Theoretische Herausforderungen: Organisation und Geschlecht in Gesellschaft

Rezension von Heike Kahlert

Maria Funder (Hg.):

Gender Cage ─ Revisited.

Handbuch zur Organisations- und Geschlechterforschung.

Baden-Baden: Nomos Verlag 2014.

452 Seiten, ISBN 978-3-8487-0018-9, € 58,00

Abstract: Das längst überfällige Handbuch gibt erstmals für den deutschsprachigen Raum einen, wenn auch unvermeidlich selektiven Überblick zur organisationsbezogenen Geschlechterforschung bzw. geschlechterbezogenen Organisationsforschung. In klar gegliederter Form informieren die durchweg gut lesbaren 16 Beiträge zuzüglich Einleitung über den Wissensstand in diesem für den hiesigen Sprachraum noch recht jungen Forschungszweig und geben zugleich Anstöße zur Weiterentwicklung der Theoriebildung und empirischen Sozialforschung zum Themenkomplex Organisation, Gesellschaft und Geschlecht. Anhand der Beiträge wird deutlich, dass sich bisher eher die Geschlechterforschung auf die Organisationsforschung zubewegt als umgekehrt, der weitere Dialog beider Forschungsrichtungen wird herausgefordert.

Revision der Organisations- und Geschlechterforschung

Dass die Geschlechterforschung in den Sozialwissenschaften an Selbstbewusstsein hinsichtlich der fachlichen Breite und Tiefe, aber auch Bedeutung für die Wissenschaftsentwicklung gewinnt, zeigt sich nicht zuletzt an den um sich greifenden Versuchen, etablierte wissenschaftliche Wissensbestände, die sich bisher nicht besonders in der Auseinandersetzung mit Geschlechterfragen hervorgetan haben, aus einer Genderperspektive zu betrachten und dabei kritisch zu wenden wie auch weiterzudenken. Hierzu gehört nun auch die Organisationsforschung als ein Bereich, in dem aus Sicht der Geschlechterforschung so wichtige Fragen wie der hartnäckige Gender Pay Gap oder die anhaltende Unterrepräsentanz von Frauen in Führungspositionen behandelt werden. Gleichwohl fehlte bisher im deutschsprachigen Raum ein Überblickswerk zum Stand der organisationsbezogenen Geschlechterforschung bzw. geschlechterbezogenen Organisationsforschung.

Hier schließt das von der Soziologieprofessorin Maria Funder herausgegebene Handbuch zur Organisations- und Geschlechterforschung an, das als Band 1 der neuen Buchreihe „Arbeit, Organisation und Geschlecht in Wirtschaft und Gesellschaft“ des Nomos Verlags erschienen ist. Bereits sein Titel ist Programm, denn er wurde in Anlehnung an einen für die Organisationsforschung klassischen und einflussreichen Text aus dem Jahr 1983 gewählt: The Iron Cage revisited: Institutional Isomorphism and Collective Rationality in Organizational Fields von Paul J. DiMaggio und Walter W. Powell. Die beiden Autoren gaben darin den Anstoß, das bis dahin in der Organisationsforschung dominierende Rationalitätsprinzip des Bürokratiemodells von Max Weber zu überdenken. Die Rede von der ‚Revisite‘ des „Gender Cage“ soll nun laut der Herausgeberin zum Ausdruck bringen, „dass es an der Zeit ist, erstens die Genderkategorie im Mainstream der Organisationsforschung zu berücksichtigen und zweitens offen für aktuelle Transformationsprozesse der Geschlechterverhältnisse in Organisationen zu sein“ (S. 13). Der 16 Beiträge zuzüglich Einleitung enthaltende, stolze 452 Seiten umfassende Band ist in vier Teile gegliedert.

Organisations matter ─ ohne und mit Aufmerksamkeit für die Kategorie Geschlecht

Der erste Teil widmet sich dem Stand der von Funder so genannten Mainstream-Organisationsforschung hinsichtlich möglicher Anschlüsse an die Geschlechterforschung und ersten, wegweisenden Ansätzen der organisationsbezogenen Geschlechterforschung. Maria Funder fragt, „ob und inwieweit zwischen Organisations- und Geschlechterforschung die Möglichkeit eines Dialogs besteht“ (S. 31). Für die Klärung dieser Frage bündelt und differenziert sie hierzu im Anschluss an den Organisationsforscher W. Richard Scott (1986) drei Sichtweisen von Organisationen, nämlich „rationale Systeme“, „natürliche, soziale Systeme“ sowie „offene Systeme“, und ergänzt sie um eine relationale, prozessorientierte bzw. „reflexive Sicht auf Organisationen“. Die Autorin beleuchtet diese vier „Hauptstränge der Mainstream-Organisationsforschung“ (S. 32) daraufhin, inwiefern in ihnen die Geschlechterfrage eine Rolle spielt bzw. spielen könnte. Bezüglich eventuell verbesserter Chancen für eine Verschränkung von Mainstream-Organisationsforschung und Geschlechterforschung zeigt sie sich eher skeptisch: „Mainstream- und feministische Organisationsforschung finden bis heute weitgehend abgekoppelt voneinander statt und bilden quasi getrennte Welten.“ (S. 50) Funder macht nur vereinzelte Brückenschläge zwischen beiden aus, wobei sich eher die Geschlechterforschung auf die Mainstream-Organisationsforschung zubewege als umgekehrt. Als besonders anregend für den geforderten Brückenschlag erscheint dabei die von der Geschlechterforschung für die Organisationsforschung vorgeschlagene Verknüpfung von Mikro-, Meso- und Makroebene wie etwa im aktuell viel beachteten Neo-Institutionalismus.

Edelgard Ranftl rekonstruiert die Wurzeln feministischer Organisationssoziologie, die sie im angloamerikanischen Raum seit den 1970er Jahren ausmacht. Näher vorgestellt werden die in der organisationsbezogenen Geschlechterforschung nicht mehr wegzudenkenden Ansätze von Rosabeth Moss Kanter, Kathy E. Ferguson und Joan Acker, wobei auch kritische Einwände nicht ausgespart werden. Ansätze deutschsprachiger feministischer Organisationssoziologie, die nach Ranftl seit Mitte der 1990er Jahre entwickelt würden, werden leider in dem ansonsten informativen Text nur in einer Fußnote gewürdigt.

Gesellschaftstheorien = Organisationstheorien ─ mit der Kategorie Geschlecht

Vier Autor/-innen nähern sich im zweiten Teil dem Zusammenhang von Organisation und Geschlecht über aktuelle gesellschaftstheoretische Zugänge. Dabei handelt es sich sämtlich um einschlägige, auch anderweitig in der Geschlechterforschung rezipierte Sozialtheorien der Gegenwart. Den Auftakt macht Ralf Wetzels Auseinandersetzung mit der Systemtheorie Niklas Luhmanns. Wetzel wählt einen ebenendifferenzierenden Zugang und untersucht die verschiedenen Systemebenen ─ Gesellschaft, Interaktion und Organisation ─ hinsichtlich der Geschlechterdifferenz. „Im Kern verschafft die Theorie vor allem Überblick über eine differenzierte Relevanz der Geschlechterunterscheidung über die moderne Gesellschaft hinweg.“ (S. 117) Als das eigentlich laut dem Autor Überraschende und Verblüffende erweist sich dabei die Geschlechterdifferenz und die damit verbundene männliche Dominanz, die es aus systemtheoretischer Sicht in der modernen Gesellschaft gar nicht (mehr) geben dürfte. Wetzel interpretiert dies als Plädoyer „gegen allzu schnelle Festlegung“ (S. 118).

Roswitha Hofmann setzt sich mit dem Theorieprogramm Michel Foucaults auseinander. Dabei gibt sie einen Überblick über zentrale Begriffe und Konzepte Foucaults sowie über die Bezüge seines Theorieprogramms zu Organisationen, geht auf dessen feministische Rezeption ein und fokussiert schließlich vor dem Hintergrund poststrukturalistisch orientierter feministischer Theoriebildung das Konzept der Organisation als Regierungsdispositiv, das von Bruch und Türk (z. B. 2005) entwickelt wurde. Johanna Hofbauer untersucht das „Begriffswerkzeug“ (S. 143) Pierre Bourdieus in seiner Aussagekraft für die Analyse von Geschlechterungleichheit in Organisationen und eröffnet so eine neue Perspektive auf seinen „Werkzeugkasten“ (S. 142), der bisher eigentlich in organisationstheoretischer Hinsicht nicht auffällig war. Abgeschlossen wird dieser Teil mit einem Beitrag von Steffen Dörhöfer zu Anthony Giddens’ Strukturationstheorie, die die Gleichzeitigkeit von Stabilität und Wandel der Geschlechterverhältnisse in Organisationen und in der modernen Gesellschaft zu analysieren ermöglicht. Dörhöfer entwickelt dabei anregende Perspektiven für eine Mehr-Ebenen-Theorie der Geschlechterdifferenzierung in Organisationen.

Organisationsforschung für die Analyse der Geschlechterverhältnisse

Im dritten Teil des Handbuchs sollen ausgewählte Sichtweisen der Organisationsforschung auf die Geschlechterverhältnisse eröffnet werden. Eingangs suchen Maria Funder und Florian May nach Anschlussstellen des derzeit in der Organisationsforschung viel diskutierten Neo-Institutionalismus an die Geschlechterforschung. Zwar sei auch dieser bisher weitestgehend geschlechterblind, zugleich aber in mehrerlei Hinsicht vielversprechend für einen weiteren Dialog mit der Geschlechterforschung. Nach einer Kommentierung ausgewählter Aussagen des soziologischen Neo-Institutionalismus aus Sicht der Geschlechterforschung kristallisieren Autorin und Autor Argumentationsmuster heraus, die ihrer Ansicht nach Impulse für die organisationssoziologische Geschlechterforschung liefern können: die Interdependenz von Organisation und Gesellschaft, die durch Institutionen hergestellt wird; die These der Entkopplung; die These der Homogenisierungstendenzen; und theoretisch weitergehende Überlegungen zur Erfassung der Gleichzeitigkeit von aufkommender Gleichstellungssemantik und beharrender geschlechtlicher Arbeitsteilung in Gestalt einer „Mythenspirale der Egalität“ (S. 219).

In vier weiteren Beiträgen werden ebenfalls aufschlussreiche und weiterführende Überlegungen der Organisationsforschung auf die Geschlechterverhältnisse aufgezeigt: Edeltraud Hanappi-Egger und Helga Eberherr setzen sich unter Rückgriff auf die prozessorientierte Organisationstheorie mit der Bedeutung von Geschlecht und dem Un/Doing Gender im Organisieren auseinander. Daniela Rastetter und Christiane Jüngling erörtern die Leistungsfähigkeit des mikropolitischen Ansatzes aus einer Geschlechterperspektive am Beispiel von Emotionsarbeit im Management. Die Erträge der Organisationskulturforschung für die Auseinandersetzung mit Geschlechterkonstruktionen und -verhältnissen in Organisationen lotet Brigitte Liebig aus. Der letzte Beitrag in diesem Teil weicht etwas von der Systematik ab, von der Organisationsforschung ausgehend Perspektiven auf die Geschlechterverhältnisse zu werfen, was seinem Ertrag jedoch keinen Abbruch tut: Maja Apelt und Sylka Scholz sichten die Männlichkeitsforschung zur Erklärung des Zusammenhangs von Organisation und Geschlecht und fokussieren dabei die hegemoniale Männlichkeit.

Interventionsstrategien: Gender, Diversity und Intersektionalität

In den Beiträgen des vierten und letzten Teils werden schließlich „Interventionsstrategien und Perspektiven im Hinblick auf das widersprüchliche Zusammenwirken von Beharrungs-, Rekonfigurations- und Auflösungsprozessen von Geschlechterasymmetrien in Organisation und Gesellschaft“ (S. 14 f.) in den Blick genommen. Hier geht es also um die aktuellen Debatten über Diversity und Intersektionalität und damit verknüpfte Möglichkeiten, organisationalen (und gesellschaftlichen) Wandel zu analysieren bzw. zu bewirken. Gertraude Krell leitet diesen Teil mit einer Erzählung einer „Diskursgeschichte“ (S. 319) von Gender und Diversity ein und macht dabei fünf mögliche Varianten der Verbindung von Gender und Diversity aus. Die Entstehung, Praxis und Herausforderungen des Diversity Management stehen im Mittelpunkt des Beitrags von Nathalie Amstutz und Regula Spaar, während sich Helga Eberherr mit Intersektionalität aus der Organisationsperspektive beschäftigt. Den Abschluss bilden Beiträge von Roswitha Hofmann zu queer-theoretischen Sichtweisen auf die Organisationsforschung und von Elke Wiechmann zur Geschlechterdemokratie in Organisationen.

Anstoß zum Dialog von Organisations- und Geschlechterforschung

Das Handbuch will, so Funder, einen Beitrag dazu leisten, „weitergehende theoretische Konzepte und Analyserahmen zu entwickeln, die es erlauben, das komplexe mehrdimensionale Zusammenwirken von Geschlecht, Organisation und Gesellschaft in seiner ganzen Widersprüchlichkeit und Ambiguität zu erfassen“ (S. 14). Ziel des Bandes ist es, in einem ersten Schritt für den „längst fällige[n] Dialog zwischen Organisations- und Geschlechterforschung [...] einen Überblick über klassische und aktuelle sozialwissenschaftliche Theorieangebote, Analysen und Debatten der Organisations- und Geschlechterforschung zu geben“ (S. 12 f.). Diese Zielsetzung wird in gut lesbarer und klar strukturierter Form eingelöst. Hilfreich sind außerdem die Angaben zu weiterführender Literatur in den einzelnen Texten sowie ein Personen- und Stichwortregister.

Zweifellos ist das Handbuch ein wichtiger Anstoß für weitere Gespräche zwischen Organisations- und Geschlechterforschung, liefert es doch zugleich neben dem, wenn auch notwendigerweise selektiven Überblick auch Angebote für theoretische wie begrifflich-konzeptionelle Weiterentwicklungen dieses augenscheinlich noch ungleichgewichtigen, vor allem von der Geschlechterforschung ausgehenden Dialogs. Deutlich wird bei der Lektüre, dass nicht nur die Organisationsforschung vom Dialog mit der Geschlechterforschung profitieren kann, sondern umgekehrt ebenfalls die Geschlechterforschung gewinnen kann, wenn sie das Gespräch mit der Organisationsforschung auch weiterhin, ggf. gar vertieft, sucht. Die Vorteile für die Organisations- wie die Geschlechterforschung liegen dabei auf der Hand: wechselseitige Schärfung ihrer Konzepte, Begriffe und Theorien wie auch Eröffnung neuer Forschungsperspektiven auf das Zusammenwirken von Geschlecht, Organisation und Gesellschaft. Es bleibt abzuwarten, wie dieses Angebot aufgegriffen und genutzt wird.

Heike Kahlert

Ruhr-Universität Bochum

Fakultät für Sozialwissenschaft, Inhaberin des Lehrstuhls für Soziologie/Soziale Ungleichheit und Geschlecht

Homepage: http://www.heike-kahlert.de

E-Mail: mail@heike-kahlert.de

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