Eine historische Ontologie des Ungeborenen

Rezension von Eva Sänger

Caroline Arni:

Pränatale Zeiten.

Das Ungeborene und die Humanwissenschaften (1800-1950).

Basel, Berlin: Schwabe Verlag 2018.

307 Seiten, ISBN 978-3-7574-0003-3, € 28,00

Abstract: Die Basler Historikerin Caroline Arni legt eine inspirierende und materialreiche Studie dazu vor, wie die Wissenschaften vom Menschen im 19. Jahrhundert das Ungeborene als Wissensgegenstand erschlossen. Sie arbeitet die Beiträge der Fötalphysiologie, Embryologie, Psychiatrie, Psychologie und Psychoanalyse heraus und rekonstruiert, welchen historischen Konjunkturen die Vorstellung eines mütterlichen Einflusses auf die Entwicklung des Ungeborenen unterlag. Überzeugend zeigt sie auf, wie das Konzept der biologischen Entwicklung unlösbare Fragen danach aufwarf, was ein menschliches Subjekt ausmacht. Die höchst lesenswerte wissenschaftshistorische Studie bietet auch für die geschlechtertheoretische Erforschung von Schwangerschaft und Geburt in der Gegenwart eine Vielzahl von Anregungen.

Schwangerschaft und Geburt sind in den letzten Jahren wieder verstärkt in den Fokus der soziologischen und kulturwissenschaftlichen Geschlechterforschung gerückt. Seit den 1970er Jahren wird zum einen die Medikalisierung und Ökonomisierung von Schwangerschaft und Geburt kritisiert (Duden 2007) – eine Kritik, die auch von aktuellen Studien aufgenommen wird (z.B. Jung 2017) – und zum anderen die Personalisierung und Ikonisierung des Fötus, weil das zu einer Auslöschung des schwangeren Körpers und zur Einschränkung reproduktiver Rechte und der Selbstbestimmung von Frauen führe (in historischer Perspektive Dubow 2010; zusammenfassend Samerski 2016). Schwangerschaft und Geburt erhalten nach dem Standardwerk von Eva Labouvie (1998) auch von historischer Seite jüngst wieder Aufmerksamkeit (Löwy 2017, Malich 2017) und rücken ebenso als alltagskulturelles und mediales Phänomen in den Vordergrund (Hirschauer et al. 2014, Schadler 2013, Villa et al. 2011). Auf die ontologische Unbestimmtheit des Ungeborenen, sei es als Embryo, Fötus oder erwartetes Kind, weisen die Wissenschaftshistorikerin Barbara Orland (2008) und die Kulturwissenschaftlerin Deborah Lupton (2013) hin. In den meisten dieser Studien erscheint es als selbstverständlich, dass die Rede vom Pränatalen auf die Zeit vor der Geburt bezogen ist. Es ist daher das Verdienst der Historikerin Caroline Arni, die kontingenten Voraussetzungen des Verständnisses eines vorgeburtlichen Bereichs als eines zeitlich verfassten aufzuzeigen und zu einer Entselbstverständlichung der biologischen Vorstellung von Ungeborenen als Embryo oder Fötus beizutragen.

In ihrer wissenschaftshistorischen Studie widmet sich Arni Beiträgen aus Physiologie, Psychologie, Vererbungslehre, Psychoanalyse, Embryologie und Entwicklungsbiologie sowie populären Thematisierungsweisen davon, wie sich die Empfindungen der Schwangeren auf das Ungeborene auswirken. Hierbei beschäftigt sie sich mit dem Zeitraum vom ausgehenden 18. Jahrhundert bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts. Im Fokus stehen französische Quellen und deren Rezeption in der deutschen und englischen wissenschaftlichen Literatur. Insgesamt baut die Arbeit auf einem „transnationalen Quellenkorpus“ (S. 26) auf.

Das Pränatale als epistemischer Raum

Das Buch ist in vier Kapitel unterteilt. Im Kapitel „Anfang“ (S. 13-48) verortet Arni das Anliegen ihrer Studie im wissenschaftshistorischen Forschungsstand und legt ihre methodologischen Grundlagen dar. Ausgangspunkt ihrer Untersuchung ist der historische Wandel von einer im 16. und 17. Jahrhundert vorherrschenden topologischen Vorstellung des Ungeborenen als inwendiges Kind – ein „eingeschlossener Anfang“ (S. 45) – zu einem Verständnis von ihm als einer sich entwickelnden biologischen Entität. Ihr Vorhaben zielt darauf ab, herauszuarbeiten, wie die experimentelle Forschungspraxis einen neuen „epistemischen Raum“ (S. 22) eröffnete und auf welche Weise diese Praxis einen Modus dargestellt habe, fötales Leben auf neuartige Weise zu denken. Der Autorin geht es darum, die wissenschaftliche Wissensproduktion über das Ungeborene als durch die dingliche Praxis verfasst zu erforschen, d. h. epistemologische und ontologische Fragen nicht als getrennt zu behandeln. Entsprechend bezeichnet sie ihre methodologische Ausrichtung als „historische Ontologie“ (S. 46). Sie grenzt sich damit von einer wissenschaftstheoretischen Position ab, die von einer Zunahme positiven Wissens im Laufe der Jahrhunderte ausgeht. So zeichnet sie auch nicht chronologisch die Zunahme von wissenschaftlichem Wissen über das Ungeborene nach. Sie folgt vielmehr der Art und Weise, wie das Pränatale als ein Zeitbegriff in einer Vielzahl wissenschaftlicher Disziplinen relevant wurde. An der Wissenschaftsgeschichtsschreibung bemängelt Arni, dass diese die Geschichte des fötalen Lebens als „embryologiehistorisches Kapitel der Geschichte der Lebenswissenschaften überlassen“ (S. 47) hat. Demgegenüber ist es ihr Anspruch, die naturwissenschaftliche Erforschung fötalen Lebens als Moment einer Geschichte der humanwissenschaftlichen Erforschung des Menschen nachzuzeichnen, mithin die Konturen einer Wissensformation herauszuarbeiten, die Human- und Lebenswissenschaften miteinander verbindet.

Als „roter Faden“ (S. 18) ihres Buches dient Arni eine medizinhistorische Episode: Charles Feré, ein einflussreicher Psychiater dieser Zeit, führte die Verhaltensauffälligkeiten eines von ihm behandelten Mädchens auf die emotionale Erschütterung der Mutter während der Zeugung zum Zeitpunkt des Aufstandes der Pariser Kommune zurück (in der öffentlichen Diskussion dieser Zeit wurden diese Kämpfe als Schreckensjahre von 1871 bezeichnet). Psychiater und Neurologen richteten in den 1880er Jahren ihre Aufmerksamkeit nunmehr auf komplette Jahrgänge dieser Kinder. Arni nimmt dieses Ereignis zum Anlass, um darauf hinzuweisen, dass hier ein historisch neuartiger Zusammenhang zwischen einem politischen Ereignis und kindlicher Auffälligkeit hergestellt worden war. Anhand der damals aufgeworfenen Frage, welcher Einfluss bereits vorgeburtlich wirkt und wie sich dieser Einfluss dann in den Nachkommen zeigt, werde deutlich, dass das politische Ereignis „als pathologischer Effekt eines vorgeburtlichen Geschehens [gesehen wird], das in fötales Leben eingegriffen hatte“ (S. 15). Genau diese Frage möchte Arni als historisch spezifisch ausweisen, was ihr in den folgenden Kapiteln höchst überzeugend gelingt.

Zur Frage der Lebendigkeit

Im Kapitel „Lebewesen“ (S. 49-119) befasst sich Arni mit der physiologischen Erkundung des Ungeborenen als eines lebendigen Wesens. Sie zeichnet nach, wie sich die Fötalphysiologie in dem Versuch, sich gegenüber der Anatomie zu behaupten, als eigenständige Disziplin formierte. Das Ungeborene wurde als eigenständiger Organismus beschrieben, so dass die Vorstellung einer organischen Individualität an Kontur gewann: Die Frage war, wie der Fötus im Unterschied zur Pflanze und zum Geborenen lebt. Dass die Fötalphysiologie diese Fragen experimentell bearbeitete, schildert Arni anschaulich an den Versuchen des Mediziners bzw. Physiologen Johannes Müller am lebenden Tierfötus. Dadurch, dass es ihm und anderen Forschern mit ihren Experimenten auch um die Empfindungsfähigkeit ging, stand die psychologisch gerahmte Frage nach der Innerlichkeit im Raum. Wenngleich sich also die Fötalphysiologie als Wissenschaft vom Leben profilierte, war sie Arni zufolge zugleich auch Wissenschaft vom Menschen: „Fötalleben hieß Genese von Funktionen, und Genese von Funktionen hieß Entwicklungsleben“ (S. 77) – hiermit wurde fötales Leben als lebensgeschichtliche Epoche konfiguriert.

Die physiologische Individualität des Ungeborenen wurde – wie Arni anhand weiterer Forschungspraktiken zeigt – flankiert von der Neugier dafür, durch was sich der Fötus ernährt und wie diese Nahrung zu ihm gelangt. Hierbei richteten sich die Erkundungen und Experimente auf die Beziehung zwischen Ungeborenem und Schwangerenkörper. Mit der Frage, inwieweit die Blutkreisläufe verbunden oder getrennt sind, geriet der Schwangerenkörper als Milieu des Fötus in die Aufmerksamkeit. Allerdings stellte, wie Arni zeigen kann, die Forschung an Ungeborenen die Forschungspraxis vor besondere Herausforderungen: Die Unverfügbarkeit des menschlichen Ungeborenen machte Ersatztechniken notwendig, wie das Tasten und Abhören des Bauches der Schwangeren sowie Tierexperimente. Dass sich dem Forschungsobjekt nicht ausreichend angenähert werden konnte, zeigt jedoch, so ein zentrales Argument Arnis, wie sehr die Bedingungen der Entwicklung fötalen Lebens in der Beziehung zum mütterlichen Organismus liegen.

Zuletzt thematisiert Arni in diesem Kapitel vor allem mit Bezug auf die experimentellen Forschungen des oben genannten Psychiaters Féré zu Krankheitsgenealogien, wie nunmehr im Lichte der Vorstellung einer maternal-fötalen Beziehung die Idee eines Einflusses als Schädigung von Entwicklung geformt wurde. Die Vorstellung, dass das maternale Milieu eine pathogene Entwicklung verursachen kann, löste die Vorstellung eines gemeinsamen Krankseins von Mutter und Kind ab.

Zur Frage der Innerlichkeit

Das dritte Kapitel „Seelenleben“ (S. 121-186) nimmt die psychologische Erkundung des Ungeborenen in den Blick. Arni zeigt auf, wie die alte Imaginationslehre, die besagte, dass das, was eine schwangere Frau während heftiger Gefühlseindrücke sieht, sich in der Gestalt des geborenen Kindes widerspiegelt oder abdrückt, eine Akzentverschiebung erfuhr. Diese Lehre wurde in die pathologischen, physiologischen und psychologischen Forschungsfragen aufgenommen, und in der Medizin und Fötalphysiologie bahnte sich eine „gefühlstheoretische Wendung der Imaginationslehre“ (S. 130) an. Die Imaginationslehre fungierte „an der Schwelle vom 19. Jahrhundert zum 20. Jahrhundert als Vehikel für die These vom psychischen Einfluss“ (S. 141). Mit der physiologischen Konzeption zweier in Verbindung stehender Organismen ging man davon aus, dass Gefühle der Schwangeren Einfluss auf die fötale Entwicklung hatten. Eine Veränderung am Ungeborenen wurde jetzt nicht nur als Abdruck, sondern als Entwicklungsstörung gesehen. Darüber hinaus zeigt Arni, welche wissenschaftlichen Kontroversen sich entlang der Frage entzündeten, ob und in welchem Ausmaß der Fötus über Empfindungsfähigkeit verfügt, wie sich solche Sinneswahrnehmungen auf die Entwicklung auswirken und ob der Fötus überhaupt zum Gegenstandsbereich der Psychologie gehört. Der Jenaer Mediziner und Physiologe Wilhelm Preyer bejahte diese letzte Frage indirekt und baute mit seinen 1882/83 erschienenen Werken Seele des Kindes und Specielle Physiologie des Embryo auf einer „gegenständlichen Einheit“ (S. 152) von Fötalphysiologie und Kinderpsychologie auf. Die Kontinuität über die Geburt hinweg bestand darin, dass Preyer den Fokus auf die Sinneserfahrung richtete, welche Physiologisches und Psychisches umfasste.

Besondere Aufmerksamkeit richtete sich zudem auf das Neugeborene als ein „Ebengeboren[es]“ (S. 154). Es wurde zum Objekt von Untersuchungen – wie beispielsweise bei dem Grazer Nervenarzt Silvio Canestrini. Dieser präsentierte in seiner 1913 veröffentlichten Studie die Ergebnisse von Versuchsanordnungen, in denen er elektromagnetisch gemessene Reaktionen Neugeborener auf äußerliche Reize maß. Allerdings war das Neugeborene zu sehr ein „liminales Objekt“ (S. 159), um endgültig die Frage zu beantworten, ob Fötalphysiologie und Kinderpsychologie zusammengehörten. Auch die Psychoanalyse diskutierte die Frage nach dem vorgeburtlichen Psychischen ohne Ergebnis. Prominente Vertreter wie Sigmund Freud und Otto Rank stritten sich darüber, ob die Geburt einen Urangsteffekt hat und eine Trennungserfahrung darstellt. Freud beendete diesen Streit durch ein Machtwort. Er sah in der fötalen Situation nur eine Versorgungssituation ohne psychischen Gehalt und konnte hierdurch an dem Ödipuskomplex als Ausgangspunkt des Psychischen festhalten. Arni interpretiert diesen Ausgang der Kontroverse als „Symptom dafür, dass sich die Frage, ob das Ungeborene in die Psychologie gehöre, nicht abschließen ließ“ (S. 168).

Der Zusammenhang zwischen fötalem und maternalem Organismus wurde mit der Erforschung der Regulation körperlicher Prozesse durch Botenstoffe neuartig artikuliert. Dieser wurde jetzt chemisch als ein „feinstoffliches Regelwerk wechselseitig reaktiver Absonderung und Zirkulation“ (S. 174) gedacht. Den Hormonen kam Arni zufolge der Status eines „missing link“ (S. 175) zu, nun konnte der Einfluss des mütterlich Mentalen als durch Botenstoffe materialisiert gesehen werden. Die Autorin legt dar, wie auf Grundlage dieses Wissens über die chemische Korrelation der US-amerikanische Arzt Lester Warren Sontag Mitte des 20. Jahrhunderts Kriegserfahrungen Schwangerer als „natürliches Experiment in Sachen vorgeburtlicher Gefährdung“ (S. 176) betrachtete – mithin einen Faden Férés und seiner Untersuchungen zu den Kindern des Schreckensjahres 1871 weiterspann. Die durch kriegerische Handlungen geprägte Umwelt der Schwangeren werde, vermittelt durch deren Hormone, zur pränatalen Belastung des Fötus und führe zur Neurosenbildung. Sontag leitete auch die „Fels Longitudinal Study“, eine Verlaufsuntersuchung an großen Gruppen von Kindern, die an der Schnittstelle von Kinderheilkunde, Entwicklungspsychologie und Verhaltenswissenschaften angesiedelt war. Arni zeigt sich überzeugt, dass mittels Forschungsprojekte dieser Art dem mit dem Konzept des Pränatalen umschriebenen fötalen Leben ein „systematische[r] Platz in den Humanwissenschaften“ (S. 181) eingeräumt wurde. Sie sieht in diesen fächerübergreifenden Längsschnittuntersuchungen genau das Kontinuum von Entwicklung am Werk, welches im „19. Jahrhundert Vorgeburtliches mit Nachgeburtlichem und Ontogenese mit Psychogenese verschränkt hatte. All das war nun eine bio-psycho-soziale Entwicklung geworden, die ihren Ausgang im Pränatalen nimmt“ (ebd.).

Politik des Pränatalen und die Multimodalität des Wissens vom Ungeborenen

Im „Schluss“ (S. 187-215) behandelt die Autorin, wie sich die Entwicklungszeit des Ungeborenen mit der Zeit der Gesellschaft verschränkte. Die Belagerung von 1871 wurde als ein kollektiver Ereigniszusammenhang aufgefasst. In der öffentlichen Diskussion im Jahr 1885 über die Kinder des Schreckensjahres von Paris fielen die nationale Erinnerungspolitik und die wissenschaftliche Beschäftigung mit diesen Kindern zusammen. Relevant wurde zudem das Konzept der Generation, denn nicht nur eine spezifische lebende Generation sei durch die Schrecken geprägt worden, sondern auch die generative Kontinuität wurde als gefährdet angesehen: „Die Diagnose einer ereignisbedingt angeborenen Degeneration provozierte das Bild einer stets ab utero bedrohten Nation“ (S. 202). Aus dieser Verflochtenheit von gesellschaftlicher Zeit und vorgeburtlicher Entwicklungszeit resultierte, wie Arni feststellt, eine „Politik des Pränatalen“ (S. 203). So verknüpfte bereits in den frühen 1820er Jahren Etienne Geoffroy Saint Hilary, Naturforscher und einer der Begründer der Teratologie, der Lehre von den Missbildungen, „lebenswissenschaftliche Erkundung mit statistischer Rationalität“ (S. 204), als er in demographischem Datenmaterial nach dem Zusammenhang von kindlicher Entwicklungsanomalie und lediger Mutterschaft suchte. Dabei fügte Saint Hilary einen „entwicklungsphysiologischen Vorgang in das Leben der Bevölkerung ein: Die Frage nach den Ursachen kindlicher Anomalien verschränkte sich mit der Frage nach der Zurechnung von Ursachen zu Populationen und deren Verhältnis zur Gesamtheit der Bevölkerung“ (S. 204 f.).

Arni kontextualisiert auch eine für die Geschlechterforschung zentrale Aussage von Michel Foucault, dass nämlich Schwangerschaft und Geburt durch die staatliche Gesundheitsvorsorge zum Angriffspunkt der „demografischen Manöver“ (S. 205) des Staates und zum Terrain der Biopolitik wurden. Sie weist darauf hin, dass zwar bereits 1803 z.B. Jacques A. Millot, ein Geburtshelfer, in seinem Ratgeber zur „Zeugungskunst“ (S. 205) Aufrufe an die Schwangeren richtete, sich auf eine dem Ungeborenen zuträgliche Weise zu verhalten, wobei er das Wohl des Vaterlandes beschwor. Jedoch artikulierten erst ein halbes Jahrhundert später Frauenärzt_innen und Geburtshelfer_innen Appelle, die auf einer spezifischen Fassung des Pränatalen beruhen. Arni hält mit Blick auf den bekannten Geburtshelfer Adolphe Pinard fest, dass dieser mit seinen Studien exakt auf den fötalphysiologischen und -phathologischen Forschungen aufbaute und Schwangerschaft als „ein für pathogene Einflüsse anfälliges Entwicklungsgeschehen [verfasste], das zugleich generativer Zusammenhang ist“ (S. 207).

Abschließend diskutiert die Autorin, welchen Status das im experimentellen Tun erzeugte fötale Wissen im Unterschied zu anderen Wissensformen aufwies, wie beispielsweise dem Wissen der Schwangeren, der Mütter, Ammen und Säuglingspflegerinnen. Wenngleich das Wissen über Ungeborene Arni zufolge zwar „multimodal“ (S. 46) ist, also objektivierende wie auf konkreten Fürsorgebeziehungen beruhende Wahrnehmungsweisen beinhaltet, zeichnet sich die wissenschaftliche Forschungspraxis dadurch aus, „dass im Gewinnen von Wissen über das fötale Leben eine Entität verfasst wurde, die seither auf spezifische Weise in der Welt existiert“ (S. 46) und die in einer Machtbeziehung zu anderen Wissensformen steht. Das Ausgangsproblem der Wissenschaftler_innen war die Unverfügbarkeit der Un- und Neugeborenen, die unter Fürsorge standen. Das Wissen jedoch, das Mütter und andere Pflegepersonen hatten, war aus dem Bereich des Wahren oder Falschen autoritativ ausgegrenzt. Es galt als unzuverlässig, da dieses Wissen aus der konkreten Fürsorgebeziehung resultierte und das un/geborene Kind hier nur in seiner Spezifität wahrgenommen wurde.

Anregungen für die Geschlechterforschung und Feminist Science and Technology Studies

Für die queer-feministische, kulturwissenschaftliche, anthropologische und soziologische Geschlechterforschung zu Schwangerschaft, Geburt und Elternschaft ebenso wie für die Feminist Science and Technology Studies liefert die wissenschaftshistorische Studie von Caroline Arni wertvolle Erkenntnisse. Sie arbeitet grundlegende Konfigurationen zeitgenössischer Diskurse und Praktiken rund um Schwangerschaft, Geburt und das Ungeborene heraus. Entgegen der Vorstellung, dass mit der Moderne ein tiefer Einschnitt einhergeht, der in der scharfen Grenze zwischen der Figur des inwendig geborgenen kommenden Kindes und einem biologisch konfigurierten Ungeborenen als Embryo/Fötus liegt, zeigt die Autorin, dass es Kontinuitäten gibt und dass etwa die alte Imaginationslehre, indem sie mit Forschung zu Hormonen und dem Wissen über genetische Vererbung verknüpft wurde, nur Akzentverschiebungen erfuhr.

Eine weitere zentrale Einsicht liegt in der „paradoxe[n] Ausgangslage“ (S. 41), die mit dem Wandel vom ‚eingeschlossenen Anfang des kommenden Kindes‘ zur ‚Entwicklung von Embryo/Fötus‘ entsteht. Die paradoxe Lage besteht darin, dass das biologische Konzept der Entwicklung unbeantwortbare Fragen aufwarf. Die Frage nach der Innerlichkeit oder dem Psychischen – als Kriterium, mit dem Menschen von anderen Säugetieren unterschieden und als Subjekte differenziert werden – wurde von der Physiologie gestellt und war mit der Formierung der Psychologie konstitutiv verknüpft. Die mit dem Entwicklungswissen aufgekommene Frage, wie aus einem lebendigen Organismus ein Subjekt wird, war von Anfang an umstritten und konnte konstitutiv nicht beantwortet werden. Die heutigen bioethischen Debatten um den Status des Embryo bzw. Fötus und der politische Kampf um reproduktive Selbstbestimmung lassen sich als virulente Symptome dieser paradoxen Ausgangslage bestimmen. Diese unzähligen Debatten kulminieren in der heute genauso wenig wie damals zu beantwortenden Frage, wann menschliches Leben beginnt. Gerade die auf die zeitliche Dimension abzielende Fragerichtung arbeitet Arni in ihrer Studie als hochgradig kontingent heraus.

Wie das Konzept der Entwicklung und das Pränatale als ein Zeitbegriff zugleich Human- und Lebenswissenschaften gegenstandsbezogen verschränkt, ist ein weiteres wichtiges Ergebnis. Analog zur historisch-genealogischen Studie von Claudia Honegger (1996) trägt Caroline Arni zentral zu einer geschlechtertheoretisch akzentuierten „Geschichte der Gegenwart“ (Foucault 1976, S. 43) bei. Honegger zeigte auf, wie sich die Wissenschaften vom Menschen in der Moderne auffächern und hierbei der Mann als Mensch zum Wissensobjekt der sich ausdifferenzierenden Humanwissenschaften wird. Zugleich schreiben Physiologie, Anatomie und Embryologie eine hierarchische Differenz der Geschlechter als körperbasiert und naturhaft fest, und die Frau wird als natürliches Geschlechtswesen zum Gegenstand der Lebenswissenschaften. Die Studie von Arni ist nun nicht auf die Differenz der Geschlechter bezogen, sondern auf das Verhältnis von Schwangerer/Mutter und Ungeborenem und darauf, wie dieses Verhältnis körperlich verfasst ist. Mit dem Konzept der Entwicklung wird eine die Geburt überdauernde Kontinuität gestiftet und damit Vorher und Nachher zugleich getrennt und verbunden. Die Einsicht, dass die Vorstellung von fötalem Leben als ein sich entwickelnder Organismus zwar eine die Geburt überdauernde Kontinuität stiftet, mitnichten jedoch die Geburt als Schwelle aufhebt, ist als Ausgangspunkt für aktuelle Forschungen zu Schwangerschaft und Elternschaft wertvoll. Die Geburt als eine „doppelsinnige Schwelle-Nichtschwelle“ (S. 45) zu sehen, stellt eine wertvolle analytische Perspektive gerade auf queere Formen von Elternschaft und auf die vielfältigen Praktiken der Nutzung von Reproduktionstechnologien dar, die auf den ersten Blick die Bedeutung der Geburt als entscheidende Schwelle zur Elternschaft verringern. Ein doppelsinniges Verständnis von Geburt als Schwelle bzw. Nichtschwelle ermöglicht gegenüber der These von der Bedeutungsminderung der Geburt die Analyse dessen, wie die Geburt die körperlichen, rechtlichen und emotionalen Verbindungen von familial aufeinander bezogenen Menschen neu justiert und welche Vorstellungen von Sexualität und Geschlecht damit verbunden sind. Zugleich zielt ein solches Verständnis darauf ab, die geburtsübergreifenden Kontinuitäten in den körperlichen, rechtlichen und genetischen Beziehungen der Familienmitglieder aufzuzeigen.

Arnis Studie weist auch einen Weg für eine medikalisierungs- und reproduktionstechnologiekritische Perspektive, die Natur nicht als die Gegenseite von Wissenschaft und Technik versteht. Die Autorin macht deutlich, dass das im 19. Jahrhundert experimentell gewonnene wissenschaftliche Wissen andere Wissensformen zwar nicht vollständig verdrängt, sie aber als unzuverlässig ausweist. Ihre Perspektive auf die Multimodalität und Machtförmigkeit der Wissensformen vom Ungeborenen regt dazu an, den praktischen Kenntnissen über Ungeborene und den Fürsorgebeziehungen ebenso nachzuspüren wie den vielfältigen Weisen, in denen Ungeborene als epistemische Entitäten in der Welt sind. Eine solche Einsicht in die Multimodalität von Wissensformen kann mit machtanalytischen Fragen nach der Politik des Pränatalen bzw. der biopolitischen Regierung von Geschlecht, Sexualität und Schwangerschaft verknüpft werden.

Einen Kritikpunkt merkt Arni selbst an: Der Preis für den umfassenden transnationalen Quellenkorpus war die Vernachlässigung der institutionellen Kontexte. Interessant wäre es auch gewesen, historische Regulierungsweisen Schwangerer und Mütter systematisch mit den wissenschaftlichen Erkundungen in Verbindung zu setzen. Anzunehmen ist allerdings, dass dies zu Lasten der Komplexität des Buches gegangen wäre – es könnte aber eine Aufgabe für weitere historische Ontologien sein. Der Band stellt für nicht mit den wissenschaftshistorischen Diskursen vertraute Leser_innen eine anspruchsvolle Lektüre dar. Belohnt werden sie aber nicht nur durch die Einsichten, die die Studie bietet, sondern auch durch die begrifflich präzise und gefällige Sprache. Über die Wissenschaftsgeschichte hinaus wünsche ich dem ertragreichen, inspirierenden und im produktiven Sinne selbst Fragen generierenden Buch von Caroline Arni daher eine Vielzahl von Leser_innen.

Literatur

Dubow, Sara. (2010). Ourselves Unborn: A History of the Fetus in Modern America. Cary: Oxford University Press.

Duden, Barbara. (2007). Der Frauenleib als öffentlicher Ort. Vom Mißbrauch des Begriffs Leben. Mit einem Vorwort zur Neuauflage. Frankfurt am Main: Mabuse.

Foucault, Michel. (1976). Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Hirschauer, Stefan/Heimerl, Birgit/Hoffmann, Anika/Hofmann, Peter. (2014). Soziologie der Schwangerschaft. Explorationen pränataler Sozialität. Stuttgart: Lucius & Lucius.

Honegger, Claudia. (1996). Die Ordnung der Geschlechter. Die Wissenschaften vom Menschen und das Weib 1750-1850. Frankfurt am Main: Dtv.

Jung, Tina. (2017). Die „gute Geburt“ – Ergebnis richtiger Entscheidungen? Zur Kritik des gegenwärtigen Selbstbestimmungsdiskurses vor dem Hintergrund der Ökonomisierung des Geburtshilfesystems. (S. 30–45). Gender. Zeitschrift für Geschlecht, Kultur und Gesellschaft, 2.

Labouvie, Eva. (1998). Andere Umstände. Eine Kulturgeschichte der Geburt. Köln, Weimar, Wien: Böhlau.

Löwy, Ilana. (2017). Imperfect Pregnancies: a history of birth defects and prenatal diagnosis. Baltimore: John Hopkins University Press.

Lupton, Deborah. (2013). The social worlds of the Unborn. New York: Palgrave Macmillan.

Malich, Lisa. (2017). Die Gefühle der Schwangeren. Eine Geschichte somatischer Emotionalität (1780-2010). Bielefeld: transcript.

Orland, Barbara. (2008). Labor-Reproduktion. Die Identität des Embryos zwischen Natur, Technik und Politik. In Nicolas Pethes/Silke Schicktanz (Hg.). Sexualität als Experiment. Identität, Lust und Reproduktion zwischen Science und Fiction. (S. 311–328). Frankfurt am Main, New York: Campus.

Samerski, Silja. (2016). Pregnancy, Personhood, and the making of the fetus. In Lisa Disch/Mary Hawkes Worth (Hg.). The Oxford Handbook of Feminist Theory. (S. 699–720). Oxford: Oxford University Press.

Schadler, Cornelia. (2013). Vater, Mutter, Kind werden. Eine posthumanistische Ethnographie der Schwangerschaft. Bielefeld: transcript.

Villa, Paula-Irene/Moebius, Stephan/Thiessen, Barbara. (2011). Soziologie der Geburt. Diskurse, Praktiken und Perspektiven. Frankfurt am Main, New York: Campus.

Dr. habil. Eva Sänger

Goethe-Universität Frankfurt

Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Fachbereich Gesellschaftswissenschaften, Soziologie mit dem Schwerpunkt Biotechnologie, Natur und Gesellschaft

Homepage: http://www.gesellschaftswissenschaften.uni-frankfurt.de/institut_3/tlemke/team/wimi/saenger/index.html

E-Mail: saenger@soz.uni-frankfurt.de

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