Johanna Kootz: Interessante Einzelstücke

Interessante Einzelstücke

Rezension von Johanna Kootz

Eva D. Becker, Sigrid Großmann, Renate Jacobi, Barbara Sandig, Gerlinda Smaus, Ingrid Spangenberg, Margaret Wintermantel:

„Sofies Fächer“:.

Wissenschaftlerinnen zu Frauenthemen.

St. Ingbert: Röhrig Universitätsverlag 1998.

184 Seiten, ISBN 3–86110–171–8, DM 38,00 / SFr 35,00 / ÖS 277,.40

Abstract: „Sofies Fächer“ sollten diejenigen aufschlagen, die gerne über die Grenzen der eigenen Disziplin schauen und sehen möchten, wie Evangelische Theologie, Orientalistik, Geschichte, Germanistische Literaturwissenschaft und Linguistik, Soziologie und Psychologie mit den theoretischen und methodischen Instrumenten der feministischen Forschung arbeiten. Es handelt sich nicht um zusammenfassende Darstellungen zum Stand der Frauenforschung in den genannten Fächern, sondern um Beiträge zu Einzelthemen. Die 6 Texte dokumentieren die Entwicklung von Arbeitsschwerpunkten der Frauenforschung an der Universität Saarbrücken, an der die Autorinnen seit den siebziger Jahren maßgeblich beteiligt waren und sind.

Frauenarbeit – Frauenbewegung

Vor diesem Hintergrund ist auch die Aufnahme des Beitrags von Ilse Spangenberg zu verstehen, der einem klassischen Thema der Frauenforschung gewidmet ist: „Frauenarbeit und Frauenbewegung – ein historischer Überblick“ . Die Darstellung, die sich auf Untersuchungen bezieht, die bis zum Ende der 80er Jahre vorlagen, umfaßt den Zeitraum von der Mitte des 19. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt stehen die Reaktionen der Parteien und Berufsorganisation auf die damals beginnende Erwerbstätigkeit von Frauen im industriellen Sektor sowie die Kontroversen innerhalb der Frauenbewegung um den Stellenwert dieser Entwicklung für die Frauenemanzipation.

Gleiche Leistung – ungleiche Bewertung

Ein höchst aktuelles Thema behandelt Margret Wintermantel in ihrem Beitrag „Gleiche Leistung – ungleiche Bewertung? – Effekte von Stereotypen auf die Urteilsbildung“. Es geht ihr darum, der Entstehung und Wirkungsweise von Beurteilungskriterien auf die Spur zu kommen. Diese Fragestellung ist allen Beteiligten an Auswahl- und Einstellungskommissionen vertraut, sobald sie sich mit ungleicher Beurteilung gleicher Leistungen konfrontiert sehen. Inwieweit sind die Kriterien der Urteilsbildung geschlechtsspezifisch konnotiert? Unter welchen Voraussetzungen werden stereotype Annahmen zur weiblichen bzw. männlichen Geschlechtsrolle, die bewußt oder unbewußt als vorgegebene Informationen von Männern und Frauen eingebracht werden, aktiviert und für die Beurteilung der Leistung einer Frau/ eines Mannes ausschlaggebend oder nachrangig?

Die Autorin stellt vier Studien vor, die im Rahmen sozialpsychologischer Projektstudien von Studierenden der Universität des Saarlandes durchgeführt wurden, und diskutiert die Ergebnisse unter Bezugnahme auf anglo-amerikanische Untersuchungen und Metaanalysen einschlägiger Forschungsarbeiten. Es ergibt sich ein differenziertes Bild hinsichtlich der Komplexität von Konstellationen, in denen die Kategorie Geschlecht größeren Einfluß ausübt als die rationaler Beurteilung zugänglichen Informationen über Leistungen und Qualifikationen. Da auch die Bewertung von Arbeitsinhalten und -anforderung nicht unabhängig von der Geschlechterordnung stattfindet, werden die Geschlechtstypik und der Status des Berufsfeldes sowie die Beziehung von Kompetenzzuweisung und Geschlechterstereotypen als Variablen untersucht. Daraus ergibt sich z.B. die Frage, inwieweit die Urteilsbildung positiv oder negativ beeinflußt wird, je nachdem ob stereotyp weibliches Verhalten als situationsangemessen oder -unangemessen erachtet wird, oder ob stereotypenkonträres Verhalten im Kontext spezifischer Anforderungen als Kompetenzbeweis gilt.

Dieser Beitrag zeigt, daß ungleiche Beurteilung gleicher Leistungen nicht in einer Grauzone stattfindet. Die Struktur der Urteilsfindung kann analysiert werden, und es gibt Möglichkeiten, den Einfluß von geschlechtsbezogenen Stereotypen bei der Leistungsbeurteilung zu mindern und zu kontrollieren. Inwieweit dies aber in Situationen/ Kontexten gelingen kann, in denen meist männlich dominierte Entscheidungsgremien definieren, welche Leistungen als Qualitätsnachweis gelten sollen, wie z.B. im Wissenschaftsbetrieb, bleibt eine Frage der Machtverhältnisse, solange die Realisierung von Chancengleichheit mit dem Verlust von Privilegien und Definitionsmacht einhergeht.

Professorinnen im islamischen Mittelalter

Der Aufsatz der Orientalistin Renate Jacobi über „Professorinnen im islamischen Mittelalter“ vermittelt neue Einsichten zu einem klassischen Thema der Frauenforschung. Zwar hat diese gerade zur Geschichte der Frauen in der Wissenschaft viele Wissenslücken geschlossen und nachweisen können, daß wissenschaftliche Arbeit von Frauen nicht erst mit ihrer offiziellen Zulassung zu Studium und Lehre begonnen hat. Die Untersuchungen zur Gelehrsamkeit von Frauen vergangener Jahrhunderte beziehen sich aber vornehmlich auf Länder, in denen das europäische Modell der Universität sich durchgesetzt hat. Die Geschichte der Frauen in der wissenschaftlichen Welt anderer Kulturen ist so gut wie unerforscht geblieben. Renate Jacobi eröffnet mit ihrem Beitrag einen Einblick in die islamische Tradition der akademischen Bildung, in der Frauen eine anerkannte Stellung einnahmen, lange bevor sie in Europa die Hochschulen betreten durften. Ihre Quellen sind biographische Lexika, insbesondere die eines Autors aus dem 15. Jahrhundert (Muhammad Abdarrahman as-Sahawi), der einen eigenen Band mit 1075 Biographien berühmter Frauen verfaßt hat. Der geographische Raum umfaßt die Länder des Mameluckenreiches: Ägypten, Palästina, Syrien und die arabische Halbinsel. Nach Erläuterungen zur Quellengattung, den Auswahlkriterien des Verfassers und den Charakteristika der Darstellungsweise wendet sich die Autorin den Biographien von 395 Frauen zu, die wegen ihrer Teilnahme an Vorlesungen, systematischem Studium und Lehrtätigkeit als Gelehrte bezeichnet werden. Unter ihnen können nach strengen Kriterien 115 als Lehrende gelten. Die biographischen Texte zu diesen Frauen, von denen 3 exemplarisch vorgestellt werden, sind Gegenstand der Untersuchung. Wir erfahren etwas über ihre soziale Herkunft, ihre wirtschaftlichen Verhältnisse, die Orte, an denen sie ausgebildet wurden und selbst als Professorinnen wirkten. Anhand der Analyse des Materials läßt sich nachweisen, daß koedukative Erziehung von Mädchen und Jungen in der Oberschicht nicht unüblich war und die Vereinbarkeit von Ehe, Mutterschaft und Lehrtätigkeit nicht als Widerspruch gesehen wurde. Der wenig formalisierte Zugang zu den Bildungsstätten und die mit der mündlichen Überlieferung des Wissens verbundene Mobilität der Studierenden und Lehrenden deutet auf eine unvermutet große Präsenz der Frauen im öffentlichen Raum hin. Schließlich verdanken wir die überlieferte Würdigung der gelehrten Frauen der Tatsache, daß nicht Zertifikate, sondern der schriftlich fixierte Nachweis, bei wem das Wissen erworben wurde, als Nachweis für die Qualität der Ausbildung galt.

Die Autorin leitet aus dem Material drei Faktoren ab, die die Motivation der Mädchen von der Ausbildung bis hin zu eigenen Lehrtätigkeit maßgeblich beeinflußten: „1. Aktive Förderung durch männliche Mitglieder der Familie; 2. Die Familientradition, insbesondere weibliche Leitbilder; 3. Die allgemeine gesellschaftliche Billigung“ (S. 46). Es bietet sich an, diese Faktoren als Leitfragestellungen für vergleichende Untersuchungen zur Ausgrenzung oder Integration von Frauen in den Wissenschaftskulturen unterschiedlicher Epochen und Kulturen zu nutzen.

Geschlechtsspezifisches Erzählen im Neuen Testament

Die Theologin Sigrid Großmann wendet sich in ihrem Beitrag „Freut euch mit mir, denn ich habe gefunden, was ich verloren hatte“ dem geschlechtsspezifischen Erzählen in der Bibel zu. Sie demonstriert an Gleichnissen aus dem Lukas- und dem Matthäusevangelium, daß die biblischen Geschichten durchaus geschlechtsspezifisch erzählt werden, also nicht den Menschen ansprechen, sondern sich an Männer und Frauen richten. Die Gleichnisse beziehen sich auf Tätigkeiten, Lebenserfahrungen und soziale Beziehungen, die weiblich oder männlich konnotiert sind. Die Autorin betont zwar das Vorherrschen patriarchaler Strukturen in der damaligen Epoche, sie deutet aber zugleich die geschlechtsbezogene Erzählweise als Ausdruck der Wertschätzung, die im Neuen Testament Männer und Frauen auf gleiche Weise erfahren sollen. Großmann plädiert gegen die herkömmliche Lesart der biblischen Texte, die bis in die jüngste Zeit dazu beigetragen hat, die Legitimität hierarchischer Geschlechterverhältnisse als gottgewollt zu interpretieren. Aus der Perspektive der feministischen Theologie ist die kritische Analyse der geschlechtsneutralen Auslegungs- und Vermittlungstradition eine Voraussetzung dafür, daß Frauen überhaupt eigene, selbstbestimmte Wege zum Glauben suchen und befreiende Erkenntnis aus den biblischen Texte gewinnen können.

Autographien von Frauen seit dem 18. Jahrhundert

Der Aufsatz, den die Literaturwissenschaftlerin Eva D. Becker und die Linguistin Barbara Sandig verfaßt haben, ist aus einem seit 1989 bestehenden Arbeitsprojekt der Universität Saarbrücken hervorgegangen. Gegenstand der fachübergreifenden Kooperation sind die Autobiographien von Frauen seit dem 18. Jahrhundert. Der Titel „Ich war nicht, wie ich sein sollte!“ stellt ein zentrales Motiv in den Mittelpunkt, das die autobiographischen Schriften von Margarethe Elisabeth Milow, Johanna Schopenhauer, Fanny Lewald, Gabriele Reuter, Marie von Ebener-Eschenbach, Ricarda Huch, Christa Wolf und Helga Novak kennzeichnet. Die Auswahl der Autorinnen setzt einen zeitlichen Rahmen, der die literarhistorische Untersuchung der Autobiographien, ihrer Schreibintentionen und des Rezeptionskontexts unter geschlechtsbezogener Sichtweise bestimmt. Die Analyse der erinnernden Selbstdarstellung und der mit ihr verbundenen Bearbeitung der lebensgeschichtlich prägenden Erfahrung, als Frau nicht den familiären Erwartungen und gesellschaftlichen Normen zu entsprechen, wird an Textbeispielen verdeutlicht, die den Themen „die Unterwerfung“, „die Kränkung“, „die Emanzipation“, „die Selbstsucht“, „Verrat“, „die Zerstörung“ (Überschriften auf den Seiten 80–89) zugeordnet werden. Barbara Sandig stellt im 3. Teil des Aufsatzes das komplexe Konzept der ‚Perspektive‘ als linguistische Methode vor. Anhand von Textauszügen demonstriert sie die unterschiedlichen Erzählperspektiven und die Perspektivdivergenzen, die die Autorinnen für die schriftliche Vermittlung ihrer Selbstdarstellungen eingesetzt haben.

Kulturelle Androgynität am Beispiel der eingeschlechtlichen Institution des Gefängnisses

Gerlinda Smaus beginnt ihren Aufsatz mit einer Einführung zur sex-gender-Diskussion, wobei sie die normative Bedeutung der binären Struktur in der von unserer Kultur geprägten Geschlechterordnung hervorhebt. Sie vertritt als These, was längst nicht mehr in Frage gestellt wird: Die männlich bzw. weiblich konnotierten Eigenschaften werden von Männern (sex) und Frauen (sex) adaptiert und – kontext- und situationsabhängig – reproduziert. Der von ihr mit dem Begriff „Kulturelle Androgynität“ bezeichnete Tatbestand, ist empirisch seit langem belegt, insbesondere für Lebenswelten, die zwangsweise oder freiwillig eingeschlechtlich sind, wie z.B. Klöster und Gefängnisse. Da auch hier auf die Ordnungsfunktion der komplementären Geschlechterrollen nicht verzichtet werden kann, wird ‚Normalität‘ hergestellt, in dem von den Angehörigen eines Geschlechts (sex) die komplementären Kompetenzen beider Geschlechterollen praktiziert werden. Die Autorin hat als Beispiel für die Disponibilität der Geschlechterrollen das sexuelle Verhalten im Gefängnis bearbeitet und dies mit Textbeispielen aus den Erinnerungen weiblicher Gefangener illustriert.

Vor allem fachfremde Leserinnen werden aus den exemplarischen Darstellungen der Einzeldisziplinen einen Erkenntnisgewinn und Anregungen für die eigene Arbeit ziehen. Jedoch kompensiert dies nicht die Schwächen der Veröffentlichung. ‚Wissenschaftlerinnen zu Frauenthemen‘, mehr wird auch im Vorwort nicht versprochen, ist kein tragfähiges Konzept für einen Sammelband. Es fehlt die Bezugnahme auf ein gemeinsames Erkenntnisinteresse oder eine thematische Schwerpunktsetzung, die die Beiträge miteinander verbindet. Außerdem wäre die Überarbeitung einiger Texte, deren Entstehungszeit mehrere Jahre zurückliegt, unter Berücksichtigung aktueller Literatur sinnvoll gewesen.

URN urn:nbn:de:0114-qn011113

Johanna Kootz

ZE Frauen- und Geschlechterforschung an der Freien Universität Berlin

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