Postkolonial-feministische Debatten innerhalb der gendersensiblen Migrationsforschung

Rezension von Verena Hucke

Sabine Gatt, Kerstin Hazibar, Verena Sauermann, Max Preglau, Michaela Ralser (Hg.):

Geschlechterverhältnisse der Migrationsgesellschaften.

Repräsentationen – Kritik – Differenz.

Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2017.

162 Seiten, ISBN 978-3-658-15886-6, € 44,99

Abstract: Im vorliegenden Sammelband, der Ergebnis einer Konferenz an der Universität Innsbruck ist, werden aus einer postkolonial-feministischen Perspektive zentrale Auslassungen der Migrationsforschung kritisiert (u. a. die Unterbelichtung von Geschlecht und Sexualität sowie die Negierung der Agency von Migrant_innen und der migrationsgesellschaftlichen Realität europäischer Staaten). Diese Auslassungen werden anhand verschiedener disziplinärer und theoretischer Zugänge thematisiert, unter anderem aus Soziologie, Geschichtswissenschaft und Medienwissenschaft. Die Beiträge geben dabei einen Überblick über derzeitige Debatten innerhalb der gendersensiblen Migrationsforschung.

In ihrem im Jahr 2000 veröffentlichten Aufsatz „Wie Frauen in der Migrationsgeschichte verloren gingen“ thematisierte Sylvia Hahn sowohl die wenig berücksichtigte Rolle von Frauen in der Geschichte der Migration als auch den Befund, dass die Kategorie ‚Geschlecht‘ in der Migrationsforschung insgesamt wenig Berücksichtigung findet. Diese Unterbelichtung ist 16 Jahre später immer noch aktuell und wird in dem vorliegenden interdisziplinären Sammelband Geschlechterverhältnisse der Migrationsgesellschaften: Repräsentationen – Kritik – Differenz, herausgegeben von Sabine Gatt, Kerstin Hazibar, Verena Sauermann, Max Preglau und Michaela Ralser, diskutiert. Der Sammelband ist das Ergebnis der gleichnamigen Konferenz, welche 2014 an der Universität Innsbruck stattfand, und enthält die zentralen Beiträge der Konferenz aus verschiedenen Disziplinen. Den versammelten Aufsätzen ist eine „methodologically transnational and postcolonial-feminist perspective […] with an interdisciplinary approach“ (S. 5) gemein. Sie greifen hochaktuelle Themen der Migrationsforschung aus einer geschlechtersensiblen Perspektive auf und ermöglichen Verknüpfungen zwischen den einzelnen, disziplinär unterschiedlich verorteten Aufsätzen. Insbesondere ist hervorzuheben, dass die Beiträge teilweise vor der Veröffentlichung aktualisiert wurden, um auch die Debatte um die Silvesternacht in Köln 2015/2016 einbeziehen zu können.

Als Desiderat formulieren die Herausgeber_innen in ihrer Einführung „Migration from a gender-critical, postcolonial and interdisciplinary perspective“ die Bearbeitung der folgenreichen Auslassungen der Migrationsforschung. Als solche benennen sie die Unterbelichtung von Geschlecht und Sexualität, das Ignorieren intersektionaler Diskriminierungserfahrungen, den Ausschluss nicht-eurozentristischer Perspektiven, die Befangenheit der Migrationsforschung durch den methodologischen Nationalismus sowie die Negierung der Agency, der Handlungsfähigkeit, von Migrant_innen und der migrationsgesellschaftlichen Realität europäischer Staaten (S. 3 f.). Im Hinblick auf die hier formulierten Auslassungen ist zu ergänzen, dass in den letzten Jahren nicht nur eine Unterbelichtung von Geschlecht zu verzeichnen ist, so wie es die Herausgeberinnen richtigerweise kritisieren, sondern auch eine Überbelichtung zu konstatieren ist, insbesondere im fluchtbezogenen Diskurs, wie dies Johanna Neuhauser, Sabine Hess und Helen Schwenken (2017) herausgearbeitet haben. Auch eine Überbelichtung sei nicht unproblematisch, denn diese habe „zumeist andere Ziele als das einer differenzierten Auseinandersetzung mit Geschlechterverhältnissen im Zusammenhang mit […] Migration“ (Neuhauser/Hess/Schwenken 2017, S. 177).

Theoretische und thematische Positionen

Der Sammelband gliedert sich in vier Kapitel, ergänzt durch eine vorangestellte Einführung der Herausgeber_innen. Im Folgenden wird schlaglichtartig der Inhalt der Beiträge zusammengefasst.

María do Mar Castro Varela und Nikita Dhawan kritisieren in ihrem Beitrag, dass innerhalb westlicher Diskurse Migrantinnen als passive Opfer gezeichnet werden, die von Unterdrückung auch aus ihrer eigenen Community betroffen sind. Gleichzeitig fragen die Autorinnen, wie geschlechtsspezifische Gewalt aus einer postkolonialen Perspektive innerhalb migrantischer Communities thematisiert werden kann, ohne dass dabei Rassismen bedient werden und dem dominanten Diskurs um die vermeintlich unterdrückte migrantische Frau in die Hände gespielt wird. Erol Yıldız bezieht sich in seinem Beitrag ebenfalls explizit auf postkoloniale Theorien. Er analysiert exemplarisch die Integrationsdiskurse in den deutschsprachigen Sozial- und Erziehungswissenschaften, um zu zeigen, wie Geschlecht und Ethnizität dort konstruiert werden. Der Autor plädiert für einen „kontrapunktischen Blick“ (S. 30), angelehnt an Edward Said (1994), mit welchem der Fokus auf die Position der Marginalisierten gerichtet werden kann und ihre Perspektiven sichtbar gemacht werden können.

Marginalisierte Positionen stehen auch im Fokus des Beitrags von Elisabeth Scheibelhofer und Sabrina Luimpöck. Die Autorinnen analysieren in ihrer Fallstudie die Lebensbedingungen von nach der Genfer Flüchtlingskonvention anerkannten Geflüchteten in Österreich und zeigen dabei, dass sowohl intersektionale Diskriminierung als auch Formen von Agency sichtbar werden. Im Kontext der Flüchtlingsanerkennung analysiert Michaela Ralser, inwiefern biopolitische Prozeduren als „Erbe einer überkommen geglaubten bio-politischen Strategie“ gesehen werden können. Dabei hat ihre Untersuchung die DNA-Analyse bei Familienzusammenführungen und die sogenannte Homosexualitätsfeststellung zur Flüchtlingsanerkennung als aufgrund der sexuellen Orientierung Verfolgte zum Gegenstand. Die Autorin zeigt, dass diese biopolitischen Prozeduren zur Reproduktion der Dichotomie „zwischen als legitim und als illegitim erachteten Gesellschaftsmitgliedern“ (S. 63) beitragen.

Verena Sauermann begibt sich in ihrem Beitrag auf eine diskursanalytische Spurensuche im Stadtarchiv Hall in Tirol und problematisiert den dort dokumentierten Diskurs über Migrant_innen als einen selektiven und zugleich ethnisierenden sowie sexualisierenden Diskurs, der in paternalistischer Weise ausschließlich über Migrant_innen und nicht mit ihnen geführt wird (vgl. S. 79). An diesen Beitrag schließen Christina Hollomey-Gasser, Marcel Amoser und Gerhard Hetfleisch mit ihrem Werkstattbericht an, in dem sie sich der Migrationsgeschichte Tirols „von unten“ (S. 95) anzunähern versuchen. Dabei reflektieren die Autor_innen, wie dies methodisch gelingen kann, und zeigen, dass in den bisherigen Erhebungen sowohl Beispiele für Marginalisierung als auch für Agency zu finden sind.

Melanie Hamen und Gergana Mineva beschäftigen sich in ihrem Beitrag ebenfalls mit der Frage der Repräsentation von Migrant_innten innerhalb dominanter Diskurse. Sie untersuchen Diskurse zu Sexarbeit daraufhin, welche Rolle den Sexarbeiter_innen zugeschrieben wird. Dabei dekonstruieren sie das Stereotyp der migrantischen Sexarbeiter_innen als passive Opfer und plädieren für die Sichtbarmachung ihrer Agency. Auch Laura Fuchs-Eisner widmet sich der Repräsentationsfrage von Geschlecht und Migration, jedoch nicht wie Hamen und Minveva im Kontext dominanter Diskurse, sondern innerhalb des Genres der Banlieue-Filme. Sie untersucht die bisher marginal erforschte Repräsentation von Männlichkeit im Kontext dieses Genres und thematisiert, wie in den analysierten Filmen einerseits durch das Element der Parodie dominante Männlichkeitsbilder hinterfragt werden sowie andererseits männlich konnotierte Gewaltbereitschaft zelebriert wird (vgl. S. 133). Yeşim Kasap Çetingök schließlich arbeitet in ihrem Beitrag die sich unterscheidenden Konzepte von Emanzipation in säkular-feministischen und islamisch-feministischen Diskursen heraus. Sie plädiert dafür, dass die Differenz zwischen den Konzepten durch die Abwendung von Fragen der Kultur und der Hinwendung zu Fragen ökonomischer Ungleichheit überwunden werden kann.

Die diskursive Repräsentation von Migration und Geschlecht

Fragen der Repräsentation von Migration und Geschlecht innerhalb dominanter Diskurse sind ein Thema, welches in migrations- und geschlechterwissenschaftlichen Debatten präsent ist. Dies zeigt sich auch in dem vorliegenden Sammelband, dessen Beiträge in Folge der Silvesternacht in Köln zum Teil überarbeitet wurden. Hier sei zunächst auf den Beitrag von María do Mar Castro Varela und Nikita Dhawan verwiesen. Die Autorinnen stellen heraus, dass die Thematisierung von geschlechtsspezifischer Gewalt in migrantischen Communities verknüpft ist mit der Mobilisierung vom Bild des ‚gewalttätigen migrantischen Mannes‘. Gleichzeitig ist eine Nicht-Thematisierung realer Gewalt keine Option, wie die Autor_innen deutlich herausarbeiten. In ihrem Beitrag bieten die Autorinnen keine einfache Lösung für diese „vertrackte Situation“ (S. 14) an, denn „postkoloniale Gewaltverhältnisse sind komplex. Sie […] nötigen uns dazu, Ambivalenzen auszuhalten“ (S. 15). Vielmehr plädieren sie für einen reflektierten Umgang und für Wachsamkeit in zweierlei Hinsicht: einerseits rassistische Praxen zu benennen und andererseits geschlechtsspezifische Gewalt zu thematisieren (S. 25 f.).

Daran anschließend sei auf den Beitrag von Verena Sauermann verwiesen. Die Autorin nimmt die Ausstellung „Hall in Bewegung: Spuren der Migration in Tirol“ als Ausgangspunkt für ihre Diskursanalyse. Dabei stellt sie die hegemoniale Stadtgeschichte anhand der Stadtchronik, welche ohne Migration als konstitutives Merkmal auskommt, ihrer Analyse des Haller Lokalanzeigers gegenüber. In ihrem Beitrag wird deutlich, was Castro Varela und Dhawan ebenfalls aufgezeigt haben, nämlich, dass im Diskurs um Migration und Gewalt spezifische Sagbarkeiten produziert werden (vgl. Dziuba-Kaiser/Rott 2016). Auch im Diskurs um Migration in Hall werden Vorstellungen über Migrant_innen produziert, in denen, wie Stephanie Dziuba-Kaiser und Janina Rott im Kontext der Silvesternacht herausgearbeitet haben, Ethnisierungen und Vergeschlechtlichungen verschmelzen. Der Diskurs um Migration in Hall zeigt „ein paternalistisches, sexualisierendes, ethnisierendes Sprechen über zu gänzlich Anderen verdammten Menschen, die eine Gefahr für das Haller Wir darstellen“ (S. 92, Herv. i. O.).

Kritische Würdigung

Der Sammelband ist als facettenreiche Auseinandersetzung mit Themen der geschlechtersensiblen Migrationsforschung zu betrachten. Insbesondere für Studierende, Wissenschaftler_innen oder Interessierte, die sich mit Fragen der diskursiven Repräsentation beschäftigen (wollen), bietet der interdisziplinäre Sammelband eine Fülle an Beiträgen. Die Autor_innen beschäftigen sich mit hochaktuellen Themen der Migrationsforschung und nehmen dabei unterschiedliche Ebenen von der Mikro- bis zur Makro-Ebene in den Blick. Dabei wird auch die Perspektive der Betroffenen und ihre Agency mit einbezogen, wie beispielsweise im Beitrag von Hamen und Mineva, die Dichotomisierungen innerhalb von Diskursen um Sexarbeit aus der Perspektive einer Migrant_innen-Selbstorganisation problematisieren.

Kritisch anzumerken ist, dass die in der Einleitung kritisierte Auslassung der Migrationsforschung, nämlich die Unterbelichtung von Sexualität, im Sammelband leider nicht zufriedenstellend bearbeitet wird. Lediglich im Beitrag von Hamen und Mineva finden queere und trans-Sexarbeiter_innen Erwähnung. Beiträge, die sich mit der Situation von queeren Migrant_innen beschäftigen, die ihre intersektionale Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen sowie ihre Agency thematisieren, hätten den Sammelband sicherlich bereichert. Ebenso ist kritisch anzumerken, dass es zuweilen nicht gelingt, die Vorstellung von ‚Frauen‘ als den ‚Anderen‘ aufzubrechen. In seinem Beitrag „Das strategische Geflecht von Migration, Ethnizität und Geschlecht“ formuliert Yıldız zunächst geschlechtersensibel, im Verlaufe seines Beitrags thematisiert der Autor lediglich Frauen in der Migrationsforschung. Hier reproduziert er die von der Geschlechterforschung kritisierte Vorstellung, dass bei der Thematisierung von Geschlecht nur Frauen gemeint oder gedacht werden und Männern damit eine unmarkierte Position zuteilwird.

Dessen ungeachtet bieten die Beiträge eine theoretische sowie empirische Vielfalt und sind somit sicher nicht nur für Migrationsforscher_innen aufschlussreich. Auch für Einsteiger_innen, Studierende und Praktiker_innen liefert der Sammelband einen reichhaltigen und gleichzeitig verständlichen Überblick über aktuelle Debatten, insbesondere zu Fragen der Repräsentation innerhalb der geschlechtersensiblen Migrationsforschung.

Literatur

Dziuba-Kaiser, Stephanie/Rott, Janina. (2016). Immer eine Armlänge Abstand vom ‚Anderen‘? Zur medialen Berichterstattung über das ‚Ereignis Köln‘. (S. 121–128). femina politica – Zeitschrift für feministische Politikwissenschaft, 2.

Hahn, Sylvia. (2000). Wie Frauen in der Migrationsgeschichte verloren gingen. In Karl Husa/Christof Parnreiter/Irene Stacher (Hg.). Internationale Migration: Die globale Herausforderung des 21. Jahrhunderts? (S. 77–96). Frankfurt am Main: Brandes & Apsel.

Said, Edward. (1994). Kultur und Imperialismus: Einbildungskraft und Politik im Zeitalter der Macht. Frankfurt am Main: Fischer.

Neuhauser, Johanna/Hess, Sabine/Schwenken, Helen. (2017). Unter- oder überbelichtet: Die Kategorie Geschlecht in medialen und wissenschaftlichen Diskursen zu Flucht. In Sabine Hess/Bernd Kasparek/Stefanie Kron/Mathias Rodatz/Maria Schwertl/Simon Sontowski (Hg.). Der lange Sommer der Migration: Grenzregime III. (S. 176–195). Berlin, Hamburg: Assoziation A.

Verena Hucke

Universität Osnabrück, Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien

E-Mail: vhucke@uni-osnabrueck.de

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