Guido Müller: Die Indio-Frau an der Seite des Konquistadoren Cortés: Verräterin, feministische Referenzfigur, Urmutter der Mestizaje und Übersetzerin

Die Indio-Frau an der Seite des Konquistadoren Cortés: Verräterin, feministische Referenzfigur, Urmutter der Mestizaje und Übersetzerin

Rezension von Guido Müller

Barbara Dröscher, Carlos Rincón (Hg.):

La Malinche.

Übersetzung, Interkulturalität und Geschlecht.

Berlin: edition tranvía Verlag Walter Frey 2001.

279 Seiten, ISBN 3–925867–55–4, € 21,40

Abstract: Kaum eine weibliche Figur der mexikanischen Geschichte eignet sich besser für eine Verknüpfung aktueller poststrukturalistischer, feministischer sowie postkolonialer Fragestellungen als die historische und mythische Gestalt der Übersetzerin La Malinche, Malintzin oder Dona Marina, die uns aus den Quellen an der Seite von Cortés zwischen 1519 und 1526 bekannt ist. Dieser Sammelband macht die reiche und widersprüchliche mittel- und südamerikanische Debatte um nationale und geschlechtliche Identität am Beispiel dieser historischen und literarischen Gestalt im deutschen Sprachraum bekannt.

Die junge indigene Frau, deren einer von vielen Namen La Malinche ist, taucht nur für wenige Jahre in der Geschichtsschreibung der Eroberung Amerikas auf. Die Quellen sprechen ihr für die Jahre zwischen 1519 und 1526 eine wesentliche Rolle zu. Die junge Frau war ein Gastgeschenk der Eingeborenen für den Konquistador Hernán Cortés. Die Malintzin arbeitete für ihn als Übersetzerin und Vermittlerin. Sie gebar ihm den Sohn Martín. Kaum mehr ist über die historische Gestalt bekannt. Ihre Spuren verlieren sich nach 1526.

Die Figur der Malintzin ist schon für den Ursprungsmythos Mexikos von Bedeutung. In den heutigen Debatten über die nationale Identität, über die Transkulturation und die Fragen von Übersetzung zwischen indigener und erobernder Bevölkerung und über den Anteil der Geschlechterdifferenz in diesen Prozessen spielt sie eine wichtige Rolle. In diesem Zusammenhang steht dieser Sammelband. Ein Großteil der Beiträge entstand aus einem Kolloquium, das im Januar 2000 am Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin stattfand.

Vor einer Lektüre der teilweise sehr spezialistischen hispanistischen und zudem zitatreichen Beiträge empfiehlt es sich, im Anhang des Bandes die dankenswerterweise in deutscher Übersetzung abgedruckte Hauptquelle zu lesen. Es handelt sich um Auszüge aus „Die Entdeckung und Eroberung von Mexiko: nach des Bernal Díaz del Castillo gleichzeitiger Erzählung bearbeitet von der Übersetzerin des Basari.“ (1848; S. 277–79). Auf Seite 12 findet sich in dem Buch eine aussagekräftige Abbildung der Malinche als Übersetzerin aus dem „Lienzo de Tlaxcala“ (16. Jh.).

An diesen wenigen Quellenfragmenten wird die historische Spärlichkeit und Einseitigkeit des Materials deutlich, das zudem nur die einseitige Sicht der spanischen Eroberer wiedergibt. Es ergibt sich eine deutliche Diskrepanz zwischen der geschichtlich bekannten Gestalt und der historischen Wirkungsmacht der Figur.

La Malinche ist dabei kein Einzelfall der Wirkungsgeschichte. Andere Figuren, über die historisch kaum etwas bekannt ist oder die weniger bedeutend waren, entwickelten eine ähnliche Geschichtsmächtigkeit. Als Beispiel sei hier nur die in Europa bekanntere Figur der Johanna von Orléans angeführt.

Die Mitherausgeberin Barbara Dröscher leitet den Band mit einer aktuellen Positionsbestimmung ein: „La Malinche. Zur Aktualität der historischen Gestalt für die Lateinamerikaforschung“. Ihr geht es nicht darum, die Gestalt historisch zu rekonstruieren oder Quellenfragen zu erörtern. Sie zielt auf die Diskursanalyse und Dekonstruktion der Malinche-Bilder, der Malinche-Quellen und der Malinche-Mythen im Kontext der Lateinamerikaforschung.

Für die einen Autor/-innen ist sie ein Symbol der Vermischung der Kulturen. Für andere stellt sie eher eine feministische Referenzfigur dar. Manche Autor/-innen interessieren sich weniger für die Gestalt, sondern arbeiten an ihr aktuelle Fragestellungen der Romanistik, der Altamerikaforschung und der Lateinamerikanistik ab. Um es mit Barbara Dröscher zu sagen: „La Malinche hat viele Gesichter“ (S. 13). Welches Gesicht der Malinche wir sehen, erkennen oder meinen wiederzuerkennen, sagt letzten Endes mehr über uns aus als über die historisch schwer fassbare, zudem ausschließlich über spanische Quellen zugängliche Gestalt.

La Malinche wird so zu einem faszinierenden Spiegel für die Beziehungen der Abendländer und europäischen Menschen zu den eroberten Menschen, zu unterdrückten und zu integrierten Menschen. Es geht um die Verhältnisse zum Fremden in Ethnie, in Geschlecht, in Herkunft, schließlich in Zeit und Raum. Wir spiegeln in der Gestalt Fragen der Interkulturalität und der Bewegung zwischen den Kulturen wieder. Es geht also um die heute hochaktuellen Fragen der Kulturaneignung im Kontext von Macht, von Geschlecht und von Ethnizität. Dabei kann sich die deutsche Hispanistik und Lateinamerikaforschung von neueren Ansätzen aus Mexiko, den USA und Frankreich inspirieren lassen. Um diesen wissenschaftlichen internationalen Transfer geht es also der Mitherausgeberin. Vor allem Stephen Greenblatts Monographie Marvelous Possessions. The Wonder of the New World (1992) spielt dabei eine zentrale Rolle als Referenz.

In den drei westlichen Ländern ist seit den achtziger Jahren das Bild des Opfers La Malinche oder gar der Frau als Verräterin indigener Interessen und Eigenschaften weitestgehend verschwunden. Ersetzt wurde es durch das Symbol einer Multikulturalität. Diese Aspekte kultureller Vermittlung und Vermittlungsleistung interessieren seit einigen Jahren zunehmend an der Person der Malinche. Unter welchen Perspektiven widmen sich nun die Beiträge diesen neuen Vermittlungsansätzen der Malinche?

Einige Aufsätze machen bereits im Titel deutlich, wie viele unterschiedliche literarische und künstlerische Ansätze von Vermittlung und Multikulturalität es im Spiegel der Malinche-Gestalt gibt. Jean Franco behandelt den Aspekt „Vom Geschenk zum Geschlechtervertrag“. Es geht ihr um die Überdeterminierung der Position der Malinche aufgrund ihres Geschlechtes in den Chroniken, so dass Gewalt diskursiv in Hegemonie verwandelt wird und die Geschlechterbeziehungen sich im Zuge der Eroberung wandeln. Margo Glantz lotet in ihrem Beitrag „Die entäußerte Stimme“ die Situation und die widersprüchlichen Aspekte der Gestalt einer weiblichen indigenen Übersetzerin in der Darstellung der Conquista aus.

Der Mitherausgeber Carlos Rincón fragt nach den drei Seiten der Figur „Malinche – Intellektuelle, Modell und Phantasma“. Damit sucht er die Revision der Nation- und Nationalismusparadigmen aufzuzeigen, wie sie seit den achtziger Jahren in der mexikanischen Diskussion rund um die Figur festzustellen ist.

Diese Diskussion kommt aus dem Schwellenraum der Chicano-Gemeinschaft. Früher spielte eher die Evozierung der Vergangenheit und die politische Aktualisierung der Gestalt eine Rolle. Heute findet der Aspekt der Übersetzerin das größte Interesse. Rincón berücksichtigt in seinem buntscheckigen, manchmal pointillistischen und an einigen Stellen verwirrenden Beitrag, der sich somit nach Eindruck des Rezensenten selbst mit seiner Wissenschaftsprosa dem künstlerischen Prinzip der Bricolage verpflichtet fühlt, auch bildliche Überlieferungen vor allem des Surrealismus zwischen 1930 und 1960. Bekanntlich proklamierte Breton bereits 1938 Mexiko zum surrealistischen Land par excellence. Daran knüpft Rincón mit seiner Malinche-Analyse aus dem Geiste des surrealen Multikulturalismus an. Er vermag es damit am Ende, La Malinche und die Debatten um ihre Figur auf feine ironische und nachdenkliche Weise auch als Referenz für heutige Übersetzer/-innen im spanischsprachigen Raum fruchtbar zu machen. Damit entwirft er zum Schluss selbst ein Bild einer Intellektuellen mit surrealen Bezügen: Übersetzung als Performance mit der Verfügungsmacht über die Kommunikation und zugleich als Verrat der interkulturellen Differenzen. Die Irritationen, die dieser Beitrag hinterlässt, sind sicher beabsichtigt.

Zur Aktualität und Neubewertung der Gestalt der La Malinche hat wohl vor allem die Chicanaliteratur seit den achtziger Jahren beigetragen. Darauf weist auch Rincón hin. Anja Bandau stellt sich den Fragen der Ausbildung einer oder gar mehrerer Chicana-Identitäten am Beispiel von „Malinche, Malinchismo, Malinchista. Paradigmen für Entwürfe von Chicana-Identität“. Im Zentrum stehen dabei Grenzbereiche von Kulturen und Geschlechtern. Ester Keller und Birgit Röhrig untersuchen am Beispiel von zwei Chicana-Texten einen zentralen Aspekt in der multikulturellen Chicana-Existenz: „Verrat, Missbrauch und Empowerment in zwei Chicana-Texten“.

Die US-amerikanische Filmwissenschaftlerin Joanne Hershfield macht in ihrem originellen Beitrag „La Malinche im mexikanischen Kino“ deutlich, wie in der sogenannten „goldenen Phase“ des mexikanischen Film in den 1930er und 1940er Jahren das alte Schema der Malinche als „bad woman“, nämlich einer Verräterin, der oft mehr oder wenigen deutlichen Revision unterzogen wurde. Damit wurde das Frauenbild den Verwerfungen der industrialisierten und mobilen Moderne angepasst. Das bipolare Muster good woman/bad woman spielte damals zugleich im Kontext des Diskurses um die vergeschlechtlichte nationale Identität Mexikos eine bedeutende Rolle. In einem Ausblick auf die Entwicklung des zeitgenössischen von Frauen gedrehten Films in Mexiko macht die Autorin auf den Paradigmenwechsel von der Polarität good woman/bad woman zu komplexeren, die Situation der Frau reflektierenden Frauendarstellungen in neuen Filmen aufmerksam.

Eine besonders extravagante, in sich schlüssige Variante einer neuen Malinche-Interpretation bietet zum Schluss des Bandes Barbara Dröscher. Sie wendet damit die neuesten methodischen und theoretischen Angebote der vorhergehenden Malinche-Interpretationen auf einen bekannten modernen Roman einer Autorin an. In Ingeborg Bachmanns Malina-Roman sucht Dröscher „Korrespondenzen“ zur zeitgenössischen Malinche-Rezeption im deutschsprachigen Raum aufzuzeigen. Es überzeugt, wie sie als Verbindungsglied zwischen beiden Diskursen die Berliner Skandal-Opernuraufführung des Werkes „Montezuma“ des Amerikaners Roger Sessions 1964 heranzieht. Dröscher entdeckt dort in der jeweiligen symbolischen Ordnung des Dreiecks eine Korrespondenz, die die „Frage nach dem paradoxen Ort von Frauen in der Dialektik der Aufklärung – und zwar an zwei Polen der Entwicklung des abendländischen Denkens“ betrifft. (S. 11)

In diesem Beitrag verwirklicht sich mit dieser Pointe der Anspruch des transkulturellen internationalen Transfers zwischen Wissenschaftskulturen durch Frauen am originellen Beispiel des Dreiecks zwischen der Malinche-Rezeption außerhalb Mittelamerikas, dem amerikanischen zeitgenössischen Musiktheater der 1960er Jahre als Vermittler und der deutschsprachigen ‚Frauenliteratur‘. Dröscher spricht dabei vom „Zirkulieren der Pole in der Gestalt einer Frau und der Möglichkeit der Unterbrechung“. (S. 269)

Die Überschreitung der bipolaren Logik durch Polyphonie in Ingeborg Bachmanns Roman beschreibt für die Mitherausgeberin Dröscher den Übergang zu einer neuen Konstellation. Diese sieht sie mit dem Begriff „postkoloniale Zeiten“ am besten bezeichnet, „in der nicht mehr nur das abendländische Entwicklungskonzept und Interpretationsmodell, sondern auch andere Lebens- und Denkweisen die geistige Situation der Zeit kennzeichnen.“ (S. 274) Dies wäre dann die historische ironische Pointe der Malinche-Gestalt im Beginn des 21. Jahrhunderts.

Anregend war, ist und wird die Gestalt der Malintzin als Metapher, Paradigma und Figur in jedem Fall weit über den Raum der mexikanischen Literatur hinaus bleiben. Das haben schon die vielfältigen und widersprüchlichen Anverwandlungen und Interpretationen des 20. Jahrhunderts deutlich gemacht, die der Band in mehrstimmiger Weise präsentiert. Einer postkolonialen und globalen Karriere der Malinche scheint zumindest aus Sicht der  Autor/-innen in der Lateinamerikaforschung in diesem Bande nichts im Wege zu stehen.

La Malinche bietet ein exzellentes Beispiel, vielleicht sogar das beste Beispiel überhaupt, für die Fragen der Beziehungen von Macht, Geschlecht und Interkulturalität zwischen Europa und Amerika, zwischen Eroberern und Eroberten, zwischen männlichen Eindringlingen und weiblichem Empfängerinnen. Hier kann sich die literarische, die künstlerische und die wissenschaftliche Einfallskraft entzünden. Im Rahmen der Positionierung von „gender“-Fragen in der postkolonialen Debatte verdient daher der Band über den Kreis der Hispanistik-Spezialisten hinaus Beachtung.

URN urn:nbn:de:0114-qn033180

PD Dr. Guido Müller

Historisches Institut der Universität Stuttgart.

E-Mail: guido.mueller@rwth-aachen.de

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