Guido Müller: Mehr als 1500 Jahre homoerotische Literatur auf der Iberischen Halbinsel

Mehr als 1500 Jahre homoerotische Literatur auf der Iberischen Halbinsel

Rezension von Guido Müller

Werner Altmann, Cecilia Dreymüller, Arno Gimber (Hg.):

Dissidenten der Geschlechterordnung.

Schwule und lesbische Literatur auf der Iberischen Halbinsel.

Berlin: edition tranvía Walter Frey 2001.

260 Seiten, ISBN 3–925867–53–8, € 21,50

Abstract: Mit diesem Buch wird ein kaum bekanntes Kapitel der spanischen und portugiesischen Literaturgeschichte aufgeschlagen. Es macht die sozialen und kulturellen Veränderungen des Lebens von schwulen und lesbischen Menschen auf der iberischen Halbinsel im Spiegel der Literatur und durch lebendige Autor/-innenportraits deutlich. Dabei werden nicht nur die deutlichen positiven Veränderungen der letzten 30 Jahre thematisiert, sondern eine fesselnde historische Perspektive zahlreicher Facetten homoerotischer Literatur bis zurück in die andalusische Literatur des Mittelalters aufgezeigt.

In diesem Sammelband finden sich auf Initiative von Werner Altmann (Augsburg), Cecilia Dreymüller (Barcelona) und Arno Gimber (Madrid) 13 Autor/-innen zusammen, um Aspekte schwuler und lesbischer Literatur auf der iberischen Halbinsel seit dem Mittelalter in den unterschiedlichsten Facetten und auf eine beeindruckende, vielfältige Weise darzustellen. Die glückliche Idee zu diesem Projekt wurde 1997 auf dem 9. Siegener Kolloquium „Homosexualität und Literatur“ geboren, das Wolfgang Popp und Dirk Linck veranstalteten.

In Portugal und Spanien wurde gleichgeschlechtliche Liebe und Homosexualität seit dem Mittelalter bis zum Ende der Diktaturen in den 1970er Jahren unterdrückt, ausgegrenzt und verfolgt. Daher waren auch schwule und lesbische Themen in der Literatur lange Zeit kein Gegenstand der Beachtung und Erforschung.

Erst in den letzten dreißig Jahren veränderte sich die Lebenssituation der homosexuellen Frauen und Männer deutlich zum Positiven. Damit änderten sich nicht nur die sozialen und kulturellen Voraussetzungen für die literarische Darstellung und die Äußerungen von homosexuellen Autoren, sondern auch grundsätzlich für homoerotische Aspekte und Themen in der Literatur.

Der Kanon der portugiesischen, spanischen, katalanischen, galicischen und baskischen Literaturen kann nun auch in Hinblick auf diese Themen und Aspekte hinterfragt und ergänzt werden. Und dabei weisen die Überblicksartikel und Portraits eine Vielfalt und einen bisher kaum so wahrgenommenen literarischen Reichtum auf, der angesichts der von traditioneller Geschlechterordnung und katholisch-kirchlicher Prägung dominierten Selbstdarstellung und Außenwahrnehmung iberischer Literatur erstaunlich ist.

Noch immer – wie 1998 im Falle des spanischen Schriftstellers und Nobelpreisträgers Camilo José Cela anlässlich des 100. Geburtstages des schwulen Dichters Federico García Lorca – kommt es zu diffamierenden und schwulenfeindlichen Äußerungen. Aber, wie der spontane öffentliche Protest zeigt, auch zu Gegenbewegungen. Diesem bietet der Band Argumentationshilfen in der keineswegs schon beendeten Auseinandersetzung in den jetzt wieder konservativ regierten Ländern.

Bereits die ersten beiden Beiträge von Sven Limbeck für Portugal und Werner Altmann für Spanien machen deutlich, welche reichen Spuren gleichgeschlechtlicher Sexualität und Liebe es in den Literaturen auch unter katholischer und faschistischer Unterdrückung gab. Oft scheint gerade das beherrschende, auch gebrochene und hinterfragte Thema der Männlichkeit hier Möglichkeiten zu ein- oder mehrdeutigen Behandlungen gleichgeschlechtlicher Anziehung und Berührung zu liefern.

Unterdrückung, Versteck und Verdrängung – auch bei den Autoren (wie Garcia Lorca) selbst – schufen Sublimierungen und Camouflagen, die gerade in der Literatur trotz oder wegen der persönlich und sozial schwierigen Situation der Autoren sehr reizvolle Ergebnisse hervorbrachten.

Subversion und Dissidenz wurden so gerade auf der iberischen Halbinsel in langen Jahrhunderten ausgebildet, eingeübt und konnten bis heute fortwirkende Traditionen schaffen. Auch aufgrund der kulturellen Vielfalt, z.B. durch die arabisch-andalusischen und jüdischen, die außeriberischen und außereuropäischen Einflüsse, konnten homoerotische Bilder und Symbole in die Literatur und das Theater einfließen.

Welche Vielfalt homoerotische Themen in der spanischen Literatur hervorgebracht haben, macht exemplarisch Janett Reinstädler in ihrem Beitrag „Homosexualität: Schwul-lesbische Höhepunkte der erotischen Erzählliteratur in Spanien“ deutlich (S. 89–106). Der breite Reichtum wird besonders anschaulich in den einzelnen Autor/-innenportraits zum einen des portugiesischen Lyrikers Al Berto (Sven Limbeck) sowie zum anderen der aus unterschiedlichen Generationen kommmenden spanischen Autor/-innen: Juan García Larrando (Arno Gimber), Juan Goytisolon (Felice Balletta), Eduardo Mendicutti (Dieter Ingenschay), Luis Antonio de Villena (Horst Weich), Terenci Moix (Felice Balletta), des Katalanen Lluís Maria Todó (Cecilia Dreymüller) sowie der Ester Tusquets (Maria Cinta Montagut), der Cristina Peri Rossi (Rosemary Geisdorfer Feal), der Maria-Mercè Marcal (Cecilia Dreymüller) und der Mará Xosé Queizán (Ana Acuna / Carmen Mejía). Gerade die literarische Qualität und das breite Themenspektrum der jüngeren Lyriker und der populären Schriftsteller machen deutlich, dass in den letzten Jahren homoerotische Themen in der Literatur auf großes Interesse und auf Neugier auch beim Publikum und den Leser/-innen auf der iberischen Halbinsel stoßen.

Alle Beiträge sind ohne Fußnoten, aber mit reichen bibliographischen Anhängen versehen. Außerdem gibt es am Ende des Bandes eine Bibliographie mit Sekundärliteratur zum Thema. Dass eigene Beiträge zum Thema Film fehlen, bedauern die Herausgeber/-innen selbst. Der Band räumt Vorurteile gegenüber eine Literaturlandschaft beiseite, die von außen immer noch stark vom Stereotyp des Machismo und von starken Kontrasten bestimmt ist – während dieser Band die Vielfältigkeit am Beispiel homoerotischer Themen, Motive und Autor/-innen deutlich vor Augen führt. Das Buch verdient Beachtung über den Kreis der Romanistik, der Hispanistik und Lusitanistik hinaus– insbesondere bei den Kultur- und Genderwissenschaftler/-innen.

URN urn:nbn:de:0114-qn032082

Privatdozent Dr. Guido Müller

Historisches Institut der Universität Stuttgart

E-Mail: Guido.mueller@rwth-aachen.de

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