Judith Keilbach: Ethnographische Filme und die Darstellung von Frauen

Ethnographische Filme und die Darstellung von Frauen

Rezension von Judith Keilbach

Marie-Hélène Gutberlet:

Zur Repräsentation von Frauen und Geschlechterverhältnissen in sogenannten ethnographischen und kolonialen Filmen (1910–1960).

Eine kommentierte Filmographie.

Frankfurt a. M.: Zentrum für Frauenstudien und die Erforschung der Geschlechterverhältnisse 2000.

202 Seiten, ISBN n/a, € 7,50

Abstract: In dieser Filmographie werden ethnographische und koloniale Filme aus dem Bestand des Nederlands Filmmuseum kommentiert, die für die Frage nach der Darstellung von Frauen und Geschlechterverhältnissen von Interesse sind.

Die Filmgeschichte ist mit ihren gut einhundert Jahren zwar noch relativ kurz, die Anzahl der produzierten Filme jedoch unüberschaubar groß. Aus dieser enormen Menge ist nur ein kleiner Teil aus verschiedenen (und manchmal kontingenten) Gründen auch heute noch zugänglich, während die Filmrollen zahlreicher anderer Produktionen in den Archiven lagern (und zerfallen) oder aber schon lange nicht mehr existieren. Einige seiner vergessenen Archivfilme hat das NederlandsFilmmuseum 1998 im Rahmen eines Workshops über ethnographische und koloniale Filme zur Aufführung gebracht. Im Zusammenhang mit der Sichtung dieser Filme hat Marie-Hélène Gutberlet die vorliegende Filmographie erstellt, in der ca. 100 Filme inhaltlich erfasst sowie hinsichtlich thematischer und filmästhetischer Aspekte kommentiert sind. Dabei handelt es sich sowohl um Kurz- als auch um Langfilme, um Dokumentationen und um fiktionale Formen wie Abenteuerfilme oder Komödien, die in verschiedenen Ländern zwischen 1910 und 1960 entstanden sind. Die Filmauswahl geht dabei auf das Interesse der Autorin an der Darstellung von Frauen und Geschlechterverhältnissen in den ethnographischen und kolonialen Filmen zurück. In ihnen werden Frauen "als Teilhabende an der Geschichte, in der Kultur und im Alltag" (S. 6) wahrnehmbar, wobei die filmische Darstellung ihre Unabhängigkeit (vom Betrachtenden) sichtbar macht.

Filmographische Kategorien

Marie-Hélène Gutberlet ordnet die Filme verschiedenen Kategorien zu. Unter "Von fremden Frauen" fasst sie Filme zusammen, in denen sich das Interesse des "weißen Mannes" an der "exotischen Frau" zeigt. Hier finden sich beispielsweise dokumentarische Aufnahmen von teetrinkenden Japanerinnen oder leichtbekleideten Indianerinnen, die ihre Alltagsarbeiten ausführen, jedoch auch der Abenteuerfilm Captain Kate (Otis Turner, USA 1911), in dem sich eine New Yorkerin im afrikanischen Busch allein gegen wilde Tiere wehrt. Die Fokussierung auf die exotische Frau erweitert die Autorin in der Auswahl ihres zweiten Filmkorpus "Von den Orten der fremden Frauen", indem sie Filme aufnimmt, die "die Lebens- und Arbeitsverhältnisse von Frauen in einem größeren Zusammenhang sichtbar machen" (S. 6).

Während es sich bei den ersten beiden Kategorien um Filme handelt, die einen objektiven Zugriff der Kamera behaupten, enthält das Korpus "Herrschaft über Fremde" Filme, in denen die gefilmten Menschen sichtbar auf die Kamera reagieren (z. B. winken) und damit auf die Produziertheit und den Entstehungskontext verweisen. Auch die Art und Weise, mit der in einigen Filmen die Menschen "ins Bild gezerrt werden" (S. 7), legt das Herrschaftsverhältnis als Rahmen der Filmproduktion offen. In einigen von Marie-Hélène Gutberlets Kommentaren wird deutlich, dass sie darüber hinaus bereits einzelne Kameraeinstellungen als Sichtbarmachen von Machtverhältnissen versteht, so z.B. die Aufsicht auf eine Teeplantage in Teecultuur in West-Java (J.C. Lamster, NL 1912/19), die sie als Überheblichkeit beschreibt. Im Gegensatz dazu enthält der Korpus "Komplizenschaft" Filme, in denen "die Spaltung zwischen "wir" und "sie" mimetisch aufgehoben zu sein scheint" (S. 7). Sie geben sich dem hin, "was sich vor der Kamera ereignet […] [und] bergen eine Leidenschaft gegenüber den Dingen, Landschaften, Tieren und Menschen in sich, die gegen […] eine distanzierte Beschreibung wirkt" (S. 7). Diese Filme versteht die Autorin als "eine Art Komplizenschaft zwischen dem Filmischen und dem Sichtbarwerdenden, die die geschlechtsspezifischen bzw. die kolonialen Herrschaftsverhältnisse zu unterlaufen fähig ist" (S. 7). Bekanntestes Beispiel hierfür dürfte der Film Großstadtzigeuner (Lásló Moholy-Nagy, D 1933) sein, in dem die Kamera inmitten des Geschehens plaziert ist und am Leben der gefilmten Personen teilnimmt.

Abschließend listet die Autorin zeitgenössische und aktuelle "Gegenstücke" auf, die u. a. das westliche Interesse am Fremden thematisieren, wobei es sich sowohl um amerikanische und europäische Filme (z.B. Terminator, Querelle) handelt, als auch um afrikanische Produktionen, die in Europa eher unbekannt sind.

Vorschläge zur Zusammenstellung einer Filmreihe

Marie-Hélène Gutberlet macht in ihren Kommentaren zu den ethnographischen und kolonialen Filmen deutlich, dass ihre Kategorien nicht immer trennscharf sind. Die filmische Präsentation von exotischen Frauen für den weißen, männlichen Zuschauer enthält nach Ansicht der Autorin immer auch einen Verweis darauf, dass die Frauen prinzipiell unabhängig von der und unzugänglich für die Kamera sind. Gleichzeitig geben die Filme auch Auskunft über das Herrschaftsverhältnis ihrer Entstehung. Je nach Rezeptionshaltung und Kontext der Vorführung können solche Filme die Aneignung des Fremden auch unterlaufen und das Interesse auf den westlichen Aneignungswunsch selbst lenken. In Marie-Hélène Gutberlets Anmerkungen sind häufig Querverweise auf andere Filme enthalten, um die filmischen Perspektiven auf das Fremde zu kontrastieren und damit einen Erkenntniseffekt zu bewirken und Bedeutungsebenen zu öffnen. In ihrem abschließenden Kommentar formuliert sie schließlich zahlreiche Fragen, die sich im Zusammenhang mit den beschriebenen Filmen stellen lassen. Neben der Veränderung der Vorstellungen vom Fremden, die sich im Vergleich der Filme beobachten lässt, geht es u. a. auch um die Frage nach der Vorstellung von der "westlichen Zivilisation", die aus ihnen abgeleitet werden kann.

Vor allem die zahlreichen Querverweise in den Kommentierungen machen die vorliegende Filmographie zu einem nützlich Handwerkszeug für die Zusammenstellung einer interessanten Filmreihe. Dass diese Zusammenstellung um zahlreiche Film ergänzt werden könnte, liegt in der Natur des Gegenstands. Mit ihren abschließenden Fragen und Thesen vom Fremden verweist die Autorin schließlich auf ein breites Problemfeld. Dessen Theoretisierung kann zwar nicht Bestandteil einer Filmographie sein, eine genauere Ausführung hätte sich jedoch zumindest die Rezensentin gewünscht. Eine Schwierigkeit für die Zusammenstellung einer Filmreihe, wie Marie-Hélène Gutberlet sie mit ihrer Filmographie nahelegt, dürfte allerdings nach wie vor die Zugänglichkeit des Filmmaterials sein. Hinweise auf die Verleihbedingungen gibt es ebensowenig wie eine Kontaktadresse. Insofern erfüllt die Filmographie vorerst hauptsächlich ein Ziel: auf die Filme neugierig zu machen.

URN urn:nbn:de:0114-qn031054

Judith Keilbach

FU Berlin, Institut für Theaterwissenschaft, Seminar für Filmwissenschaft

E-Mail: keilbach@zedat.fu-berlin.de

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