Keine Angst vor Judith Butler

Rezension von Anne Rauber

René Lépine, Ansgar Lorenz:

Judith Butler.

Philosophie für Einsteiger.

Paderborn: Wilhelm Fink Verlag 2018.

120 Seiten, ISBN: 978-3-7705-6256-5, € 19,90

Abstract: In dieser Einführung wird das Denken Judith Butlers systematisch erläutert und mithilfe von Illustrationen veranschaulicht. Dadurch handelt es sich bei diesem Band um eine abwechslungsreiche Lektüre, deren Alleinstellungsmerkmal das gelungene Zusammenspiel aus theorienahem Text und detaillierten Illustrationen ist, die so manches Mal auch auf eine humoristische Art und Weise komplexe Sachverhalte verständlich machen.

In der Reihe „Philosophie für Einsteiger“ des Wilhelm Fink Verlags ist neben den bereits veröffentlichten illustrierten Einführungen zu Karl Marx, Michel Foucault, Hannah Arendt u. a. nun auch ein Band über das Werk Judith Butlers erschienen. Judith Butler gilt als eine der wichtigsten Philosophinnen der Gegenwart, deren Einfluss mittlerweile weit über die Gender und Queer Studies hinausgeht. Die Theorien der Philosophin sind komplex und mitunter schwierig zu verstehen – sowohl für Einsteiger_innen als auch für Fortgeschrittene verschiedenster Disziplinen. Die eingangs formulierte Ermutigung „Keine Angst vor Judith Butler“ (S. 4) wird in dieser Einführung ernst genommen. Der Band, geschrieben von René Lépine, illustriert von Ansgar Lorenz, richtet sich demnach an Philosophie-Interessierte, Studierende sowie an Lehrende mit unterschiedlichen Vorkenntnissen. Er beinhaltet darüber hinaus ein ausführliches Glossar.

Eine mehrdimensionale Collage

Zu Beginn der Einführung werden Butlers Schriften als mehrdimensionale Collage bezeichnet, und in diesem Sinne ist auch das Buch gestaltet – dem Rechnung tragend, dass für das Verständnis von Butler eine Kenntnis der gesellschaftlichen Kontroversen hilfreich ist. Der strukturelle Aufbau der Einführung wird dem fließenden Ineinandergreifen von gesellschaftlicher sowie politischer Praxis und Theoriebildung gerecht. Auf eine kapitelbezogene Unterteilung wurde verzichtet. M. E. lassen sich aber vier Themenblöcke nennen, die die Gliederung des Buches wiedergeben. Anfangend bei biographischen Skizzen und einer geschichtlichen Einbettung der Anfänge von Butlers Schaffen (vgl. S. 4 f.), werden im zweiten Schritt die Bausteine ihres Denkens thematisiert (vgl. S. 13 f.). Butler ist teilweise schwierig zu verstehen, wenn die Bezüge zu anderen Theoretiker_innen nicht bekannt sind. Dem Autor gelingt es, dieser Komplexität gerecht zu werden, indem er die Schriften Butlers nicht einfach chronologisch vorstellt, sondern sie innerhalb ihrer theoretischen Bezüge zu beispielsweise Ferdinand de Saussure, Michel Foucault oder Louis Althusser erläutert. Im dritten Teil der Einführung setzt sich Lépine mit den Kontroversen hinsichtlich des ‚Skandals‘ beim Berliner Christopher Street Day 2010 sowie mit dem Adorno-Preis auseinander und verdeutlicht, warum Judith Butlers Aussagen polarisieren (vgl. S. 71 f.). Der Autor geht eher deskriptiv vor und weist darauf hin, dass die Komplexität dieses Falls in einer Einführung wie dieser keine adäquate Rezeption erwarten kann. Genau das setzt er auch um, indem er zwar die Kritik an Butler zu Wort kommen lässt und differenziert und vermittelnd die verschiedenen Sichtweisen aufzeigt, jedoch selbst keine klare Stellung dazu bezieht (vgl. S. 75). Der vierte Teil der Einführung greift abschließend Butlers jüngere Werke, insbesondere ihre Überlegungen zur ungleichen Verteilung von Sichtbarkeit und Trauer hinsichtlich des Themenfeldes ‚anti-muslimischer Rassismus‘ nach dem 11. September auf (vgl. S. 76 f.).

Die Bausteine Butlerʼschen Denkens

Insbesondere der zweite Teil der Einführung ist m. E. besonders gelungen und für ein tiefergehendes Verständnis von Judith Butler sehr hilfreich. So wird beispielsweise nicht nur ihr wohl bekanntestes Buch Das Unbehagen der Geschlechter (1991) vorgestellt und erläutert, sondern dem vorausgehend die Verbindung aus Sprachphilosophie und Machtanalysen ausführlich erklärt. Im Rekurs auf die Diskursanalyse Foucaults sowie die Performativitätstheorie Austins wird aufgezeigt und entwickelt, dass Butler beide Ansätze miteinander verbindet und dadurch darlegt, dass die vorherrschenden Geschlechterkategorien männlich/weiblich sprachlich erzeugt und kontinuierlich wiederholt werden (vgl. S. 29). In Bezug auf Foucaults Machtanalyse zur Sexualität erläutert Lépine zudem Butlers dekonstruktivistische These, dass das vermeintlich ‚natürliche‘ Geschlecht (sex) der Kultur nicht vorgängig und damit die binäre Unterscheidung in sex/gender überflüssig ist. Durch diese Herangehensweise werden die Bausteine Butlerʼschen Denkens aus ihren theoretischen Bezügen heraus entfaltet. Dadurch wird ein Kontextwissen vermittelt, das für ein umfassendes Verständnis von Judith Butlers Schriften wichtig ist. Kritisch anzumerken ist der inhaltliche Bezug zu Trans*geschlechtlichkeit und Inter*geschlechtlichkeit hinsichtlich des Aspekts der Ent-Unterwerfung und Sichtbarkeit (vgl. S. 63). Auch wenn Trans*- und Inter*geschlechlichkeit „völlig aus der Intelligibilität herauszufallen drohen“ (ebd.), konkretisiert der Autor nicht, dass es sich um unterschiedliche Ausschlussmechanismen handelt. Auch die Kontrastfolie zu Homosexualität, die in Bezug auf die beleidigenden Anrufungsmöglichkeiten und die damit verbundene Sichtbarkeit aufgespannt wird, erachte ich insbesondere hinsichtlich der Thematik Inter* als unpassend und komplexreduzierend (vgl. ebd.).

Illustrationen als hilfreiches stilistisches Mittel

Darüber hinaus veranschaulichen die detaillierten Illustrationen das Denken Judith Butlers auf eine ganz besondere Art und Weise. Sie helfen den Lesenden nicht nur, Butlers Überlegungen besser zu verstehen, sondern lassen an der einen oder anderen Stelle auch humoristische Lesarten zu. Dies ist für eine so komplexe Materie, wie Judith Butler sie uns bietet, selten und wichtig zugleich. So zeichnet Ansgar Lorenz die Philosophin im Verlauf der Einführung nicht nur in verschiedenen Schreib-, Denk-, Rede-, Sprech- und Diskussionsposen, sondern auch ihre theoretischen Bezüge zu beispielsweise Michel Foucault oder Emmanuel Lévinas werden graphisch – als sei Butler mit ihnen in einem Dialog – dargestellt (vgl. S. 20). Auch wird zum Beispiel der Vorwurf nach der Veröffentlichung von Das Unbehagen der Geschlechter (1991), Butler würde behaupten, dass Wörter in der Lage seien, irgendwelche Dinge in der Welt materiell hervorzuzaubern, und sie sei eine ‚linguistische Normalistin‘, durch ihre Darstellung in einem Zauberkostüm verdeutlicht (vgl. S. 44). Dieses stilistische Mittel trägt dazu bei, Butler nicht nur besser verstehen, sondern auch den Entstehungszusammenhang ihrer Schriften besser greifen zu können – so ist Körper von Gewicht (1997) u. a. als eine Reaktion auf diese Kritik der ‚linguistischen Normalistin‘ entstanden. Die Illustrationen ermöglichen sowohl ein besseres und systematisches Verstehen von Butlers Gedanken als auch eine Kontextualisierung und Einbettung ihres philosophischen Schaffens.

Fazit

Durch das gute Zusammenspiel aus Text und Illustration ist diese Einführung eine besonders verständliche, abwechslungsreiche und dadurch empfehlenswerte Lektüre. Sie eignet sich m. E. insbesondere für Lehr- und Lernkontexte, in denen sich Interessierte und Studierende auf eine neue Art und Weise mit der Thematik auseinandersetzen wollen, und dann, wenn eine gut lesbare Lektüre gesucht wird, die im Vergleich zu inhaltlich noch ausführlicheren Einführungen (Bublitz 2018; Villa 2012) besonders erklärend und eingängig ist und beispielsweise in Seminarkontexten didaktisch unterschiedlich eingesetzt werden kann. Auch wenn sich die Einführung an manchen Stellen, insbesondere bei der Hinführung zu Psyche der Macht (2001), als voraussetzungsvoll erweist, ermutigt sie doch auf eine gelungene Art und Weise, wirklich „Keine Angst vor Judith Butler“ zu haben oder diese schnell wieder abzulegen. Diese Einführung regt zu einer tiefergehenden Auseinandersetzung an.

Literatur

Bublitz, Hannelore. (2018). Judith Butler zur Einführung. Hamburg: Junius.

Villa, Paula-Irene. (2012). Judith Butler. Eine Einführung. 2. aktualisierte Auflage. Frankfurt am Main: Campus.

Anne Rauber

Fachhochschule Münster

Doktorandin, Fachbereich Sozialwesen in Kooperation mit der Ruhr-Universität-Bochum

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