Die nachhaltige Wirkung Simone de Beauvoirs

Rezension von Romana Weiershausen

Ingrid Galster:

Simone de Beauvoir und der Feminismus.

Hamburg: Argument Verlag 2015.

272 Seiten, ISBN 978-3-86754-501-3, € 18,00

Abstract: Ingrid Galster hat ihre Schriften zu Simone de Beauvoir und zur Frauen- und Geschlechterforschung in einem Band zusammengeführt. Die Artikel vermitteln klare Einsichten und ergeben ein beeindruckendes Gesamtbild, das die – neue oder erneute – Lektüre lohnt.

Der jüngst erschienene Band zu Simone de Beauvoir versammelt wissenschaftliche Aufsätze, Zeitungsartikel und Rezensionen einer bekannten Beauvoir-Expertin: Seit einem Vierteljahrhundert forscht Ingrid Galster über die französische Intellektuelle und Schriftstellerin. Vielleicht ist es das, was dieses Buch so besonders macht. Es ist mehr als die Neuauflage kluger Beiträge zu Beauvoir: Durch die Zusammenstellung der disparaten, zu unterschiedlichen Zeiten entstandenen Texte ─ die Verfasserin spricht von einem „hybriden Ensemble“ (S. 7) ─ gelingt etwas sehr Persönliches. Lesend gewinnt man einen Eindruck davon, was Wissenschaft sein kann und in einer schnelllebigen Zeit unter Drittmittelzwängen immer seltener ist: eine leidenschaftliche Auseinandersetzung mit einem Lebenswerk, das die Wissenschaftlerin seit der ersten Beschäftigung nicht mehr loslässt und auch für sie selbst zunehmend zu einer Art Lebenswerk geworden ist.

Werk- und Wissenschaftsgeschichte

Der Aufsatzband enthält zwei Teile. Der erste, wesentlich umfangreichere gilt Simone de Beauvoir und ihrem Werk, der zweite weiteren Entwicklungen der Frauen- und Geschlechterforschung nach Beauvoir. Bei einer Sammlung von Beiträgen, die in jeweils anderen Kontexten und für andere Publikationen entstanden sind, ist eine innere Struktur kaum zu erwarten. Beim vorliegenden Band aber wurde ein guter Weg gefunden. Als leitendes Interesse kann man die Bedeutung und Wirkung Beauvoirs ausmachen. Dies ist als Anknüpfungspunkt für den zweiten Teil offensichtlich, es bestimmt aber auch bereits die Anordnung der Beiträge des ersten Teils (zu Beauvoirs Schaffen). Die Sortierung orientiert sich nämlich an den „Rollen Beauvoirs“ (S. 8), die Galster aus ihrer Analyse der Nachrufe abgeleitet hat: „Vorkämpferin des Feminismus“ (1.), „Partnerin Sartres“ (2.), „Linksintellektuelle[]“ (3.) und „Schriftstellerin“ (4.). Die gesammelten Beiträge bedienen dieses Raster unterschiedlich stark: Auf vier Beiträge zum geschlechterpolitisch Epoche machenden Werk Das andere Geschlecht (zur ersten Rolle) folgen zwei Beiträge zum Paar Sartre/Beauvoir (zur zweiten Rolle), ein Beitrag zu Beauvoirs Tätigkeiten in der Zeit der Vichy-Regierung (zur dritten Rolle) und schließlich vier kurze Zeitungsartikel zu Beauvoirs Tagebüchern und zu ihrem Briefwechsel mit Sartre, Nelson Algren und Jacques-Laurent Bost (zur vierten Rolle). Galster bekundet selbst, dass die Rolle der Schriftstellerin mit der Untersuchung der Tagebücher und Briefe nur unzureichend abgedeckt werde (vgl. S. 9). Insgesamt aber ergibt sich durch die Sortierung ein durchaus bündiges ─ eben rezeptionsorientiertes ─ Bild, das mit einem Beitrag zu den Nachrufen in der Pariser Presse und einem zur öffentlichen Aufnahme der nachgelassenen Schriften, die in den großen französischen Tageszeitungen als Skandal gehandelt wurden, abgerundet wird.

Im zweiten Teil des Bandes erfolgt eine Einordnung in theoretischer Perspektive. Hier werden prägnante Überblicke gegeben: zunächst zu den jüngeren Entwicklungen seit den 1970er Jahren in Frankreich (Differenzfeminismus, spez. Écriture féminine, versus Egalitätsfeminismus in der Nachfolge Beauvoirs), sodann vergleichend zum französischen und US-amerikanischen Feminismus von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis zur Jahrtausendwende. Daran anschließend kehrt Ingrid Galster mit einem Artikel zur feministischen Theorie in Frankreich während der Frühphase 1945─1970 zum direkten Umfeld Beauvoirs zurück. Es folgen kürzere Beiträge zur Situation von Frauen in der gegenwärtigen Hochschullandschaft.

Zu Recht nennt die Verfasserin den Aufsatzband ein „Lesebuch“ (S. 7), das zum ‚Schmökern‘ einladen wolle: Man möge sich einzelne Texte „je nach Lust und Interesse für die Lektüre heraus[]pick[en]“ (ebd.). Wer sich noch nicht ausführlich mit Beauvoir und dem französischen Feminismus befasst hat, findet hier bestechend klare und pointierte Einführungen. Und auch für die Beauvoir-Experten und -Expertinnen mag die Sammlung dazu anregen, Bekanntes wieder neu zu entdecken. Die Beiträge zeichnen sich durch ein tiefes Interesse an den Kontexten aus. So werden etwa die irritierend harschen Äußerungen zur Schwangerschaft in Das andere Geschlecht als Reflex auf den Mutterkult der Vichy-Regierung erklärt (vgl. S. 36). Der Beitrag zur Besatzungszeit inklusive der Rekonstruktion der Ursachen, die 1943 zu Beauvoirs unehrenhafter Entlassung aus dem Schuldienst führten (vgl. S. 118 f.), gibt spannende Einblicke in das gesellschaftliche Klima, in dem sich Beauvoirs Engagement formierte. Und für die Quellenangaben, die viele beim Lesen von Beauvoirs Standardwerk vermissen, gibt es manchen Hinweis: etwa auf frühe frauenpolitische Konzepte der deutschen Sozialistin Lily Braun (vgl . S. 31), die dafür in ihrer eigenen Partei ins Abseits geriet. Der Band verspricht ein vielfältiges Lesevergnügen: beim Neuentdecken ebenso wie beim Wiederlesen von bereits Gewusstem. Einzig die im jeweils letzten Abschnitt der beiden Teile wieder abgedruckten kritischen Besprechungen von Büchern und Aufsätzen anderer Beauvoir-Forscherinnen wirken aus der zeitlichen Distanz heraus etwas deplatziert. Hier wird gelobt, mitunter aber auch scharf ausgeteilt, was zu seiner Zeit im Kontext der wissenschaftlichen Kontroverse seinen Platz gehabt haben mag, mit der doch inzwischen vergangenen Zeit und der vorangeschrittenen Forschung aber befremdlich wirkt. Gleichwohl ist auch das ein Zeugnis engagierter Wissenschaft.

Lebenswerk einer Beauvoir-Forscherin

Angesichts der Tatsache, dass die Beiträge schon andernorts veröffentlicht wurden, muss die Frage gestellt werden, ob diese erneute Publikation gerechtfertigt ist. Ich meine: ja. Erst in der Zusammenschau ergibt sich der außergewöhnliche Blick auf eine Forschung zu Beauvoir in der longue durée. Dies schließt die Selbstreflexion der Forscherin ein (vgl. die Bemerkungen zu den eigenen Ausgangsbedingungen [S. 95] sowie ein persönliches Interview [S. 233 ff.]) und umfasst die Verbindung mit dem heutigen Wissenschaftsbetrieb: Der vorletzte Abschnitt im Buch gilt dem Thema „Frauen in der Wissenschaft“ und geht auf die Frage nach Geschlechtergerechtigkeit an Hochschulen ein. Damit eröffnet sich eine Perspektive hinsichtlich der Verbindung von Theorie und Praxis – und eine noch nicht abgeschlossene Aufgabe für die Zukunft. Man kann insgesamt nur empfehlen, die Einladung zum ‚Schmökern‘ anzunehmen.

Romana Weiershausen

Universität des Saarlandes

Professorin für Frankophone Germanistik

Homepage: http://www.uni-saarland.de/lehrstuhl/franzabt/startseite.html

E-Mail: romana.weiershausen@uni-saarland.de

(Die Angaben zur Person beziehen sich auf den Stand zum Veröffentlichungsdatum.)

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