Eine bebilderte Geschichte der Hosenrolle

Rezension von Karin Windt

Susanne de Ponte:

Ein Bild von einem Mann – gespielt von einer Frau.

Die wechselvolle Geschichte der Hosenrolle auf dem Theater.

München: edition text + kritik 2013.

314 Seiten, ISBN 978-3-86916-271-3, € 39,00

Abstract:Susanne de Ponte versammelt in ihrem Band, bestehend aus umfangreich bebildertem Katalog sowie einer begleitenden theaterhistorischen Abhandlung, zahlreiche Bildbeispiele von Hosenrollen in den drei Haupt-Theatergattungen des westeuropäischen Theaters, dem Sprechtheater, dem Musiktheater und dem Tanztheater. Diese werden anhand dreier Typen, die die Autorin ausmacht, beschrieben, der echten, der verkleideten und der ‚falschen‘ Hosenrolle. Nach einem Kurzüberblick über den Beginn des Theaters seit der Antike bildet das westeuropäische Theater vom 17. bis zum 20. Jahrhundert den Schwerpunkt. Das Buch bietet einen reichen visuellen Fundus, zusammen mit einer kultur- und theaterhistorischen Zusammenschau zum Thema Hosenrolle und der damit verbundenen Geschlechterkonzepte.

Susanne de Ponte schlägt einen beeindruckend weiten Bogen von den Anfängen des Theaters im 5. Jahrhundert v. Chr. bis hin zum Gegenwartstheater und versammelt in diesem Katalog zum Bestand des Deutschen Theatermuseums in München zahlreiche Bildbeispiele von Hosenrollen in den drei wesentlichen Theatergattungen des westeuropäischen Theaters, dem Sprechtheater, dem Musiktheater sowie dem Tanztheater. Die Autorin arbeitet in der die Bildbeispiele begleitenden theaterhistorischen Abhandlung drei Typen an Hosenrollen heraus: Die echte Hosenrolle, in der eine Frau durchwegs einen Mann verkörpert, die verkleidete Hosenrolle, in der sich die Frau während der Spielhandlung als Mann verkleidet, sowie die ‚falsche‘ Hosenrolle, in der eine Frau lediglich männliche Attribute oder Charakterzüge übernimmt. Schwerpunkt ist das Theater seit dem 17. Jahrhundert, doch wird auch ein Kurzüberblick über den Beginn des Theaters seit der Antike gegeben. Der Katalog bietet damit in Bild und Text eine kultur- und theaterhistorische Zusammenschau zum Thema Hosenrolle und den damit verbundenen Geschlechterkonzepten.

Spiel der Geschlechterrollen – nicht nur auf der Bühne

Gleich zu Beginn ihres Buches öffnet die Autorin den betrachteten Raum des Theaters hin zum gesellschaftlichen und sozialen Handlungsraum. Anhand zweier Eingangszitate von Erving Goffmann und Judith Butler, die die soziale Welt als Bühne thematisieren bzw. Travestie als nicht im theatralen Raum verbleibenden Aspekt einer „Imitationsstruktur der Geschlechtsidentität als solcher“ benennen, wird deutlich, dass der Blick nicht allein bei den Bühnenbrettern verbleibt. Für jedes Vorkommen der Hosenrolle in verschiedenen Ländern, Zeiten und Zeiträumen arbeitet die Autorin die soziokulturellen und theaterästhetischen Bedingungen heraus und diskutiert das Verhältnis von dramaturgischen und gesellschaftlichen Gründen für das Auftreten von Frauen in Männerrollen sowie die in den Epochen unterschiedlich ausgeprägten Gründe für die Travestie und die Darstellung von Verwechslungsmotiven auf der Bühne. So bietet die Autorin zahlreiche Anknüpfpunkte und Motivationen, insbesondere auch über die weiterführenden Fußnoten, zu weiteren Forschungen zu Teilthemen. Sie schürt die Lust, den skizzierten Verbindungslinien zwischen Theaterraum, Gesellschaftsraum und soziokulturellem Imaginationsraum in den jeweiligen Epochen unter dem Blickpunkt der Hosenrollen-Travestie eingehender zu folgen.

Die Textbeiträge des Katalogs sind mehr als nur rahmende Begleitbeiträge zu den zahlreichen Bildbeispielen. Der historische Abriss zum Thema mit seinen Vor- und Rückbezügen durch die Jahrhunderte weitet den Blick auf die zahlreichen Illustrationen. Das Bildmaterial profitiert von der jeweiligen genrebezogenen und historischen Einordnung. Die Gegenüberstellung etwa von Imaginationen der kämpferischen Penthesilea aus den Jahren 1911 und 1981 wird unterfüttert durch die zuvor für diese Zeitpunkte umrissenen Vorstellungen hinsichtlich der Repräsentation von Geschlecht und Weiblichkeit/Männlichkeit.

Für Epochen, in denen besonders auf Verwechslungen und Kleidertausch gesetzt wurde, arbeitet die Autorin die unterliegenden Gründe heraus, die es Frauen ermöglichen, überhaupt auf die Bühne zu kommen. Die Travestie, so de Ponte, erzeugte mal mehr, mal weniger Ängste wie die vor dem Zusammenbruch oder Auflösung der Ordnung. Eine der stärksten Angstphantasien bestand seit der Neuzeit darin, dass die verkehrte Ordnung zur Verbreitung von Homosexualität führe. Im spanischen Theater des 17. Jahrhunderts war die Angst vor Homosexualität (damals der Sodomie zugeordnet) so groß, dass Männer in Frauenkleidern verboten waren, wodurch Frauen in diesem Land eher zur Bühne kommen konnten. Hingegen wurden in England wohl eher heterosexuelle unsittliche Ausschweifungen auf der Bühne gefürchtet, denn dort führten die zahllosen ‚weiblich‘ wirkenden Männer, die boy actors, in Frauenrollen nicht zur Homosexualitätsangst (vgl. S. 50, nach Ursula K. Heise).

Der Begriff der Hosenrolle

De Ponte identifiziert mehrere Spielarten der Hosenrolle: In der echten Hosenrolle verkörpert eine Frau durch die Spielhandlung hindurch einen Mann; in der verkleideten Hosenrolle verkleidet sich eine Frau während der Spielhandlung vorübergehend als Mann (z. B. als Diener, um dem geliebten ‚Herren‘ nahe zu sein); in der ‚falschen‘ Hosenrolle wiederum übernimmt eine Frau lediglich männliche Attribute oder Charakterzüge, wie etwa bei der Figur der Jeanne d’Arc. Welche der Formen jeweils in einer Epoche dominiert, wird von de Ponte mit zahlreichen Bildbeispielen illustriert, vorgestellt und kontextuell eingeordnet.

Die Travestie ist eine männliche Erfindung der Antike. Im antiken Theater, so zeigt die Autorin auf, gab es lediglich invertierte Travestien, also Männer, die Frauen verkörpern, die sich als Männer verkleiden. Es wäre hier wünschenswert gewesen, wenn de Ponte die Funktion des antiken Rollentauschs in Bezug zum in der Antike geschätzten Ideal der Androgynie gesetzt hätte. Das vierseitige Kapitel über die griechische und römische Antike dient jedoch nur als kurzer Vorspann zum Thema. Hier wird der Leserin deutlich, dass ‚Hosenrolle‘ ein Synonym für den theatralen Rollenwechsel an sich ist, denn selbstverständlich funktioniert der Begriff mangels antiker ‚Hosen‘ erst später im Wortsinn. Dies wird von der Autorin unkommentiert vorausgesetzt. An anderer Stelle jedoch erläutert sie, wo und wie der Begriff im 19. Jahrhundert aufkam.

Kein echter Tabubruch

De Ponte verdeutlicht mit ihrer Überschau, dass die Hosenrolle als epochenübergreifendes Phänomen kein genuin weibliches Instrument ist – und dass, obgleich die Hosenrolle auf unterschiedlich starke Weise als anstößig betrachtet wurde, festgestellt werden kann: „Ein echter Tabubruch war die Hosenrolle zu keiner Zeit“ (S. 248). Geschlechtertausch auf der Bühne fand im Theater im erlaubten Rahmen des Kleidertauschs seit jeher statt. Tabubrüche entstanden nach Auffassung der Autorin erst durch das Wirken von Frauen als Schauspielerinnen, und zwar nicht aufgrund ihrer Darstellung von Männerfiguren, sondern, weil sie als Frauen auf der Spielbühne an sich nichts verloren hatten. Da Frauen Jahrhunderte lang kein Theater spielen durften, war die echte Hosenrolle erst ab dem Zeitpunkt möglich, als Frauen überhaupt auf Bühnen zugelassen waren, seit der Renaissance. Im 16. Jahrhundert, so de Ponte, florierte dann die Figur der falschen und echten Hosenrolle bedingt durch die beliebt werdenden Motive der Verstellung und des Tausches.

Mit der Hosenrolle wurden seit jeher die Grenzen weiblicher Identität thematisiert und ausgelotet. Die dramaturgische Funktion der Infragestellung der Geschlechtsidentität bestand nach de Ponte darin, soziale, erotische und gesellschaftliche Aspekte sichtbar zu machen. Diese konnten je nach Epoche sehr unterschiedlich sein. In früheren Jahrhunderten wurden die durch die Travestie hervorgerufenen fingierten Widersprüchlichkeiten bezüglich der Vorstellungen weiblicher Geschlechtsidentität in aller Regel wieder aufgelöst und die (moralische, höfische oder ständische) Ordnung wieder hergestellt. Es ging weniger um das geschlechtliche Individuum als um die damit verbundenen Positionen von oben (Herren) und unten (Dienende).

Waren in früheren Jahrhunderten einzelne Formen der Hosenrolle mal mehr, mal weniger dominant, tauchen ab dem 19. Jahrhundert alle Spielarten der Hosenrolle in allen Theatergenres auf, konstatiert de Ponte. Insbesondere im Tanztheater des 19. Jahrhunderts führte der erotische Voyeurismus des hauptsächlich männlichen Publikums zu vermehrten Hosenrollen – und bescherte der Theatergattung des Balletts große Erfolge (vgl. S. 127). Im 20. Jahrhundert mit seiner auf das Individuum und nach innen gerichteten Psychologisierung und Individualisierung bleiben aufgegriffene Identitäts-Widersprüche zunehmend unaufgelöst – auch die (Wieder-)Erkennungsszenen werden laut der Autorin weniger. Verkleidete Hosenrollen erscheinen weitgehend nur noch als (ironische) Theaterzitate. Hingegen boomen heute die echten Hosenrollen (Monica Bleibtreu, Katharina Thalbach) – vielleicht kommen wir damit in Zeiten zunehmend in Frage gestellter und dekonstruierter Geschlechterdifferenz dahin, dass es nun auch Frauen (wieder) zugestanden wird, überzeugend eine (männliche und somit ‚allgemeine‘) Figur zu verkörpern und schlicht schauspielerische Virtuosität und Wandelbarkeit zu zeigen. Der Travestie, dem Kleidertausch auf der Bühne, so de Pontes Fazit, bleibt aber heute eine kritische Kommentierung des Spiels der Geschlechterrollen inhärent.

Fazit

Susanne de Pontes Querschnittbetrachtung des Theaters mit dem Fokus der Hosenrolle stellt eine große Bereicherung für die theater- und tanzwissenschaftliche Fachwelt dar. Das Kompendium bietet einen phänomenologisch und analytisch präzise und klug untersetzten visuellen Fundus.

Der besondere Wert des Bandes liegt in der theaterhistorisch-kulturgeschichtlichen Darstellung der Hosenrolle durch die Theatergeschichte seit der Antike − in gattungsübergreifender Perspektive. Die genre- und epochenüberspannende Aufbereitung in Wort und Bild ergänzt die bisher überwiegend nur zu Einzelzeiträumen und Einzelgenres bestehenden Arbeiten zum Thema (z. B. Gertrud Lehnert für die Literatur oder Madeleine Bernstorff/Stefanie Hetze für den Film). Susanne de Ponte bezieht Spielarten der Hosenrolle mit ein, die in anderen tiefergreifenden Untersuchungen zum Thema bislang ausgeschlossen blieben oder die innerhalb nur einer Epoche betrachtet wurden oder nur innerhalb eines der Bühnengenres. Die je epochenspezifisch und kulturgeschichtlich herausgearbeiteten Bedingungen, die zu der jeweiligen Ausprägung der Hosenrollen und der damit verbundenen Geschlechterdimension führen, sind hier erstmals in einer zusammenhängenden Schau versammelt und bieten einen neuen – zudem vielfältig bebilderten – Überblick. Die zahlreichen Bildbeispiele ermöglichen somit eine auch ikonologische Betrachtungsweise des Themas.

Der Katalog arbeitet mit optischen Hilfsmitteln (Farbbalken auf den Seiten), so dass die Lesenden sofort sehen, in welcher Theatersparte – Sprechtheater, Musiktheater oder Tanztheater – sie sich gerade befinden. Das Bildmaterial entstammt den grafischen und fotografischen Beständen des Deutschen Theatermuseums und umfasst zusätzlich weitere Recherchen in zahlreichen theaterhistorischen Sammlungen. Zusammen mit der beiliegenden CD, die ein umfangreiches Werktitelverzeichnis zu allen recherchierten Hosenrollen bietet, gibt der Band einen reichhaltigen Fundus und Anschlussmöglichkeiten für weitere genderorientierte Arbeiten zur Theatergeschichte.

Karin Windt

webgewandt - Nachhaltigkeit im Internet

Freiberufliche Dozentin und Autorin zu Onlinethemen & Gender

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