Sigrid Nieberle: Autorinnen Lexikon im Taschenbuch

Autorinnen Lexikon im Taschenbuch

Rezension von Sigrid Nieberle

Ute Hechtfischer, Renate Hof, Inge Stephan, Flora Veit-Wild (Hg.):

Autorinnen Lexikon.

Frankfurt/M: Suhrkamp Taschenbuch 2002.

617 Seiten, ISBN 3–518–39918–7, € 18,00

Abstract: Das Metzler Autorinnen Lexikon (1998) erscheint im Suhrkamp Taschenbuch-Verlag (2002): Das unverzichtbare Kompendium erschließt die „Weltliteratur“ von Frauen – mit Schwerpunkt auf der europäischen Gegenwartliteratur – in übersichtlicher und anregender Form.

Das Konzept der Herausgeberinnen

Die Herausgeberinnen des Autorinnen Lexikons gehen von der fundamentalen Differenz der Geschlechter für die Literaturproduktion aus. Ihr Ziel ist es, ein deutschsprachiges Nachschlagewerk zur internationalen Literatur von Frauen anzubieten, das zudem von keinem zeitlichen Rahmen begrenzt wird. Aus den genannten Gründen handelt es sich bei diesem Projekt – bzw. handelte es sich bei seinem ersten Erscheinen 1998 – um ein verdienstvolles Novum in der deutschen lexikographischen Publikationslandschaft, das nun im Nachdruck bei Suhrkamp Taschenbuch erschienen und deshalb ungleich günstiger zu erwerben ist.

400 Autorinnen von der „Mystik bis zum postmodernen Experiment, von Korea bis Kanada, von Skandinavien bis Peru, von der Staatsdichterin bis zur inhaftierten Regimegegnerin“ (S. V) finden sich hier versammelt, was dem Projekt sowohl zu Vor- als auch Nachteilen gereicht. Die Auswahl der Autorinnen, denen dadurch fraglos ein Kanonisierungsschub zuteil wird, basiert auf den Vorarbeiten in den einzelnen Philologien sowie deren Kompendien, worauf die ausführliche, nach Ländern sortierte Bibliographie am Ende des Bandes verweist. Der Schwierigkeit, sich auf 400 Autorinnen zu beschränken – und hier ersetzt nun ein neues Beschränkungskriterium die vorangegangen nach Epoche oder Sprache –, wird von den Herausgeberinnen deutlich formuliert. Den Schwerpunkt auf die europäische Gegenwartsliteratur von Frauen zu setzen, ergibt sich aus der Orientierung am analytischen und editorischen Kanon der Wissenschaften und Verlage: „Wir haben vor allem diejenigen ausgewählt, die für die Literaturwissenschaft relevant sind, aber auch solche, auf die
Leser/-innen im derzeitigen Literaturangebot häufig stoßen.“ (S. VI). Zugespitzt ließe sich formulieren, dass es sich hierbei um die „Höhenkammliteratur“ „weiblichen Schreibens“ handelt.

Das Konzept des „weiblichen Schreibens“

Fast von selbst versteht sich immer noch, dass ein solches Projekt der Geschlechtertrennung kritisiert wird. Weil dieses Konzept nicht neu ist – denkt man für die Germanistik mindestens an Sophie Patakys Lexikon deutsche Frauen der Feder (Berlin 1898; Reprint 1992 und öfter) und ähnliche Werke zurück –, wird seine Problematik besonders deutlich. Orientierte sich Pataky etwa noch nationalliterarisch an der „deutschen Feder“, geht es im Autorinnen Lexikon darum, die Vielfalt „weiblichen Schreibens von den Anfängen bis zur Gegenwart“ zu repräsentieren (S. V). Hier könnte man mit der Rezension von K. Franz in literaturkritik.de danach fragen, ob dieser Repräsentationsanspruch eingelöst wird, oder ob die vorliegenden 617 Seiten nicht den „ohnehin skandalös geringen Anteil von Frauen in der Literaturgeschichte in geradezu beleidigender Weise [schmälern]“?

Diese Argumentation müsste sich jedoch jegliches Autorenlexikon gefallen lassen, zumal ein solches, das sich auf die europäische Gegenwartsliteratur konzentriert und deshalb sowohl nach geschlechtsspezifischen, topographischen und historischen Kriterien auswählen und ausschließen muss. Darüber hinaus lehrt die aus den Gender Studies gewonnene Erfahrung, dass dabei die Schriftstellerin stets unterrepräsentiert ist. Wie Birgit Dahlke betont (sie selbst trug die Artikel „Elke Erb“ und „Katja Lange-Müller“ zum Autorinnen Lexikon bei), speist sich der Lehr- und Lesebetrieb zur Literatur der Moderne immer noch aus der „langlebigen Ignoranz gegenüber den Ergebnissen aus 30 Jahren Forschung feministisch orientierter Literaturwissenschaftlerinnen und Literaturwissenschaftler“ („Seite an Seite“, in: Freitag 48, 22.11.2002). Mit ihren Ausführungen zur zähen Kanonisierung von Autorinnen und deren Texten liefert Dahlke womöglich diejenige Argumentation für einen Aufholbedarf nach, die die Herausgeberinnen in ihrem Vorwort recht knapp gehalten haben – vielleicht auch deshalb, weil diese kanonkritischen Rechtfertigungen einer Sisyphos-Arbeit gleichen, derer selbstbewusste Wissenschaftlerinnen mittlerweile müde geworden sind und die obendrein in der mythischen Überlieferung keine „weibliche“ Alternative hat.

Eine oder zwei zugegebenermaßen beckmesserische Fragen (um sich auch diesen Entwurf als schreibende Frau anzueignen) bleiben jedoch: Können Autorinnen alle mit dem Label des „weiblichen Schreibens“ charakterisiert werden, genauer: Bedeutet „als Frau schreiben“ immer auch zugleich „weiblich schreiben“? Widerspricht diese Zuschreibung nicht auch den aktuellen Ergebnissen der Gender und Queer Studies, die gerade den Konstruktcharakter einer solchen Weiblichkeit aufgedeckt, ja dekonstruiert haben?

Das Konzept der Autorinnenschaft

Freilich können solche und andere Aspekte des „Gender Trouble“ nicht in einem Lexikon oder seinem Vorwort ausführlich diskutiert werden. Zumal die Frage nach der „weiblichen“ Autorschaft mit ihren identitätspolitischen und theoretischen Implikationen ein weiterhin wichtiges Thema in den feministischen Philologien bleiben wird. Eines aber zeigt das Lexikon in dieser Hinsicht: Die Autorzentrierung in herkömmlicher lexikographischer Tradition wurde im vorliegenden Projekt aufgeweicht zugunsten einer Diskurszentrierung, die gerade das erfrischende Konzept der Artikel auszeichnet und zugleich die alte Ordnung des Autor/inn/en-Alphabets in den Hintergrund rücken lässt. Wer trockene Informationen, womöglich getrennt nach „Leben und Werk“ sucht, sei auf überaus nützliche Datenbanken verwiesen, die copy and paste-fertige Literaturangaben sowie eine immer komplexer werdende Linkstruktur mit Querverweisen für die wissenschaftliche Aufarbeitung liefern. Das Problem der frugalen bio-bibliographischen Angaben (auf dem Stand von 1998), die bisweilen wichtige Forschungserträge vernachlässigen und somit einen möglichen Kanonisierungsschub für die Frauen- und Geschlechterstudien nicht unbedingt befördern, ist für das Autorinnen Lexikon nicht wegzudiskutieren. Wer sich aber gerne auf Entdeckungsfahrt in fremde und vertraute Ungleichzeitigkeiten, in Themen, Motive und Titel, in Bedingungen für das Schreiben von Frauen in vielen Sprachen und Ländern macht, dem sei ein Lexikon empfohlen, das wohltuend jene obligatorische Fußnote vermissen lässt, nach der die Autorin immer auch „mitgemeint“ sei.

URN urn:nbn:de:0114-qn041186

Dr. Sigrid Nieberle

Universität Greifswald, Institut für Deutsche Philologie

E-Mail: nieberle@uni-greifswald.de

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