Breiter Zugang ─ unklare Zielstellung

Rezension von Robert Claus

Annette R. Hofmann, Michael Krüger (Hg.):

Rund um den Frauenfußball.

Pädagogische und sozialwissenschaftliche Perspektiven.

Münster u. a.: Waxmann Verlag 2014.

189 Seiten, ISBN 978-3-8309-3014-3, € 29,90

Abstract: Die Autor/-innen nehmen sich des Themas aus höchst unterschiedlichen Perspektiven an: So reicht die Bandbreite der Beiträge von journalistischen Betrachtungen zur Frauen-WM 2011 über eine historische Aufarbeitung des Zusammenhangs zwischen Fußball, Nation und Geschlecht bis hin sportpädagogischen Fragestellungen mit Fokus auf Grundschüler/-innen. Doch die einzelnen Teile dieses breiten Fundaments stehen in dem Sammelband zuweilen etwas unverbunden nebeneinander, ihm fehlt eine Zielstellung. Zudem werden sie zumeist von einem unkritischen Sportbegriff getragen, der allein die Potentiale für soziale Arbeit hervorhebt, ohne auch Risiken, Grenzen und negative Aspekte ausreichend zu benennen.

Mädchen- und Frauenfußball ist in den vergangenen Jahren verstärkt in den Fokus sowohl der wissenschaftlichen, pädagogischen wie auch der aktivistischen Debatten gerückt. Dies verwundert kaum, werden hier doch Themen wie Gleichberechtigung, Emanzipation und Empowerment für Spieler/-innen innerhalb des in Deutschland beliebtesten und zugleich vorherrschendsten Sports verhandelt. Nur fällt ein Zwischenfazit im Sommer 2015 äußerst ambivalent aus: Denn obwohl das Interesse von Frauen an Fußball gestiegen zu sein scheint, der Anteil von Frauen in den Bundesligastadien seit der Herren-Weltmeisterschaft 2006 rapide angewachsen ist und die Europameisterschaft 2008 von mehr Frauen als Männern im TV verfolgt wurde, schlägt sich dies kaum auf den aktiven Sport nieder.

Zwar versucht der Deutsche Fußball-Bund (DFB) den Frauenfußball schrittweise zu fördern und verlieh z. B. Türkiyemspor Berlin 2007 den ersten ausgelobten Integrationspreis für seine vorbildliche Arbeit mit kickenden Mädchen. Doch konnte auch die Weltmeisterschaft der Frauen 2011 in Deutschland nicht für den erhofften Boom der Sparte sorgen. So führte der DFB im Jahr 2012 6,8 Millionen Mitglieer, davon 734.000 weiblich. Doch bereits 2000 hatte der Frauenanteil bei 11% gelegen. (vgl. Krüger, S. 14). Darüber hinaus kann sich nur das Nationalteam der Frauen erhöhter Aufmerksamkeit erfreuen, die Bundesliga fristet ihren Spielbetrieb weiterhin auf geringem Zuschauer/-innen-Niveau.

Zugleich verdeutlichen die Beispiele, welch komplexes Gebilde um den (Frauen-)Fußball herum existiert. Es besteht aus Verbänden, großen Events, Sponsoren, medialer Berichterstattung, dem Vereinssport an der Basis sowie seiner Geschichte. Sich dieses Netzwerks annehmend, haben die Herausgeber/-innen den Band in vier Blöcke unterteilt: In „Geschichte und Kultur des Fußballs“ beschäftigt sich Michael Krüger mit der nationalen und vergeschlechtlichten Geschichte des Fußballs, Annette Hofmann nimmt einen internationalen Vergleich der Entwicklungen des Frauenfußballs vor. In „Die Frauenfußball-WM 2011 – ein journalistischer Blick“ wird ein Rückblick auf die Werbestrategien zur WM 2011 sowie die Sportredaktionen der bundesdeutschen Leitmedien geworfen. Im Abschnitt „Frauenfußball aus Sicht der Gender-Forschung“ untersucht Daniela Schaaf die mediale Inszenierung von Weiblichkeit und Rosa Diketmüller Homosexualität im Frauenfußball. Der letzte Teil ─ „Frauenfußball ─ sportpädagogische Aspekte“ ─ bildet das größte Kapitel. Hier untersuchen z. B. Nina Stecher die Erfahrungen von Realschüler/-innen sowie Annette Hofmann und Kai Nörrlinger die Einstellungen von Grundschüler/-innen zum Frauenfußball. Zudem stellen Ulf Gebken und Katharina Althoff ihr Konzept der Schul-AGs für Mädchenfußball vor. Die Texte entstanden überwiegend aus der Ringvorlesung an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg 2011, an der Sportwissenschaftler/-innen sowie Journalistinnen teilnahmen. Kopien handgeschriebener Kurztexte von Grundschüler/-innen zur Frage „Warum spielen Frauen weniger Fußball als Männer?“ lockern das Buch zwischen den Texten auf.

Eine historische Verbindung: Fußball, Nation und Männlichkeit

Michael Krüger leistet den tiefgründigsten und weitreichendsten Beitrag des Bandes unter dem Titel „Vom ‚Stauchballspiel‘ zum Frauenfußball ─ zur Geschichte des populärsten deutschen Sports“. Darin schildert er, wie Pädagogisierung und Nationalisierung des Fußballs an den englischen Public-Schools im 19. Jahrhundert erst dann begannen, als man den Wert dieses Spiels zur Erziehung nationaler Eliten erkannte (S. 18–21). Selbigen Prozess machte das Turnen in Deutschland zu jener Zeit mit, wobei es in diesem Athletizismus darum ging, „to govern others and to control themselves“ (S. 21) zu lernen. Um die Jahrhundertwende bis in die 1920er Jahre trugen der deutsche Fußball sowie das Turnen eine stete Konkurrenz um die Vorherrschaft im nationalen Sport aus. Nur blieben sie hierbei nicht ihren Disziplinen treu. Heute fast vergessen: Auch die deutsche Turnerschaft trug zwischen 1925 und 1930 eigene Fußball-Meisterschaften aus, konnte ihren Spielbetrieb gegenüber dem DFB jedoch nicht durchsetzen. Überdies geriet die deutsche Turnerschaft aufgrund ihres „kleinbürgerlich-patriotischen Nationalismus“ (S. 31) gegenüber dem Fußball ins Hintertreffen, z. B. als man zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Teilnahme an den olympischen Spielen aufgrund ihres internationalen Charakters ausschlug.

Darüber hinaus waren beide Sportarten zu großen Teilen der männlichen Bevölkerung vorbehalten und verfolgten das Ziel, „die sittlichen Kräfte des Volks“ wieder zu stärken, um die nationale „Knechtschaft“ nach Ende des ersten Weltkriegs zu überwinden, wie Krüger den Tübinger Universitätsturnlehrer Paul Sturm zitiert (S. 36). Bis heute haben sich die Geschlechterverhältnisse jedoch grundlegend gewandelt: Während Fußball noch immer eine männerdominierte Sportart ist, führt der Turnverband eine Mehrheit an Frauen als Mitglieder. Krüger hofft auf weiteren Zuwachs an weiblichen Mitgliedern im DFB sowie deren sportliche Steigerung: „Wenn die Leistungsentwicklung im Frauensport anhält, wird früher oder später die Zeit kommen, dass die Trennung der Geschlechter in einzelnen Sportarten […] aufgehoben wird […], weil die Spiele und Wettkämpfe […] attraktiver und spannender werden, wenn Männer und Frauen auf dem selben Leistungsniveau Wettkämpfe austragen“ (S. 12) ─ eine schöne Vorstellung, welche die positiven Potentiale des Sports zum Empowerment von Mädchen andeutet.

Doch schleichen sich bei Krüger zuweilen allzu enthusiastische Momente ein: „Es war 1914 an der Westfront, als Deutsche, Briten und Franzosen nicht nur einen begrenzten Waffenstillstand schlossen und gemeinsam Weihnachten feierten, sondern sie spielten […] Fußball. […] Das ist eine bewegende Geschichte und belegt die Phrase von der völkerverbindenden Kraft des internationalen Sports und des Fußballs“ (S. 28). Für kurze Zeit scheint an der damaligen Westfront nicht nur der Krieg vergessen, sondern in der heutigen Rückschau auch die Kritik ins Abseits geraten zu sein. Denn in Anbetracht der im restlichen Text ausführlich dargelegten herrschaftlichen wie nationalen Aufladung des Fußballs kommt das Resümee doch ein Stück zu euphorisch daher.

Den Sportbegriff kontextualisieren

Dies betrifft nicht allein Krügers Beitrag. Schon in der Kurzdarstellung der Reihe „Edition Global-lokale Sportkultur“ deutet sich an, was auch große Teile des Buches durchzieht ─ eine allzu positive wie unkritische Deutung des Sports. Dort heißt es: „Der moderne Sport […] ist ein globales Phänomen. Seine großen Ereignisse, die Olympischen Spiele und Weltmeisterschaften, führen Menschen aus allen Erdteilen zusammen und bannen Millionen vor dem Fernsehschirmen.“ Das kommt einem Werbetext gleich. Muss an dieser Stelle wirklich daran erinnert werden, wie die Deutsche Nationalmannschaft zur WM 1978 nur wenige hundert Meter von einem Foltergefängnis der argentinischen Militärjunta ihr Trainingslager aufschlug und der Deutsche Fußball-Bund (DFB) darüber kein Wort verlor? Dass die Mannschaft des Irans nach der verpassten Qualifikation zur WM 1994 in den USA zur Bestrafung für die nationale Schande in Teheran schwer gefoltert wurde? Oder dass bei den Ausschreitungen während eines Ligaspiels im ägyptischen Port Said während des ‚arabischen Frühlings‘ im Februar 2012 74 Menschen ums Leben kamen sowie knapp tausend verletzt wurden?

An all diesen Dingen trägt nicht der Sport allein Schuld. Vielmehr ist er Teil komplexer politischer, sozialer Verhältnisse und Konflikte. Doch muss eine kritische Analyse eben auch benennen, dass der Fußball nicht einfach ‚gut‘ ist, sondern Teil dieser gesellschaftlichen Prozesse ist, auf die sich ein genauer Blick lohnt. Denn was an den genannten Beispielen im ‚großen‘ Weltgeschehen ablesbar ist, gilt auch im Kleinen und Lokalen: Sport bietet nicht nur Möglichkeiten der Kommunikation, des Verbindenden und des Erfolgserlebnisses, sondern auch Potentiale für Gewalt, Frust und Diskriminierung. Diese Vielschichtigkeit fällt in dem Band jedoch Sätzen wie dem folgenden anheim: „Im Sommer 2011 war wieder einmal das ganze Land im Fußballfieber“ (S. 175). Kritisch könnte gefragt werden: Wer ist dieses ‚ganze Land‘? Waren wirklich alle vom deutschen Team begeistert? Und was geschieht mit Menschen, die es nicht waren? Doch derlei Fragen werden nicht gestellt, auf eine kritische Einordnung wartet man die meiste Zeit vergebens. So bleibt zu ergänzen: Sollen die positiven Aspekte des Sports und seiner Events überwiegen, muss dies politisch, sozial, kulturell und pädagogisch begleitet werden. Einen derartigen Zugang hätte man sich stärker von dem Band gewünscht.

Darüber hinaus ist das Anliegen, die Förderung des Frauenfußballs wissenschaftlich zu fördern, zwar aller Ehren wert, doch droht das Verständnis von Geschlecht als soziologischem Begriff an manchen Stellen allzu starr zu geraten. So schwanken einige Autor/-innen zwischen einer kritischen Hinterfragung geschlechtlicher Zuschreibungen einerseits und der unkritischen Reproduktion von Vorstellungen darüber, wie Frauen und Männer nun mal seien, andererseits. So lässt sich fragen, weshalb in dem Band zum Teil der Begriff der „Frauenmannschaft“ (z. B. S. 124) Verwendung findet. Oder warum in Bezug auf weibliche Homosexualität der Begriff der „Toleranz“ dermaßen stark gemacht wird (z. B. S. 100). Ihm hängt immer an, dass eine dominante Mehrheit etwas von der Norm Abweichendes toleriert, manchmal gar aushält. Auf diese Weise bleibt Homosexualität immer etwas Sonderbares. Geht es stattdessen nicht um Emanzipation? Dementsprechend wäre ein kritischerer Umgang mit dem eigenen Begriffsapparat wünschenswert gewesen, liegen doch auch hier Potentiale für eine produktive Auseinandersetzung über den Sport und seine sozialen Funktionen. Dies gilt für das gesamte Buch.

Zugleich hätten sich vielerlei Anknüpfungspunkte für Forschungsdesiderate angeboten. So wäre es wünschenswert gewesen, nicht allein zu konstatieren, dass Grundschüler/-innen bereits z. T. sehr traditionelle Ansichten über (die Unmöglichkeit von) Frauen und Fußball vertreten, sondern ebenso anzuregen, diesen Lernprozess über Geschlechterideale und seinen konkreten Fußballbezug einmal näher zu untersuchen (vgl. Hofmann und Krüger, S. 184). Zumal besonders interessant erscheint, dass manche Jungen erstaunlich progressive Ansichten äußerten, wie Maximilian: „Schön, dass es Frauenfußball gibt […]. Schön, dass es gleich ist wie bei den Männern“ (S. 182). Eine weitergehende Frage an dieser Stelle könnte lauten: Wie kann eine sensible pädagogische Praxis dies aufgreifen und damit arbeiten? Doch leider kommen die Autor/-innen nicht über die Schlussfolgerung hinaus, dass sich Frauenfußball als „fruchtbare Thematik herausgestellt [hat], um über gesellschaftlich konstruierte Geschlechterordnungen und -hierarchien im Unterricht zu diskutieren und sie eventuell in Frage zu stellen“ (S. 185). Das ist noch zu grob, um eine Handlungsempfehlung für Praktiker/-innen zu sein.

Ungleich konkreter hingegen entfaltet sich der Plan zur Entwicklung des Mädchenfußballs an Schul-AGs von Ulf Gebken und Katharina Althoff, der jedoch an anderer Stelle bereits ausführlich dargeboten und besprochen wurde. Darüber hinaus kann auf den Beitrag von Weigelt-Schlesinger verwiesen werden, die das Konzept des Empowerments erläutert. Auf personeller Ebene fokussiert es persönliche Potentiale, auf sozialer Ebene Gruppenzugehörigkeit und auf gesellschaftlicher Ebene Teilhabe an Ressourcen. Anschließend bricht die Autorin dies auf den Unterricht runter. Sie benennt hierfür Eckpunkte, wie z. B. „Stärken und Schwächen [der Teilnehmer] konstruktiv zu bearbeiten“, „Themenschwerpunkte zu setzen“ und „kooperatives Lernen“ (S. 141 f.) am Ball zu fördern.

In den journalistisch gestalteten Beiträgen beschäftigen sich die Autor/-innen mit der medialen Darstellung der Frauen-WM 2011 in Deutschland. Darin kritisieren Daniel Küchenmeister und Thomas Schneider, dass das Großereignis zu stark vom Fokus auf eine Verbesserung des Images des Frauenfußballs geleitet war. So seien durch breit angelegte Werbemaßnahmen elf ausverkaufte Spiele und 17 Millionen Fernsehzuschauer/-innen als Spitzenwert bei der Partie Deutschland gegen Japan (S. 63) zu verzeichnen gewesen. Darüber hinaus hätten es die Verbände jedoch verpasst, den Frauenfußball als gesellschaftliches Thema langfristig in der öffentlichen Wahrnehmung zu verankern. So fragen die Autoren kritisch: „Die veranstaltenden Institutionen […] müssen sich letztlich fragen lassen, was denn aus den in Broschüren, Einladungsflyern, Eröffnungsvorträgen etc. beschworenen Problemfeldern geworden ist – sind diese nach der WM nicht mehr aktuell? Sind plötzlich alle offenen Fragen geklärt und alle gesellschaftlichen Spannungen gelöst?“ (S. 66) Treffend veranschaulicht Eva Hammel diese Fragen in ihrem Bericht über ihre Erfahrungen als Journalistin, die die WM im Auftrag der Stuttgarter Nachrichten begleitete. Als eine der Journalist/-innen hatte sie versucht, das Turnier mit einer Mischung aus Fachwissen und Vorstellen der Spielerinnen den Leser/-innen näher zu bringen ─ und stieß dabei teilweise auf Widerstand von Kollegen, in denen nach dem Ausscheiden der deutschen Elf „der Macho erwachte“ (S. 73). Sprüche wie „Dritte Plätze sind nur für Männer ─ die Frauen wären dankbar dafür“ (ebd.) waren dann in der Redaktion zu hören. Der Beitrag ist eine ernste und kritische Aufarbeitung der Geschehnisse, die aufzeigt, mit welch abwertendem Gestus der Frauenfußball zum Teil noch immer behandelt wird.

Ein Steinbruch ideenreicher Ansätze

Letzten Endes hält der Band eine Reihe an höchst unterschiedlichen Zugängen bereit, die von wissenschaftlichen Beiträgen über journalistische Texte bis zu Bildern von Grundschüler/-innen reichen. Doch wäre bei der Zusammenführung der Beiträge eine konzeptuelle und explizitere Rahmung wünschenswert gewesen, um die einzelnen Stränge stärker miteinander zu verbinden. So bleibt zumeist unklar, ob es den Herausgeber/-innen darum geht, einen fachübergreifenden Debatten- und Erkenntnisstand herauszuarbeiten, Forschungslücken zu benennen, konkrete Handlungsempfehlungen für (angehende) Praktiker/-innen zu entwickeln oder einfach verschiedene Perspektiven, inklusive derer von Schüler/-innen, auf den Sport zu sammeln und zu fördern. Oder alles zusammen. Somit empfiehlt es sich eher, den Band als ideenreichen Steinbruch zu lesen.

Robert Claus

Leibniz Universität Hannover

M.A. der Europäischen Ethnologie sowie der Gender Studies, Mitarbeiter in der „Kompetenzgruppe Fankulturen und Sport bezogene Soziale Arbeit“ (KoFaS) am Institut für Sportwissenschaft

E-Mail: robert_claus@gmx.de

(Die Angaben zur Person beziehen sich auf den Stand zum Veröffentlichungsdatum.)

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