Wenn sich Gleichstellungspraxis und Hochschulforschung begegnen…

Rezension von Heike Mauer

Andrea Löther, Birgit Riegraf (Hg.):

Gleichstellungspolitik und Geschlechterforschung.

Veränderte Governance und Geschlechterarrangements in der Wissenschaft.

Opladen u.a.: Verlag Barbara Budrich 2017.

206 Seiten, ISBN 978-3-8474-2055-2, € 33,00

Abstract: Die Autorinnen des Bandes zeichnen den Wandel von Gleichstellungspolitiken und Hochschulpolitik anhand beispielhafter Projektstudien nach und konzentrieren sich dabei auf Hochschulen im Allgemeinen. Der Fokus liegt auf der Entwicklung in Deutschland, bisweilen richtet sich der Blick auch auf das europäische Ausland. Anhand empirischer Beiträge wird aufgezeigt, welche Bedeutung der Hochschulebene für die normative Bewertung der Veränderungsprozesse zukommt, ohne dass jedoch die Ebene der Strukturen verloren geht. Somit gelingt den Autorinnen ein aktueller und lesenswerter Einblick in den Stand der Diskussion über Gleichstellungsgovernance an den Hochschulen.

Bereits seit längerer Zeit werden Hochschulforschung und Geschlechterforschung als „zwei Welten“ beschrieben, die sich des Öfteren begegnen (vgl. Metz-Göckel 2008) und – wie hinzugefügt werden muss – auch in zunehmenden Maße in immer ausdifferenzierte Gespräche und Konversationen miteinander treten. Thematisch wird ein sehr breites Spektrum erforscht, so dass etwa ungleiche Karriereverläufe von Wissenschaftler/-innen (Beaufaÿs/Engels/Kahlert 2012, Kahlert 2013), Geschlechter(un)gleichheiten an den Hochschulen (Kortendiek et al. 2016), die Institutionalisierung der Geschlechterforschung (Kahlert/Thiessen/Weller 2005), aber auch die Professionalisierung der Gleichstellungspraxis (Vollmer 2017) in den Blick geraten. Der von Birgit Riegraf und Andrea Löther herausgegebene Sammelband Gleichstellungspolitik und Geschlechterforschung. Veränderte Governance und Geschlechterarrangements in der Wissenschaft eröffnet ein weiteres Themenfeld und knüpft an im engeren Sinne organisationssoziologische Fragestellungen sowie die Governanceforschung an. Dabei wird nach den Aus- und Wechselwirkungen zwischen dem Wandel der Hochschulen und den Gleichstellungspolitiken gefragt – ein Zusammenhang, der ebenfalls bereits seit geraumer Zeit genauer analysiert wird (vgl. exemplarisch Binner et al. 2013, Schacherl et al. 2015).

Ausgangspunkt der vorliegenden Aufsatzsammlung ist der Befund eines tiefgreifenden Wandels der ‚Humboldt’schen Universität‘, die einen hohen Grad an interner Autonomie und Selbstverwaltung aufweist, hin zu einem Modell der ‚unternehmerischen Hochschule‘. Dieses Modell integriert Elemente des New Public Management (NPM), und mit ihm geht eine Stärkung der Hochschulleitung gegenüber den Strukturen der Selbstverwaltung ebenso einher wie eine Öffnung der Hochschulen für den internen und gegenseitigen Wettbewerb. Dabei betonen die Herausgeberinnen, dass sich hinter dem Konzept des NPM „kein kohärentes wissenschaftliches oder politisches Modernisierungskonzept, sondern ein Set unterschiedlicher markt- und wettbezogener Organisations- und Steuerungselemente“ verbirgt (S. 7), die dementsprechend zu ganz heterogenen Transformationsprozessen an den Hochschulen führen. Dass sich diese Veränderungen im Hinblick auf ihre Bedeutung und Wechselwirkung mit hochschulischen Gleichstellungspraxen und -politiken ebenso wie ihre Auswirkungen auf das Feld der Geschlechterforschung nicht schematisch beschreiben lassen, sondern dass vielmehr präzise Feinanalysen auf der Ebene der einzelnen Hochschulen erforderlich werden, verdeutlichen die verschiedenen Beiträge des Bandes sehr anschaulich. Dabei wird das Verhältnis von Governance und Gleichstellung anhand von vier Themenkomplexen aufgefächert: das Verhältnis von Exzellenz und Geschlecht (1), die neue Governance von Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen (2), die neue Gleichstellungsgovernance (3) sowie auf das Verhältnis von Governance, Gleichstellung und Diversity (4).

Exzellenz und Geschlecht

Unter dem Titel „Veränderte Governance, Exzellenzanforderungen und Geschlechterarrangements“ geht es im Beitrag von Birgit Riegraf um die Konstruktion von Exzellenz und die Konsequenzen für die Gleichstellung in der Wissenschaft. Dazu arbeitet die Autorin heraus, dass Exzellenz als „zentrales hochschulpolitisches Ziel der letzten Jahrzehnte“ auf widersprüchliche Weise mit Geschlecht verknüpft ist (S. 21). Die traditionelle Verknüpfung von Exzellenz und Geschlecht, in der Exzellenz, herausragende wissenschaftliche Leistungen sowie das Prestige eines Wissenschaftsfeldes mit Männlichkeit assoziiert seien, werde dabei teilweise abgelöst: Indem Gleichstellungsaspekte „in einigen Drittmittelprogrammen zu Bewertungskriterien bei der Zuweisung von Exzellenz“ werden, werde die Gleichstellung der Geschlechter nicht nur aufgewertet, sondern explizit mit ‚Exzellenz‘ verbunden (vgl. S. 23). Dennoch verbinden sich Exzellenz und Geschlecht an verschiedenen Hochschulen auf unterschiedliche Weise, wie Riegraf anhand der Gegenüberstellung zweier Fallbeispiele aufzeigt: Während in einer am Humboldt'schen Ideal orientierten und dem NPM gegenüber skeptisch eingestellten Hochschule die Verbindung von Gleichstellung und Exzellenz tendenziell als Angriff auf das meritokratische Prinzip gedeutet und Gleichstellung nicht systematisch in die Hochschulentwicklung integriert werde, sei in einer anderen, eher technik- und ingenieurwissenschaftlich orientierten Hochschule die Gelegenheit ergriffen worden, zur Aufrechterhaltung der eigenen Drittmittelstärke die Gleichstellung zu stärken. Dabei stoße diese pragmatische, an Drittmitteleinwerbung gebundene Förderung von Gleichstellung jedoch auch an ihre Grenzen, was sich an der nur sehr verzögerten Entwicklung weiterer Gleichstellungsmaßnahmen zeige.

Kristina Binner fokussiert in ihrem Beitrag auf die Postdoc-Phase und rekonstruiert „‚Exzellenz‘ und Sorge als alltägliche Bewährungsprobe von Postdoc-Wissenschaftler/-innen in Großbritannien und Österreich“. Trotz unterschiedlicher Ausgangsbedingungen und unterschiedlicher Wohlfahrtsregime sei den beiden Ländern eine zunehmende Ökonomisierung der Hochschulgovernance gemeinsam, die diese mit dem Streben nach wissenschaftlicher ‚Exzellenz‘ legitimierten. Dabei zeigt Binner auf, dass die infolgedessen einsetzende Prekarisierung wissenschaftlicher Arbeitsverhältnisse, insbesondere während der Postdoc-Phase, geschlechtsspezifische Auswirkungen hat. Dies betreffe insbesondere die Konzeption exzellenter Forschung durch Postdocs selbst, aber auch die Aushandlungsprozesse, die sie bezüglich ihrer Work-Life-Balance und der Erfüllung von Sorgeverpflichtungen mit sich selbst und anderen führen. Die „Erfüllung von Exzellenzanforderungen“ dürfe deshalb „nicht getrennt von (vermachteten) Arbeits- und Lebenskontexten“ gedacht werden (S. 54).

Wie Hochschulen gesteuert werden und welche Rolle Geschlecht dabei spielt…

Die Beiträge von Marike Rother und Angela Ittel über „Die Verheißungen der unternehmerischen Universität“ sowie von Birgit Erbe zum „Gleichstellungspolitischen Wandel der Hochschulen durch Wettbewerb?“ haben den zweiten Komplex zum Thema, die veränderten Governanceformen von Hochschule und Wissenschaftseinrichtungen.

Rother und Ittel rekonstruieren zunächst zwei unterschiedliche Formen von Hochschulgovernance, die sich bezüglich der Ausprägung verschiedener Governance-Dimensionen (Hierarchie/Steuerung; Netzwerk/Selbstorganisation; Wettbewerb/Anpassungsdruck; Polyarchie/Mehrheitsentscheid) voneinander unterscheiden: die ‚Humboldt’sche Universität‘ mit flachen Hierarchien, einer gering ausgeprägten Leitungsstruktur und schwachen Wettbewerbselementen, die stark durch Kollegialitätsprinzip, Gremienentscheidungen und einen Netzwerkcharakter ausgezeichnet sei, sowie die ‚reformierte Universität‘, die durch klare und transparente Leitungsstrukturen auf allen Organisationsebenen, durch interne (Gehaltsstrukturen) und externe (Drittmitteleinwerbung) Wettbewerbskomponenten geprägt sei und auch auf Grund gesetzlicher Vorgaben (Ziel- und Leistungsvereinbarungen) einem erheblichen Anpassungsdruck ausgesetzt sei, während die Dimensionen der Selbstorganisation und der Polyarchie tendenziell geschwächt seien. Die Einführung des NPM – und damit der Wandel von der ‚Humboldtʼschen‘ zur ‚reformierten‘ Hochschule – habe auch Auswirkungen auf die Gleichstellungsarbeit, die an den Hochschulen zunehmend im Sinne des Gender-Mainstreamings als eine Aufgabe verstanden werde, die „alle Entscheidungsträger/-innen der Organisation“ betreffe (S. 65). Dabei könnten gerade die Leitungsebenen der Hochschulen nicht alle Dimensionen von Geschlechterkompetenz (Wollen, Wissen, Können) abdecken – mit der Konsequenz, dass Geschlechterwissen einen Bedeutungszuwachs erfahre, da „auf der Anwendungsebene[…] immer mehr Personen einer Organisation mit Gleichstellungsarbeit in Berührung kommen“ (S. 66). Zugleich erweise sich Geschlechterwissen als vielschichtig, da sich verschiedene Dimensionen (Alltags- und Erfahrungswissen, institutionalisiertes sowie popularisiertes und subjektives Geschlechterwissen nach Dölling; Alltagswissen, Expert/-innenwissen und wissenschaftliches Wissen nach Wetterer) unterscheiden ließen und Gleichstellungsakteur/-innen dementsprechend gefordert seien, hier Übersetzungsleistungen zwischen verschiedenen Wissensdimensionen und Akteurskonstellationen zu erbringen. Denn sowohl den dezentralen wie den zentralen Leitungsebenen der Hochschule fehlten möglicherweise das Wissen und das Können zur Umsetzung von Gleichstellungszielen. Allerdings führe auch ein ‚Mehr‘ an Geschlechterwissen nicht zwangsläufig zur Bereitschaft und/oder zur Fähigkeit, Gender-Mainstreaming umzusetzen. Ohne Willensbekundung der Hochschulleitung, so das Fazit von Rother und Ittel, ist Gender Mainstreaming nicht möglich. Hochschulleitungen seien oftmals – nicht zuletzt auch durch externen Druck – gewillt, Gleichstellungsziele umzusetzen, wobei es sich als die entscheidende Frage erweise, wie sie – mit Unterstützung weiterer Gleichstellungsakteur/-innen (Stabstellen, Gleichstellungsbeauftragte, Referent/-innen) – die dezentralen Organisationseinheiten der Hochschule zur Implementierung von Gleichstellungszielen anregen können. Gleichstellungsexpert/-innen müssten dementsprechend nicht alle zur Umsetzung von Gender-Mainstreaming befähigen, sondern möglicherweise überhaupt erst einmal den Willen zur Umsetzung herstellen. Hierbei ist es nach Ansicht der Autorinnen wünschenswert, wenn die Geschlechterforschung in einen strukturierten Austausch mit den Gleichstellungsakteur/-innen tritt, zumal gerade die Operationalisierung von Geschlechterwissen innerhalb von Verwaltungs- oder Managementstrukturen als Form der Herstellung von Geschlechterwissen betrachtet werden müsse.

Birgit Erbe rückt mit dem Drittmittelwettbewerb nun explizit die externen Anreizsysteme zur Herstellung von Geschlechtergleichstellung sowie insbesondere ihre Erfolge und Grenzen in den Blick. Anhand von vier – aus einer größeren Studie ausgekoppelten – kontrastierenden Fallanalysen, die sich hinsichtlich Größe, Frauenanteil, Standort (Ost- vs. Westdeutschland), der internen Governance (selbstverwaltungs- vs. managementorientiert) sowie der Institutionalisierung von Gleichstellungsstrukturen unterscheiden, geht die Autorin der Frage nach dem „Zusammenhang von äußerem Wettbewerb um Drittmittel und hochschulinterner Gleichstellungsgovernance“ nach (S. 82). Alle Universitäten erwiesen sich als motiviert, sich am Drittmittelwettbewerb um Gleichstellung zu beteiligen: Dabei ließen sich ‚externe‘ Motivationen (z. B. Verbesserung des eigenen Standings) und ‚interne‘ Motivlagen unterscheiden (z. B. Vertiefung der Verankerung von Gleichstellungsmaßnahmen innerhalb der Hochschule). Ebenso hätten die Gleichstellungsstrukturen an allen vier Universitäten an Bedeutung gewonnen. Gleichstellungspolitik werde dabei wissenschaftsgestützt betrieben und beinhalte zugleich Controlling- und Monitoring-Elemente – und zumeist auch Zielvereinbarungen. Letztere würden gemeinsam mit den zweckgebundenen Gleichstellungsmitteln aus der DFG-Förderung auch als Instrumente gesehen, die Mitglieder der Hochschule als Angehörige der wissenschaftlichen Profession insgesamt anzusprechen – auch wenn die Zielvereinbarungen an den Falluniversitäten nicht mit finanziellen Anreizen verknüpft seien.

Mitunter unterschieden sich jedoch die Akteurskonstellationen in der Gleichstellungspolitik stark voneinander, so dass dementsprechend auch die „Definitionsmacht beim Thema Gleichstellung“ in der Hochschulleitung, bei Hochschulleitung und Gleichstellungsakteur/-innen oder vor allem in den Selbstverwaltungsstrukturen liegen könne (S. 95). Solche Divergenzen seien einerseits von der Governance-Struktur der jeweiligen Hochschule abhängig, aber auch von der Frage, ob die Gleichstellungsbeauftragten eher Organisationsentwicklungs- oder Controllingfunktionen ausüben sollten.

Vom Wandel der Gleichstellungspolitik an Hochschulen…

Die Beiträge von Melanie Roski und Lena Weber zur ‚Governance der Gleichstellungspolitik‘ setzen unterschiedliche Akzente: Lena Weber bearbeitet im Ländervergleich zwischen Deutschland, Schweden und England die Frage nach den Zusammenhängen zwischen der Gleichstellungspolitik an den Hochschulen und den jeweiligen Formen des Wohlfahrtsstaatsregimes. Sie zeigt auf, dass die konkrete Form, die die ‚unternehmerische Hochschule‘ annimmt, maßgeblich auch von den staatlich modulierten gesamtgesellschaftlichen Konzepten von Gleichstellung abhängig ist. Dies führe in England zu einer Gleichstellungsgovernance, die markt- und wettbewerbsorientiert sei und den Hochschulen – auf Grund fehlender verbindlicher staatlicher Regulierungen und aus gleichstellungspolitischer Sicht oftmals nachteilig – viel Spielraum bei der Implementierung gebe. Hingegen lasse sich in Schweden beobachten, dass gerade die Stärke der staatlichen Gleichstellungspolitik dazu führe, dass die Hochschulen selbst nur wenig Anreiz hätten, eigenständige und innovative Gleichstellungsmaßnahmen zu entwickeln. Nochmals anders stelle sich die Situation in Deutschland dar, das einerseits eine über lange Zeit am Modell des männlichen Familienernährers ausgerichtete wohlfahrtsstaatliche Tradition aufweise, andererseits jedoch mit der Institutionalisierung von Gleichstellungsbeauftragten an Hochschulen bereits sehr früh ein einzigartiges gleichstellungspolitisches Instrument für die Hochschulen geschaffen habe. Zugleich seien gerade gleichstellungspolitische Maßnahmen zu entscheidungsrelevanten Parametern im Wettbewerb um Exzellenz geworden.

Melanie Roski fokussiert auf die veränderte Institutionalisierung von Gleichstellung an deutschen Hochschulen. Anhand der Analyse von 13 Hochschulen zeigt sie auf, dass vielfältige institutionelle Arrangements zur Ausgestaltung der Gleichstellungssteuerung genutzt werden. Dennoch bestehe eine Tendenz zur Implementierung dialogorientierter Verfahren sowie zu einer Verankerung von Gleichstellung auf der Leitungsebene. Dabei bleibe zunächst zwar offen, inwieweit es den Hochschulen tatsächlich gelingt, auf allen institutionellen Ebenen und insbesondere an den Fakultäten einen Wandel hin zu einer stärkeren Gleichstellungsorientierung zu initiieren. Nichtsdestotrotz sei eine formale Verankerung hierfür jedoch eine zentrale und notwendige Voraussetzung.

… zu einer Integration von Diversitäts- und Intersektionalitätspolitiken

Schließlich wenden sich die Beiträge des letzten Teils dem Verhältnis von Gleichstellungspolitik und Diversity zu. Karin Zimmermann und Anette Dietrich konstatieren hier zunächst verschiedene Spannungsverhältnisse: zwischen einem Fokus auf die Geschlechtergleichstellung und einem auf Diversity, zwischen managerialen und politischen Verständnissen von Gleichstellung und Diversity, aber auch hinsichtlich der Zielgruppen hochschulischer Gleichstellungs- und Diversitätspolitiken. Während Diversity-Programme vor allem die Heterogenität der Studierendenschaft und damit auch die Hochschullehre in den Blick nähmen, fokussierten Gleichstellungspolitiken auch ganz zentral auf die Beschäftigten der Hochschulen, und damit sowohl auf den Rekrutierungsprozess von Wissenschaftler/-innen als auch auf die Forschung. Dies liege nicht zuletzt auch an der unterschiedlichen rechtlichen Verankerung von hochschulischen Gleichstellungs- und Diversitätspolitiken. Um Synergien zwischen ‚klassischer‘ Gleichstellungspolitik und Diversitätspolitiken zu generieren, plädieren die Autorinnen für ein intersektionales, antiessentialistisches und selbstreflexives Verständnis von Diversität, mit dem eine macht- und herrschaftskritische Perspektive verbunden ist und mit dem sich „gesellschaftliche Normierungen, Strukturen von Ungleichheit und Ein- und Ausschlussmechanismen“ kritisch reflektieren lassen (S. 169).

Wie voraussetzungsvoll sich die Integration von Gleichstellungs- und Diversitätsperspektiven in der Praxis der Hochschulen gestaltet, illustriert der Beitrag von Angela Wroblewski mit dem Titel „Von Geschlechtergleichstellung zu Diversity an österreichischen Universitäten – Weiterentwicklung etablierter Politiken oder Entwicklung neuer Politiken?“. Die Autorin rekonstruiert, dass – auf der Basis des Universitätsgesetzes von 2002 – sowohl Maßnahmen zur Gleichstellung von Frauen und Männern sowie zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung entwickelt wurden, diese jedoch „nicht im Rahmen von Diversitätspolitiken zusammengedacht“ werden (S. 179). Die jeweiligen Akteur/-innen entwickeln ihrer Meinung nach Expertise für ihre jeweils spezifischen Zielgruppen, die intersektionale Zugänge erschwert: Zum einen seien die Zielgruppen nicht einheitlich definiert, und bestimmte Maßnahmen – etwa Prüfungserleichterungen für Studierende mit Behinderungen – würden unter Umständen gar nicht als Teil der universitären Gleichstellungspolitik erkannt. Zudem bestünden sowohl bei den Akteur/-innen der Behinderten- als auch der Geschlechtergleichstellung jeweils stereotype Bilder der ‚anderen‘ Gruppe, während zugleich das jeweils ‚eigene‘ Diskriminierungsmerkmal zentral gesetzt werde. Neben einer Weiterentwicklung der (rechtlichen) Rahmenbedingungen für eine diversitätsorientierte Gleichstellungspolitik sei deshalb die Entwicklung einer intersektionalen Perspektive durch die Gleichstellungsakteur/-innen selbst erforderlich. Hierzu mahnt die Autorin – neben dem weiteren Ausbau der Frauen- und Geschlechterforschung – auch eine Integration der Diversity und Disability Studies-Perspektive in Forschung und Lehre als unerlässlich an.

Fazit

Abgerundet wird der Band durch ein Interview mit Jutta Dalhoff, die zu Recht betont, dass eine wirkungsvolle Gleichstellungspolitik im Rahmen von Hochschulgovernance Verbindlichkeit benötigt, die darauf basiert, dass Erfolge und Misserfolge der Hochschulen in ihren Gleichstellungsbemühungen sanktioniert werden.

Die vielfältigen Beiträge des Sammelbandes fokussieren zumeist auf Projektstudien, die die Implementierung bzw. den Wandel von Gleichstellungspolitiken an den Hochschulen untersuchen und begleiten. Zumeist ist hierbei von Universitäten oder von Hochschulen im Allgemeinen die Rede. Ob sich die Governance-Strukturen für Gleichstellungsarbeit an Universitäten und an Fachhochschulen grundsätzlich unterscheiden, bleibt dabei jedoch unbeantwortet – und dies, obwohl andere Studien bereits Hinweise darauf erbracht haben, dass sich die Gleichstellungssteuerung – nicht zuletzt auch auf Grund verschiedener personeller und finanzieller Ressourcen – an Fachhochschulen anders als an Universitäten gestaltet (vgl. Kortendiek et al. 2016, S. 231 ff.).

Obwohl die ‚Geschlechterforschung‘ im Titel des Bandes eine prominente Rolle einnimmt, bleibt ihre Rolle bei der Gleichstellungsgovernance in vielen Beiträgen unbeleuchtet. Wird sie in die Analyse mit einbezogen, so offenbart sich in den Beiträgen zumeist ein eher instrumentelles Verständnis. Dabei wäre es spannend gewesen, auch das Themenfeld der Wissenschafts- und Forschungspolitik auszuleuchten und den Stand der Geschlechterforschung bzw. der Gender Studies innerhalb des Systems der Wissenschaften aus einer Governance-Perspektive zu erkunden. Zugleich hätte ein stärkerer Fokus auf die Geschlechterforschung auch die Herausforderungen sichtbar gemacht, vor die die Gleichstellungspraxis an den Hochschulen angesichts einer zunehmenden Hinwendung zu einem nicht-binären, nicht-heteronormativen Verständnis von Geschlechtlichkeit gestellt wird.

Nichtsdestotrotz vermittelt der Band einen aktuellen und lesenswerten Einblick in den Stand der Diskussion über Gleichstellungsgovernance an den Hochschulen, und zeigt anhand empirischer Beiträge die Bedeutung der Hochschulebene für eine normative Bewertung der Entwicklungen auf, ohne dass dabei jedoch die Ebene der Strukturen aus dem Blick verloren wird.

Literatur

Beaufaÿs, Sandra/Engels, Anita/Kahlert, Heike (Hg.). (2012). Einfach Spitze? Neue Geschlechterperspektiven auf Karrieren in der Wissenschaft. Frankfurt/Main, New York: Campus.

Binner, Kristina/Kubicek, Bettina/Rozwandowicz, Anja/Weber, Lena. (2013). Die unternehmerische Hochschule aus der Perspektive der Geschlechterforschung. Zwischen Aufbruch und Beharrung. Münster: Westfälisches Dampfboot.

Kahlert, Heike. (2013). Riskante Karrieren. Wissenschaftlicher Nachwuchs im Spiegel der Forschung. Opladen u.a.: Verlag Barbara Budrich.

Kahlert, Heike/Thiessen, Barbara/Weller, Ines (Hg.). (2005). Quer denken – Strukturen verändern. Gender Studies zwischen Disziplinen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Kortendiek, Beate/Hendrix, Ulla/Hilgemann, Meike/Niegel, Jennifer/Bünnig, Jenny/Conrads, Judith/Mauer, Heike. (2016). Gender-Report 2016. Geschlechter(un)gerechtigkeit an nordrhein-westfälischen Hochschulen. Hochschulentwicklungen, Gleichstellungspraktiken. Gender Gap in der Hochschulmedizin. Studien Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung NRW, Nr. 25. Essen.

Metz-Göckel, Sigrid. (2008). Hochschulforschung und Frauen- und Geschlechterforschung – zwei Welten begegnen sich? In Karin Zimmermann/Marion Kamphans/Sigrid Metz-Göckel (Hg.). Perspektiven der Hochschulforschung. (S. 37–63). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Schacherl, Ingrid/Roski, Melanie/Feldmann, Maresa/Erbe, Birgit. (2015). Hochschule verändern. Gleichstellungspolitische Innovationen im Hochschulreformprozess. Opladen u.a.: Verlag Barbara Budrich.

Vollmer, Lina. (2017). Gleichstellung als Profession? Gleichstellungsarbeit an Hochschulen aus professionssoziologischer Sicht. Wiesbaden: Springer VS.

Heike Mauer

Universität Duisburg-Essen

Koordinations- und Forschungsstelle des Netzwerks Frauen- und Geschlechterforschung NRW

Homepage: https://www.netzwerk-fgf.nrw.de/wissenschaftlerinnen/portrait/detail/heike-mauer/

E-Mail: heike.mauer@uni-due.de

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