Heide Palmer: Die Rückkehr des Leibes

Die Rückkehr des Leibes

Rezension von Heide Palmer

Erika Fischer-Lichte:

Theater im Prozeß der Zivilisation.

Tübingen, Basel: Francke 2000.

344 Seiten, ISBN 3–7720–2741–5, DM 86,00 / SF 77.00 / ÖS 628,00

Erika Fischer-Lichte, Christian Horn, Matthias Warstat (Hg.):

Verkörperung.

Tübingen, Basel: Francke 2001.

384 Seiten, ISBN 3–7720–2942–6, DM 86,00 / SF 77.00 / ÖS 628,00

Abstract: Die Theaterwissenschaftlerin Erika Fischer-Lichte reagiert mit den beiden hier vorgestellten Bänden auf eine immer bedeutender werdende Strömung des Gegenwartstheaters: Theatermacher wie Robert Wilson und Jan Fabre, experimentelle Gruppen wie Gob Squad oder die Wooster Group, Regisseure wie Frank Castorf oder René Pollesch zeugen davon, dass die Bühne vom traditionellen literarischen Erzähltheater abrückt. So verschieden die Aufführungen dieser Gruppen sind, ist ihnen doch in der Abgrenzung zu konventionellen Repräsentationsformen Wesentliches gemeinsam: Der Fokus auf den Körper und auf die sinnliche Gegenwärtigkeit der Bühnenhandlung. Dieses Theater weist eine strukturelle Verwandtschaft zu den Aktionen auf, die in den 60er und 70er Jahren von freien Künstlern unter der Genrebezeichnung Happening oder Performance stattfanden (z.B. Joseph Beuys, Allan Kaprow, Wolf Vostell). Der zuerst besprochene Band Theater im Prozeß der Zivilisation ist eine von Erika Fischer-Lichte verfasste Untersuchung zur Rolle des Körpers auf dem Theater. Sie verfolgt Körperkonzepte seit dem 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Das zweite Buch will über den theaterwissenschaftlichen Schwerpunkt des Körperthemas hinausweisen. Verkörperung ist ein interdiziplinär ausgelegter Sammelband. Hier vertritt die Herausgeberin Fischer-Lichte die These, dass „das Konzept der Verkörperung (…) dabei (ist), ganz allgemein zu einer kulturwissenschaftlichen Leitkategorie zu avancieren.“ (S. 20). 16 Aufsätze von Autoren verschiedener, hauptsächlich geistes- und sozialwissenschaftlicher Disziplinen beleuchten diverse Aspekte der Thematik.

Theater im Prozeß der Zivilisation: Theater und Sinnlichkeit

Der erste Teil des Bandes Theater im Prozeß der Zivilisation , „Theatrale Konzepte“, belegt in detaillierten Erörterungen theatertheoretischer Positionen und in exemplarischen Aufführungsbeschreibungen die These vom Bedeutungswandel des Körperlichen. Der „Körper als sinnliche Natur“ (S. 39) wird vom Barocktheater über das bürgerliche Theater der Aufklärung bis zum formalistischen Avantgardetheater der Jahrhundertwende immer weiter zurückgedrängt. Die Wirkung des Körpers auf der Bühne wird eine mittelbarere: „Die steigende Tendenz zur Repression der sinnlichen Natur schlägt sich in einer zunehmenden Semiotisierung des Körpers nieder.“ (S. 40). Erst die von Fischer-Lichte als performative turn bezeichnete Wende in den 60er und 70er Jahren, die „sich vor allem in der Performance-Kunst, im postdramatischen und postmodernen Theater manifestiert“ (S. 95f), hat wieder die „Körperlichkeit und Sinnlichkeit von Theater“ (S. 96) in den Mittelpunkt gerückt.

Theater und Ritus

Der zweite Teil, „Theater und andere cultural performances. Körper in Gemeinschaft“, knüpft eine Verbindung vom Theater zu Ritualen der Totenbeschwörung und des Opfers. Theater fungiert in diesem Kontext als kulturelles Gedächtnis und folgt „der Struktur eines Opferrituals“ (S. 115). Für diese Argumentation werden mehrere Berliner Antikenprojekte herangezogen und ausführlich beschrieben: Die „Antigone“ im Potsdamer Hoftheater von 1841, Max Reinhardts „König Ödipus“ und „Orestie“ von 1910 und die Antikenprojekte I und II an der Schaubühne aus den Jahren 1974 und 1980. Außerdem wird ein direkter Zusammenhang zu Opferritualen von Performancekünstlern wie Hermann Nitsch und Marina Abramović hergestellt. Fischer-Lichtes Argumentation ist in diesem Kapitel eher assoziativ. Sie begründet ihre These nicht, aber sie bietet Interpretationsansätze an: Die „theatralischen Opfer“ (S. 153) sind „Textopfer“(S. 115) und – in der Umkehrung des rituellen Schlachtopfers – der Verweis „gerade auf das Lebendige des menschlichen Körpers“ (S. 153). Dieses als rituell bezeichnete Theater erhebt ihrer Meinung nach den Anspruch, Prozesse kulturellen Wandels „nicht einfach abzubilden bzw. als ihr Chronist oder Propagandist zu dienen, sondern sie selbst zu initiieren und entscheidend voranzutreiben, ja, sie selbst zu vollbringen. Theater wird zum Ort, an dem sich kultureller Wandel ereignet“ (S. 152).

Identität im Drama

Der dritte Teil, „Körper und Identität“, will erforschen, wie „das Verhältnis von Körper und Identität hergestellt bzw. konzeptualisiert wird“ (S. 19). Die Autorin erörtert über vier Stationen die Frage, wie Identität jeweils unter verschiedenen gesellschaftlichen Bedingungen auf der Bühne verhandelt wird. Sie analysiert Goethes „Iphigenie“, die heterogenen Theaterformen „zwischen Restauration und Revolution“ (S. 173), die Dramenproduktion von Frauen im 20. Jahrhundert und sie diskutiert die Frage, ob die Postmoderne als ein Bruch mit der Moderne zu verstehen ist oder als ihre Fortführung. Diese Untersuchungen tragen viel Material zusammen, beschäftigen sich allerdings ausschließlich mit dem Thema Identität. Vom Körper ist in diesem Zusammenhang nur in einer einzigen Ausnahme die Rede.

Das vierte Kapitel, „Theater für die Region“ beleuchet die Entwicklung der deutschen Provinzbühnen nach 1945. Auch hier sucht die Autorin nach den Wechselwirkungen in Mentalitäts- und Theatergeschichte. Sie zeichnet nach, in welchen Zusammenhängen diese Bühnen steckten, welche Erwartungen an sie herangetragen wurden und wo ihre Grenzen lagen. Das Körperthema spielt auch hier nur am Rande eine Rolle.

Resumée

Mehrere Teile von Theater im Prozeß der Zivilisation entstanden ursprünglich als Einzelveröffentlichungen. Diese Diversität ist dem Buch anzumerken. Projektiert ist es als Vorstudie zu einer „Theatergeschichte als eine Geschichte von Körper-Inszenierungen“ (S. 13). Für eine weitere Vertiefung des Themas stellt dieser Band ein breites Ausgangsmaterial zur Verfügung. Die zwölfseitige Einleitung entwickelt sehr anregende Fragestellungen. Wünschenswert wäre allerdings gewesen, besonders in der zweiten Hälfte des Buches das Material spezieller im Sinne dieser Fragestellungen aufzubereiten.

Verkörperung: Leiblichkeit als neues Konzept in der Kulturwissenschaft

Die Aufsatzsammlung Verkörperung ist Band 2 der vierteiligen interdisziplinären Publikationsreihe Theatralität. Das Buch zielt darauf ab, dem Leib in den Kulturwissenschaften eine vergleichbar paradigmatische Position zuzugestehen wie dem Text. Vom Schaupieler als Stellvertreter für das allgemeine Phänomen von Verkörperung ausgehend, referiert die Einleitung das traditionelle westeuropäische Körperschema: Die Spaltung von Körper und Geist, die allerdings ein asymmetrisches Verhältnis aufweist und den Körper dem Primat des Geistes unterstellt. Dieses Gefälle führte auf der Bühne dazu, dass der Körper zunehmend als Medium und Zeichen für die sprachlich konstituierte Figur diente. Nun soll es darum gehen, den empirischen Körper von dieser Subsumtion unter das Sprachliche zu befreien und die Eigenart des leiblichen In-der-Welt-Seins zu erforschen.

Verschiedene Aspekte des Körperthemas

Der Band gliedert sich in drei Komplexe. Der erste Abschnitt, „Verkörperung als Kritik von Repräsentation“, versammelt Beiträge, die das klassische Konzept von Repräsentation anfechten. Hier wird Hegels Begriff des „absoluten Wissens“ hinterfragt und es wird die Spur des Körpers in der modernen Bildenden Kunst aufgenommen. Das Ereignis von Jahrmarktsspektakeln wird untersucht und die Leibhaftigkeit poetischer Rede, die das Theater von der bloßen Imitation von Wirklichkeit befreien soll (Artaud). Abschnitt zwei setzt sich mit der „Macht der Verkörperung“ in Religion, Medizin, Politik und im Fernsehen auseinander. Besondere Beachtung verdient hier die Erörterung der medizinrechtlichen Perspektive. Während die Kulturwissenschaften in den letzten 30 Jahren die Leiblichkeit systematisch aufwerten, beschreibt die Autorin in ihrem Aufsatz „Zerstückelter Körper – zerstückelter Tod“ für die Medizin in demselben Zeitraum eine genau entgegengesetzte Tendenz, nämlich „ein auf die Bedürfnisse der Verpflanzungsmedizin neu zugeschnittenes Todesmodell“ (S. 144), das die „tote Person“ mit „noch überlebendem übrigen Restkörper“ eingeführt hat (S. 145). Im dritten Abschnitt, „Prozesse von Verkörperungen“, demonstrieren sechs Studien aus den Bereichen der Musik- und Literaturwissenschaft, Persönlichkeitspsychologie und Soziologie neuere Forschungsergebnisse. Die Beiträge dieses Bandes zeigen, dass das Konzept der Verkörperung geeignet ist, Forschungsmethoden zu erneuern und andere Sichtweisen zu eröffnen. Die Artikel leisten eine Begriffsbestimmung von „Verkörperung“, es werden Fragen aufgeworfen wie die nach der Subversivität von körperlicher Abnormität, nach Konzepten des Todes, der ja mit dem Körper in direktem Zusammenhang steht, nach der charismatischen Aura von Politikern. Die Möglichkeiten, die gerade in einer interdiziplinären Auseinandersetzung mit dieser Thematik stecken, werden in der Einleitung durch den Hinweis auf Merleau-Pontys „Philosophie des Fleisches“ unterstrichen, die – so Erika Fischer-Lichte – versucht, „auf eine nicht-dualistische, nicht-transzendentalistische Weise zwischen Leib und Seele, Sinnlichem und Unsinnlichem zu vermitteln“ (S. 17). Der vorliegende Band leistet dazu einen interessanten Beitrag.

URN urn:nbn:de:0114-qn031075

Heide Palmer

Freie Universität Berlin / Fachbereich Germanistik

E-Mail: heidepalmer@gmx.de

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