern. Einzelne Interview-Passagen von Überlebenden werden zur Illustration seiner Ausführungen angeführt, Zeitungsberichte oder zeitgenössische Berichte von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der jüdischen Hilfsorganisationen und verschiedene Anekdoten zeichnen ein ausgezeichnetes Bild der damaligen Zeit.

Im letzten Kapitel (Overcoming tragedy) entwickelt Helmreich 10 Thesen, die den Erfolg der Survivors in den USA erklären sollen: Sie zeigten Flexibilität, Selbstbehauptungsfähigkeit, Hartnäckigkeit, Optimismus, Gruppenbewußtsein, Intelligenz und Mut; sie hatten die Fähigkeit zu Distanz, die Fähigkeit, das eigene Überleben zu schätzen, und sie schafften es, sich einen sinnvollen Lebensinhalt zu geben. Diese Kriterien scheinen mir allerdings in ihrer Generalisierung, mit kleineren Abwandlungen, auf jede andere Einwanderungsgruppe genauso zuzutreffen.

Und hier bin ich an einem der grundsätzlichen Kritikpunkte, die ich zu Helmreichs Buch anbringen möchte. Anhand von methodischen Kriterien der Sozialwissenschaft geht Helmreich von der Repräsentativität seiner befragten Gruppe aus, die der Zusammensetzung der seit 1946 in die USA eingewanderten jüdischen Überlebenden (survivors) entspricht und denen er verschiedene Vergleichsstudien zu US-amerikanischen Juden (American Jewry) gegenüberstellt. Mit methodisch korrekter Vorgehensweise schafft er so ein Bild des ‚universal survivors‘. Als Resultat wird damit allerdings die besondere Verfolgungsgeschichte nivelliert und nachfolgend auch die individuellen Erfahrungen der Einwanderung und der Erlebnisse bis heute generalisiert und in der Konsequenz ignoriert. Der Begriff des „erfolgreichen Lebens“ trotz der Erfahrungen der Verfolgung wird somit gänzlich verallgemeinert. Obwohl Helmreich im Vorwort noch fragt, wie er an die weniger erfolgreichen survivors herantreten könnte, verfolgt er diese Frage dann im Laufe des Buches nicht mehr explizit.

Er orientiert sich in seinen Leitfragen an den erfolgreichen Männern der Geschichte – Tom Lantos, der einzige Überlebende, der in den Congress gewählt wurde, Benjamin Meed, der Begründer der American Gathering of Jewish Holocaust Survivors – Frauen haben in dieser konventionellen Betrachtungsweise leider keine so deutliche Erfolgsstory aufzuweisen. Erfolgreiches Leben in den USA ist meines Erachtens ein Blickwinkel, der die verschiedenen Welten der Überlebenden, das Leben heute und ihre Erinnerungen an die Verfolgung – und die Unvereinbarkeit dieser Welten ignoriert. Meiner Meinung nach orientiert sich hierbei Helmreichs Untersuchung zu stark an den finanziellen und gesellschaftlich erfolgreichen Lebensläufen – dem Auftrag von Elie Wiesel, den Überlebenden Würde zu geben, folgend. Es wäre m.E. interessant, die Rezeption des Holocaust in den USA und die Bedeutung der jüdischen Überlebenden in der US-amerikanischen Gesellschaft im Wandel zu untersuchen und auf diese Weise einem Erfolgsaspekt nachzugehen, als vielmehr dem Aspekt des Lebens mit der Geschichte.

„It is not a story, it has to be made a story“

Ebenso wie dieser Ausspruch stammt auch das Eingangszitat dieser Rezension von Victor, einem Überlebenden, der in Henry Greenspans Buch ausführlich zu Wort kommt: „This is true, and this, what you are not told, is also true. What is not in the book is also true“. Dies antwortete Victor auf die Frage seiner Tochter: „How what I am not told can I know? What I am not told, how can it be true?“ (S. 135). Ein für uns absurd erscheinendes Frage-und-Antwort-Spiel. Doch macht es, wie ich meine, deutlich, was Greenspans Anliegen ist

Im Gegensatz zu Helmreich will er keine quantitative Studie vorlegen, sondern dem Unaussprechlichen und Unausgesprochenen die Möglichkeit zur Artikulation geben und dabei die individuelle Geschichte der Einzelnen zeigen. Ironisch übertreibend zitiert er die Charakterisierung seiner Arbeit durch einen Kollegen folgendermaßen: „The Shoah Foundation wants to interview 50,000 different surivors once […] Hank wants to interview the same survivor 50,000 times“. (S. XV)

Auch Greenspan befaßt sich mit dem Leben nach dem Überleben: Wie schaffen wir es, die Erzählungen der Überlebenden wirklich zu begreifen (get into), ist eine seiner Leitfragen. Sein Buch spricht über das Versinken in Erinnerungen, über das wiederholte Beschreiben derselben Erlebnisse, von Überarbeitungen des Erzählten und Revisionen von Erinnerungen. Greenspan blickt dabei auf die Erkenntnisse von 20 Jahren Arbeit mit Überlebenden zurück. „Recounting“, also Nacherzählen, ist das Wort, das Greenspan anstatt des Begriffes „testimony“, Zeugnis, verwenden will.

„Testimony suggests as formal finished quality that almost never characterizes surviors‘ remembrance. Recounting, it has seemed to me, better connotes the provisional and processual nature of retelling – a series of what are always compromises that always point beyond themselves“ (XVII).

Im ersten Teil seines Buches setzt sich Greenspan mit der Interviewsituation und den Beziehungen der Gesprächspartner auseinander. „Making a story of what is not a story“, heißt ein Abschnitt, womit er beispielsweise auf das Dilemma des Erzählens aufmerksam macht: „the making of a story with plots and meanings“ bezeichnet er den Versuch der Erzählenden, den Erinnerungen im nachhinein Sinn und Stringenz, auch für die Zuhörer zu verleihen, so daß sie zu einer ‚schlüssigen Geschichte‘ werden – was sie im Augenblick des Erlebens nicht waren und auch in der inneren Logik des Interviewten nicht sind. Und ähnlich wie Lawrence Langer spricht auch er von den „two worlds of memory“, die es für die Zuhörenden zu ergründen gilt.

Im zweiten Teil seines Buches stellt Greenspan sieben Personen vor. Zunächst läßt er drei Männer und drei Frauen und deren Geschichten in einer „Versammlung von Stimmen“ (gathering of voices) erscheinen. Es ist ein fiktives Treffen, doch soll es die einzelnen Berichte der Überlebenden in einer Art Kaleidoskop von Lebenswegen zusammenbringen.

Die Erzählenden teilt er in verschiedene Typen ein, Nathalie z.B. erscheint in der Metapher des „abschirmenden Spiegels“ (mirror and shield). Sie will nicht als Opfer dastehen. „Whatever privacy, when I talk about it, I want them to feel angry and incensed and appalled that it could happen“ (S. 71). Leon wird als jemand beschrieben, der sich bis heute „verseucht“ (contaminated) fühlt. Für Lydia, die während des Krieges ihre Stimme verloren hatte und erst durch eine Therapie wieder sprechen lernte, findet Greenspan das Bild des „Schreies“ (scream), der zugleich ein Befreiungs-, aber auch ein Angstschrei ist. Zwei Kapitel (Stories of the prosecutor) behandeln ausschließlich die Geschichte Victors, er wird als „Ankläger und Frager“ (prosecutor) charakterisiert, der einen großen Teil seines Lebens damit verbracht hat, Anhaltspunkte und Erklärungen nicht nur für seine eigene, sondern für die Verfolgung der europäischen Juden überhaupt zu finden. In dem „gathering of voices“ und in den „stories of the prosecutor“ schafft es Greenspan, die individuellen Umgangsweisen der Interviewten deutlich werden zu lassen und die Gleichzeitigkeit der verschiedenen Welten, wie ich sie bei Helmreich nicht gefunden habe, herauszuarbeiten:

„While listening to the recounting of Holocaust survivors, we tend to take a part for the whole. We mistake the made story for the full story, the tragedy recounted for the atrocity endured. Celebrating survivors‘ ongoing lives, we tend to ignore their ongoing deaths. Focusing on survivors‘ deaths, we miss the vitality of their ongoing lives; memories and legacies that have nothing to do with the destruction but which allow survivors to recount at all.“ (S. 169)

„Some things, you know, nothing you can put in a book . You can‘t put any place“

Die wohl radikalste Form, sich auf die Individualität einer Erzählung einzulassen, wird in dem Buch „No common place“ umgesetzt. Es ist die Biographie von Alina Bacall-Zwirn, die Jared Stark gemeinsam mit ihr herausgegeben hat.

Alina Bacall-Zwirn, geboren 1922 in Warschau, kam 1949 mit ihrem Mann Leo und ihrem Sohn in die USA. Über die Erlebnisse ihrer beider Verfolgung existierte bereits ein Manuskript Leos aus den 80er Jahren. Obwohl Alina Bacall-Zwirn eigentlich nicht über ihre Geschichte sprechen wollte, entschloß sie sich nach dem Tod von Leo Bacall, sein Anliegen weiterzuführen. Allerdings wollte sie selbst nicht schreiben, da sie sich als Immigrantin in der Sprache unsicher fühlte. Durch das Fortunoff Video Archive Yale kam der Kontakt zu Stark zustande, der wiederum, obwohl der englischen Sprache mächtig, ganz andere Bedenken hatte: „I was hesitant to say in other words, my words, what only she could tell“ (IX). Stark entschied sich daher für die vorliegende Form: eine zwar von ihm konzipierte, jedoch nahezu unkommentierte Zusammenstellung unterschiedlicher Informationsquellen und Materialien. Die Form des Buches, so Stark, lehnt sich einerseits an die „yizker-bikhert“ (Bücher, die an die zerstörten osteuropäischen jüdischen Gemeinden erinnern) und andererseits an sogenannte „commonplace books“ (Erinnerungsbücher an Orte und Erlebnisse, die man besucht hat) an:

„If common place books traditionally weave together a fabric of shared meaning, „No common Place“ tries to piece together a story made up of knots and tears.“ (XI)

Das erste Gespräch der beiden fand im Januar 1993 im Beisein der Tochter Sophia statt, die konstant in die Begegnungen eingebunden war. In den folgenden zwei Jahren wurden Interviews im Haus von Alina Bacall-Zwirn, im Fortunoff Archive der Yale University (Video) und im Holocaust Memorial Museum in Washington D.C. geführt.

Die Transkriptionen der verschiedenen Interviews bilden thematisch strukturiert dann auch den Schwerpunkt der Publikation. Sie werden durchbrochen von Ausschnitten aus Briefen und Dokumenten, von einigen Fotos, die sich auf Alinas Leben beziehen, und von Auszügen aus dem älteren Manuskript. Lediglich Starks Zusammenstellung des Materials nach inhaltlichen Kapiteln, seine Fragen, die in der Interviewtranskription auftauchen, und die wenigen Kommentare am Buchrand zeigen seinen Anteil an dem Buch. Auch die Strukturierung innerhalb der Kapitel ist bewußt davon geleitet wiederzugeben, was Stark in den Worten von Alina Bacall-Zwirn hörte.

An zwei Ereignisse in den Erzählungen von Alina Bacall-Zwirn werden wir immer wieder herangeführt. Es ist die Flucht aus dem Deportationszug nach Treblinka, aus dem die beiden auf Leos Betreiben sprangen; Alinas Anliegen ist dabei, ihren Mann als Helden zu präsentieren, der ihnen das Leben rettete. Hier lernen wir die Bedeutung dieser Geschichte für die Familie kennen – denn Leo Bacall hat mit dieser Tat auch das Leben der Nachkommen gesichert. Ein weiterer Erzählstrang ist das traumatische Erlebnis ihrer Schwangerschaft im Konzentrationslager Majdanek und die Geburt und anschließende Tötung des neugeborenen Sohnes durch eine Mitgefangene. Wir Lesenden werden auf Alina Bacall-Zwirns Erinnerungspfade mitgenommen und begleiten sie ein Stück auf dem schmerzhaften Weg der Erinnerung, der ohne Ende zu sein scheint und der auch keinen befreienden Ausgang hat.

Die Stärke dieses Buches ist das Fehlen jeder analytischen Kommentierung, denn auf diese Weise können wir die anstrengende Erinnerungsreise und ihre emotionalen Kurven nachvollziehen. Dennoch hätte ich mir in Zwischenkapiteln ein paar ausführlichere Kommentare oder zumindest Gedanken von Jared Stark gewünscht. Denn er war es, der die Gewichtung der Erzählungen vorgenommen und somit zur (Re-)Konstruktion von Alina Bacall-Zwirns Lebensgeschichte entscheidend beigetragen hat.

Wer wie ich eine Skizzierung seines Ansatzes (auf deutsch) lesen will, findet dies in dem Aufsatz „Die Aufgabe der Zeugenschaft. Das Holocaust Zeugnis der Alina Bacall-Zwirn“ (S.135–155) in: „Niemand zeugt für den Zeugen, Erinnerungskultur nach der Shoah. Herausgegeben von Ulrich Baer. Frankfurt a.M. 2000.

Und die geschlechtsspezifische Perspektive?

Jedes der vorgestellten Bücher hält, was es verspricht. Mit William B. Helmreichs Untersuchung bekommen wir einen guten Überblick über die Startbedingungen der jüdischen Einwanderer und deren alltägliche Probleme als Überlebende. Henry Greenspan vermittelt in seiner Arbeit durch die intensive Darstellung einzelner Personen ausgezeichnet die verschiedenen Aspekte, die ihr Leben formten. Jared Stark macht uns durch seine Art der Konfrontation mit den Erinnerungsstrukturen ehemaliger Verfolgter eindrucksvoll auf die Schwierigkeiten der Überlebenden aufmerksam, eine Sprache für die Erlebnisse und Erfahrungen zu finden. Er stellt durch das Fehlen jeglicher inhaltlicher Auseinandersetzung einen interessanten Kontrast und eine wertvolle Ergänzung zu den beiden anderen Autoren dar.

Keiner der drei Autoren wiederum hat es meiner Einschätzung nach in Betracht gezogen, in seinem Buch geschlechtergeschichtliche bzw. -spezifische Aspekte mitzudenken. Vielmehr gehen sie in der männlich-neutralen Betrachtungsweise direkt unter. Dies fällt besonders in den Studien von Helmreich und Greenspan auf.

So untersucht Helmreich z.B. in dem Kapitel über „Making a living in America“ zwar die Arbeitsverhältnisse „der Überlebenden“, läßt im Buch dabei allerdings (zufällig?) nur Männer zu Wort kommen. Auch Greenspan gelingt es nicht, die Frauen und Männer seiner Untersuchung in ihrer Unterschiedlichkeit deutlich werden zu lassen. Sowohl Helmreich als auch Greenspan hätten dies z.B. in der Diskussion über religiöse Einstellungen sichtbar machen können. Gerade im spezifischen Verhältnis dazu hätte eine geschlechtsspezifische Perspektive vieles erhellen können. Es ist ohne Zweifel ein Unterschied für das familiäre Zusammenleben, ob die Frau oder der Mann sich für oder gegen einen koscheren Haushalt entscheidet.

Auch bei Jared Stark wäre trotz Zurückhaltung von Kommentaren eine kleine Bewertung der Dynamik innerhalb der Familie interessant gewesen. Er hätte zum Beispiel schon im Vorwort darauf hinweisen können, welche Unterschiede es in der Bearbeitung der Familiengeschichte der Kinder von Alina Bacall-Zwirn gibt. So war die Tochter am Entstehungsprozess des Buches aktiv beteiligt, während die zwei Söhne nur eine marginale Rolle spielen. Es wäre interessant gewesen, Starks Betrachtung dazu zu hören und womöglich dabei zu entdecken, daß er in dieser Dynamik vielleicht einfach die Rolle des „good son“ übernommen hat?!

URN urn:nbn:de:0114-qn012070

Sabine Kittel

E-Mail: kittel@w4w.de

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