Heide Palmer: Vom Webstuhl zum World Wide Web

Vom Webstuhl zum World Wide Web

Rezension von Heide Palmer

Sadie Plant:

nullen + einsen.

Digitale Frauen und die Kultur der neuen Technologien.

München: Goldmann 2000.

352 Seiten, ISBN 3–442–15074–4, € 8,45

Abstract: Die Autorin ist Direktorin der „Cybernetic Culture Research Unit“ an der University of Warwick. Sie bezeichnet sich als eine der Begründerinnen des „Cyberfeminismus“ und will mit nullen + einsen das Thema Frauen und Computer in ein neues Licht setzen. Ihre zentrale These lautet, dass das Internet eine Weiterentwicklung des Webstuhls sei. Mit Hilfe einer collage-artigen Erzählweise bildet Plant die nicht-lineare Struktur moderner Kommunikationsmittel ab.

Es war einmal…

Sadie Plant eröffnet ihr Buch mit der Vision eines Urzustandes der Welt, in dem es weder Zukunft noch Vergangenheit gab und auch sonst keinerlei Unterscheidungen. Alles war mit allem und jedem verbunden, war „wunderbar wahllos“. Doch dieser Traum dauert nur anderthalb Seiten, dann widerfährt Plants „Schwestern“ (S.11) der All-Einigkeit die Vertreibung aus dem Paradies. Als deren Ursache erwägt Plants Gedankenspiel eine Umweltkatastrophe oder sogar eine eventuelle „Alien-Invasion“. Den Schwestern geht fortan das Bewusstsein ihres Ureinsseins verloren, und damit so schließt Plant auf den gegenwärtigen Zustand der Welt „wurden wir zu Bestandteilen unseres eigenen Gefängnisses“. (S.12)

Diese „Präambel“ charakterisiert Plants Ansatz: Wissenschaft ist für sie in erster Linie das Ausgangsmaterial für Science Fiction. nullen + einsen bedient den Mythos von genialen Forschern, die auf der Suche nach Maschinen mit ungeahnten Fähigkeiten künstliche Intelligenz kreieren.

Das Cyber Age schließlich, die Vernetzung unserer Welt durch Datenströme, gibt uns so impliziert Plant zumindest eine Ahnung vom verlorenen Paradies wieder.

Vom Webstuhl zum world wide web

Eine kurze Einführung in die Geschichte des Maschinenbaus stellt den automatischen Webstuhl als die erste Maschine vor. Der Ingenieur Joseph Marie Jacquard entwickelte zum Weben aufwändiger Muster in Brokatstoffen das Lochkartensystem und schuf damit das Funktionsprinzip aller später folgenden Rechenmaschinen.

Wie stark Rechenmaschinen den Verlauf der europäischen Geschichte mitbestimmten, stellt Plant später am Beispiel des legendären Geheimdienst-Rechners ENIAC dar. Mit seiner Hilfe entschlüsselten während des Zweiten Weltkrieges die Alliierten den Enigma-Code der deutschen Wehrmacht. Damit trug ENIAC wesentlich zum Sieg der Alliierten bei.

Je komplexer die Rechner wurden, desto höher wurde ihr Potential zur interaktiven Nutzung. Plant nennt hier die ideellen Vorläufer des Internet, Memex und Xanadu. Das ARPAnet schließlich, ein amerikanisches Militärprojekt, hat den Datenverkehr radikal dezentralisiert. Seither werden alle Informationen in einzelne Pakete gesplittet, die sich unterschiedliche Wege durchs Netz zum Bestimmungsort suchen. Wird ein Teil des Systems beschädigt, sind sie in der Lage, „nach Umwegen um Hindernisse herumzusuchen, Abkürzungen und versteckte Durchgänge zu nehmen“. (S.64)

Das Internet wird als ein rhizom-artiges Gewebe dargestellt, das aus simplen Grundbausteinen ein unglaublich komplexes Gebilde geschaffen hat.

Die Zukunft ist weiblich

Plant versteht das world wide web als eine Weiterentwicklung des Webstuhls, und das Weben bezeichnet sie als eine traditionell weibliche Tätigkeit. Daher schreibt die Autorin dem Internet per se ein weibliches Funktionsprinzip zu. Auch die technische Seite des Internet hat ihrer Ansicht nach einen wesentlich weiblichen Aspekt: Je leistungsfähiger das Netz wurde, desto größer wurde in ihm auch der Einfluss nicht-hierarchischer Mikroprozesse. Und genau darin liegt, so Plant, im speziellen die weibliche Seite des Netzes.

Das Internet und die neuen Technologien stehen Plant zufolge für einen Paradigmenwechsel in der Kulturgeschichte. Die These von nullen + einsen lautet: Die digitale Revolution macht offenbar, dass das alte patriarchale Herrschaftsmodell ausgedient hat. Nicht-lineare Strukturen lösen die alten Hierarchien auf. Dezentrale Netzwerke sind nichts anderes als Erscheinungen des weiblichen Prinzips.

Dass sich an dieser Sichtweise die Geister scheiden, verwundert nicht. Die Resonanz in den Medien auf nullen + einsen war groß. Positive Rezensionen sprechen von „seiner provozierenden Argumentation“ (Die Welt) oder loben die Autorin als „die wohl interessanteste Frau Großbritanniens“ (The Guardian). Vor allem aber hat Plant reihenweisekluge Verrisse (Beispiel 1 und 2 ) geerntet, vornehmlich von Seiten der Frauenforschung

Vorgebliche Offenheit

Plant gibt als fortschrittlich aus, was bei näherer Betrachtung nicht viel mehr als modisch ist. Das Buch ahmt eine Hypertext-Struktur nach. In den 75 Kapiteln stehen mindestens 50 Themen nebeneinander. Die Autorin streift unter anderem Umweltverschmutzung, Quantenphysik, Psychoanalyse, Maschinenintelligenz, Mythologie, Cybersex, Verhaltensforschung an Pfauen, Sozialgeschichte der Arbeitswelt, Fortpflanzungsbiologie und Biographisches zu verschiedenen Personen der Wissenschaftsgeschichte. Zwischen die Kapitel sind vermischte Zitate aus Klassikern der Cyberpunkliteratur gestreut, Ausrisse aus den mille plateaux von Deleuze/Guattari und dem Briefwechsel von Ada Lovelace einer Frau, die Plant zur Pionierin der weiblichen Computerwissenschaft stilisiert. Diese collagierende Schreibtechnik soll hohe und niedere Kultur miteinander in Berührung bringen und Interferenzen entstehen lassen.

Nur funkt und fließt es nicht: Man mag dem eigensinnigen Pfad der Autorin nicht folgen. Viel zu oft stößt man auf bloße Zeitgeist-Attitüden und kurzsichtige Darstellungen, die logische Kurzschlüsse produzieren. Die eingestreuten Foucault-Zitate machen die methodische Unbedarftheit nur umso offensichtlicher.

Gröbster Mangel des Buches ist Plants Neigung zu Vereinfachungen, so z.B. ihre historisch nicht haltbare Idealisierung der Person Ada Lovelace’. Die Kritikerin Ulrike Bergermann wirft ihr in diesem Punkt zu Recht Geschichtsklitterung vor.

Auch Plants Feminismus ist von keiner offenen Geisteshaltung geprägt. Sie bemüht Polemiken, die „frau“ sonst nur aus der einfältigsten Ecke der 80er-Jahre-Frauenbewegungsliteratur kennt: Als Argument für die grundsätzliche Überlegenheit der Frauen führt sie etwa das Größenverhältnis zwischen Spermium und Ovum an. Doch damit noch nicht genug: „Spermien sind nicht nur winzig. Sie sind außerdem besonders roh und elementar, verglichen mit der Komplexität von Eizellen.“ (S.269) Auf einer solchen Basis fällt dann auch die Analyse der modernen Medien schlicht und ideologisch aus: „Face-to-face-Kommunikation die Missionarsstellung des westlichen Mannes ist keineswegs der direkteste aller möglichen Kommunikationswege.“ (S.171)

Sadie Plant strickt sich in nullen + einsen aus den neuen Technologien einen ziemlich altbackenen Strumpf zusammen. Das Buch wird seinem eigenen Anspruch, sich von Konventionen lösen zu wollen und Perspektiven aufzuzeigen, nicht gerecht. Es mangelt ihm vielmehr, trotz literarisch-visionärer Einlagen, an Inspiration.

URN urn:nbn:de:0114-qn041031

Heide Palmer

Fachbereich Germanistik der FU Berlin

E-Mail: heidepalmer@gmx.de

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