Schlaglichter auf Sexualität(en) in Film und Filmästhetiken

Rezension von Melanie Konrad

Aylin Basaran, Julia B. Köhne, Klaudija Sabo, Christina Wieder (Hg.):

Sexualität und Widerstand.

Internationale Filmkulturen.

Wien: Mandelbaum Verlag 2018.

400 Seiten, ISBN: 978385476-826-5, € 28,00

Abstract: In den Beiträgen des Sammelbands geht es um unterschiedliche Facetten von Motiven widerständigen sexuellen Verhaltens in Filmen sowie um Filmästhetiken, die Sexualität(en) und/oder Nonkonformismus programmatisch in eine Bildsprache überführen. Im Fokus stehen Normen und Normativität und Strategien, sich diesen zu entziehen. Die bunte Mischung beinhaltet Besprechungen von (frühen) Filmen über sexuelle Aufklärung und Schwangerschaftsabbruch, ornamentale Körper in Filmen der 1930er Jahre, über Motive des Frau- und Mann-Seins, des ,Geschlechterkampfs‘ sowie der sexuellen Revolution in Jugoslawien. Die Themen reichen von Schwarz-Sein in den USA über ‚Ekstase‘ bei Eisenstein bis zum Begehren von Zombies und dem politischen Potential der Unberechenbarkeit von (sexuellen) Affekten.

Der Sammelband Sexualität und Widerstand. Internationale Filmkulturen besteht aus 16 wissenschaftlichen Artikeln, einer ,Projektionenserie‘ aus Filmstills prominenter Filme der 1920er und 1930er Jahre, einem lyrisch-literarischen Beitrag, der Kurzbesprechung eines Ölgemäldes von Sonja Gassner, einer Würdigung des Historikers Frank Stern zum 75. Geburtstag sowie einem einleitenden Text der Herausgeberinnen. Der Band positioniert sich disziplinär in einer Nische der zeitgeschichtlichen Forschung zu historischer Filmanalyse am Wiener Institut für Zeitgeschichte (vgl. Auga et al. 2011 – eine ähnliche Publikation in Bezug auf Aufbau und Struktur und insbesondere auf die Beschäftigung mit der Moderne und kulturellen Phänomenen des frühen 20. Jahrhunderts).

Die Beiträge sind ihren Themen nach chronologisch geordnet und decken grob den Zeitraum eines langen 20. Jahrhunderts bis heute ab. Es gibt Schwerpunkte zu Filmen der 1920er und 1930er Jahre (Moser, Capeloa Gil, Grabher), zum Neuen Jugoslawischen Film ab den 1960ern (Schober, Sabo, Filipovic), zu frühen klinischen Aufklärungsfilmen (Pilz) und Filmen, die sich mit der (Nicht-)Darstellbarkeit des Fötus und den gesellschaftlichen Bedingungen von Schwangerschaftsabbruch beschäftigen (Köhne) sowie zu Filmen der letzten Jahre, die der Popkultur zugerechnet werden können (Kabalek, Kesting, Basaran/Leggs). Dazwischen finden sich aber ebenso Besprechungen zu bemerkenswerten Filmen, die dem Western (Davidowicz), dem japanischen Kino (Klingenböck), dem lateinamerikanischen Dritten Kino (Wieder) sowie der zweiten Generation des unabhängigen deutschen Kinos angehören (Bernold). Ein Langbeitrag fällt diesbezüglich gänzlich aus der Rolle, da er keinen Bezug zu Film aufweist, sondern sich ausschließlich, basierend auf Zeitzeug_innen-Interviews, mit Sexualität unter den Bedingungen der totalen Kontrolle des Konzentrationslagers Mauthausen auseinandersetzt (Amesberger/Halbmayer). Durch diese inhaltliche Diversität ist der Sammelband nicht so einfach oder zweifelsfrei einem fest abgesteckten wissenschaftlichen Diskurs (oder diskursiven Feld) zuzuordnen. Es scheint mir daher schlüssiger und produktiver, Einzelbeiträge hervorzuheben und zu besprechen. Im Folgenden werde ich auf vier Beiträge näher eingehen.

Sexualität und Medizin

Der Aufsatz von Kathrin Pilz „»Aufklärung? Abschreckung? In der mit Sexualität gespannten Atmosphäre des Kinos?«“ hat frühe sexualmedizinische Aufklärungsfilme zum Thema. Die Autorin bettet sie in ein diskursives Verhältnis von filmischer Nicht-Sag- und Nicht-Sichtbarkeit im Österreich der 1920er und 1930er Jahre ein (vgl. Bonah/Lautkötter 2015; Hagener 2000). Die politische Bedeutung des sexuellen Aufklärungsgedankens und seiner Formulierung in den analysierten Filmen wird dabei auf mehreren, miteinander verschränkten Ebenen verhandelt: auf einer klassisch politischen Ebene der kontroversen Diskussion, auf der vor allem sozialdemokratische und christlich-soziale Haltungen aufeinandertreffen, auf der Ebene der gesellschaftlichen Möglichkeiten und Bedingungen zur Formulierung sexualmedizinischen Wissens sowie auf der Ebene des Versprechens individueller Wissensaneignung durch Film, die vor allem durch Abschreckung zu mehr Kontrolle über die eigene Gesundheit, Sexualität und Fruchtbarkeit führen soll. Im „Volksgesundheitsfilm“ (S. 55) – der Wissen über Sexualität von den in Wien gegründeten Sexualforschungsinstituten der 1920er und 1930er Jahre in die breite Bevölkerung tragen sollte – ging es vorrangig um ,biopolitische‘ Propaganda (nach Foucault), die auf der Bildebene oft sehr explizit und moralisch pathologisierend ausfiel. Pilz beschreibt ein Spannungsverhältnis, das vor allem zwischen Medienschaffenden und Medizinern zu dieser Zeit entstanden ist, da die konkrete Beschaffenheit der für diese Filme notwendigen Bilder heftig diskutiert wurde. So seien etwa nackte Körper und der Anblick von durch Krankheiten befallenen Körperteilen für die Mediziner alltäglich, aber gesellschaftlich noch stark tabuisiert gewesen. Wesentlich kritischer zu sehen sind laut Pilz aber vor allem die eugenischen Zwischentöne, die diese Filme explizit anstimmten, sowie der autoritäre Habitus der Medizin, durch den Patient_innen vergegenständlicht und ihre Verhaltensweisen pathologisiert wurden.

Obwohl Julia Barbara Köhne in ihrem Text „Absentes vergegenwärtigen“ ein anderes sexualmedizinisches Thema anspricht, lässt sich dieser meines Erachtens gut mit dem Beitrag von Pilz in Dialog bringen, da er zwar zur Problematisierung der Darstellbarkeit von Schwangerschaftsabbruch und der Bebilderungen des Fötus ab den 1960er Jahren geschrieben wurde, es aber implizit auch um einige Defizite des frühen Aufklärungsfilms geht (vgl. in diesem Zusammenhang Haraway 1997 – ein Essay über Föten, visuelle Kultur und reproduktive Rechte). Köhnes Text dreht sich dabei vor allem um Besprechungen und Einordnungsversuche von Bildern des toten Fötus, die in andauernder heftiger Auseinandersetzung von sowohl Abtreibungsgegner_innen als auch Abtreibungsbefürworter_innen hergestellt und politisch eingesetzt werden. Dazu werden u.a. Lennart Nilssons Fötenfotografien von 1965 besprochen, die ikonischen Status für die pro-life-Bewegung erhalten haben. Die gedankliche Hinwendung zur Inszenierung von ,Sternenkindern‘ als ideellen Bildern von universell schützenswertem menschlichen Leben an sich stehe dabei nicht nur der Arbeitsweise Nilssons entgegen, der für die Fotografien tote Föten präparierte, sondern vor allem der Sicherstellung der reproduktiven Rechte und der körperlichen Integrität von Frauen. Köhne rezensiert im Verlauf des Textes mehrere Filme, in denen Schwangerschaftsabbruch und Bilder des Fötus differenziert thematisiert werden und/oder in denen mithilfe unterschiedlicher inszenatorischer Mittel zu einer Reflexion der gesellschaftlichen Verhältnisse aufgefordert wird, unter denen Frauen abtreiben müssen – etwa Cyancali (1930), Gelegenheitsarbeit einer Sklavin (1973), If These Walls Could Talk (Haus der stummen Schreie) (1996) oder 4 luni, 3 săptămâni și 2 zile (4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage) (2008).

Sexualität(en) und Filmästhetik(en)

Um implizitere Formen der Thematisierung von Sexualität, u.a. eingeschrieben in filmische Ästhetiken und Bildlichkeit, geht es hingegen in den Beiträgen von Peter Grabher und Monika Bernold. Grabher beschreibt in „Eisensteins sexuelle Politiken“ Sexualität als maßgeblich für die Formensprache des russischen Regisseurs Sergeij Eisenstein. In der Literatur zu dessen Filmarbeit wird oft von der darin zum Ausdruck kommenden ‚Ekstase‘ bzw. dem ‚Pathos‘ gesprochen. Diesen Motiven geht der Autor u.a. mit Evgenii Bershtein nach (vgl. Bershtein 2017). Ausgangspunkt sind die Bedeutung und möglichen Konsequenzen von Eisensteins Mexiko-Aufenthalt im Jahr 1930, wohin er gefahren war, um ein weiteres Filmmonument zu drehen, das nie vollendet wurde. Eisenstein habe dort homosexuelle Erfahrungen gesammelt, die ihn stark prägen sollten, aber die aufgrund eines phobischen Klimas gegenüber Personen aus sexuellen Minderheiten gesellschaftlich schwierig einzuordnen waren. Grabher legt dar, dass Eisenstein vor allem in „erotomanischen Zeichnungen“ (S. 131) sexuellen und obszönen Fantasien nachging und schließlich versuchte, sexuelle Energien in Form von Begehren und Affekten (‚Ekstase‘) in Filmbilder zu übersetzen, ohne sie explizit zu machen. Einer der wichtigsten Filme in diesem Zusammenhang ist Das Alte und das Neue von 1929 sowie der nie vollendete Mexiko-Film von 1930. Der Aufsatz zeichnet nicht nur ein umfassendes Bild von Aspekten, die Sexualität normieren, sanktionieren und die in den 1920er und 1930er Jahren von vielen Intellektuellen und Kulturschaffenden kritisch befragt wurden, bevor der Faschismus diese frühe sexuelle Revolution im Keim erstickte. Es wird auch versucht, die spezifische Verstricktheit von persönlichen Ansichten und Arbeitsweisen mit biografischen Ereignissen und Erfahrungen sowie künstlerischen und politischen Visionen zu entzerren und jeweils sichtbar zu machen, was dazu beiträgt, ein umfassenderes Bild von Sergeij Eisenstein als Filmemacher und von seiner Lebenssituation zu erhalten.

Monika Bernolds Text ist zwar vom Forschungsinteresse her grundlegend anders verfasst, hat aber ebenso eine Bildlichkeit zum Thema, die maßgeblich durch Sexualität in Form von Affekten und Begehren getragen wird (vielleicht nach Freud als ‚Libido‘ zu verstehen). In ihrem Beitrag „Figurationen der Unkalkulierbarkeit“ befasst sich die Autorin mit dem Film Toni Erdmann (2016) von Maren Ade und den Verhältnissen von Sexualität und Ökonomie, der Generationen zueinander sowie zum imaginierten Anderen – verkörpert durch die „Präsenz von Dingen [und] Tieren“ (S. 351). Bernold versucht in ihrer Argumentation den Film in seinem soziopolitischen Kontext zu begreifen und begibt sich ausgehend von der Synopsis der Handlung daran, Verknüpfungen zu erstellen und Fährten freizulegen, die zum Nachdenken über aktuelle Verhältnisse einladen sollen. Maren Ade gehört zu einer zweiten Generation unabhängiger Filmschaffender in Deutschland, die sich durch ihre spezifische Art und Weise, Filme zu machen, politisch betätigen. Indem sie Schauplätze und Handlungszusammenhänge wählen, aus denen in individueller Auseinandersetzung wieder etwas Weiteres, Eigenes entsteht, das über unsere Zeit gesagt werden kann, produzieren diese Filmschaffenden komplexe und vieldimensionale Bilder und Geschichten. Toni Erdmann ist ein gelungenes Beispiel für einen Film, der viel über Normen und Normativität zu sagen hat und gleichzeitig allerlei Zerstörungspotential anbietet.

Fazit

Sexualität und Widerstand. Internationale Filmkulturen enthält thematisch eine große Anzahl wichtiger Aspekte, die unter diesem Titel versammelt werden sollten. Viele Aufsätze sind sehr gut ausgearbeitet, jedoch hat das Buch auch einige Schwächen. Ich finde alle Beiträge des Buches inhaltlich aufschlussreich und ansprechend, weil sie mediale Phänomene aufgreifen, die es vermögen, von beklemmend über kämpferisch bis lustig und frivol – und manchmal all das gleichzeitig – die Komplexität der gewählten Themenpaarung zu umreißen. Einige Autor_innen hängen in ihren Texten jedoch zu sehr an den Inhalten der Filme oder der bloßen Beschreibung der Handlung, statt ihre spezifische Machart und ihre Ästhetiken in den Blick zu nehmen bzw. weitergehende Reflexionen über ihre gesellschaftliche Bedeutung und Potentiale und ihre Medialität anzustellen. Das heißt aber wiederum nicht, dass es diese Reflexionen nicht gibt, sie wurden aber meines Erachtens nicht oder zu wenig explizit vorgenommen.

Die Einleitung verfehlt an manchen Stellen ein wenig ihren konventionellen Zweck als Kontext und konzeptionelle Rahmung der Beiträge. So ist etwa der Zusammenhang zwischen den erotischen Saturn-Filmen der 1910er und den sexualmedizinischen Filmen der 1920er und 1930er Jahre nicht vollständig klar. Ich vermute, dass für die Begriffspaarung ‚Sexualität und Widerstand‘ ein Anfang mit einer Historisierung gesetzt werden sollte und deshalb diese frühen Filme gewählt wurden. Das in der Form hartnäckige Festhalten an einer Chronologie erinnert jedoch wiederum zu sehr an ein Modell von Geschichte, das sich an einem Progress orientiert und trennscharfe Abschnitte und Perioden kennt, die einander ablösen. Dieser Zugang wird leider nirgends im einleitenden Text offensichtlich problematisiert.

Ein weiteres Problem des Buches ist das Fehlen eines transparent gemachten Aushandlungsprozesses zur Bedeutung der Begriffe ‚Sexualität‘ und ,Widerstand‘. Unklar bleibt damit, was unter diesen Begriffen jeweils verstanden werden kann bzw. welche Relevanz die Herausgeberinnen einer Beschäftigung unter diesem Titel beimessen. Einzelne Autor_innen haben versucht, das für sich zu klären. Jene, denen es am besten gelungen ist, haben filmisches Material als Ausgangspunkte ihrer Reflexionen zur Hand, das bereits aus einer sehr intensiven Auseinandersetzung der Filmschaffenden mit beiden Themen entstanden ist (etwa die Texte zum Neuen Jugoslawischen Film oder zum Dritten Kino Solanas). Wann wird Sexualität widerständig? Und wann hat politischer Widerstand etwas mit Sexualität zu tun? Denn nicht jede Form von Sexualität ist zu jeder Zeit als widerständig einzuordnen.

Insgesamt sind im Buch zu wenige LGBTIQ*-Perspektiven vertreten, wofür im einleitenden Text versucht wurde, Kompensation anzubieten. Diese ergänzende Beschäftigung ist aber eigentlich eher kurz und oberflächlich gehalten, u.a. auch deshalb, weil das postulierte Forschungsdesiderat viele Stränge der Film- und Medienforschung völlig außer Acht gelassen hat – etwa kritische Porn Studies und Lesbian und Gay Studies sowie Trans und Queer Studies –, die sich mit Film und Medien vor dem Hintergrund von Sexualität und Widerstand beschäftigen. Ich denke, der Bezug auf ein Forschungsdesiderat ist jedoch in Hinblick auf jene Geschichtswissenschaften angebracht, die sich mit Kino und Film befassen, aber nicht zu Machtverhältnissen entlang der Kategorien von Geschlecht, Klasse, Sexualität und race arbeiten. Sexualität und Widerstand. Internationale Filmkulturen bietet einen reichen Fundus an interessanten Analysen zum übergeordneten Themenkomplex. Das Buch animiert auch gerade durch die erwähnten Lücken dazu, über seine Gegenstände weiter selbst nachzudenken und die Auseinandersetzung zu vertiefen.

Literatur

Auga, Ulrike/Bruns, Claudia/Dornhof, Dorothea/Jähnert, Gabriele (Hg.). (2011). Dämonen, Vamps und Hysterikerinnen. Geschlechter- und Rassenfigurationen in Wissen, Medien und Alltag um 1900. Bielefeld: transcript.

Bershtein, Evgenii. (2017). Eisenstein’s Letter to Magnus Hirschfeld: Text and Context. In Joan Neuberger/Antonio Somaini (Hg.). The Flying Carpet. Studies on Eisenstein and Russian Cinema in Honor of Naum Kleiman. (S. 75–86). Éditions Mimésis. http://www.editionsmimesis.fr/wp-content/uploads/The-Flying-Carpet-web.pdf (Download: 30.08.2019).

Bonah, Christian/Lautkötter, Anja. (2015). Introduction. Screening Diseases. Films on Sex Hygiene in Germany and France in First Half of the 20th Century. (S. 5–14). Gesnerus. Swiss Journal of the History of Medicine and Sciences, 72 (1).

Hagener, Malte (Hg.). (2000). Geschlecht in Fesseln. Sexualität zwischen Aufklärung und Ausbeutung im Weimarer Kino 1918-1933. München: Edition Text und Kritik.

Haraway, Donna. (1997). The Virtual Speculum in the New World Order. (S. 22–72). Feminist Review, 55 (22). https://doi.org/10.1057/fr.1997.3 (Download: 30.08.2019).

Melanie Konrad

Universität Wien

Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft

E-Mail: melanie.konrad@univie.ac.at

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