Eine große Lücke in den Geschichtswissenschaften

Rezension von Robert Claus

Anette Dietrich, Ljiljana Heise (Hg.):

Männlichkeitskonstruktionen im Nationalsozialismus.

Formen, Funktionen und Wirkungsmacht von Geschlechterkonstruktionen im Nationalsozialismus und ihre Reflexion in der pädagogischen Praxis.

Frankfurt am Main u.a.: Peter Lang Verlag 2013.

290 Seiten, ISBN 978-3-631-61760-1, € 49,95

Abstract: Die Herausgeber/-innen dieses Sammelbandes verfolgen ein deutliches Ziel: Sie wollen die Kategorie Männlichkeit zur Analyse des Nationalsozialismus sowie den von ihm begangenen Verbrechen in den Geschichtswissenschaften etablieren. Dabei markieren sie einen eklatanten Forschungsbedarf: Wie konnte dieses Terrain bis dato derart unbeachtet bleiben, wurde der Zusammenhang zwischen Männlichkeit und Gewalt andernorts doch vielfach herausgearbeitet? Um diese Lücke zu schließen, enthält der Band eine große thematische Breite, zielgenaue Fragestellungen und facettenreiche Beiträge. Allein der Versuch, das Connell’sche Konzept der ‚hegemonialen Männlichkeit‘ aus der Soziologie auf das eigene Feld zu übertragen, führt zu Schwierigkeiten.

Bislang spielte die Analyse von Geschlechterverhältnissen, insbesondere die Beschäftigung mit Männlichkeitskonstruktionen im Nationalsozialismus, in den hiesigen Geschichtswissenschaften allemal eine Nebenrolle. So hatte zwar u.a. Klaus Theweleit schon 1977 mit seinen Analysen der zu Beginn der Weimarer Republik geschriebenen Feldpostbriefe faschistischer Freikorpssoldaten einen Klassiker der deutschsprachigen Männlichkeitsforschung vorgelegt (vgl. Theweleit 1977/1978). Und Thomas Kühne fokussierte in seiner Studie (vgl. Kühne 2006) das Kameradschaftsideal als Erklärung soldatischen Handelns im Vernichtungskrieg. Doch in vielen weiteren Forschungen zum Nationalsozialismus wurde die Funktion von Männlichkeit für die gewaltigen Gräueltaten selten genauer betrachtet.

Die Herausgeber/-innen des Bandes verfolgen die erklärte Absicht, diese Forschungslücke ein Stück weit zu schließen. Anhand einer Vielzahl an Fragen spezifizieren sie einleitend den Forschungsbedarf: „Wie sah das spezifische Männlichkeitsideal aus? Inwiefern wirkte es als regulatorisches Ideal für das Handeln von Männern und Frauen? […] Wie können untergeordnete und marginalisierte Männlichkeiten im NS beschrieben und analysiert werden?“ (S. 15). Dabei bildet das Konzept ‚hegemonialer Männlichkeit‘ von Raewyn Connell den theoretischen Bezugsrahmen der Beiträge, in denen nach Marginalisierungen, Ausdifferenzierungen und Hierarchien von Männlichkeiten Ausschau gehalten wird.

Entsprechend ist das Buch aufgebaut. Der erste große inhaltliche Block trägt den Titel „Männlichkeitskonstruktionen in NS-Täter/innenorganisationen“, wobei dieser Schwerpunkt nicht allein eine Analyse der Massenmorde, sondern z.B. auch der Selbstverständnisse von Deserteuren beinhaltet. Anschließend werden „Wirkungen, Repräsentationen und Deutungen von Männlichkeitskonstruktionen“ anhand von Amateurfotos aus dem Polenfeldzug sowie von Medizindiskursen in den Ravensbrück-Prozessen 1948 analysiert. Zudem finden „Männlichkeitskonstruktionen in Konzentrationslagern zwischen Selbstermächtigung und Fremdzuschreibung“ eine eingehende Betrachtung unter einer Perspektive, die Männlichkeit von den gesellschaftlichen Rändern aus fokussiert. Im letzten Block reflektieren die Autor/-innen die Bedeutung von „Männlichkeitskonstruktionen in der pädagogischen Praxis“ in bundesdeutschen Gedenkstätten. Alle Beiträge sind in ihrem Umfang knapp bemessen und klar strukturiert aufgebaut. Darüber hinaus ist jedem deutschsprachigen Text ein englischsprachiges Abstract vorangestellt.

Männlichkeit reguliert Kriegsdynamik

Frank Werner stellt in seinem Beitrag „Soldatische Männlichkeit im deutschen Vernichtungskrieg“ die Potentiale des in dem Band vertretenen Forschungsansatzes unter Beweis. Er fragt danach, „welche Funktion das Geschlechtsideal bei der Suspendierung traditioneller Moral, beim fließenden Übergang von militärischer zu genozidaler Gewalt“ (S. 46) erfüllte. Seiner Analyse zufolge sind mehrere Ebenen erkennbar: Geschlechterideale schufen Ordnung, ermöglichten Bewältigung der begangenen Verbrechen und bereiteten Möglichkeiten der Anerkennungs- sowie Erlebnissteigerung auf (vgl. S. 52).

So beschreibt Werner anschaulich, wie Wehrmachtssoldaten den Krieg gegen Partisanen als Ordnung schaffendes Vorgehen gegen eine irreguläre und somit unehrenhafte militärische Organisations- bzw. Männlichkeitsform interpretierten. Zudem diente diesen Soldaten ihr eigenes Männlichkeitsideal als Vehikel, um emotional belastende Massenmorde an Zivilist/-innen in ihr eigenes Selbstverständnis zu integrieren, indem sie es zum Wert erhoben, sich vom Bewusstsein der eigenen Grausamkeit nicht dauerhaft verunsichern zu lassen und es unterdrücken zu können. Darüber hinaus habe sich Männlichkeit als Triebfeder der begangenen Verbrechen erwiesen: Anhand von Feldpostbriefen arbeitet Werner heraus, wie Wehrmachtsangehörige mit ihrer Versetzung ins Hinterland haderten, weil dort die Perspektive auf militärische Anerkennung fehlte, was sie durch ausufernde Gewalttätigkeit zu kompensieren versuchten: So kreierte das männliche System soldatischer Anerkennung mörderische Handlungspotentiale und führte zur Eskalation des Vernichtungskriegs. Ferner boten die Bühne des ‚Wilden Ostens‘ und die Doktrin, nach der Sowjetbürger ‚bolschewistische Untermenschen‘ waren, die Möglichkeit, sich in rauschhafte Gewaltexzesse zu steigern, in denen im Gegensatz zum traditionellen Männlichkeitsideal nicht nach kühler Selbstbeherrschung, sondern nach hemmungsloser Selbstentgrenzung gestrebt wurde. Aufgrund dieser Aspekte spricht Werner von einer spezifischen „Ostfront-Männlichkeit“ (S. 50), die sich am gewalttätigsten Rand des Krieges herausbildete.

Das dahinterstehende Männlichkeitsideal des tapferen Kameraden ergab sich demzufolge nicht nur aus Befehlen vorgesetzter Dienststellen, sondern die Angehörigen der Wehrmacht hatten es tief inkorporiert. Dies verdeutlicht auch Magnus Koch anhand dreier Fallgeschichten deutscher Deserteure. Sie waren entweder aufgrund ihrer Abkehr vom NS-Regime, aufgrund von Kritik an den begangenen Gräueltaten oder von fehlendem Zusammenhalt innerhalb der Truppe geflohen. Alle drei versuchten, auch in späteren Schilderungen „ihre Integrität als Soldaten und damit männliche Attribute wie Kampfbereitschaft, Mut oder sogar Heroismus unter Beweis“ (S. 95) zu stellen, um einem Statusverlust entgegenzuwirken. Dies bietet eine Erklärung für die bis Kriegsende relativ geringe Anzahl an Desertionen: Das gesellschaftliche Leitbild von Männlichkeit, Kampfmoral, Pflicht und soldatischer Gemeinschaft hatte die Wehrmacht in hohem Maße gestärkt.

Männlichkeit von den Rändern aus betrachten

Es ist eine der Stärken des Bandes, dass nicht nur Männlichkeit in nationalsozialistischen Täterorganisationen in den Blick genommen wird, sondern z.B. ebenso jüdische Männlichkeiten Aufmerksamkeit erfahren. So beschreibt Veronika Springmann, dass das Boxen, das zur Erheiterung der SS-Aufseher/-innenschaft organisiert wurde, für einige Lagerhäftlinge als männliche Überlebensstrategie diente. Sie wurden als Sportler mit zusätzlicher Nahrung protegiert, sahen sich aber im Falle eines verloren Kampfes stets dem eigenen Tod ausgesetzt.

Zudem untersucht Kim Wünschmann, wie sich Männlichkeitsvorstellungen als „wirkungsvolle Überlebensstrategie“ jüdischer KZ-Häftlinge manifestierten. Sie arbeitet hierbei drei Kategorien heraus, in denen sich verschiedene Männlichkeitsvorstellungen Bahn brachen. Erstens habe für kommunistische Juden das Ideal des Revolutionärs gegolten, der im Spannungsfeld zwischen ‚Ehre und Scham‘ die erlittene Folter möglichst klaglos durchlitt und seine Kameraden nicht verriet. Zweitens stellt sie das Ideal des Bürgers heraus, der versuchte zu überleben, indem er seinen Verstand schärfte sowie emotionale Abhärtung und absolute Selbstkontrolle ausübte. Drittens beschreibt sie das Ideal des Soldaten: Lagerinsassen versuchten, ihre Inhaftierung innerhalb eines „militärischen Verhaltens- und Normenkodex“ (S. 214) zu begreifen, und legten bei der Festnahme z.B. Orden des ersten Weltkrieges an. Dieses soldatische Ideal befand sich in Konkurrenz zu der machtvollen SS-Männlichkeit, wobei in dieser Auseinandersetzung die Lagerinsassen nur verlieren konnten. Letztlich stellt sich in allen Strategien heraus, wie wichtig die Aufrechterhaltung männlicher Würde für die Stabilität der eigenen Integrität und somit das Überleben im KZ war. Das Ideal des wehrhaften und tapferen Mannes übte auch hier seine hegemoniale Wirkung aus.

Connell und das Konzept ‚Hegemonialer Männlichkeit‘

In der nicht allzu langen Geschichte kritischer Männlichkeitsforschung war sicherlich kein Konzept derart prägend wie der Entwurf zu ‚hegemonialer Männlichkeit‘ von Raewyn Connell. Die systematische Unterscheidung zwischen hegemonialer, marginalisierter, untergeordneter und komplizenhafter Männlichkeit gab dem Forschungszweig eine Idee in die Hand, wie er Männlichkeit als soziale Struktur begreifen und differenzieren könne. Das Konzept ist – trotz aller Kritik der historischen und inhaltlichen Unbestimmtheit – bis dato das Leitkonzept nahezu aller Analysen.

Dementsprechend sinnvoll und innovativ ist es, dieses Konzept auch für diesen Sammelband als theoretischen Bezugsrahmen heranzuziehen, den die Autor/-innen von den Sozialwissenschaften auf den jeweils eigenen Fachbereich zu übertragen versuchen. Zumal Connell eigens eine Art generelles Vorwort zu „Masculinity and Nazism“ beigesteuert hat. In einem Großteil der Beiträge wird – wie beschrieben – schlüssig herausgearbeitet, wie das Ideal einer tapferen, pflichtbewussten Soldatenmännlichkeit seine Wirkung entfaltete. Daraus folgend, ist es unzweifelhaft richtig zu konstatieren, dass im Nationalsozialismus weiße Männlichkeiten in Abgrenzung zu rassifizierten, z.B. als schwächlich konstruierten ‚jüdischen‘ Männlichkeiten hegemonial waren.

Doch führt die Verwendung des Konzeptes auch zu Schwierigkeiten. Denn bisweilen wird es nur punktuell und nicht als grundlegende Folie eingesetzt. Dies kommt zum Ausdruck, wenn etwa Springmann schreibt, dass die jüdischen Inhaftierten durch das Boxen versuchten, „antisemitischen Zuschreibungen zu begegnen und die hegemoniale Männlichkeit für sich zu beanspruchen“ (S. 192). Gleichwohl war ihnen dies aufgrund der Inhaftierung strukturell nicht möglich, so die Autor/-in weiter. Im Connellschen Vokabular könnte dies als Marginalisierung verstanden werden, doch ergeben sich daraus weitreichende Fragen, die von Springmann nicht besprochen werden, wie z.B.: Ist das Konzept hegemonialer Männlichkeit überhaupt fähig, die Situation jüdischer Häftlinge in seinen Kategorien von Marginalisierung und Unterordnung zu fassen? Oder bedarf es hierzu nicht mindestens einer Transferleistung bzw. Erweiterung des Konzeptes im Hinblick auf die spezifische Vernichtungslogik des nationalsozialistischen Systems? Eine kritische Diskussion des analytischen Gebäudes hätte hier ihren Platz finden können.

Schwierige Übersetzungsleistungen

Im abschließenden Block des Bandes versuchen Theoretiker/-innen und Praktiker/-innen der politischen Bildung und Gedenkstättenarbeit die Erkenntnisse über die Bedeutung der Kategorie Männlichkeit für den Nationalsozialismus, Ansätze der Queer-Theory und ihre Erfahrungen aus der alltäglichen pädagogischen Arbeit zusammenzubringen. Schlüssig wird in den einzelnen Beiträgen herausgearbeitet, dass geschlechtliche Homogenisierungen der Schüler/-innen kontraproduktiv wirken: „Mit dem Bestreben, sich identifizierenden Zuschreibungen zu entziehen, wird ein Ordnungsmodell unterlaufen, das darauf beruht, das Eigene und das Fremde, das Zugehörige und das Verworfene eindeutig zu bestimmen. Die NS-Rassenpolitik war Ausdruck eines solchen Ordnungsdenkens und griff auf bestehende dualistische Geschlechterkonzeptionen zurück, um die Politik der ‚Volksgemeinschaft‘ voranzubringen“ (Messerschmidt, S. 227). Stattdessen gehe es darum, Geschlechterkonzeptionen auch in der Gedenkstättenarbeit kritisch zu hinterfragen und ihre Auswirkungen sowohl auf die Pädagog/-innen und die Schüler/-innen als auch auf deren Lernprozesse zu reflektieren.

Dieser Ansatz wird in mehreren Beiträgen ausformuliert. Dabei gewinnen die Texte an den Stellen, an denen sie spezifische Widersprüche und einzelne Settings erläutern, besondere Kontur. In diesem Sinne heben Michael Franke, Olaf Kistenmacher, Anke Prochnau und Katinka Steen hervor, dass Jungen dort, wo sie sich mit Kontinuitäten von Macht und Gewalt persönlich konfrontiert sehen, zur Auseinandersetzung mit konventionellen Männlichkeitsidealen aufgefordert sind. So schildert Prochnau sehr anschaulich ihre Erfahrungen mit einer Gruppe männlicher Jugendlicher bei der Begehung des Krematoriumskellers in Buchenwald, welcher im Nationalsozialismus als Ort von Massenerhängungen diente. Nachdem sich die Jugendlichen zuerst in emphatischer Weise mit den Opfern zu identifizieren versuchten, begannen sie in einem zweiten Schritt darüber hinauszugehen: „In der Folge setzten in der Gruppe Erzählungen eines eigenen Erlebens von Männlichkeit ein und die Jugendlichen sahen sich nun die Vermischung von Macht, Gewalt, Leiden, Tod und Ohnmacht erneut an. Dabei konnten die Jungen ihre gleichzeitige Faszination für und Angst vor Grenzenlosigkeit zulassen.“ (S. 266) Mit dieser geschlechterreflektierenden Gedenkstättenpädagogik könne ein eine habituelle Verunsicherung einhergehen, die pädagogisch begleitet werden müsse, führen die Autor/-innen weiter aus. Leider bleibt offen, wie dies genau geschehen kann – mehr konkrete Schilderungen wären von Interesse gewesen.

Ein produktiver Band

Letzten Endes werden die Autor/-innen ihrem eigenen Anspruch, den Forschungsbedarf in Bezug auf Männlichkeiten im Nationalsozialismus aufzuzeigen und anzugehen, gerecht. Mittels der Breite der Beiträge ist es gelungen, sowohl differenzierte Analysen vorzulegen als auch weiterführende Fragestellungen herauszuarbeiten. Insofern fasst der Band den „State of the art“ übersichtlich, verständlich und kritisch zusammen, generiert mögliche Forschungsperspektiven und vermag es hoffentlich, weitere Debatten aus forschungstheoretischer als auch pädagogisch-praktischer Perspektive anzustoßen.

Literatur

Kühne, Thomas. (2006). Kameradschaft. Die Soldaten des nationalsozialistischen Krieges und das 20. Jahrhundert. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

Theweleit, Klaus. (1977/1978). Männerphantasien. Band I & II. München: Stroemfeld Verlag.

Robert Claus

Leibniz Universität Hannover

Der Autor, M.A. der Europäischen Ethnologie sowie der Gender Studies, arbeitet in der „Kompetenzgruppe Fankulturen und Sport bezogene Soziale Arbeit“ (KoFaS) am Institut für Sportwissenschaften der Leibniz Universität Hannover.

E-Mail: robert_claus@web.de

(Die Angaben zur Person beziehen sich auf den Stand zum Veröffentlichungsdatum.)

Creative Commons License
Dieser Text steht unter einer Creative Commons Namensnennung 3.0 Deutschland Lizenz. Hinweise zur Nutzung dieses Textes finden Sie unter https://www.querelles-net.de/index.php/qn/pages/view/creativecommons





querelles-net wird herausgegeben an der Freien Universität Berlin. ISSN 1862-054X