Widersetzungen gegen die hegemonialen Verhältnisse

Rezension von Veronika Ott

Kathrin Schrader:

Drogenprostitution.

Eine intersektionale Betrachtung zur Handlungsfähigkeit drogengebrauchender Sexarbeiterinnen.

Bielefeld: transcript Verlag 2013.

452 Seiten, ISBN 978-3-8376-2352-9, € 34,80

Abstract: In ihrer Dissertation geht Kathrin Schrader der Frage nach, welche Selbsttechnologien Frauen entwickeln, deren Lebensrealitäten von der Verschränkung von Drogenkonsum und Sexarbeit geprägt sind. Auf der Basis von acht Interviews mit drogengebrauchenden Sexarbeiterinnen analysiert sie mittels einer gouvernementalitätstheoretischen Perspektive und der Intersektionalen Mehrebenenanalyse die Handlungsfähigkeiten im Kontext massiver gesellschaftlicher Diskriminierungen in den Subjektkonstruktionen der interviewten Frauen. Auf diese Weise kann sie sehr überzeugend die Wechselwirkungen von gesellschaftlichen Strukturen, Stereotypen und Diskursen sowie Identitätskonstruktionen herausarbeiten und leistet somit einen wichtigen Beitrag zur Dekonstruktion des gesellschaftlichen Umgangs mit dieser Gruppe.

Mein erster Eindruck, als ich das Rezensionsexemplar von Kathrin Schraders Drogenprostitution aus dem Umschlag packe: ein gewaltiges Buch! Auf mich warten 448 Seiten Dissertation. Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis offenbart mir, dass davon ein Viertel Theoriekapitel sind. Zwei Monate später lege ich das Buch zur Seite: nicht immer konzeptuell überzeugt, aber um viele Einsichten bereichert und von der respektvollen sowie konsequent dekonstruktivistischen Haltung der Autorin gegenüber ihrem Untersuchungsfeld beeindruckt.

Der Titel dieser Rezension − „Widersetzungen gegen die hegemonialen Verhältnisse“ − ist durchaus zweideutig zu lesen. Zum einen geht es in Drogenprostitution darum, sichtbar zu machen, dass und wie drogengebrauchende Sexarbeiterinnen innerhalb der herrschenden Verhältnisse Umgangsformen und Strategien mit ihrer Ausgrenzung und Abwertung durch gewaltvolle gesellschaftliche Zuschreibungen entwickeln. Zum anderen ist es die Autorin Kathrin Schrader selbst, die sehr überzeugend in poststrukturalistscher Manier gegen die hegemoniale und abwertende Lesart von drogengebrauchenden Sexarbeiterinnen als ‚Crackhuren‘ anarbeitet und dem heterogene, an den Alltagsrealitäten der drogengebrauchenden Sexarbeiterinnen orientierte Lesarten entgegensetzt.

Im Zentrum der Auseinandersetzung steht die Frage nach Widersetzungen in den Selbsttechnologien drogengebrauchender Sexarbeiterinnen und wie darin Handlungsfähigkeit erkennbar ist. Um sich diesem Gegenstand zu widmen, liefert die Autorin zunächst eine umfangreiche Auseinandersetzung mit theoretischen Konzepten, die sie als zentral für ihr Anliegen erachtet: (Bio-)Macht, Disziplinartechniken, Sicherheitsdispositive, Gouvernementalität, Herrschaft, Selbsttechnologien, Empowerment, Widerstand, Intersektionalität, Handlungsfähigkeit, Subjektivierung, Subalterne, Körper, Unterdrückung, Vulnerabiltät, Sexuelle Arbeit und noch einige mehr. Was die Aufzählung und der Umfang des Kapitels, das nahezu ein Viertel des gesamten Bandes ausmacht, bereits vermuten lässt – das Theoriekapitel ufert etwas aus. Leider gelingt es der Autorin nicht überzeugend, die Flut an Konzepten und Theorien zu einer analytischen Perspektive zu integrieren, welche die weitere Untersuchung anleitet. Der Bezug zum Forschungsvorhaben bleibt oftmals vage. Diese Kritik wird auch durch den Hinweis der Autorin nicht geschmälert, dass es sich dabei um einen theoretischen „Eklektizismus“ (S. 122) handelt – als Leser_in bleibt mir die Relevanz und das Ziel dieser allerdings sehr tiefgehenden und informierten Darstellung verschiedenster Ansätze oftmals unklar.

Wechselwirkungen im Fokus

Nach dem etwas mühsamen Weg durch das Theoriekapitel folgt Schraders Darstellung des methodischen Aufbaus und der Vorgehensweise ihrer Untersuchung als Intersektionale Mehrebenenanalyse, welche „die Wechselwirkungen der Identitäts-, Repräsentations- und Strukturebene in den zentralen Subjektkonstruktionen analysiert“ (S. 199). Die Basis für diese Analyse bilden acht von insgesamt 15 geführten Qualitativen Interviews mit drogengebrauchenden Sexarbeiterinnen aus Hamburg, Sankt Georg, die individuell mit Hinblick auf Subjektkonstruktionen vorgestellt werden. Dabei verfolgt die Autorin den Anspruch, „diese, soweit das umsetzbar war, sprechen zu lassen [...] und möglichst wenig zu abstrahieren, zu generalisieren oder gar zu interpretieren“ (S. 265).

Schrader arbeitet Herrschaftsverhältnisse heraus, die die Hintergrundfolie der Subjektkonstruktionen und der darin sich entfaltenden Handlungsfähigkeiten der drogengebrauchenden Sexarbeiterinnen bilden und auf die in den Interviews Bezug genommen wurde. Auf diese Weise gelingt es ihr aufzuzeigen, wie zum Beispiel stadtteilpolitische Maßnahmen, konkret das Fällen von Bäumen zur übersichtlicheren Gestaltung von Plätzen, das Abbauen von Sitzgelegenheiten oder die Einführung von Sackgassen zur Unterbrechung von ‚Freierkreiseln‘ (S. 269), in den Selbsttechnologien der drogengebrauchenden Sexarbeiterinnen aufgegriffen werden, was sich unter anderem in einem möglichst unauffälligen Habitus während der Arbeitszeit durch Anpassung an die Mehrheitsbevölkerung äußert. Dies führt zu einer Vereinzelung der Frauen, und somit ist die „Entsolidarisierung [innerhalb der Szene, V.O.] viel mehr eine Reaktion auf die herrschenden punitiven Verhältnisse“ (S. 272). Als weitere solche Herrschaftsverhältnisse arbeitet Schrader u. a. Grenzverletzungen heraus, wie Gewalt, Wohnungslosigkeit, Repressionserfahrungen durch die Polizei und Zwangstherapie oder die Art und Weise, wie Programme zur Substitution von illegalisierten Drogen funktionieren. Auf einer strukturellen Ebene tragen diese Elemente als Sicherheits- und Disziplinardispositive zu einer massiven Einschränkung der Handlungsfähigkeit bei, was dazu führt, dass die „Frauen als Subalterne [...] einen (Mehr-)Aufwand [...] leisten müssen, um überleben zu können“ (S. 307). Zentral erscheint mir hierbei jedoch, dass die Autorin nicht bei der Benennung der massiven Herrschaftsverhältnisse stehen bleibt, der Tendenz einer Viktimisierung drogengebrauchenden Sexarbeiterinnen entgeht, indem sie sehr sensibel auf deren Handlungsspielräume aufmerksam zu machen weiß. Auf diese Weise nimmt sie souverän eine gouvernementalitätstheoretische Perspektive ein, bei der das Widerspiel von Regierung und Subjektivierung überaus deutlich wird. Drogengebrauch wird so als „Hilfsmittel im Kampf um das Überleben“ (S. 280) und als „wichtiges Reproduktionsmittel“ (S. 293) sichtbar.

Auf der Ebene der symbolischen Repräsentation betrachtet Schrader Normen, Stereotype und Ideologien, die die herrschenden Verhältnisse und somit den Ausschluss und die Diskriminierung drogengebrauchender Sexarbeiterinnen legitimieren. Als solche zeichnet sie zum Beispiel die Anrufung als vernünftige, kontrollierte und selbstverantwortliche Subjekte nach (S. 308 f.) und arbeitet negative Diskurse über Crack als Armutsdroge heraus, die „gewalttätige, nicht mehr zurechnungsfähige KonsumentInnen hervorbringe“ (S. 314); diese werden zur Rechtfertigung eines repressiven Umgangs mit den Konsumentinnen im Sinne einer ‚Risikobekämpfung‘ herangezogen.

Die Analyse mündet schließlich in einer Typologie, in der die Wechselwirkung der drei untersuchten Ebenen von Subjektkonstruktionen, strukturellen Verhältnissen und symbolischen Repräsentationen in Bezug auf Handlungsfähigkeiten zugespitzt wird. Spannend ist hier Schraders Diskussion des ambivalenten Zusammenhangs von Widersetzung und Handlungsfähigkeit. Während Widersetzung in Bezug auf marginalisierte und unterdrückte Gruppen im Allgemeinen als Erweiterung von Handlungsfähigkeit gedacht wird, zeigt die Autorin auf, dass aufgrund der Massivität der strukturellen Diskriminierung Widersetzungen sogar die Handlungsfähigkeit zum Teil stark beschränken können und somit Unterwerfung auch ein strategischer Akt von Handlungsfähigkeit sein kann.

Den Abschluss der Arbeit bilden die Darstellung vielfältiger Ansätze zur Selbstermächtigung der einzelnen drogengebrauchenden Sexarbeiterinnen sowie ein Plädoyer für Veränderungen auf einer strukturellen und symbolischen Ebene. Hier führt die Autorin die Ergebnisse ihrer Studie ins Feld der sozialen Arbeit zurück. So fordert sie die Entwicklung eines Arbeitsansatzes, der „die Dichotomien zwischen Abstinenz und Drogengebrauch, Sexarbeit und Ausstieg sowie Emanzipation und Unterdrückung [auflöst] und die Differenzen innerhalb des Signifikaten ‚Beschaffungsprostituierte‘ [wahrnimmt], um Herrschaftsverhältnisse angreifen zu können“ (S. 415 f.).

Einschätzung

Schraders Arbeit nimmt im Feld der sozialwissenschaftlichen Prostitutionsforschung eine besondere Position ein. Zum einen fokussiert sie mit drogengebrauchenden Sexarbeiterinnen eine Gruppe, die auch innerhalb wissenschaftlicher Diskurse oft marginalisiert wird und nur selten im Zentrum differenzierter und sensibler Auseinandersetzung steht. Des Weiteren erscheint mir ihre gouvernementalitätstheoretische Herangehensweise einzigartig. Entgegen den Tendenzen in der Prostitutionsforschung, entweder einen subjektzentrierten Ansatz mit Blick auf die Biographien von Sexarbeiter_innen zu wählen oder aber Strukturen des Milieus, der Prostitutionspolitik etc. zu fokussieren, verbindet Schrader die verschiedenen Ebenen sehr überzeugend und stellt deren Wechselwirkungen ins Zentrum.

Eine weitere Besonderheit ist die feministische, intersektionale Herangehensweise Schraders. Diese erschöpft sich jedoch nicht in einer herrschaftskritischen Analyse der Interviews, sondern schließt die Autorin und ihre Positionierung im Feld der Wissenschaft mit ein. Schrader verfolgt in ihrer Arbeit den erkenntnispolitischen Anspruch, mit ihren eigenen Privilegien als weiße und westeuropäische Wissenschaftlerin verantwortungsvoll umzugehen (S. 118) und „auch denjenigen eine Stimme zu geben, die marginalisiert und im Diskurs der bürgerlichen Mehrheit ‚nutzlos‘ und ‚überflüssig‘ sind, solange ihre Position nicht menschenfeindlich ist“ (S. 101). Sie setzt dies unter anderem mit einer Verweigerung der Interpretation der Interviews um: „Der Respekt vor dieser psychischen Leistung [im Interview von den eigenen Erfahrungen als drogengebrauchende Sexarbeiterin zu sprechen; V.O.] gebietet es, die ausgewählten Interviews in der Empirie nicht zu interpretieren, sondern die Frauen ausführlich zu zitieren“ (S. 175). Auch wenn diese Umsetzungsidee durchaus nachvollziehbar ist, überzeugt sie mich nicht. Die Auswahl der Interviews und der zitierten Passagen gründet auch in dieser Studie auf einer Entscheidung, was erkenntnistheoretisch wichtig und relevant sein könnte, − nur dass diese Entscheidung hier nicht durchgängig transparent gemacht wird. Der Akt der wissenschaftlichen Interpretation, das Einnehmen eines begründet selektierenden und ordnenden Blickes, wird so eher ausgeklammert denn verantwortungsvoll ausgeführt. Für mich hätte ein Umgang mit dem Privileg, (zumindest innerhalb einer bestimmten akademischen community) gehört zu werden, bedeutet, diese Entscheidungen nachvollziehbarer zu machen.

Schraders Dissertation gewinnt vor allem durch ihre feinfühlige, herrschaftskritische und an den Alltagsrealitäten und subjektiven Sichtweisen ausgerichtete Analyse der Erzählungen der drogengebrauchenden Sexarbeiterinnen. Von Vorteil ist hier sicherlich, dass die Autorin selbst seit vielen Jahren in diesem Feld politisch wie beraterisch aktiv und mit der Szene vertraut ist. Sie entwickelt so einen Blick auf die gesellschaftliche Normalität, der diese als extrem gewaltvoll markiert und Soziale Arbeit mit dem Credo von ‚Hilfe zur Selbsthilfe‘ im Feld der drogengebrauchenden Sexarbeiterinnen als absurd darstellt. Mit den gesellschaftlichen Setzungen von Drogenabstinenz und dem Nicht-Anerkennen von Sexarbeit als Arbeit werden die Lebensrealitäten drogengebrauchender Sexarbeiterinnen strukturell ausgeschlossen und kriminalisiert. Die gesellschaftliche Anrufung zu Eigenverantwortung bei gleichzeitiger Diskriminierung und Repression der individuellen Überlebensstrategien kann deswegen nur als zynisch bezeichnet werden. Dahingegen fordert Schrader: „Wenn das unvorstellbare Andere – Drogengebrauch und Sexarbeit – so lange wie möglich zugelassen wird, statt es so früh wie möglich zu bekämpfen, können destruktive Nebeneffekte (Kollateralschäden) wie die psychische und physische Verelendung der Frauen, die erst durch den Ausschluss aus der Gesellschaft entstehen, verhindert werden.“ (S. 422)

Es bleibt dabei: Kathrin Schraders Drogenprostitution ist ein gewaltiges Buch. Jedoch beileibe nicht nur wegen seines Umfanges, sondern vor allem wegen des konsequent und souverän umgesetzten Vorhabens, sich den hegemonialen Verhältnissen und den entwürdigenden gesellschaftlichen Lesarten von und Umgangsweisen mit drogengebrauchender Sexarbeiterinnen fundiert zu widersetzen und der Gesellschaft ihre eigenen gewaltvollen Praktiken entgegenzuhalten.

Veronika Ott

Goethe-Universität Frankfurt am Main

Promovendin im Internationalen Promotionsprogramm „Demokratie, Wissen und Geschlecht in einer transnationalen Welt“

E-Mail: ott.veronika@web.de

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