Die Regierung und Moralisierung der Prostitution

Rezension von Christian Hammermann

Heike Mauer:

Intersektionalität und Gouvernementalität.

Die Regierung von Prostitution in Luxemburg.

Opladen u.a.: Verlag Barbara Budrich 2018.

418 Seiten, ISBN 978-3-8474-2113-9, € 79,90

Abstract: Heike Mauer hat eine materialreiche und überzeugende Intervention in deutschsprachige Intersektionalitätsdebatten vorgelegt, in der sie theoretisch darlegt und am empirischen Material ausweist, dass Foucaultʼsche Gouvernementalitätstheorie und die Intersektionalitätstheorie voneinander lernen können. Obwohl sie dabei nicht nur einen historischen Gegenstand behandelt, sondern auch ein gegenwärtiges politisches Erkenntnisinteresse verfolgt, macht sie aber keinen Gebrauch von Foucaults genealogischen Verfahren und bedient sich einer eingeschliffenen und schematischen Foucaultrezeption.

Heike Mauer untersucht, durch welche Mechanismen im beginnenden 20. Jahrhundert in Luxemburg versucht wurde, auf die Ausübung der Prostitution einzuwirken, und welche intersektionalen Dimensionen dabei zum Tragen kamen. Ausgangspunkt für diese Untersuchung ist eine an Michel Foucault orientierte „Perspektive der Problematisierung” (S. 19), die danach fragt, wie der Gegenstand ‚Prostitution‘ zu einem Denkobjekt wird und welche Akteur/-innen welche Aspekte als Probleme sehen. Inwiefern und welche intersektionalen Dimensionen dabei zu tragen kommen, will Mauer nicht definitorisch im Voraus festlegen, sondern theoretisch und empirisch herausarbeiten (vgl. S. 23). Intersektionalitätstheorie und Foucaults Machtanalytik dienen ihr somit als „heuristische Instrumente zur Untersuchung der Problematisierung der Prostitution in Luxemburg“ (S. 24).

Von der Intersektionalität zur Machtanalytik und zurück

In einer längeren Theoriediskussion kritisiert Mauer zunächst die in der deutschsprachigen Debatte gängigen Intersektionalitätskonzepte von Katharina Walgenbach (2007), Gudrun-Axeli Knapp (z. B. 2008), Nina Degele und Gabriele Winker (2009) sowie von Ina Kerner (2009). Sie schlägt vor, diese Ansätze um eine an Foucaults Gouvernementalitätstheorie orientierte Perspektive zu ergänzen, die sich aber selbst häufig als zu pauschalisierend erweise, weswegen sie wiederum intersektional differenziert werden müsse. Hinsichtlich der Analysegegenstände kritisiert Mauer, dass die verhandelten Intersektionalitätskonzepte sich kaum für empirische Forschung eignen, weil sie zwischen extremer Abstraktion und extremer Konkretion schwanken, sodass sie entweder kaum Platz für neue Erkenntnisse lassen oder aber nur schlecht auf andere Fragen übertragen werden können. Darum entscheidet sich die Autorin für ein aus der historischen Geschlechterforschung stammendes und „an der Quellenkritik orientiertes Vorgehen“ (S. 92), dem sie Foucaults Ausführungen zur Bevölkerungspolitik als theoretische Vorannahmen beilegt. Auch hinsichtlich der Debatte um die Analyseebenen intersektionaler Forschung verweist sie auf Foucaults Regierungsbegriff, mit dem sich untersuchen lasse, wie das Soziale und die Subjekte „als Effekte [hervorgebracht] und zugleich miteinander verknüpft“ werden (S. 123). Schließlich kritisiert Mauer, dass sich die verschiedenen in der Intersektionalitätsdebatte verhandelten Ansätze zwar alle im weitesten Sinne machtkritisch verstehen, aber zentrale Begriffe wie Macht, Herrschaft oder Ungleichheit dabei unterbestimmt bleiben und nur dürftig gegeneinander abgegrenzt werden. Auch hier zieht sie Foucaults Machtbegriff, vor allem aber seine Unterscheidung von strategischen Spielen, Regierung und Herrschaft als Korrektiv heran (vgl. S. 151–153). Insgesamt gehe Foucault bei seiner Ausformulierung verschiedener Machttypen – Mauer denkt dabei vor allem an die eingeschliffene Trias von Souveränität, Disziplin und Sicherheitsdispositiv/Gouvernementalität – aber zu homogenisierend bzw. generalisierend vor und müsse deswegen intersektionalitätstheoretisch erweitert werden.

Im empirischen Teil der Arbeit untersucht die Autorin einen großen Korpus historischer Quellen: Lageberichte der Polizei- und Justizbehörden sowie Namenlisten von Personen, die der Prostitution oder Zuhälterei verdächtigt wurden, deren personale Dossiers und gegebenenfalls Protokolle der Fremdenpolizei; Dokumente aus dem Stadtarchiv von Luxemburg; gedruckte Quellen wie Protokolle von Parlamentsdebatten und geltende Gesetze; außerdem die größten zeitgenössischen Tageszeitungen sowie andere Periodika und Veröffentlichungen von beispielsweise Vereinen aus der Sittlichkeits- oder der Frauenrechtsbewegung. Mittels einer Inhaltsanalyse befragt sie diese Texte darauf, welche Aspekte der Prostitution als Probleme identifiziert werden, welche Subjekte mit ihr assoziiert werden und welche Regierungsweisen mit welchen Machtlogiken vorgeschlagen werden, um diese Probleme zu lösen. Sie beginnt ihre Untersuchung um die Wende zum 20. Jahrhundert, als „Industrialisierungs-, Massenimmigrations-, Demokratisierungs- sowie Nationsbildungsprozesse“ (S. 174) die sozialen Verhältnisse umgestalten, und endet mit dem „Ende der politischen Freiheit, der demokratischen Rechte und der Pressefreiheit“ (S. 173), als die deutsche Wehrmacht im Mai 1940 Luxemburg besetzt.

Moralisierte Verhältnisse

Ihren „konkreten Beitrag zur luxemburgischen Sozial- und Geschlechtergeschichte“ (S. 371) sieht Mauer darin, herausgearbeitet zu haben, dass die Problematisierung der Prostitution bestimmte Milieus – unverheiratet lebende Paare und Kneipen, in denen Frauen arbeiten – als gefährliche identifiziert und mit der Prostitution assoziiert hat, weil sie die geschlechtlich codierte Trennung von Öffentlichem und Privatem sowie die geschlechtliche Arbeitsteilung in Unruhe brachten. Außerdem wurde Prostitution als Fremdes angesehen und mit dem Ausland oder Ausländer/-innen in Verbindung gebracht. Neben dieser Mesoebene des Milieus wurde die Prostitution auf der Makroebene auf soziale Transformationen zurückgeführt und auf der Mikroebene „unmoralischen Subjekte[n]“ angelastet, die ebenfalls „intersektional konstituiert“ wurden (S. 372). Insgesamt trugen diese Problematisierungen zur „Transformation gesellschaftlicher Probleme in ein Problem der individuellen Moral“ bei (S. 373).

Dabei kamen verschiedene Machttechniken zum Tragen. Hatte Luxemburg zunächst, als europäischer Sonderfall, ein rein souverän-juridisches Prostitutionsregime, schlichen sich nach und nach disziplinarisch-polizeiliche Technologien mit ein, die umfassend gouvernementalisiert wurden. So bildete sich eine „gouvernementale ‚Logik des Verdachts‘“, die bestimmte „prostitutive Subjekte“ identifizierte, indem sie sie in einem „intersektionalen Milieu“ lokalisierte (S. 374). Dass es eine historische Tendenz zur Gouvernementalisierung der Prostitution gibt, hat bereits Silvia Kontos für Deutschland gezeigt, in ihrem Standardwerk Öffnung der Sperrbezirke (2009), auf das auch Mauer mehrfach verweist. Diese Feststellung deckt sich mit einer epochalen Lesart der Foucaultʼschen Machttriade, nach der die Souveränität von der Disziplin und diese von der Gouvernementalität abgelöst wird. Allerdings zeigt Mauers Studie, dass diese Entwicklung keinesfalls in allen Ländern gleichförmig verlaufen ist, sondern dass die disziplinarische Einschließung in Bordelle bisweilen auch übersprungen werden konnte. Gouvernementale Techniken, die Kontos tendenziell unter dem Begriff der Entgrenzung fasst und dem Nationalsozialismus und Neoliberalismus zurechnet, seien außerhalb Deutschlands auch schon vor dem NS-Regime zum Einsatz gekommen. Im Gegensatz zu dem großen historischen Bogen, den Kontos spannt, geht Mauer viel kleinteiliger vor, weswegen bei ihr auch einige interessante Details zur Sprache kommen, etwa die verschiedenen Techniken der Selbstführung, durch die sich verdächtige Frauen als unproblematische Subjekte zu präsentieren versuchten, oder die Taktiken, durch die von Seiten „der Sittlichkeits-, der Hygiene- und der Frauenbewegung“ versucht wurde, weibliche Selbstführung zu lenken (S. 375). Sie entgeht damit einem zentralen Problem der Gouvernementalitätsforschung, das darin besteht, dass Brüche und Aushandlungsprozesse in den Regierungsprogrammen geglättet werden, verfällt aber gegenüber dem großem historischen Narrativ von Kontos bisweilen ins gegenteilige Extrem der Mikrostudie (vgl. allgemein zu diesen Problemen Bröckling/Krasmann/Lemke 2011, S. 15–20).

Die Vergangenheit der Gegenwart, oder: Geschichte wozu?

Obwohl Mauers Materialanalyse von einem vorwiegend theoretischen Interesse an der Intervention in die deutschsprachigen Intersektionalitätsdebatten getragen ist, bleibt in weiten Teilen des Buches unklar, warum sie ihre theoretischen Schlüsse ausgerechnet an einem historischen Gegenstand ausprobieren will und warum ausgerechnet an diesem. Unklar bleibt auch, warum sie eine Theorie anführt, die zwar durchgängig aus historischen Untersuchungen entwickelt wurde, dann aber das, was man Foucaults historische Methode nennen kann, gar nicht erst erwähnt: Zwar heißt das zweite Kapitel „Intersektionalität – Genealogie eines umkämpften Begriffs“ – eine genealogische Untersuchung oder eine breitere Auseinandersetzung mit dem Konzept der Genealogie findet sich dort aber nicht. Stattdessen werden die historischen Aspekte von Foucaults Theorie explizit nicht beachtet (vgl. S. 144f.). Damit macht die Autorin letztlich das, was Mariana Valverde (2017) als Verdinglichung Foucaultʼscher Begriffe bezeichnet: Waren diese bei Foucault zur Untersuchung und Kritik bestimmter Phänomene gebildet worden und wurden dementsprechend je nach Untersuchungsgegenstand immer wieder umgestaltet, ergänzt oder fallengelassen, so werden sie in ihrer verdinglichten Form als vorausgesetzte Raster über das empirische Material gelegt, wodurch die Analyse ihre kritische Wirkung verliert und zur Klassifikationsübung verkommt (vgl. Valverde 2017, S. 27–30, 81–84).

Nach Martin Saar ist die Genealogie selbst ein Mittel, um ein gegenwärtiges Phänomen zu problematisieren, und zwar qua einer „historische[n] Distanzierung durch die Konstruktion von Ursprungs- und Herkunftsszenarien, an denen sich etwas Relevantes zeigt über das Problematische der Gegenwart“ (Saar 2009, S. 251). Dieser Impuls ist Mauer überhaupt nicht fern, im Gegenteil wird er zu Beginn und gegen Ende des Buches explizit benannt. Sie setzt ein mit einer Kritik des EMMA-Slogans „Prostitution. Frauenkauf. Geht gar nicht“ sowie der damit verbundenen „Kampagne zur ‚Abschaffung der Prostitution‘“ (S. 13) und begründet aus ihrer Kritik daran die Notwendigkeit einer „intersektionale[n] Perspektive auf politische Machtverhältnisse“ (S. 14), die sie im Rest des Buches entwickelt. Folgerichtig kommt sie auch gegen Ende des Werkes wieder auf die EMMA und die feministische Prostitutionsfeindschaft der Gegenwart zu sprechen: Zunächst, wenn sie vom „staatstragenden Sendungsbewusstsein“ (S. 368) einer Feministin des frühen 20. Jahrhunderts spricht, die den „Kampf für eine ungeteilte Moral“ mit der „Forderung nach gleichen Rechten als Staatsbürgerinnen“ verbunden hatte (S. 367), woraus im Umkehrschluss die weibliche Unmoral der Prostituierten als Hindernis der politischen Emanzipation erscheinen könne. Dies sei „ein Befund, der möglicherweise die bis heute andauernde Attraktivität einer repressiven Prostitutionspolitik in Teilen des Feminismus, wie etwa der EMMA, zu erklären hilft“ (S. 367). Zum anderen streicht sie aber heraus, dass heute geradezu umgekehrt gewertet werde, also nicht mehr die Prostituierte, sondern der vormals unsichtbar gemachte Freier problematisiert wird – wobei aber weiterhin eine „Individualisierung gesellschaftlicher Verhältnisse und deren Reduktion auf eine Dimension der moralisch-integren Selbstführung“ vollzogen werde (S. 380f.). Die Differenz zu einer genealogischen Untersuchung liegt hierbei, so meine Vermutung, vor allem darin, dass die Genealogie eine radikale Subjektkritik betreibt (vgl. Saar 2009) – in diesem Fall also beispielsweise untersuchen würde, wie sich das Feministische Subjekt mit „staatstragende[m] Sendungsbewusstsein“ (S. 368) gebildet hat und (was daran) bis heute überdauert –, während Mauer das von ihr problematisierte Subjekt als gegeben hinnimmt und stattdessen für einen Perspektivwechsel plädiert, also letztlich eine Führung der Selbstführung anstrebt, die tragischerweise selbst wieder individualisierende Züge trägt: Würden die Anderen statt individualisierend lieber intersektional und machtanalytisch denken, wäre schon etwas gewonnen (vgl. S. 380).

Fazit

Heike Mauer kann mit ihrem Buch Intersektionalität und Gouvernementalität als Intervention in gegenwärtige Intersektionalitätsdebatten überzeugend begründen, dass und wie diese von einer verstärkten Rezeption Foucaultʼscher Theorie profitieren können. Sie bietet damit eine Art mikrologischen Kontrapunkt zu Silvia Kontosʼ breiter angelegten Geschichte der Prostitutionsregulierung in Öffnung der Sperrbezirke (2009). Mauer rezipiert Foucault allerdings stark schematisch, was bisweilen zu bereits bekannten Problemen führt. Dabei vermisst man insbesondere eine Auseinandersetzung mit seinem methodischen Vorgehen und dem historisierenden Verfahren der genealogischen Kritik, von der die Arbeit wahrscheinlich auch hinsichtlich ihres durchscheinenden politischen Erkenntnisinteresses profitiert hätte. Nicht zuletzt drückt sich das auch im Stil des Buches aus, das trocken und schematisch für einen Perspektivwechsel in der Prostitutionsdebatte argumentiert, statt im Sinne genealogischer Subjektkritik die Gewordenheit und Beschränkungen dieser Perspektiven selbst als politisches Problem zu behandeln.

Literatur

Bröckling, Ulrich/Krasmann, Susanne/Lemke, Thomas. (2011). From Foucault’s Lectures at the Collège de France to Studies of Governmentality: An Introduction. In dies. (Hrsg.). Governmentality. Current Issues and Future Challenges. (S. 1–31). London/New York: Routledge.

Degele, Nina/Winker, Gabriele. (2009). Intersektionalität. Zur Analyse sozialer Ungleichheiten. Bielefeld: Transcript.

Kerner, Ina. (2009). Differenzen und Macht. Zur Anatomie von Rassismus und Sexismus. New York/Frankfurt am Main: Campus.

Knapp, Gudrun-Axeli. (2008). Verhältnisbestimmungen: Geschlecht, Klasse, Ethnizität in gesellschaftstheoretischer Perspektive. In Cornelia Klinger/Gudrun-Axeli Knapp. (Hrsg.). ÜberKreuzungen. Fremdheit, Ungleichheit, Differenz. (S. 138–170). Münster: Westfälisches Dampfboot.

Kontos, Silvia. (2009). Öffnung der Sperrbezirke. Zum Wandel von Theorien und Politik der Prostitution. Königstein/Taunus: Ulrike Helmer.

Saar, Martin. (2009). Genealogische Kritik. In Rahel Jaeggi/Tilo Welsche (Hrsg.). Was ist Kritik? (S. 247–265). Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Valverde, Mariana. (2017). Michel Foucault. London/New York: Routledge.

Walgenbach, Katharina. (2007). Gender als interdependente Kategorie. In Katharina Walgenbach/Gabriele Dietze/Antje Hornscheidt/Kerstin Palm. (Hrsg.). Gender als interdependente Kategorie. Neue Perspektiven auf Intersektionalität, Diversität und Heterogenität. (S. 23–64). Opladen: Barbara Budrich.

Christian Hammermann

Universität Hamburg

studiert M.A. Internationale Kriminologie

E-Mail: chris.hammermann@gmail.com

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