Gisela Bürki: Kinder- und Jugendliteratur – ein literarisches Schattendasein

Kinder- und Jugendliteratur – ein literarisches Schattendasein

Rezension von Gisela Bürki

Günter Lange (Hg.):

Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur.

Band 1: Grundlagen und Gattungen, Band 2: Medien und Sachbuch.

Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren 2000.

595 und 449 Seiten, ISBN 3–89676–344–X, € 50,30

Abstract: Das zweibändige Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur behandelt in 43 von verschiedenen Autorinnen und Autoren verfassten Beiträgen sowohl Begriffsbestimmung und Geschichte der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur als auch gattungstheoretische Fragen, Thematisches ausgewählte thematische Aspekte und verwandte Medien. Das Handbuch dürfte sich als ein Basiswerk der Kinder- und Jugendliteraturforschung herausstellen.

Einbettung in den literarischen Kanon

Die Kinder- und Jugendliteratur ist ein kulturgeschichtliches Zeugnis, Träger von Kindheitsbildern und Spiegel gesellschaftlicher Wirklichkeit. Sie ist nicht weniger vielfältig, kompliziert und unterschiedlich nach Form und Inhalt, Ideen und Wertvorstellungen, Herkunft und Entwicklung als die Erwachsenenliteratur. Ordnet man die Kinder- und Jugendliteratur ins System der Literatur ein, so führt sie aber eher ein Schattendasein, ähnlich der Trivialliteratur.

Oft wird die Kinder- und Jugendliteratur nicht als Bestandteil des literarischen Erbes betrachtet. Im Gegensatz zur Erwachsenenliteratur ist sie weniger national ausgerichtet, ihr Kanon umfasst Werke aus verschiedenen Nationen und Epochen, vor allem die anglo-amerikanische und die skandinavische Kinder- und Jugendliteratur haben eine große Tradition, aber auch Kinder- und Jugendliteratur aus anderen Kulturkreisen hat Eingang in den allgemeinen Kanon gefunden.

Übersichtliches Handbuch

Trotz dieser Benachteiligung ist Kinder- und Jugendliteratur in den vergangenen Jahrzehnten mehr und mehr Gegenstand des wissenschaftlichen Interesses geworden, doch fehlte bis vor kurzem ein aktuelles Grundlagenwerk dazu. Das Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur hat nun Abhilfe geschaffen. Es befasst sich nicht nur mit literarischen Werken, sondern geht auch auf andere Medien wie Kinder- und Jugendtheater, Kinderfunk und Hörspiele, Kinderfilm und -fernsehen ein. Insofern greift der Titel zu kurz. Lange hat sich zum Ziel gesetzt, möglichst viele Bereiche der Kinder- und Jugendliteraturforschung zu erfassen. Das Taschenbuch ist fast gleichzeitig mit einem anderen Grundlagenwerk, der Einführung in die Literatur für Kinderund Jugendliche von Hans-Heino Ewers[1], entstanden, setzt aber völlig andere Schwerpunkte. Während Ewers die Kinder- und Jugendliteratur als komplexes kulturelles Handlungs- und Symbolsystem betrachtet und den Untersuchungsgegenstand schrittweise, durch exakte Begriffsbestimmungen und stufenweise Entwicklung von Kategorien angeht, deckt Langes Werk ein breiteres Spektrum ab, und ist deshalb uneinheitlicher. Dass zahlreiche bekannte Expert/-innen der Kinder- und Jugendliteraturforschung daran mitgearbeitet haben (vgl. das Autor/-innenverzeichnis), garantiert zwar Vermittlung von fundiertem Fachwissen, ist dem Grundlagenwerk aber auch zum Nachteil geraten, ergeben sich doch dadurch Überschneidungen in der Konzeption. Auch scheinen die Kapiteleinteilungen oft mehr auf der Weiterführung kinderliterarischer Traditionen zu basieren als auf klar begründeten und definierten Abgrenzungen. Als Beispiel sei hier das Kapitel „Gattungen“ (Bd. 1) mit 17 Artikeln erwähnt, das der Herausgeber als Zentrum des Buches bezeichnet. Es behandelt Mädchenliteratur neben Comics oder realistische neben zeitgeschichtlicher Kinder- und Jugendliteratur.

Thematische Aspekte

Ähnliche Kritik ist auch zum Kapitel „Ausgewählte thematische Aspekte“ anzumerken. Dieser Schwerpunkt wurde nach Aussage des Herausgebers gewählt, da sich der thematische Zugriff auf Kinder- und Jugendliteratur für Schule, Hochschule und Forschung als produktiv erwiesen habe. Aber die Zusammenstellung der Themen scheint eher zufällig zu sein (Schule, Außenseitertum, Multikulturalität), auf die Tradition gewisser Motive und Stoffe und die vielfältigen Verflechtungen und Übereinstimmungen mit Erscheinungsweisen der Volksliteratur wird nicht eingegangen. Kinderliteratur entsteht ja aus bereits vorhandenen Stoffen, Motiven und Figurenkonstellationen. Geheimnis und Abenteuer, fantastische Freunde und Erzieher, die verkehrte Welt, Verwandlungen, der Tod und der Mythos von der Schöpferkraft des Kindes gehören dazu.

Weitere Inhalte

Weitere Kapitel sind poetologischen Aspekten gewidmet. Besonders lesenswert ist hier das Artikel von Wilhelm Steffens über moderne Erzählformen. Es folgen Aufsätze zum deutschsprachigen Kinder- und Jugendbuchmarkt, zu Mediennutzung und Medienverbund sowie zur Kinder- und Jugendliteratur als ein Medium literarischer Sozialisation. Dass Kinder- und Jugendliteratur nicht nur literaturwissenschaftlich, sondern immer auch didaktisch analysiert wird, ist ebenfalls eine Besonderheit, die sie von der Erwachsenenliteratur unterscheidet. Die pädagogische und literaturdidaktische Funktion für die literarische Bildung wird dabei betont.

Insgesamt wird das Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur seinem Anliegen, Kinder- und Jugendliteratur-Interessierte in übersichtlicher Form rasch und umfassend zu informieren, gerecht. Dank umfangreicher Sach- und Personenregister wird es zu einem wertvollen und praktischen Nachschlagewerk. Dass nach einem halben Jahr bereits eine zweite Auflage nötig wurde, spricht für das Werk.

Anmerkungen

[1]: Ewers, Hans-Heino: Literatur für Kinder und Jugendliche. Eine Einführung in grundlegende Aspekte des Handlungs- und Symbolsystems Kinder- und Jugendliteratur, mit einer Auswahlbibliographie Kinder- und Jugendliteraturwissenschaft. München: Fink 2000.

URN urn:nbn:de:0114-qn032125

Gisela Bürki, lic. phil.

Universität Basel

E-Mail: Gisela.Buerki@unibas.ch

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